nicht friedlich verlaufen. Man scheine an gewissen Stellen ähnliche Thaten, wie in Belgien zu wünschen! Diese Polizei sei für Deutschland eine Schmach und Schande!
Der Präsident v. Wedell-Piesdorf ruft den Redner zu Ordnung.
Staatssekretär v. Bötticher: Die Verfügung des Ministers v Puttkamer hat dem Bundesrath nicht vorgelegen und ist ihm nicht zugegangen. Der Bundesrath habe sich keine Gedanken gemacht, was er thun solle. Als preußischer Bevollmächtigter erkläre er, daß die preußische Regierung in dem Erlaß einen Eingriff in die Reichsgesetzgebung nicht erblicke. Die Interpellation ist überflüssig, denn der Erlaß sei durch 8 153 der Gewerbeordnung und durch das Socialistengesetz gedeckt. Von der Ausbeutung der Arbeiter zu sprechen, sei nicht patriotisch und nicht deutsch. (Beifall rechts, Widerspruch links.)
Auf Antrag des Abg. Meister (Socdm.) tritt das Haus in die Besprechung der Interpellation ein.
Abg. Bamberger (dfr.) unterschätzt nicht das Gefühl der Verantwortlichkeit, das den Minister bei dem Erlaß geleitel hat. Manche Erscheinung, die in Europa sich gezeigt, mahnt zur Vorsicht, aber gerade die Formen des Erlasses muß ich beklagen; er ist zwar geschickt abgefaßt, aber einige Passagen lassen doch eine beabsichtigte Beschränkung der Gewerbefreiheit erkennen. Abg. Hasencleoer hat uns heute als gezähmte Löwen bezeichnet, aber es sind nicht immer die edelsten, die am lautesten brüllen. Ich schätze die Koalitionsfreiheit sehr; der Erlaß ist auch wohl nicht zu Gunsten der Arbeitgeber erfolgt, aber die Form desselben läßt dies um so mehr vermuthen, als der Erlaß sich auf das Socialistengesetz stützte. Die Streikbewegungen sind von. socialdemokratischen Anwandlungen nicht immer frei. Die Löhne der Arbeiter sind ständig gewachsen, trotzdem die Gewinne der Arbeitgeber geringer geworden. Nichtsdestoweniger zeigt sich jetzt, daß, während die Geschäfte schlecht gehen, die Arbeiter höhere Gewinne wollen. Diese Bewegung sollte man ohne äußere Eingriffe sich entwickeln lassen, außerdem aber ist es ungerecht, das Koalitionsrecht verschiedenartig zu behandeln.
Minister v. Puttkamer: Die Maßregel soll sich auf Preußen allein beschränken; die Koalitionsfreiheit der Arbeiter wird nicht behindert werden. Mir liegt die Verantwortung für die Sicherheit der Monarchie ob; ich muß die socialdemokratische Bewegung in allen Stadien verfolgen, mit dem gesetzlich garantirten Koalitionsrecht hat das nichts zu thun. — Der Redner verbreitet sich eingehend über den Eharacter der focialdemokratischen Agitation, welcher mit dem Gelingen der Streikbewegung keinesfalls gedient sei und die, wie der Züricher „Socialdemokrat" zeige, nur Unzufriedenheit schüre und für amerikanische Anarchisten offen Partei nehme. Der Kampf sei nicht gegen die Arbeiter gerichtet, sondern gegen die niederträchtigen Agitatoren, die sich vom Schweiße der Arbeiter mästen. Die Mittel des Gesetzes werden streng, im Noth- fall drakonisch angewendet werden. (Große Unruhe bei den Socialdemotraten, lebhafter Beifall rechts).
Abg. Windthorst findet, daß der Streikerlaß nichts Gesetzwidriges enthält. Da das Ausnahmegesetz einmal vorhanden, müsse es auch gehandhabt werden; indessen möge der Minister sorgfältig darüber wachen, daß die Koalitionsfreiheit unangetastet bleibe: eine positive Arbeiterschutzgesetzgebung ist wichtig, die Kinder- und Frauenarbeit, der Normalarbeitstag muß geregelt werden, keine Flickarbeit wie bisher.
Nach weiteren Bemerkungen des Abg. Bamberger und Minister v. Puttkamer ist dieser Gegenstand erledigt.
Nächste Sitzung: Montag den 24. Mai (Branntweinsteuer-Vorlage).
Telegraphische Depesche».
Lvolff'A telegr. Torresporrdeirz ■ Bvrearr.
Paris, 21. Mat. Das „Journal des Debates" glaubt versichern zu können, "daß die Regierung in der Frage der Ausweisung der Prinzen die Initiative zu ergreifen entschlossen sei und wahrscheinlich mittelst einfachen Decrets die Ausweisung verfügen werde. Doch würden endgiltige Entschließungen erst morgen oder Dienstag im Ministerrathe gefaßt werden. Der „Temps" schreibt, nur gewisse Journale trügen / die Schuld, wenn der Person des Grafen von Paris Wichtigkeit beigelegt werde. Es sei zu hoffen, daß die Regierung kaltes Blut behalte und sich hüte, die gan^e Angelegenheit tragisch zu nehmen.
London, 21. Mai. Das Unterhaus nahm schließlich das irische Waffcngesetz mit 303 gegen 89 Stimmen in zweiter Lesung an. Die Minorität bestand aus den Parnelliten und einigen Radicalen. — Die Bill, betreffend Gewährung von Entschädigung für in Folge von Ruhestörungen verursachten Schäden wurden ebenfalls in zweiter Lesung genehmigt. Im Laufe der Debatte erklärte Ehilders, die Regierung habe beschlossen, dem Gesetz auf ein Jahr rückwirkende Kraft zu geben. Die Fortsetzung der Berathung der irischen Verwaltungsbill wurde auf heute vertagt.
— Die „Times" und andere Morgenblätter begleiten den gestrigen Tagesbefehl des Czaren mit einigen mißtrauischen Aeußerungen im Hinblick auf etwaige Eventualitäten in der bulgarischen Frage.
— Im Unterhaus erklärt Gladstone, er könne noch nicht sagen, wie lange die Debatte über die irische Verwaltungsbill dauern werde, doch hoffe er, nächste Woche darüber Aufschluß geben zu können. Diontag müsse die Regierung einen Credit ä conto des Ausgabenbudgets, sowie die Berathung eines Postens im Kriegsbudgct und eines Postens im Marinebudget beantragen, dann folge die Specialdebatte über die Bill des irischen Waffengesetzes und hierauf wolle die Regierung die Debatte über die irische Verwaltungsbill nicht mehr unterbrechen. Labouchere meldet an, er werde am Dienstag vor Eintritt in die Tagesordnung beantragen, am Tage des Derby- Wettrennens keine Sitzung abzuhalten. Der Montag und der Dienstag gehen somit der Debatte über die irische Verwaltungsbill verloren. Mac Arthy setzt die Debatte über dieselbe fort.
Rom, 21. Mai. Von gestern Mittag bis heute Mittag kamen in Venedig 3 Cholers-Erkrankungen und 1 -Todesfall vor, in Bari 6 Erkrankungen und ein Todesfall.
Athen, 21. Mai. Das Ministerium Valois hat demissionirt und Tri- kupis erklärte sich in einer Unterredung mit dem Könige bereit, ein neues Cabinet zu bllden.
— Das neue Cabinet besteht aus Trikupis (Präsidium, die Finanzen und provisorisch den Krieg), Vulpiotis (Justiz), Manetas (Cultus), Dragumis (Aeußeres), Lombardos (Inneres), Theorakt (Marine). Das neue Ministerium leistete heute 1)cn Eid.
Athen, 21. Mai. Das 1. Bataillon des 1. Regiments ist heute früh hierher zurückgekehrt.
Rewyork, 21. Mai. Frau Pendleton, die Gattin des Unionsgesandten in Berlin, ist aus dem Wagen gefallen und alsbald verstorben.
— In einer gestern abgehaltcnen, zahlreich besuchten Versammlung von Fischhändlern aus Portland (Maine) wurde eine Resolution angenommen, welche die Regierung auffordert, Schiffe zum Schuhe der Fischer nach den kanadischen Gewässern zu 'enden; wenn die Regierung diese Forderung ablehne, würden die Fischer selbst Schiffe -bewaffnen.
Washington, 21. Mai. Heute fand wiederum eine längere Cabinetssitzung zur Berathung der kanadischen Fischereifrage statt, doch wurde beschlossen, eine Action zu verschieben und zunächst genauere Informationen des amerikanischen Consuls in Halifax abzuwarten.
Catania, 21. Mai. Die Eruption des Aetna nimmt fortwährend zu. Die Luft ist in weitem Umkreise mit Rauch und Asche erfüllt, Erdstöße werden fortdauernd verspürt und die meisten Einwohner von Belpassa und Nikolosi haben sich vor der herannahenden Lava geflüchtet. Bisher sind keine Menschen zu Grunde gegangen.
— Die Ausbreitung der Lava vom Aetna nimmt immer größere Dimensionen an, so daß die Hauser von Belpasso und Nikolosi bedroht sind. Die Gegend ist mit dichtem Nebel bedeckt. Der Aetna schleudert seine glühenden Massen bis zu einer Höhe von 500 Metern.
Lokale».
Gießen, 22. Mai. (Stadtverordnetensitzung vom 20. Mai, Nachmittags 4 Uhr.) Anwesend Herr Bürgermeister Bramm und Herr Beigeordneter Keller, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Bai st, Georgi, Dr. Gutfleisch, Hoch, Homberger, Kauf, Lüdeking, Ad. Noll, Aug. Noll, Scheel, Schopbach, Simon, Vogt und Wortmann.
Die Eingabe von Bewohnern des Wallthores und angrenzender Stadttheile, betr. Gesuch um Errichtung eines Güterbahnhofes nebst Haltestelle am Rodberg, wird von der Versammlung gutgeheißen und soll bei der König!. Eisenbahndirection Hannover befürwortet werden.
Das Gesuch um Eröffnung der Straße zwischen den Häusern Nr. 36 und 40 der Frankfurter Straße, von Bewohnern des betr. Stadttheiles an Großh. Kreisamt gerichtet, wird von diesem dem Stadtvorstand zur Begutachtung übergeben; es wird diese Angelegenheit nach nochmaliger Inaugenscheinnahme für nicht so dringlich gehalten und bleibt es daher, auch der großen Kostspieligkeit halber, vorerst bei dem früheren ablehnenden Beschlüsse.
Für den Neubau der Kliniken soll der hierzu nöthige Grund (ca. 30,000 Qm.) erworben werden und bestimmt die Versammlung 2 ihrer Mitglieder zur Verhandlung mit den betr. Eigenthümern.
Der Ausbau der Ostanlage erfordert ebenfalls Erwerbung von Privateigenthum, wofür von den Besitzern 7 und 21 AL pro Qm. gefordert werden; die Versammlung beschließt indessen, nur 7 AL ju genehmigen.
Die bei der Versteigerung von 3 Bauplätzen an der Grünbergerstraße erzielten Gebote werden nicht genehmigt.
Die Einfriedigung der städtischen Anlagen soll nun, nachdem die in Wetzlar von einer solchen genommene Einsicht nicht befriedigt hat, nach einem von Herrn Gasfabrikant Heß am Ludwigsplatze aufgestellten Probestück gefertigt werden und wird der Baudeputation die Entwerfung eines Kostenvoranschlages hierfür übertragen.
Das Bauerlaubniß-Gesuch des Herrn Ph. Schwan wird auf Widerruf genehmigt, dagegen dasjenige des Herrn Jean Böck am verlängerten Asterweg, weil mit den Bestimmungen des Localbaustatuts unvereinbar, abgewiesen.
Die Gesuche der Herren Chr. Arnold um Bauerlaubniß, Georg Noll desgl., Wilh. Reiber um Anlegung von Treppentritten und eines Wasserabflusses nach der Wieseck werden unter den üblichen Bedingungen genehmigt; dagegen dasjenige der katholischen Religionsgemeinde, ebenfalls um Abführung von Abfallwasser, nach dem vorgelegten Entwurf auf Antrag der Baudeputation abschlägig beschieden.
Die Gesuche der Herren Ed. Silbereisen und Conservator Gg. Zinßer werden alsdann, ebenso wie das Gesuch des Herrn Sch unk, wegen Abhebung einer städtischen Böschung, genehmigt.
Es wird nun noch die Herstellung eines gepflasterten Ueberganges auf der Grünbergerstraße gutgeheißen und die öffentliche Sitzung s/<6 Uhr geschlossen.
Gießen, 22. Mai. Für die morgen stattfindende Turnfahrt des Turn- vereins nach Lich und Arnsburg ist folgendes Programm festgestellt: Morgens um 6 Uhr Abmarsch der jüngeren Turner von der Turnhalle nach Lich, dort gemüth- liche Zusammenkunft mit dem Licher Turnverein. Nachmittags 2 Uhr, zu welcher Zeit die alleren Mitglieder mittelst Extrazuges eingetroffen sind, Abmarsch nach Arnsburg. Daselbst: Concert, Freiübungen, Tanz u. s. w. Nach 7 Uhr Rückmarsch nach Lich und um 93/< Uhr Rückfahrt nach Gießen. — Für das leibliche Wohlbefinden in Arnsburg ist in ausgiebigster und vorzüglichster Weise gesorgt. Herr Jutzi hat sich, wie wir hören, bestens verproviantirt und empfiehlt zwei vorzügliche Stöffchen hiesigen und Licher Gebräues. Wenn die Witterung anhält, dürfte der Verein ein herrliches Fest feiern.
— Verkauft wurde gestern die Hofraithe des Herrn Kies selb ach, „Stadt Cassel", an einen Frankfurter Wirth. Der Abschluß geschah durch Herrn Wilh. Krämer.
Vermischte».
Gießen, 22. Mai. Vor einiger Zeit veröffentlichte die Kaufmännische Kranken- und Begräbnißkasse ihren ersten Bericht. Neben dem erfreulichen Zeichen ihrer Wirksamkeit finden wir leider eine unverhältnißmäßig geringe Anzahl von Mitgliedern. Da die Kaffe nicht allein Kaufleuten, sondern auch Beamten rc. zugänglich, sollte man doch meinen, daß die Zahl der Mitglieder einige Hundert sein könnte. Die Beiträge von monatlich AL 0.75 gegenüber der Leistung von AL 1.50 pro Tag, u i/ „ „ „ „ „ 2. „
m * J-.50 „ „ „ „ „ 3. „
sind so gering, daß es selbst dem schlechtest salarirten Angestellten möglich ist, beizutreten, aber auch dem Bemittelten, der nie einem Kassenzwang unterworfen sein kann, wird es nichts schaden, sich auf alle vorkommende Fälle zu sichern. Möchten diese wenigen Zeilen dazu beitragen, die Apathie, die hier gegen derartige Kassen zu herrschen scheint, zu bekämpfen, um durch namhafte Betheiligung die Kasse zu kräftigen.
Geschichts-Kalender-
23. Mai.
1794. Zweite Schlacht bei Kaiserslautern.
1838. Alfred Kirchhoff, der berühmte Geograph, geboren.
1871. Beginn des Rückmarsches der deutschen Truppen aus Frankreich.
In Paris große Feuersbrünste, durch die Communards angelegt. Der Erzbischof Georges Darboy auf Befehl der Commune erschossen.
24. Mai.
1805. Jakob Venedey, freisinniger Schriftsteller, geboren.
1814. Einzug der Preußen in Magdeburg.
1819. Die Königin Victoria von England geboren.
1819. Der Humorist Ernst Dohm, s. Z. Redacteur des unter seiner Leitung echt liberalen „Kladderadatsch", geboren.
1873. Thiers nimmt feine Entlassung, Mac Mahon wird Präsident der französischen Republik.
Handel rmd Verkehr
Gieße«, 18. Mai. Auf dem heutigen Viehmarkte waren aufgetrieben: 1497 Stück Rindvieh und 793 Stück Schweine. Die Preise hielten sich mit denen am letzten Markte so ziemlich gleich. Kälber etwas billiger.
Nächster Markt Dienstag den 1. und Mittwoch den 2. Juni d. I., am letzten Tage auch Krämermarkt. Das Ablesen der Krämerstände findet Morgens um 7 Uhr statt.
Gießen, 22. Mai. Auf dem heutigen Markt kostete/ Butter per Pfund A 0.70—0.80, Hühnereier pr. St. 4—5 Enteneier St- 5—0 H, Käse pr. St. 5—8 4, Käsematte 2—3 Erbsen pr. Liter 20 H, Linsen 34 Tauben per Paar 0,70 bis 0,80 H, Hühner per Stück AL 0.90—1.30, HShnen pr. Stück AL 1.50—1.70, Enten per Stück AL 1.50—2.00, Ochsenfleisch per Pfund 62—64 Kuh- und Rindfleisch 52—56 H, Schweinefleisch 54—60 Hammelfleisch 50- 66 X Kalbfleisch 40—48 X Kartoffeln per 100 Kilo AL 3.50—4.00, Milch per Liter 12—18 H, Zwiebeln per Centner AL 7.50—8.00, Kirschen per Pfund 50—60 H.
Farbige, Schwarze und Weiße seidene Atlaffe Mk. 1.25 Psg. pro Meter bis Mk. 16.80 Psg. (in je 18 verschiedenen Qual.) versendet in einzelnen Roben und Stücken zollfrei in's Haus das Seidenfabrik-Däpöt G. Henneberg (K. u- K. ^oflief.) Zürich. Muster umgehend. Briefe kosten 20 Pfg. Porto. 561
— Wie sehr unsere Industrie auf allen Gebieten das Ausland zu überflügeln sucht und wie glänzend das in vielen Fällen gelingt, beweist die 6fache Prämtiruns innerhalb Jahresfrist der Firma B. Meising in Düsseldorf, deren Deutsche Liqueurc an vielen Orten Deutschlands in Concurrenz mit den feinsten und theuersten ausländischen Marken heute schon vorgezogen werden. Zudem sind die Preise wesentlich billiger, weil der hohe Eingangszoll nicht darauf lastet. Die Firma hat sich die Aus gäbe gestellt, nur das Allerfeinste zu liefern und bittet nur ihre Fabrikate einer Prüfung zu unterziehen.
Niederlage befindet sich bei Ferh. Drehes, vorm. Gg. Wilh. Wei dir in Gießen.


