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Vortrag.
4. November 1886,
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Beilage ;u Mr. 270 des „Eichener Anzeiger".
Politifcbe ttebetff»t,
Gießen, 18. November.
Der Reichskanzler Fürst Bismarck hat am Montag Nachmittag mit seiner Gemahlin Berlin wieder verlosten und sich nach Friedrichsruhe begeben, nachdem der Kanzler am Vormittag des genannten Tages noch vom Kaiser in längerer Audienz empfangen worden war. Der Aufenthalt des leitenden Staatsmannes in der Reichshauptstadt ist demnach nur ein sehr kurzer gewesen und muß es nunmehr bezweifelt werden, ob Fürst Bismarck bei der Reichstags- Eröffnung zugegen sein wird, er hätte sonst wohl schwerlich so kurz vor diesem Zeitpunkte noch die Reise nach Friedrichsruhe angetreten. Aus der Wiederabreise des Kanzlers aus der Reichshauptstadt darf man den Schluß ziehen, daß die Weltlage keinen Anlaß zu besonderen Befürchtungen giebt und daß daher auch von der bulgarischen Frage keine europäischen Verwickelungen zu besorgen find, andernfalls wäre der leitende Staatsmann jedenfalls am Centralpunkt der politischen Geschäfte geblieben.
Am Dienstag hat in Schwerin die Vermählung des Majors Prinz Neuß Heinrich XVIII., Flügeladjutant unseres Kaisers, mit der Herzogin Charlotte von Mecklenburg-Schwerin stattgesunden. Unter den Hochzeitsgästen befanden sich der deutsche Kronprinz, Prinz Heinrich von Preußen, Großfürst Wladimir von Rußland und Gemahlin, Prinz und Prinzessin Albrecht von Preußen, der Erbprinz und die Erbprinzessin von Meiningen und andere fürstliche Persönlichkeiten.
Der Reichshaushalts-Etat für das Jahr 1887/88 liegt endlich in seiner Gesammtheit vor. Derselbe balancirt mit 750,936.465 «A die fortdauernden Ausgaben belaufen sich aus 631,345,194 JL, die einmaligen Ausgaben aus 119,601,691 Die Einnahmen sind veranschlagt bei den Zöllen und Verbrauchssteuern aus ^92,673,000 JL, bei den Reichsstempel- Abgaben auf 27.886,000 JL, bei Post und Telegraphie auf 29,452,783 JL rc. Von dem nach dem Etatsentwurs durch die Ausnahme einer Anleihe zu deckenden Bedarf bildet der Theil, zu besten Beschaffung im Kreditwege gesetzliche Ermächtigung noch nicht ertheilt ist, wiederum den Gegenstand eines besonderen Anleihegesetzes. EL sind dies weitere Raten für außerordentliche Bedürfniste des Neichsheeres, der Marine und der Reichs - Eisenbahnen mit zusammen 38,704,675 «M. Die Gesammt-AuSgaben übersteigen diejenigen des Vorjahres um 53 554,816 JL. und zwar entfallen 10,134,201 JL auf die fortlaufenden und 43.554,816 auf die einmaligen Ausgaben. Es werden bei den Ausgaben durchlaufender Posten die einmaligen durch außerordentliche Einnahmen und die deckbaren Ausgaben abgezogen, sowie die Einnahmen, welche aus den Zöllen, den Tabaksteuern und den Stempelsteuern an die Bundesstaaten gelangen. So beziffern sich die fortdauernden Ausgaben auf 455,732.096 die einmaligen auf 46,731,628 zusammen also aus 502,463,724 v4L, was gegen das Vorjahr ein Mehr von 32,977,959 JL bedeutet.
Der Entwurf eines neuen kirchenpolitischen Gesetzes für Preußen soll in den nächsten Tagen der römischen Cardinals-Congregation für kirchenpolitische Angelegenheiten zugehen. In dem Entwürfe wird dem Vernehmen nach die Jesuitenfrage nicht berührt.
Die Monstre-Processe vor dem Cottbuser Landgerichte gegen die Theilnehmer und Anstifter der Spremberger Pöbelexceffe vom vergangenen Frühjahre haben nunmehr durch die Verurtheilung auch der Rädelsführer zu kürzeren oder längeren Freiheitsstrafen ihren Abschluß gesunden. Die tun beendigten gerichtlichen Verhandlungen ließen wieder einmal den Einfluß erkennen, den die Agitatoren und Emtffäre der Umsturzpartei aus breite
Volksschichten fortgesetzt ausüben und daß dieser Einfluß säst immer dahin ausgeübt wird, die Masten gegen di; bestehenden gesetzlichen Einrichtungen und gegen die Polizeiorgane auszuregen, bewiesen eben leider auch die Vorgänge in Spremberg. Hoffentlich werden die zum Theil empfindlichen Strafen, welche die Theilnehmer wie die Rädelsführer bei den Exceffen betroffen haben, den Einsichtsvolleren unter der arbeitenden Bevölkerung einmal die Augen über das Treiben der socialdemokratischen Hetzapostel öffnen! Was die Verhaftungen anbelangt, die unter der socialdemokratischen Partei in Frankfurt a. M. vorgenommen worden sind, so sind hierüber noch keine ausklärenden Meldungen eingelausen; es scheint aber doch, als ob es sich hierbei um bedenkliche Anschläge der Umsturzpartei handelt.
Die Erklärungen, welche Gras Kalnoky in der ungarischen Delegation über die allgemeine Lage abgegeben hat, beherrschen noch fortgesetzt die öffentliche Meinung Europas. Die Rede des österreichischen Staatsmannes liegt nunmehr in ihrem vollen Wortlaute vor, aber derselbe bestätigt nur den Eindruck, den schon die telegraphischen Auszüge der Rede allenthalben machten. Dieser Eindruck gipfelt darin, daß man überall in Europa — abgesehen von der feindseligen Kritik, welche die russische Presse ausübt — in den Ausführungen Kalnoky's eine friedliche Kundgebung erblickt, die indeffen gleichwohl den Entschluß Oesterreich-Ungarns durchblicken läßt, im Verein mit England und Italien einem etwaigen aggressiven Vorgehen Rußlands in Bulgarien entschieden entgegenzutreten und diese entschiedene Sprache mag vielleicht in Petersburg verletzt haben. Von hohem Werths sind die dem Verhältniffe zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn gewidmeten Bemerkungen Kalnoky's, welche in klarster Weise den Charakter des deutsch-österreichischen Bündnisses dahin präcisiren, daß dasselbe nicht zum Schutze der besonderen Jntereffen jedes der beiden Mächte, wohl aber zur Wahrung der ihnen gemeinsamen Interessen geschlossen sei. Mit Genugthuung ersährt man, daß dieses Bündniß nach wie vor unerschütterlich weiterbestehe und seine fortgesetzte Tendenz erhellt genügend aus den Worten des Ministers, daß Fürst Bismarck wiederum eine segensreiche Thätigkeit zur Erhaltung des Weltfriedens auch in der bulgarischen Angelegenheit entfaltet habe. Noch in der Samstags-Sitzung des ungarischen Delegations-Ausschusses knüpfte sich an verschiedene Punkte der Kalnoky'schen Darlegungen eine lebhafte Debatte, die am letzten Dienstage fortgesetzt worden ist.
Der unter dem belgischen Protectorate stehende noch so junge Congostaat scheint mit immer größeren Schwierigkeiten kämpfen zu müssen. Die Araberstämme am oberen Congo, fanatische Mobamedaner, sind jetzt offen gegen den Congostaat aufgetreten und haben die Feindseligkeiten der Araber bereits zur Räumung der wichtigen Station Stanley-Fälle seitens der Regierung des Congostaates geführt. Zugleich wird vom oberen Congo der Tod des der Station Stanley-Fälle zugelheilten Lieutenant- Dubois gemeldet und verlautet, daß Dubois bei dem fluchtähnlichen Rückzüge der Besatzung im Flusse ertrunken sei.
In Rumänien haben soeben die Municipalwahlen stattgesunden, deren Ausgang jedoch noch nicht bekannt ist. Seitens der vereinigten Opposition wird in einem Manifest der Regierung vorgeworfen, daß sie die Freiheit der Wahl beeinträchtigt habe, es scheinen bie Oppositionsparteien demnach eine Niederlage erlitten zu haben.
Die serbische Skupschtina ist am Sonntag vom König Mllan mittelst Thronrede geschloffen worden- Dieselbe spricht die Befriedigung des Königs über die Votirung der finanziellen Reformen, sowie seinen Dank für die aus militärischem, öconomischem und culturellem Gebiete vollbrachten gesetzgeberischen Arbeiten aus. ____
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