Ausgabe 
21.11.1886 Drittes Blatt
 
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1886

Sonntag den 21. November

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der letzten Zeit gerathen fei.Die Person des heiligen Vaters", soll es m der Note heißen,ist dadurch geschmäht, die Religion ist geschändet morden; man hat darin die Abschaffung des Garantiegesetzes und die Streichung de» Art. 1 der italienischen Verfassung, welcher die katholische Religion sür Staats­religion erklärt, gefordert. Die dem Papste bereitete Lage wird unerträglicher in Folge der Mithilfe der italienischen Regierung, welche den Anarchisten bei ihren Angriffen auf die Religion und ihre Beschimpfungen gegen den Papst freies Spiel läßt." Auch diese jüngste Note des Vatikans wird von den europäischen Regierungen vermuthlich einsach ad acta gelegt werden.

In der socialistischen Partei Englands gährt es unausgesetzt. Für kommenden Sonntag ist in London schon wieder eine socialistische Maffen- versammlung beabsichtigt, welche die Regierung zwar gestatten will, doch sind von letzterer bereits umsaffende Vorsichtsmaßregeln in's Auge gesaßt worden. Fünf Bataillone Garde nebst Artillerie und Cavallerie werden, mit Munition versehen, zum etwaigen Einschreiten bereit sein. Einer Deputation der Socialisten soll gestattet werden, sich zum Premier Salisbury zu begeben, um demselben ihre Wünsche vorzutragen; doch darf die Deputation von keiner größeren Menge Menschen begleitet sein.

Aus Bulgarien gibt es in dieser Woche ausnabmswetse nichts Neues zu berichten. Der neueste Zwischenfall, den General Kaulbars herbeigeführt, die bekannte Affaire des rufsijchen Consulats-Kawaffen in Philippopel, scheint im Sande verlaufen zu wollen. Die bulgarische Regierung hat dem Willen desConflictsgenerals", die Mllitärkommandanten und den Präfekten von Philippopel wegen dieser Angelegenheit zu bestrafen, allerdings nicht ent- sprochen, anderseits weilt aber auch Kaulbars noch in Sosta, obwohl er mtt seiner Abreise drohte, wenn ihm nichtGenugthuung" würde; wahrscheinlich hat fich's der edle General wieder anders überlegt. .

In Serbien ist die Skupschtina mittels Thronrede seierlich geschloffen worden. ,n .....

In Griechenland droht eineCabinetskrisis. Dem Ministerpräsidenten Trikupis ist trotz seines Verlangens von der Kammer kein Vertrauensvotum ertheilt worden. In Folge deffen stellte Trikupis die Demission des Ministeriums in Aussicht; doch ist die definitive Entscheidung noch nicht bekannt.

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schöner Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Wochen - Ueberfkcht.

Gießen, 20. November.

Der Kaiser ist seit einigen Tagen etwas unpäßlich, indem ihn eine leichte Erkältung nöthigt, das Zimmer zu hüten. Erfreulicher Weife zeigt sich Aber das Unwohlsein als durchaus belanglos und nimmt der Kaiser in ge­wohnt r Weise die üblichen Vorträge entgegen, wie er auch Besuche empfängt.

Prinz Ludwig von Bayern hat am Donnerstag Abend Berlin wieder verlaffen und sich nach München zurückbegeben.

Auf innerpolittschem Gebiete wurde die Woche durch die Vorbe­reitungen zu der am kommenden Donnerstag erfolgenden Eröffnung der Reichs- tagS-Sefsion beherrscht. AnStoff" wird es dem Parlamente bei seinem Zusammentritte nicht fehlen, denn es findet außer dem Etat die Vorlagen über die Ausdehnung der Unfalloerstcherung auf die Seeleute und die Erdarbeiter, über die Abänderung des Gerichtskosten-Gefetzes und der Gebührenordnung für Rechtsanwälte, über die Ausprägung der 20-Pfennig-Nickelmünzen und über bie veränderte Servis-Eintheilung der Orte, fowie das Militär-Relictengesetz vor. Zunächst wird sich aber der Reichstag mit dem Etat zu befasien haben, der in feiner Geiammtheit dieser Tage veröffentlicht worden ist und wenn das Haus bis zur Weihnachtspause auch nur die kleinere Hälfte des Reichsbudgets erledi­gen will, wird es immerhin seine Zeit zusammennehmen muffen. Die Thron­rede soll in ihren Grundzügen bereits fertiggestellt sein und sieht man mit besonderem Interesse dem Passus über die auswärtige Lage entgegen. Indessen -darf schon jetzt angenommen werden, daß die bezüglichen Aeußerungen der Thron­rede nur geeignet sein werden, die Hoffnung-n aus Erhaltung des Weltfrieden» zu verstärken. Allgemein saßt man ja die Wiederabreise des Fürsten Bismarck von Berlin als ein bemerkenswerthes Anzeichen auf, daß nach menschlicher Vor- aussicht eine Störung des Friedens trotz der noch immer unklaren Verhältnisse im Orient nicht zu befürchten ist. In parlamentarischen Kreisen lft man nach wie vor der Ansicht, daß Fürst Bismarck im Laufe der Session Gelegenheit nehmen wird, sich über die allgemeine Lage mit specieller Bezugnahme auf bie bulgarische Frage zu äußern; indessen dürste diese Darlegung erst nach Neujahr zu erwarten sein, da der leitende Staatsmann sein lauenburgisches Tusculum Friedrichsruhe für die nächsten Wochen nicht zu verlassen gedenkt.

Der Bundesrath hat das Ableben eines seiner hervorragendsten Mitglieder zu beklagen, des württembergischen Gesandten und Bundesraths- Bevollmächtigten v. Baur-Breitenfeld. Herr v. Baur gehörte dem Bun- desrathe feit 1881 an und war der Nachfolger des Freiherrn v. Spitzemberg; er ist einem Herzleiden erlegen, welches die behandelnden Aerzte von Anfang an als unheilbar erkannt hatten. ,

Zur kirchenpolitischen Lage rst eine sich durch ihren Druck als Lochofficiös kennzeichnende Notiz derNordd. Allg. Ztg." zu verzeichnen. Das genannte Blatt schreibt:Von der die Wieder-Eröffnung der theologischen Lehranstalten betreffenden Bestimmung im Artikel 2 der kirchenpolitischen Novelle vom 21. Mai d. IS. ist bisher in zwei Fällen, nämlich für die Lehranstalten in Fulda und Trier, Gebrauch gemacht, indem der Cultusnünister nach Eingang der erforderlichen Vorlagen die vorgeschriebene Bekanntmachung unterm 2. Octo- ber und 11. November d. Js. dahin erlassen hat, daß die gedachten Anstalten zur wissenschaftlichen Vorbildung der Geistlichen geeignet seien. Die Wieder- Eröffnung der gleichartigen Anstalten zu Paderborn und Hildesheim wird, rote mit hören, vorläufig noch nicht erfolgen können, da es zu diesem Zwecke noch baulicher Einrichtungen bedarf, deren Ausführung voraussichtlich einige Zeit in Anspruch nehmen wird." Inzwischen hat sich bekanntlich an die Eröffnung des bischöflichen Seminars in Fulda gegen den dortigen Bischof Dr. Kopp in einem Theile der Centrumspresse eine regelrechteHetze" geknüpft, da gewissen Blättern die versöhnliche und vermittelnde Haltung des Bischofs nicht behagt; vorläufig fcheint diese Affaire noch weiter spielen zu wollen.

Bei den in Berlin am Mittwoch stattgefundenm Stadtverordne- ten-Ersatzwahlen sind, soweit sich die Resultate ermitteln Itefcen, in allen Abtheilungen die liberalen Candidaten gewählt worden. Die Betheiligung an der Wahl war im Allgemeinen eine ziemlich rege; in der ersten Abrheilung des 2. Wahlbezirkes erschien u. A. auch Minister v. Puttkamer an der Urne und gab derselbe seine Stimme für den conservativen Candidaten, Rechtsanwalt Dr. Stein, ab. Im ersten Berliner Reichstagswahlkreise haben sich endlich auch die Conservativen über die Candidatenfrage schlüssig gemacht und den Stadt­verordneten Kaufmann Gerold als ihren Candidaten ausgestellt.

In dem Altonaer Socialistenprocesse ist am Mittwoch das Urtheil gesprochen worden. Sechs Angeklagte wurden zu 1 Jahre, einer zu 1 Jahr und 1 Monat und einer zu 2 Monaten Gesängniß verurtheilt. Es bandelte sich um die Thetlnahme an einer geheimen Verbindung, sowie um die Verbreitung socialistischer Schriften und erhellt aus den Verhandlungen, daß bie Angeklagten eine bis in alle Einzelheiten geregelte Organisation der socialisti- fchen Partei in Hamburg, Altona und Umgegend in's Leben zu rufen beab-

g Die stark ausgeprägte anticlericale Strömung, welche in Italien neuerdings mehr und mehr hervortritt, hat dem Vatikan zu einer abermaligen umfangreichen Note an die päpstlichen Nuntien Veranlassung ge­geben. In derselben wird die unerträgliche Lage geschildert , »n welche der Papst nicht nur alsSouverain der päpstlichen Staaten , sondern auch als Oberhaupt der katholischen Christenheit durch die anticlericalen Kundgebungen

^zeigen.

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Lokale».

Gießen, 20. November. Selten Hal eine Genossenschaft deren ausschließlrches Streben auf die Einrichtung von Wohlfahrts-Instituten gerichtet ist, solch em nen Erfolge aufzuweisen wie der Deutsche Werkmeister-Verband, dessen ^ntz n Düsseldorf g ZOO Mitgliedern, und 5 Bezirksv-r-inm S°gründtt,

zahlt er heute an 3000 Mitglieder in 180 Bezirksverernen Sud- und Norddeutschlands. Dieses rasche Anwachsen beweist am besten, wie er einem Bedurimsse abzuhelfen bemüht ist, darin bestehend, dem Werkmeister und technischen Betriebsbeamten, sowie deren.

Mur ruhig Blut!"

Ein Mahnruf an alle Hitzköpfe.

Nur ruhig Blut!" ist ein volksthümlicher Rath, der seine Berechtigung in allen Lebenslagen und allen Hitzköpfen gegenüber hat. , ...

Xerxes, der große, sich für unbesiegbar haltende Perferkonig, hatte nicht so schmähliche Niederlagen erlitten, wenn er sichruhiges Blut bewahrt und dasselbe nicht immer wieder von Neuem erhitzt hätte durch den anbefohlenen täglichen Zuruf . Herr, gedenke der Athener!" - Alexander der Große von Macedomen stände heute größer da in der Meinung der richtenden Nachwelt, wenn er obiges Mahnwort befolgt und sein Leben nicht befleckt hätte durch einzelne in der Aufregung begangene Hand­lungen, die er hinterher selbst bitter bereut hat.

Wie viel tausendfache Unannehmlichkeiten in Form von Zank und Streit, von gerichtlichen Klagen und empfindlichen Strafen, von ärgerlichen öffentlichen Widerrufen, Abbitten und Ehrenerklärungen könnten sich die Menschen ersparen, wenn Jedermann sich zu beherrschen und sein aufwallendes Blut in kritischen Augenblicken zu bemefftern verstände^ Zornes können für die Gesundheit des Körpers geradezu lebens­

gefährlich werden. Es ist eine bekannte und vielfach beobachtete Thalsache, daß heftige und aufbrausende Charaktere selten ein hohes Alter erreichen, und dre Herren Medicmer wissen dies auch physiologisch recht wohl zu erklären. Das geht so zu. Das Blut schiebt in den Augenblicken heftigster Gemüthserregung so rasch und gewaltsam durch dre Herzkammer, daß bet dieser überreizten Thätigkeit, welche sich m heftigem Herzklopfen kundgiebt, leicht Herzerweiterung, manchmal Herzklappenstorungen entstehen können. Zugleich strömt dabei auch das Blut gewaltsam nach dem Kopfe. Geschieht es nun öfters, wie dies ja bei hitzigen Charakteren der Fall sein wird, so werden nach und nach die ganz feinen Blutgefäße des Gehirns erweitert und schließlich so ausgedehnt, daß sie einen Druck auf das Gehirn ausüben, der sich als heftiger Kopfschmerz fühlbar macht und zuweilen mit einem tödtlichen Gehirnschlage endet. n ,

Dagegen kann und wird man in den meisten Fallen von hohem menschlichen Alter die Erfahrung bestätigt finden, daß hochbetagte Leute in allen, auch den kummer­vollsten Lebenslagen, sich einen ruhigen, gottergebenen Sinn bewahrt haben. So haben wir z. B. einen Pfarrer gekannt, der die herbsten Schicksalsschlage in seiner Famme zu erdulden hatte: er ertrug sie aber alle ruhig und im vollen Vertrauen auf Gottes unerforschliche Weisheit und erreichte dabei ein Alter von 98 Jahren, wahrend ein Kaufmann indem besten Mannesalter und von ganz solider Lebensweise, aber sehr heftiger Gemüthsart bei sonst ganz guter Gesundheit von lanmahrigem Kopfweh schrecklich heimgesucht und schließlich durch einen Gehirnschlag von diesem Leiden erlöst wurde, aber freilich zum größten Schmerze für die Seinen.

Den schlagendsten Beweis für den lebenverlangernden Emfluß emes ruhigen Gemüthes liefert jedenfalls auch unser Kaiser Wilhelm, der m ^nem W Lebenswahre noch straff zu Pferde sitzt und selbst strapaziöse JagdenmitmE,' wahrend der Fürst Reichskanzler neuerdings Ebenfalls längst schon am liebstenrechts und lmks drem- geschlagen hätte, aber wohlweislich größeres Unhell zu verhüten weiß durch werfe Be­folgung des Wahlspruchs:Nur ruhig Blut!"__

Nr. 272. Drittes Blatt

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