Dienstag den 21. September
Nr. 219
1886
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brtngrrlobn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Betreffend: Den Rundgang der Feldgeschworenen. Gießen, am 17. September 1886.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreise-.
Wir empfehlen Ihnen, die Feldgeschworenen zu veranlaßen nach § 20 der Instruction vom 23. Februar 1833 (Regierungsblatt S. 105), im Laufe kommenden Monats die Gemarkungen zu begehen, um sich von dem Zustande der Grenzen zu unterrichten, und über den Befund in ihr Tagebuch ein Protokoll aufzunehmen. Wir machen dabei darauf aufmerksam, daß zwar zu einem Steinsatze wenigstens drei Feldgeschworene beisammen sein müssen, daß aber zu dem Rundgange, wenn dabei nicht zugleich Steine gesetzt werden sollen, eine geringere Anzahl Feldgeschworene genügt. Wegen Beseitigung der vorgefundenen Mängel wollen Sie das Geeignete veranlassen, wobei namentlich die Aufräumung, Geraderichtung und Erneuerung der Grenzsteine ins Auge zu faßen ist. An den Dreiecks-, Gemarkungs-, Flur- und Gewann-Grenzsteinen darf jedoch keine Veränderung ohne Mitwirkung eines Geometers I. Classe vorgenommen werden. Die Wahl und Zuziehung desselben bleibt Ihnen überlassen; doch wollen Sie da, wo es sich um Grenzsteine mehrerer Gemarkungen handelt, sich unter einander dessalls benehmen. Für die Erhaltung der Parcellengrenzsteine des Gemeindeeigenthums ist auf Gemeindekosten von Ihnen Sorge zu tragen. Wo noch keine Aussteinung des Gemeinde-Eigenthums stattgefunden hat, beauftragen wir Sie, den Gemeinderath desfalls zu vernehmen und dessen Beschluß zu vollziehen. Die an den Parcellengrenzsteinen der Privaten vorgefundenen Mängel sind den Betheiligten zur Beseitigung zu eröffnen. Im Uebrigen verweisen wir Sie aus das Gesetz vom 23. October 1830 (Reg.-Bl. S. 463) und die vorgenannte Instruction vom 23. Februar 1833 (Reg.-Bl. S. 105), wegen der Kostenverzeichnisse auf die Bekanntmachung vom 18. December 1874 (Reg.-Bl. S. 784) und auf unser Ausschreiben vom 29. Januar 1885, Anzeiger Nr. 27.
Zu Anfang des auf den Rundgang folgenden Monats sind uns Abschriften der in die Tagebücher der Feldgeschworenen aufgenommenen Protokolle mit Bericht über Ihre desfalls getroffenen Anordnungen sammt den Kostenverzeichniffen von Ihnen vorzulegen.
Dr. Boekmann.
Deutschland.
Friedberg, 17. September Se. Königl. Hoheit der Großherzog wohnten heute mit Sr. Königl. Hohett dem Erbgroßherzog und dem Prinzen Christian Victor von Schleswig-Holstein dem Dtvistons-Manöver bei Bönstadt bei.
Zur Großh. Tafel waren Provinzial-Director Dr. Boekmann von Gießen, Oberamtsrichter Sellheim, Kreisrath Dr. Braden und Bürgermeister Steinhäuser von Friedberg eingeladen.
Berlin, 18. Septbr. Der Kaiser betraute den Staatssecretär Grasen Bismarck nach Maßgabe des Gesetzes vom 17. März 1878 mit der Stellvertretung des Reichskanzlers im Bereiche des auswärtigen Amtes.
Berlin, 16. September Das Reichspostamt hat durch Versügung vom 11. d. Mts. die Frist für Verwendung offener Karten mit der Bezeichnung „Postkarte" als Drucksachen-Sendungen über den 1. October hinaus bis Ende März 1887 verlängert. „Von diesem Zeitpunkt ab kann eine weitere Beförderung von Karten der erwähnten Art gegen die Druckfachengebühr (3 ^) nicht mehr startfinden. Die Poftanstalten haben hiernach das Geeignete wahrzunehmen.
Berlin, 17. September. Die heute hier eingetroffene Nachricht, daß der Kaiser die Fahrt nach Metz aufgegeben habe und sich übermorgen in die ländliche Ruhe nach Baden-Baden zurückzuziehen beabsichtige, hat hier nicht gerade überrascht, denn man weiß hier, daß seine Leibärzte Alles ausbieten, den Kaiser vor außerordentlichen Anstrengungen zu bewahren. Sein Pflichteifer macht ihnen freilich die Verwirklichung ihrer Wünsche schwer und die letzten Tage haben ja wiederum zur Genüge bewiesen, wie wetterfest im Ganzen noch unser Kaiser ist. Sein Befinden soll auch nach den letzten Strapazen der Besichtigungen und Empfänge vortrefflich sein, und wie aus zuverlässigster Quelle versichert wird, ist es lediglich weise Vorsicht, die ihn zum vorzeitigen Verlassen der Reichslande bestimmt hat. Von allen Seiten wird übrigens versichert, daß der gegenwärtige Aufenthalt des Kaisers im Elsaß den rastlosen Bemühungen der deutschen Verwaltung in außerordentlichem Maße förderlich gewesen ist.
— In der am 16. d. Mts. unter dem Vorsitze des Staatsministers, Staatssecretärs des Innern, v. Bötticher, abgehaltenen Plenarsitzung des Bun- desraths wurde die Vorlage über die Herbeiführung einer internationalen Vereinbarung über technische Einheit im Elfenbahnwesen, den Ausschüssen für Eisenbahnen, Post und Telegraphen und für das Landheer und die Festungen zur Vorberathung überwiesen. Endlich wurde über den dem Kaiser wegen Wiederbesetzung der Stelle eines stellvertretenden Mitgliedes des Reichsversiche- ■ rungs-Amtes zu unterbreitenden Vorschlag Beschluß gefaßt.
— Der Bundesrath wird noch in der folgenden Woche hier zusammen ! bleiben, um die Aufgaben zu erledigen, die ihm jetzt unterbreitet worden sind, ! während die Arbeiten, welche sich auf die ordentliche Reichstagstagung beziehen, . erst im nächsten Monat im Bundesrath zur Erörterung gelangen, sodaß nach j der nächsten Woche wiederum eine kleine Pause in den Bundesraths-Arbeiten . zu erwarten ist. Eine Anzahl von Mitgliedern des Reichstages hat Berlin I wieder verlassen, es steht aber doch zu erwarten, daß die Beschlußfähigkeit davon nicht berührt werden wird. — Der Reichstag wird nun doch seine In- i terpellation wegen der bulgarischen Frage haben: die Socialdemokraten sind entschlossen, eine solche einzubringen, freilich fehlen ihnen dazu noch 7 Stimmen, andere Fraktionen scheinen demnach nicht gewillt gewesen zu sein, sie zu unterstützen. Die Interpellation zerfällt in vier Anfragen an den Reichskanzler; dieselben betreffen zunächst die Stellung der Reichsregierung zu den Vorgängen jn Bulgarien,' ferner wird Aufschluß darüber gewünscht, ob die Reichsregierung die Absetzung des Fürsten von Bulgarien begünstigt habe, dann, ob die Reichsregierung die Straflosigkeit der Attentäter gegen den Fürsten Alexander von
Bulgarien im Widerspruch mit dem monarchischen Princip befürwortet habe, und endlich, ob der Regierung das Verfahren der russischen Soldaten und Grenzbeamten gegen Reichsangehörige bekannt sei und welche Schritte dagegen beabsichtigt wären. Wenn sich wirklich die nöthige Zahl von Unterschriften für die Interpellation finden sollte, so würde die Regierung voraussichtlich eine Beantwortung ablehnen; eine Besprechung aber erheischt bekanntlich die Unterstützung von 50 Stimmen, welche in diesem Falle schwerlich zu haben sein würden.
Straßburg, 18. September. Der Kaiser begab sich Vormittags 10 Uhr zum Manöver bei Mommenheim. Nachmittags empfängt der Kaiser eine Deputation des Metzer Gemeinderaths, welche zur Tafel geladen ist. Für Abends halb 9 Uhr wird ein Fackelzug der Straßburger Vereine geplant.
— Der Kaiser hat dem Statthalter, Fürsten Hohenlohe, sein lebensgroßes Bildniß mit nachstehendem Schreiben zugehen lassen: „Ich habe bereits mündlich wiederholt meine Befriedigung über die warme und freundliche Aufnahme zu erkennen gegeben, welche Mir und Ihrer Maj. der Kaiserin und Königin, Meiner Gemahlin, bei dem diesmaligen Besuche der Reichslande, insbesondere der Stadt Straßburg, zu Theil geworden ist. Wenn Ich durch diese Wahrnehmung in der Ueberzeugung bestärkt werde, daß der innere Anschluß des Landes an das deutsche Vaterland in stetigem Fortschritte begriffen ist, so kann Ich davon den Gedanken nicht trennen, daß zu einem solchen Erfolge Ihre umsichtige Verwaltung als Statthalter der Reichslande trotz der Kürze der Zeit nicht unwesentlich beigetragen hat. In Würdigung dessen, sowie zum Andenken an die Tage Meines hiesigen Aufenthaltes, welche Mir in wohlthuender Erinnerung bleiben werden, verleihe Ich Ihnen mein Bildniß in Lebensgröße, welches Ich Ihnen hiermit zugehen lasse.
Straßburg im Elsaß, 18. September 1886.
gez. Milhelm.
An Meinen Statthalter von Elsaß Lothringen, Fürsten von Hohenlohe."
— Der Kaiser wohnte den Feldmanövern des 15. Armee-Corps, welche heute endeten, auf der Höhe östlich von Minwersheim, bei. Gleich nach 1 Uhr sammelten die Commandeure sich um den Kaiser, welcher dem Corps seine Anerkennung aussprach und sich alsdann verabschiedete und nach Straßburg zurückkehrte, wo er um halb 3 Uhr eintras, von den enthusiastischen Zurufen der zusammengeströmten Menge begrüßt.
— Der Kronprinz begiebt sich Montag früh in Vertretung des Kaisers nach Metz. An dem heute Abend stattgesundenen Fackelzuge betheiligten sich mehrere Tausend Mitglieder verschiedener Vereine. Der Männer-Gesangverein trug drei Lieder vor. Der Bürgermeister brachte ein Hoch aus den Kaiser aus, worin die Volksmenge begeistert einstimmte. Der Kaiser erschien auf dem Balkon und verneigte sich dankend; er beschied die Vorstände der Vereine, den Director des Gesangvereins und die Zugordner zu sich und sprach denselben seine hohe Zufriedenheit und feinen Dank für die Ovation aus.
— Der König von^Sachsen ist heute Nachmittag 5 Uhr über Kehl von hier abqereist.
Straßburg, 18. September. Die Feldmannöver des 15. Armeekorps endeten heute Mittag 1 Uhr bei Minwersheim. Der Großherzog von Baden hatte sich mit dem Prinzen Wilhelm und dem Generalkommando des 15. Armeekorps mit dem ersten fahrplanmäßigen Zuge früh 7 Uhr 50 Min. in das Mannöverterrain begeben. Um halb 10 Uhr folgte der Kronprinz, welchem auf der Station Mommenheim von der Dorfbevölkerung ein überaus herzlicher Empfang bereitet wurde. Seine Majestät der Kaiser, welcher sehr frisch aussah, hatte Straßburg mit der Großherzogin von Baden um 10 Uhr verlassen und erschien um 11 Uhr aus dem Mannöverterrain, nachdem Allerhöchstderselbe zuvor in


