1886.
Sonntag dm 19. December
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Mit der angekündigten abermaligen deutschen Flotten-Dernon- strativn gegen den Sultan von Zanzibar wird es nun Ernst. Am 14. December ist das ostasiatlfche Geschwader unter Contre-Admiral Knorr, bestehend aus den Panzerschiffen „Bismarck", „Olga" und „Carola", mit denen stch die von Sinaapore kommende Corvette „Marie" bereits vereinigt hat, vor Zanzibar eingetroffen. Die Ermordung des Dr. Jühlke in Kismaju, also auf einem dem Sultan von Zanzibar gehörigen Territorium, dürfte zur Beschleunigung der Demonstration mit beigetragen haben.
Die von Wien aus signalisirte Candidatur des Prinzen Ferdinand von Cobzrrg, eines Verwandten des österreichischen Kaiserhauses, für den bulgarischen Thron gilt als durchaus ernst.
Das neue französische Cabinet Goblet hat seinen ersten parlamentarischen Strauß glücklich bestanden. Die Deputirtenkammer bewilligte dem Cabinet am Dienstag fast einstimmig die geforderten provisorischen zwei Zwölftel an den Jahreseinkünften zur einstwelligen Fortführung der Staatsgeschäfte, nachdem Ministerpräsident Goblet nochmals eine kurze programmartige Erklärung abgegeben hatte. Auch der Senat will die zwei Zwölftel bewilligen, nur mit der Einschränkung, daß die Bestimmung über den herabzusetzenden Zinsfuß bei den Sparkassen in Wegfall kommen soll. Im Uebrigen erhält sich in den Pariser politischen Kreisen die Anschauung, daß die Bewilligung der zwei Zwölftel nur die Bedeutung einer Gnadenfrist für das Ministerium Goblet habe.
In der egyptischen Politik Englands vollzieht sich eine schon längst angekündigte Schwenkung. Die englische Occupationsarmee soll ganz beträchtlich reducirt und bis zum April n. I. aus den Garnisonen südlich von Kairo — mit Ausnahme einer schwachen Abtheilung — gänzlich zurückgezogen werden. - Fünf Bataillone werden unter Hinblick auf die verhältnißmäßige Nähe der englischen Besatzungen auf Cypern und Malta für genügend gehalten, jeder Eventualität zu begegnen. In London werden gegenwärtig die Details der Reduction der Occupationsarmee einer Prüfung unterzogen. — England will also nur noch das Nildelta halten, was vom Standpunkte einer praktischen Occupationspolitik ganz richtig sein mag — und die Ströme englischen Blutes sind demnach im Sudan ganz umsonst geflossen.
In London erwartet man am 22. d. M die Ankunft des berühmten Afrikaforschers Stanley, welchem der Oberbefehl über die Expedition zur Unterstützung Emir Bey's übertragen worden ist. Stanley wird die Organisation der Expedition, für deren Zustandekommen sich namentlich der König der Belgier interessirt, überwachen.
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Eingesandt.
Mr Kaufleute!
Dem Verfasser des „Eingesandt" in gestriger Nummer, welches gegen den in Nr. 292 des Gießener Anzeigers unter „Vermischtes" erhaltenen Artikel, vom Centralvorstande des Verbandes Deutscher Handlungsgehülfen ausgehend, gerichtet ist, erwidert Unterzeichneter, als mehrjähriges Mitglied genannten Verbandes, daß er (jener Verfasser) sich in großem Jrrthum befindet und durchaus ungenügend über die Leistungen des Verbandes orientirt ist, sondern vielmehr ungerechtfertigter, böser Verdacht, ohne Grund und Ursache, gegen das für Handlungsgehülfen gemeinnützige Unternehmen hervorgerufen werden soll.
Meine anderen hiesigen Verbandsgenossen sind derselben Ansicht und haben mich beauftragt, den Verfasser des betr. „Eingesandt", trotzdem wir ibn an einigen Kraftwörtern erkannt zu haben glauben, um seinen Namen zu bitten, um ihn von seinem Jrrthum, unter Zuhülfenahme beweisender Belege, zu befreien.
Ich thue dieses um so freudiger, da ich selbst die Wohlthaten einiger Institute des „Verbandes Deutscher Handlungsgehülfen in Leipzig" genossen habe, und rathe ebenfalls, genau so wie der Verfasser jenes „Eingesandt", sich vor beabsichtigtem Eintritt in den Verband erst zu informiren, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß feine „Marktschreiern" vorliegt, sondern „Einer für Viele und Viele für Einen" stets gern für ihr gemeinsames Wohl und die Wahrheit einzutreten bemüht sind.
Der „Verband Deutscher Handlungsgehülfen in Leipzig" (Eingetragene Genossenschaft) ist juristische Person im Sinne des Gesetzes vom 15. Juni 1868 und muß galten, und hält auch was er verspricht, in peinlichster Weise.
Mein erstes und mein letztes Wort auf diesem Wege.
Gießen, 16. December 1886.
Ernst Klose.
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Wochen - Ueberficht.
Gießen. 18. December.
Der Depeschenwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und dem Prinz-Regenten Luitpold von Bayern klingt dem Besuche des letzteren am Berliner Hofe als ein sehr bemerkenswerther Epilog nach. Vom Prinz- Regenten war alsbald nach seiner Wiederankunft in München ein herzliches Dank-Telegramm an den Küser für die ihm in der Reichshauptstadt zu Theil gewordene ehrenvolle Aufnahme abgesandt worden, welche der Kaiser sofort mit einer Depesche erwiderte, die folgenden Wortlaut hat: „Wie soll Ich Ihnen danken für Ihr so herzliches, freundliches Telegramm noch am heutigen Tage, nach Ihrer Rückkehr nach München? Sie haben Sich überzeugen können, wie freudig Ihr erstes Erscheinen nach Uebernahme der Regentschaft bei Uns begrüßt worden ist, wie die alten Erinnerungen eines siebenmonatlichen Zusammenlebens in der wichtigen, unvergeßlichen Kriegszeit Uns von Neuem einigten. Möge es immer so bleiben! Ihre herzlichen Worte, gesprochen zu Ihren Unter* thanen im Reichstag, sind hoffentlich auf guten Boden gefallen. Wilhelm." Die politische Bedeutung des Besuches des bayerischen Prinz.Regenten am Berliner Hose erhellt auch klar aus diesem DepeschemNachspiel und ist namentlich in der kaiserlichen Depesche neben der Erinnerung an die „unvergeßliche Kriegs- zeit" — Prinz Luitpold hat bekanntlich den Feldzug von 1870/71 im kaiserlichen Hauptquartiere mitgemacht — der Hinweis auf die bekannten Worte, welche der Prinz-Regent in Berlin an Die Reichrtags-Abgeordneten aus Bayern gerichtet und wobei er dieselben ermahnte, bei Prüfung der Militär-Vorlage sich immer und zunächst von der Rücksicht auf die Sicherheit des Vaterlandes letten zu lassen, bemerkenswerth.
In der großen, unsere Nation jetzt am meisten bewegenden Frage, derjenigen der Vermehrung der Friedens.Präsenzstärke des Heeres, ist leider noch immer kein entscheidender Schritt zu verzeichnen. Die parlamentarische Behandlung der Frage in der Militär-Commission des Reichstages wird in einer Weife verschleppt, die nachgerade auf weitere Kreise der Nation peinlich zu wirken beginnt. Mit einer derartigen Behandlung der Militär.Vorlage hat eine sachliche Prüfung derselben doch blutwenig zu thun und durch Auswerfung von Detailfragen kann der Hauptzweck der Verhandlungen, die Vorlage mög* lichst rasch fertig zu stellen, doch nie erreicht werden, so daß e« begreiflich erscheint, wenn im Volke sich allmälig eine Protestbewegung gegen diesen lauen Fortgang der CommtssionS-Arbeiten bemerklich macht.
Das Reichstags-Plenum hielt feine Sitzungen in dieser Woche immer mit eintägigen Zwischenpausen ab, wobei die Rücksicht aus die Militärs Commission maßgebend war. Der „SchmerinStag" vom Montag, welcher ledig- lich der ersten Berathung des Reichensperger'schen Doppel-Antrage» gegen das Duellwesen gewidmet war, fand am Mittwoch durch Die erste Lesung der socialdemokratischen Anträge aus Abänderung dec Gewerbeordnung seine Fort- schurg Es handelt sich bei diesen Anträgen um eine Milderung der Vereins- aesetze gegenüber solchen Vereinen, die sich behufs Erreichung besserer Arbeit«- Bedingungen bilde:: und um die Bestrafung der sog. Verrufserklärungen. Seitens der Socialdemokralen vertrat Abg. Kayser die Anträge in seiner bekannten agitatorischen Weise, wobei es auch an kräftigen Ausfällen gegen den deutschen und speciell den sächsischen Richterstand nicht fehlte, die vom Präsidenten gerügt und vom sächstscben Bimresbevollmächügten Held zurückgewiesen wurden. Im weiteren Verlaufe der Verhandlungen erklärte stch conservativerseitS Abo. Ackermann entschieden gegen die Anträge, während dieselben seitens des frei- sinnigen Abg. Schrader eine im Allgemeinen woblwollende Beurtheilung sanden. Namens der Nationalliberalen plaivirte Abg. Struckmann für Commisstons- berathung, das Gleiche that Namens des Centrums Dr. Lieber und schließlich wurden denn auch die Anträge einer besonderen Commisston überwiesen.
In München ist eine deutsch.nationale Kunstgewerbe - Ausstellung projectirt, nnd zwar soll dieselbe mit Der für das Jahr 1888 daselbst in Aussicht genommenen internationalen Kunstausstellung verbunden werden. — In Karlsruhe ist ein französischer Officier verhaftet worden, bei welchem wichtige militärische Aufzeichnungen über die Festung Rastatt gesunden worden sein sollen. _______________________________
Nr. 296 Dritte» Blatt
Gießener Anzeiger
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