Nr. 166 Mittwoch dm 21 Juli 1886.
Weßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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des Conferenz - Bezirks Grüvberg: Montag den 26. Juli, Vormittags 9 Uhr, in Grünberg.
Gießen, den 20. Juli 1386. Büchner, Kreisschulinspector.
Politische Ueberficht.
Gießen, 20. Juli.
Der Kaiser hat die Einladung des Großherzogs von Baden, der in der ersten Augustwoche stattfindenden 500jährigen Jubelseier der Heidel- berger Universität beizuwohnen, zwar für sich persönlich abgelehnt, dagegen wird er sich durch den Kronprinzen bei der Feier vertreten lassen. In dem kaiserlichen Antwort-Schreiben heißt es, daß der Kronprinz beauftragt sei, dem Großher- zoge als Rector magnificus der Heidelberger Universität auszusprechen, wie gern auch der Kaiser seinerseits anerkenne, was Heidelberg für die Pflege des Gefühls geistiger Zusammengehörigkeit unter den deutschen Stämmen in der gemeinsamen Förderung deutscher Wissenschaft geleistet.
Für den Mangel an vorliegendem positiven Material aus innerpolitischem Felde spricht es offenbar, daß die Vorgänge in Bayern und speciell das Antwort-Schreiben des Prinz-Regenten Luitpold aus das Entlassungsgesuch bei Ministeriums Lutz, in der Tagespresse noch immer des Langen und Breiten- erörtert werden. Den Anlaß hierzu haben die Seitens gewisser ultra-klerikaler Preßorgane in Scene gesetzten Verdächtigungen der Botschaft des Prinz-Regenten Luitpold gegeben. Verschiedene Stellen derselben sollten den thatsächlichen Verhältnissen durchaus nicht entsprechen, namentlich wurde der Passus, in welchem Prinz Luitpold darauf hinweist, daß die höchste kirchliche Autorität selber ihre Zufriedenheit mit der Lage der katholischen Kirche ausgesprochen habe, in hämischer Weise bezweifelt. Besonders die „Germania" wußte allerhand wundersames römisches Depeschenmaterial zusammenzuschleppen, woraus hervorgehen sollte, daß man sich im Vatikan keineswegs so zuftiedengestellt zeige, als dies der Prinz-Regent Luitpold in seinem Schreiben an das Cabinet Lutz so ausdrücklich betont hat. Der Prinz-Regent soll also in seinem Schreiben gewissermaßen aus der Luft gegriffene Behauptungen aufgestellt haben — er, der die peinlichste Gewissenhaftigkeit und die Ehrenhaftigkeit selber ist! Run, was derartige Verdächtigungen, die schließlich den greifen Fürsten, der jetzt die Geschicke Bayerns lenkt, selber nicht verschonen, auf sich haben, beweisen römische Depeschen gutpatriotischer bayerischer Blätter. Aus ihnen geht zur Evidenz hervor, daß Prinz Luitpold die Actenstücke aus dem Vatikan schwarz aus weiß besitzt, aus welche sich die von der „Germania" und den ihr gesinnungsverwandten Organen so heftig angegriffenen und bezweifelten Stellen in seinem Schreiben stützen und hiernach bedürfen diese Angriffe keiner weiteren Charakteristik — sie richten sich selbst! In dem verständigen Theile der bayerischen klerikalen Presse selber erfährt das Treiben der „Germania" u. s. w. eine entschiedene Verurtheilung und der „Bayerische Courier" verbittet sich der „Germania" gegenüber, daß letztere in Dinge hineinrede, die man in München besser zu verstehen glaube, als am User der Spree — das „genügt!"
In den höheren Commando-.Stellen der österreichischen Armee find in diesen Tagen verschiedene nicht unwichtige Personal-Veränderungen erfolgt. Zunächst ist dem Corps-Commandanten von Pesth, General v. Edelsheim- Gyulai, vom Kaiser die erbetene Versetzung in den Ruhestand bewilligt worden; der General erhielt als Ausdruck der Anerkennung der von ihm geleisteten Dienste das Großkreuz des Leopoldsordens. Zu seinem Nachfolger im Pesther Commando wurde Graf Pejacsevich ernannt; außerdem erhielt F.M.L. Prinz Croy das General-Jnspectorat über die Kavallerie und endlich ist General-Major Janski zum Cornmandirenden der 10. Infanterie-Division in Josesstadt (Böhmen) ernannt worden. Letzere Ernennung muß unstreitig als die interessanteste unter diesen Veränderungen bezeichnet werden. General Janski gab durch die Bekränzung des Hentzi-Denkmals aus dem Ofener Friedhöfe den Anstoß zu jener Reihe merkwürdiger Vorfälle, in denen sich die ungarischen Antisympathien gegenüber Oesterreich wieder einmal unverhüllt zeigten. Schon damals forderten die Chauvinisten die Entfernung des in Ungarn mißliebig gewordenen Generals und ihnen ist nunmehr durch die Versetzung Janski's nach Josesstadt der Willen ge- than worden. Mit letzterer findet die famose „Affaire Janski'" erst ihren eigentlichen Abschluß.
Die französische Parlaments-Session hat am vorigen Donnerstag ihren Abschluß gesunden, nachdem demselben in beiden Häusern des Parlaments noch allerhand merkwürdige Zwischenfälle vorangegangen waren. Zunächst lehnte die Deputirtenkammer in einer der letzten Sitzungen den sran- zöiisch-italienischen Schifffahrts-Vertrag ab, obwohl der Ministerpräsident Frey- cinet für denselben warm eingetreten war; Freycinet wollte in Folge dessen ferne Entlassung geben und konnte von diesem Vorhaben von seinen Minister- Collegen nur mit Mühe abgebracht werden.. Alsdann entspannen sich'in ebenderselben Sitzung zwischen der Rechten, den Ministern und der Linken stürmische Debatten über verschiedene Angelegenheiten und flogen bei diesen Verhandlungen Beleidigungen hinüber und herüber. Endlich kam es auch in der Schlußsitzung des Senats am Donnerstag wegen der Ausweisung des Herzogs v. Aumale zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Rechten und der Regierung, die zu
einer Forderung des monarchistischen Senators Lareinty durch den Krieg-Minister Boulanger führten. Das unblutige Duell hat am Samstag stattgefunden.
Die aus Frankreich ausgewiesenen orleanistischen Prinzen — der Graf von Paris, dessen Sohn, der Herzog von Orleans und der Herzog von Aumale — sind nunmehr auf englischem Boden vereinigt. Auf ferner Reise von Frankreich nach England nahm der Herzog von Aumale mehrere Tage Aufenthalt in Brüssel, wo er im „Hotel de FlandreS" abgestiegen war. Hier wurde der Herzog, in dessen Begleitung sich der Herzog von Chartres befand, am Freitag Nachmittag durch den Besuch des belgischen Königspaares ausgezeichnet; die Nachricht, die belgischen Majestäten hätten aus Rücksichten auf die französische Regierung eine Begrüßung mit dem Herzog von Aumale vermieden, erweist sich demnach als eine tendenziöse Erfindung. Am Sonntag reisten die orleanistischen Prinzen von Brüssel nach England weiter, wo sie sich wohl einer sympathischen Aufnahme Seitens des Hofes, wie Seitens der Bevölkerung versichert halten können.
Der die Fahrten auf der australischen Linie eröffnende deutsche Reichspostdampfer „Salier" traf am Freitag in Antwerpen ein und setzte am nächsten Tage die Weiterfahrt fort.
Die langausgesponnene Wahlcampagne in England ist am Samstag zu Ende gegangen. Den Conservativen ist es zwar nicht gelungen, die absolute Mehrheit im künftigen Parlamente zu erhalten, aber auch ohnedem . stkOt sich die Niederlage, welche Mr. Gladstone und seine Anhänger wegen der irischen Selbstverwaltungs-Politik erlitten haben, als eine ganz entschiedene heraus und als eine solche wird sie auch in England selbst allseitig aufgefaßt. Es ist, nach Londoner Meldungen zu urtheilen, deshalb nicht unmöglich, daß Mr. Gladstone zur Stunde bereits feine Demission eingereicht hat. Sobald dies geschehen, heißt es weiter, werde Salisbury, der Chef des früheren Tory- Ministeriums, auf den Rath Hartington's mit der Bildung eines neuen Ministeriums betraut werden, da man von Dem Plane eines liberal-conservativen Coalitions-Ministeriurns wieder abgekommen sei. Diese Ankündigung eines rein conservativen Ministeriums schließt freilich manche Bedenklichkeiten in sich, vor Allem deswegen, weil eben die Toris für sich allein nicht die Mehrheit im Parlamente besitzen und darum mehr oder weniger auf das Wohlwollen der liberalen Unionisten angewiesen sind und deren bedingte Unterstützung würde für ein rein conservatioes Cabinet schon den ersten Hemmschuh bedeuten.
Deutschland.
Berlin, 19. Juli. Den Petersburger Meldungen zufolge tritt mit der Abänderung der Titel der nachgeborenen Großfürsten eine Herabsetzung der Apanage für die Mitglieder des kaiserlichen Hauses ein.
— Die Berufungskammer des hiesigen Landgerichts erkannte heute in dem Brillanten-Diebstahlsproceß gegen die Redacteure des „Berliner Tagebl.", Perl und Wolff, auf kostenfreie Freisprechung.
England.
London, 19. Juli. Wie die „Daily News" erfährt, wurde bei dem Cabinets-Diner, welches Gladstone am Samstag Abend gab, beschlossen, daß die Regierung sofort zurücktreten solle ohne den Zusammentritt des Parlaments abzuwarten.
— Die „Morning Post" erfährt, daß die britische Note in Betreff Ba- tums durch einen Special Courier nach Petersburg gesandt worden ist und sich bereits in den Händen des russischen Ministeriums befinde.
— Wie das „Reuter'sche Bureau" meldet, kehrt Salisbury demnächst nach England zurück, um den Posten des Premierministers zu übernehmen. Es scheine sicher, daß Lord Hartington in das neue Cabinet nicht eintreten werde.
— Der ehemalige Deputirte der Parnelliten in der Grafschaft Süd- Tyrone, Obrien, wurde vom Candidaten Oer Unionisten mit einer Majorität von 99 Stimmen geschlagen. _______________________
Telegraphische Depesche«.
WoM'S UUgt. Eorresporrderr» -- Vurra«.
Augsburg, 19. Juli. Der Kaiser ist gestern Abend 8Vr Uhr hier eingetroffen. Auf dein festlich geschmücklen Bahnhöfe von den Behörden, der Generalität, dem Bürgermeister und der preußischen Gesandtschaft empfangen, begab et fid) int königlichen Galamagen unter stürmischem Jubel der Volksmassen durch die reich geschmückten und illuminirten Straßen nach den „Drei Mohren". ^>n tfolge der nicht endenden Hochrufe der Volksmasse erschien der Kaiser auf dem Balkon, nach allen Selten hin dankend sich verneigend. . r t _____...
— Der Kaiser nahm Vorträge entgegen und begab sich heuttVoi Mittag um 10 Uhr unter enthusiastischen Hochrufen der stundenlang harrenden dichten Volk^massen durch die überaus reich mit Fahnen und Laubgeminden geschmückten Straßen, wo die Feuerwehr und die Kriegeroeretne Spalier bildeten, nach dem Bahnhofe und reifte mm IO1/» Uhr nach München ab.


