1886
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Str. 96» Erstes Blatt. Freitag den 23. April
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Betreffende Zurückstellung unabkömmlicher Beamten, hier von Lehrern und Schulverwaltern im Falle einer°Mobllmachun^^
Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen
-. „ .. , eö di« Schulvorstände des «reifes.
im gaHe XÄÄÄ Gemeinden, welche militä^flichtig find, daraus aufmerksam machen, daß Gesuche um Zurückstellun,
In den Gesuchen ist °nz "ben * “ "ns emzure.chen find. Später einlaufende Gesuche können nicht berücksichtigt «erden 6
1) Civilstellung,
2) Vor- und Zunamen,
3) Militärcharge und Truppengattung,
5) B-7i?k°de^ÄndwchrbE7n?^' Compagnie re, bei welcher der Eintritt erfolgt ist und Datum des Letzteren, 9J?«Ibani.^rern °bet Schulverwaltern, «elch?bereüs früher bei uns reelamirt haben, bedarf es der Angaben 1-5 nicht, es genügt hier «infach« Abwesende Lehrer oder Schulverw^ter, die als allein stehende Lehrer zur Reclamation berechtigt sind, «ollen Sie sofort benachrichtigen.
■---------------— Dr. Boekmann.
Die Großherzogliche Kreis-Schnl-Coinmisflon Gießen an die Schulvorstände des Kreises.
Wir erinnern Sie, soweit Sie noch im Rückstände sind, an baldigste Erledigung unserer Auflage vom 3. April d. I.
--- ---vr. Boekmann.
Politische Aeberficht.
m x c Gießen, 22. April.
der Vertagung der parlamentarischen Geschäfte macht «ich naturgemäß auch in der Erörterung der verschiedenen Themata, welche noch zuletzt der parlamentarischen Behandlung unterlagen, Seitens der Tagespreffe eine gewisse Ermattung geltend. Daß indessen einige Fragen auch während der nun eingetretenen Osterpause noch immer Stoss zu Betrachtungen in den Preß- arganen der einzelnen Parteien geben, ist bei der Wichtigkeit und Bedeutung die er Fragen für den weiteren Gang der innerpolitischen Angelegenheiten nur nklärnch und gilt dies namentlich in Bezug auf das kirchenpolitische Thema, ^».er setzten die Osterferien bekanntlich gerade in dem Momente ein, in welchem !?• r kirchenpolitischen Vorlage durch das preußische Herrenhaus
dieselbe nun auch an das Abgeordnetenhaus gelangen sollte. Da man sich aber m letzterem doch scheute, diesen so wichtigen Gesetzentwurf gewissermaßen schon m der Ferienstimmung durchzuberaihen und die sich allgemein geltend machende Ermüdung der Abgeordneten nicht im Einklang mit der Bedeutung der Vorlage stand, so wird dieselbe denn das preußische Abgeordnetenhaus unmittelbar nach Beendigung der österlichen Ruhepause beschäftigen und es ist daher begreiflich, daß dieser Gegenstand in der Zwischenzeit den Schwerpunkt der politischen Dis- cussion bildet. Eine Hauptrolle hierbei spielt die weitere Revision der Mai» gesetze, welche die römische Kurie als Gegen-Concessivn für die volle Erfüllung der Anzeigepflichr verlangt; aber die mannigfachen hierüber umlaufenden Gerüchte entbehren vorläufig noch der thatsächlichen Begründung. Es sollen in dieser Richtung überhaupt noch keine neuen Verhandlungen zwischen der preußischen Regierung und dem Vatikan angeknüpft worden sein, daß solche aber in nächster Zeit allerdings zu erwarten stehen, darf man wohl aus dem längeren Verweilen des preußischen Gesandten beim päpstlichen Stuhle, Herrn v. Schlö- zer's, in Berlin schließen. Weiter wird versichert, baß die betr. abermaligen Unterhandlungen zwischen Berlin und Rom sich gar nicht so glatt abwickeln würden, wre Optimisten vermeinten; jedenfalls sei beabsichtigt, der Kurie sofort die Grenzlimen zu bezeichnen, bis zu denen die preußische Regierung in ihren : n ixt l”en r0!1. Kurie zu gehen gedenke. Nun, am besten wäre es SS. tt -Pcx1 Abltigte gleich mit einem Schlage die so schon genug ausge- höhlte Fack sche Maigesetzgebung, denn an ihr ist nunmehr schon so viel herum- remdlrt worden, daß von derselben eigentlich wenig mehr als die äußeren Formen übrig geblreben ist. °
«v Ost-Afrika kommen abermals Meldungen über bedeutende Gebletserwelterungen der deutsch.ostafrikanischen Gesellschaft. Zu den wichtigsten derselben gehört dw Erwerbung der Galla-Länder bis zum Tana hin, msbe- sondere der Gebiete von Girigama und Wasanga und sind die betr. Verträge durch Herrn Claus von Anderten abgeschlossen worden. Weitere Verträge wurden durch Herrn von Zelewski - gleich Herrn von Anderten ein Officier der deutfch-ostafrikanischen Gesellschaft - abgeschlossen und beziehen sich diese auf die Erwerbung des südlich vom Msara-Lande gelegenen Theile« des dem Sultan Jambia bisher gehörigen Gebietes und des Gebietes des Sultans von Amboni. Leider sollen auch hier Truppen des Sultans von Zanzibar völkerrechtswidrige Acte gegen die deutsche Expedition begangen haben.
Auf den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich lagert wieder einmal ein leichter Schatten. Die sich häufenden chauvini
stischen Kundgebungen jenseits der Vogesen, zu denen das Erscheinen des Buches- »Avant la Bataille« als jüngster Beitrag zu zählen ist und zu welchen Kund, gedungen man schließlich auch das vom französischen Parlamente kürzlich angenommene Gesetz gegen die Spionage rechnen kann, erregen nachgerade in Deutschland Verstimmung, welcher sich auch die leitenden Berliner Kreise nicht entziehen können. In Berlin berührt es namentlich unangenehm, daß das erwähnte Buch, welches nur den einen Zweck verfolgt, das französische Volk zum Revanchekneg gegen Deutschland auszureizen, auf Grund officieller Mitthei- lungen verfaßt worden sein soll; es setzt dies die scanzösische Regieruna dem Verdachte aus, das Trerben der Chauvinisten zu begünstigen und diese? Verdacht scheint denn auch an maßgebender Stelle in Berlin tiefe Wurzeln geschlagen zu haben. Run, man weiß ja bei uns längst, daß der Revanchegedanke nach wte vor alle Schichten und Kreise der französischen Nation beherrscht und daß Frankreich nur den geeigneten Moment herbeisehnt, diesen Gedanken in die That umsetzen zu können. Die jetzige Weltlage und gegenseitige Stellung der Großmächte läßt freilich den Revanchekrieg noch nicht so nabe erscheinen, als unsere Nachbarn tm Westen wohl möchten; sollten indessen „unvorhergesehene Ereigmffe emtreten, so wird sich schon zeigen, daß Deutschland die Augen offen gehalten hat.
Die Arbeiter-Bewegung in Decazeville findet im nördlichen Frankreich einen bedenklichen Widerhall. In Roubaix, Armentiöres und Tour- comg macht sich eine socialistische Bewegung bemerkbar, doch wurden umfassende Maßregeln zur Aufrechterhaltung der Ordnung ergriffen. Die an der belgischen Grenze stehende Gensd'armerie-Brigade ist verstärkt worden und wurden an die genannten Punkte außerdem auch Truppen der Liller Garnison dirigirt.
Sei der furchtbaren Brandkatastrophe, welche die galizische Ltadt L>tryi betroffen hat, sind leioer auch zahlreiche Menschenleben zu Grunde gegangen. Wie bis jetzt festgestellt ist, haben nicht weniger als 100 Personen den Tod rn den Flammen gesunden und steht zu befürchten, daß sich diese Zahl noch vergrößern wird, da noch immer Personen vermißt werden. Mehrere Tausend Personen sind obdachlos und begreiflicher Weise herrscht großes Elend; der angerichtete Schaden wird auf ca. 4 Millionen Gulden geschätzt. Auch aus Rußland wird ein bedeutendes Brandunglück gemeldet. In der Stadt Belyj, Gouvernement Smolensk, brannten mehrere Hundert Häuser nieder und sollen hierbei ebenfalls Menschenleben umgekommen sein.
Auf die Feier des Osterfestes in der spanischen Haupt- stadt ist durch das Attentat, welches ein rachsüchtiger Priester gegen den Madrider Bischof begangen, ein dunkler Schatten gefallen. Die Aufregung der Madrider Bevölkerung über die Frevelthat ist um so größer, als sie an geweihter Stätte, in der Kathedrale, und gerade in dem erhabenen Moment, als der Bischof inmitten einer dichtgedrängten gläubigen Menge in herkömmlicher Werse die Palmenzweige segnete, verübt wurde. Der unglückliche Bischof, welcher in Folge der von dem Mörder auf ihn abgefeuerten Revolverschüsse tödtliche Verwundungen erhielt, ist denselben am Montag, Nachmittags 5 Uhr, erlegen. Selbstverständlich hat der Vorfall in dem strenggläubigen Spanien überall das größte Aufsehen hervorgerufen.
Die Cholera-Epidemie in dem süditalienischen Hafenplatze Brindisi scheint sich glücklicher Weise in gemäßigteren Grenzen bewegen zu wollen, als ihr erstes Auftreten erwarten ließ. Wenigstens sind die


