Familien, in seiner Organisation und durch seine Kassen, gegen die mancherlei Noth- falle des Lebens Schutz und Beistand zu bieten. Zu diesem Zwecke hat er zunächst eine Sterbekasse gegründet, welche ohne Carrenzzeit an Wittwen oder sonstige Hmter- bliebene eines verstorbenen Mitgliedes 600 JL sofort auszahlt. Dieselbe Kasse gewahrt dem Mitgliede beim Tode seiner Ehefrau resp. den Waisen beim Tode der Mutter nochmals 150 JL Diese Sterbekasse hat seit ihrem Bestehen vom 1. August 1884 bis dahin 1886 an Sterbegeldern etwa 35 000 JL ausgezahlt. Zur Unterstützung rn Roth gerathener Mitglieder waren in demselben Zeitrauine 5000 JL seitens des Verbandes gewährt worden. Die Sterbekasse wurde seitens des Ministers des Innern und für Handel lind Gewerbe am 15. Juli d. I. definitiv genehmigt. Mit ihr ist em ferneres Glied in die Organisation des Verbandes eingefügt und zur Erreichung der weitgesteckten Ziele ein erfolgreicher Schritt gethan. Auch auf dem Gebiete der Stellenvermittelung hat der Verband erfreuliche Resultate aufzuweisen, wie ihm auch seitens hoher Behörden, sowie der Prinzipalität allerort Wohlwollen und Unterstützung zu
I)CU Den Interventen in Gietzen, Wetzlar, Marburg und Umgegend Gelegenheit zu bieten, sich noch weitere Kenntniß über die Organisation rc. des Deutschen Werkmeister- Verbandes zu verschaffen, hat eine Anzahl Gießener Werkmeister eine öffentliche Versammlung zum 4. December in's Hotel Lenz zu Gießen berufen, auf welche wir auch an dieser Stelle aufmerksam machen wollen.
ß n m i H t
— sUnschuldig verurtheilt.^ Die Arbeiten des letzten Naturforscher-Congresses -in Berlin, insbesondere für gerichtlicheMedicin, haben für eine zum Tode verurtheilte, zu lebenslänglichem ^uckthause begnadigte Person ein hoffnungsreiches Resultat ergeben. Am 13. November 1876 wurde der Apotheker Speichert zu Bomst vor dem Schwurgerichte zu Meseritz in Folge des mit 7 gegen 5 Stimmen gefällten Urtheils der Geschworenen für schuldig befunden, feine Ehefrau durch Vergiftung mit Arsenik ge- todtet zu haben. Dieses Urtheil stützte sich hauptsächlich auf die Gutachten des verstorbenen Professors Dr. Sonnenschein, des Kreiswundarztes Dr. Zagradzki, des Geh. Raths Dr. Koch und des Medicinalraths Dr. Wolf aus Berlin. Professor Sonnenschein hatte in der Leiche der Frau Speichert, die ein Jahr nach ihrer Beerdigung ausgegraben worden, eine Spur von Arsenik entdeckt. Der Angeklagte hatte entschieden die Sonnenschein'sche Analyse bestritten und verlangte, daß andere Leichen- theile von einem anderen Chemiker untersucht würden. Speichert wurde aber in Rücksicht auf die Autorität Sonnenschein's verurtheilt, wurde aber begnadigt und mußte in die Strafanstalt Kronthal, wo er sich noch heute befindet. Aus dieser heraus wandte er sich an bedeutende Chemiker mit der Bitte um Prüfung des Sonnen- schein'schen Verfahrens und dessen Gutachtens. ' Zahlreiche Chemiker gaben nun rhr Urtheil dahin ab, daß das Sonnenschein'sche Verfahren keinen sicheren Schluß zulasse, daß die gefundenen Spuren Arsenik sich in den Leichentheilen gefunden haben, erklärten es vielmehr für wahrscheinlich, daß diese Spur durch das aus Schwefeleisen gezogene Schwefelwasserstoffgas in die Untersuchungsmenge hineingebracht worden sei. Inzwischen beschäftigte sich Geheimrath Professor Dr. Liman mit diesem so merkwürdigen Fall. Da er ihn für überaus wichtig erachtete, brachte er ihn auf dem letzten Natur- forscher-Congreß in der Section für gerichtliche Medicin zur Sprache und sein vor einem gefüllten Auditorium von medicinischen Autoritäten gefälltes Urtheil war für die früheren Gutachten, daß aus der Muinfiicirnng der Leiche auf eine Arsenik- vergistung zu schließen sei, geradezu vernichtend. Der jetzige Vertheidiger hat die Sache zur Wiederaufnahme gebracht. Die Leiche wird nochmals untersucht und es findet eine neue Verhandlung statt. (Siehe Nachstehendes aus Bomst. D. Red.)
Bomst, 15. November. Heute früh fand hier die Ausgrabung der verstorbenen Frau Apotheker Speichert statt. Als Sachverständige waren nach dem Bericht der „Voss. Ztg." anwesend und wurden wie folgt im Protokoll verzeichnet die Herren Kreis- physikus Dr. Schnabel aus Wollstein, Geh. Medicinalrath Prof. Dr. Liman aus Berlin, gerichtlicher Chemiker Dr. E. Bischoff aus Berlin, Prof, der Chemie und Director des chemischen Instituts der Universität zu Breslau Dr. Loewig, Geh. Medicinalrath Dr. Koch auS Berlin, Geh. Medicinalrath Dr. Wolff aus Berlin und Bürgermeister Stephan in Bomst. Von der Kgl. Staatsanwaltschaft wurde verlangt, daß die Herren feststellen sollten, in welchem Zustande die Leiche, die Kleidung, der Sarg und die Graberde fei. Am Grabe angelangt, wurde durch den anwesenden Todlengräber und die übrigen drei Arbeiter die Beerdigungsstätte der Frau Speichert constotirt und gegen Mittag war der Sarg blosgelegt. Der Deckel des Sarges war zwar flach gedrückt^ doch die Bretter leidlich erhalten. Mit Tüchern und Stricken zufällig unter dem Geläute der Mittngsglocke, war es den vier Arbeitern möglich, den Sarg aus dem Grabe und auf eine Tischplatte zu heben. Von allen Seiten des Sarges waren Erdtheile zur Untersuchung auf ihre chemische Beschaffenheit entnommen worden. Vorsichtig wurden die Holztheile des Sargdeckels entfernt. In gutem Zustand fand man den festen Seidenstoff des Kleides, während von dem leinenen Sterbehemde nur vermoderte Reste vorhanden waren. Die Leiche selbst bestand jedoch nur noch aus Knochen, die sich leicht voneinander lösten. Vom Fleisch war nichts mehr vorhanden, nur in den Weichtheilen fand man noch eine dunkelbraune feuchte Masse. Eine Mumificirung der Leiche konnte nicht constatirt werden. Der Trauring wurde am blanken Fingerknochen gefunden und beides in Verwahrung genommen. Sorgsam wurden die wichtigsten Leichentheile, Kleiderreste und SargsÜickchen, sowie die entnommenen Erden in Kruken^ Gläsern und festem Papier gesammelt und in eine Kiste verpackt und unter gerichtliches Siegel genommen, um schließlich von Bentschen aus nach Berlin gebracht und dort auf das Vorhandensein von Gift chemisch untersucht zu werden. Während einer kurzen Mittagspause der Herren Sachverständigen hatte sich das Gericht im Rathhause im Stadtverordneten-Sitzungssaale wieder constituirt und die Herren erschienen zur Abgabe ihrer einzelnen Gutachten. Der Proceß gegen Apotheker Speichert, der sich seit zehn Jahren im Zuchthause zu Kronthal a. d. B. befindet, wird wieder aufgenommen werden.
Literarisches.
— Das zweite Heft des neuen Jahrganges von ^Ueber Land und Meer* (Stuttgart und Leipzig, Deutsche Verlags-Anstalt) übertrifft an Schönheit der künstlerischen Ausstattung womöglich noch das erste, so glänzend dasselbe auch sich barfteHL Die beiden Doppelseitenbilder: „Fürstliche Hochzeit in Spanien" und „Justinian" erscheint geradezu wie gemalt, so farbig ist die Wirkung dieser prachtvollen Schnitte nach großartigen Meisterwerken. Nicht minder gelungen ist die „Dorfhexe" nach Gabriel Max, die Hevesi zu einer niedlichen novellistischen Skizze begeistert hat. Eine liebliche Gartenscene von Em. Spitzer, lebensvolle Manöverbilder von Fr. Amling und andere treffliche Kunstschöpsungen vereinigen sich mit den vorgenannten zu einem überraschend schönen Gesammtbilde. Die beiden Romane „Dunst" von Frenzel, „Erlachhof" von Ossip Schubin entsprechen in ihrem Fortgänge ganz den hohen Erwartungen, die sie von Anfang an erregt, und nicht minder fahren die kleineren Artikel und Notizen fort,, in unterhaltender Form zu belehren oder in geistförderndster Weise zu unterhalten. Der neue Jahrgang verspricht nach jeder Richtung hin der glänzendste des altbewährten Weltblattes zu werden.
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Die früheren Schüler unserer Anstalt werden hiermit benachrichtigt, daß wir im März 1887 die Feier deS fünfzigjährigen Bestehens der Akealfcbnle zu begehen gedenken. Zugleich werden sie freundlichst gebeten, uns möglichst bald ihre genauen Adressen unter gleichzeitiger Angabe der Zeit und Dauer ihres Schulbesuches einsenden zu wollen.
Gießen, im October 1886.
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