Ausgabe 
19.9.1886 Zweites Blatt
 
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JWr. 218 Swettes Blatt Sonntag den 19. September 1886.

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit torenc^me deS MontagK.

Drnwtnrr Schulstraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mN Vttntzsrlohn.

Durch die Post Kezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Alle« aus. um den unheimlichen astatischen Gast am lleberschreiten der ungari­schen Grenze zu verhindern. Eine neuere osficielle Meldung aus Pesth vom Mittwoch Abend besagt allerdings, daß bisher in Pesth keine Fälle astatischer Cholera, sondern nur von Cholera nostras constatirt worden seien; immerhin bleibt die Thatsache von dem Auftreten der Cholera in der ungarischen Haupt­stadt bestehen. Vom Statthalter von Nieder-Oesterreich ist mit Rücksicht aus das Austreten der Cholera in Buda-Pesth der LandeS-Sanitätürath schleunigst nach Wien einberusen worden, um über geeignete, der Bevölkerung bekannt zu gebende Vorsichtsmaßregeln zu berathen. Auch der oberste Sanitätsrath der Monarchie ist zusammengetreten. Der Gesundheitszustand in Wien selbst wird als durchaus befriedigend bezeichnet.

Die Frage der Entsendung eines päpstlichen Nuntius nach China schwebt noch immer zwischen der französischen Regierung und dem Vatican. Die PariserDefense", ein clericales Blatt, weiß zu melden, daß der Papst in Folge vielfacher Fragen praktischer Natur, dann auch in Berücksichtigung gewisser Wünsche und Befürchtungen der französischen Katho­liken, sowie der neuerdings aus China eingegangenen Nachrichten beschlossen habe, die Absendung eines außerordentlichen Legaten nach Peking zu ver­schieben. Nach der ganzen Haltung des Vattcans in dieser Angelegenheit zu schließen, ist aber nicht daran zu zweifeln, daß man im Vatican früher oder später auf dieselbe zurückkommen wird. Präsident Grevy hat die wegen Aufreizung zu dem Strike in Decazeville verurtheilten Journalisten, Ducquercy und Roche begnadigt schade, schade!

1500 Mann italienischer Truppen sollen demnächst nach dem Rothen Meere abgehen. Es bedeutet dies jedoch keineswegs einen neuen Schritt in der Colonialpolitik Italiens, etwa die Besetzung Suakins oder anderer Punkte am Rothen Meere, sondern die Truppen sind, wie die officiöse Jtalie" versichert, nur zur Ablösung der zur Entlassung kommenden Mann­schaften in Maffowah u. s. w. bestimmt.

Der spanische Telegraph meldet, daß der wegen Unbotmäßig- keit gegen die Königin - Regentin Christine in Mahon internirte Herzog von Sevilla, bekanntlich ein Verwandter des spanischen Königshauses, auf einem nach Cette (Südfrankreich) abgehenden französischen Kauffahrer entflohen sei. Wahrscheinlich wird nun der Herzog vom Auslande her gegen seine königliche Verwandte und gegen das Ministerium Sagasta nach Kräften intriguiren.

Die russischen Truppen - Manöver bei Brest-Litowsk haben mit der am Dienstag bei dem Dorfe Schestakows stattgefundenen großen Parade von 67,000 Mann vor dem Kaiserpaare ihr Ende erreicht. Die kaiserlichen Majestäten reisten alsdann nach Liubsch ab, wo in den dortigen großen Forsten der Czar noch einige Tage jagen will.

Zur bulgarischen Angelegenheit liegt in dieser Woche nicht viel Neues vor. Die Sobranje in Sofia scheint mit ihren Verhandlungen nicht vom Fleck zu kommen. Der russische General v. Kaulbars, Militär- attachs bei der Botschaft in Wien, ist zum diplomatischen Agenten Rußlands in Sofia ernannt worden und bereits auf feinen neuen Posten abgereist. Die Ernennung Kaulbar's bedeutet den Beginn der Wiederunterstellung Bulgariens unter russischen Einfluß. Schließlich ist noch zu erwähnen, daß das Gerücht, Rumänien, Serbien und Bulgarien würden sich zu einer Union vereinigen, unter Erhebung des Königs Milan von Serbien auf den bulgarischen Thron von Bukarester halbamtlicher Seite aus dementirt wird. Das Gerücht klingt aber schon an und für sich so unglaubhaft, daß es dieses osficiellen Dementis kaum erst bedurft hätte.

Wochen - Ueberficht.

Gießen, 18. September.

Nicht nur Straßburg und da» Elsaß, sondern ganz Deutschland hat diesmal seine Kaiserwoche gehabt und wenn auch Altdeutschland nur im Geiste an den brausenden Huldigungen theilnehmen konnte, welche dem erhabenen Schirmherrn de» Reiche» seit seinem Verweilen im Elsaß Tag sür Tag von allen Kreisen und Klassen der Bevölkerung dargebracht worden sind, so haben diese Huldigungen doch auch in den entferntesten Gauen de« Reiches ein freudi­ges Echo gefunden. Nichts beweist mehr, welche Fortschritte die moralische Rückgewinnung d-r neuen Provinzen in den letzten Jahren gemacht hat, als diese aus der innersten Volksseele kommende Begrüßung, welche dem Kaiser bei seinem nun drttten Besuche in der Hauptstadt de» Elsaffe» von den dichtge­drängten, festlich gekleideten und festlich erregten Massen der Bevölkerung zu Theil geworden ist und ihm noch immer widerfährt. Diese spontanen Kund­gebungen von Liebe, Anhänglichkeit und begeisterter Verehrung, welche dem greisen Monarchen aus reichsländischem Boden entgegengebracht wurden, sind der sicherste Gradmesser sür die mächtige Fortentwickelung deutscher Gesinnung, deutschen Geistes, deutschen Wesens in der jüngsten Grenzmark des Reiches. Um alle Einzelheiten des durchaus farbenprächtigen Blldes, als welches sich dis Kaisertage im Elsaß darstellen, hier wiederzugeben, bedürfte es langer Berichte und müssen wir deshalb in dieser Beziehung auf die spaltenlangen Schilderungen der großen Blätter verweisen; an dieser Stelle kann nur nochmal» betont wer­den, daß die heurigen Kaisertage im Elsaß an äußerem Glanze und innerer Bedeutung von keinem ihrer Vorgänger erreicht worden sind, selbst die alten Provinzen nicht ausgenommen.

Der Kaiser, welcher sich durch die Anstrengungen, die der Dienstag sür ihn brachte Besichtigung des Münsters, Empfang der Corporationen von Straßburg, Entgegennahme der Huldigung der Landleute au» Straßburg» Um­gegend u. s. w. etwas angegriffen fühlte, wohnte deshalb dem am Mittwoch bei Dettweiler stattgefundenen Feldmanöver de» 15. Armee-Corp» nicht bei und ließ sich durch den Kronprinzen vertreten. Indessen giebt da» Befinden de» Kaisers zu keinerlei Bedenken Anlaß und unternahm er noch am Dienstag Abend eine Spaziersahrt. Am Dienstag Nachmittag fand in den Räumen de» Straßburger OfficierS'Kasino großes Galadiner statt, bei welchem der deutsche Kronprinz aus das Wohl Elsaß-Lothringen» und der Stadt Straßburg trank; der Kronprinz gab hierbei der hohen Genugthuung der kaiserlichen Majestäten Äber den ihnen bereiteten herzlichen Empfang Ausdruck und wünschte, daß in den Reichslanden sich immer mehr die Erkenntniß befestigen möge, wie sehr dem Kaiser und seiner Regierung das Blühen und Gedeihen dieser schönen Provinzen dm Herzen liege.

Al» ein bedeutsamer Moment aus dem kaiserlichen Besuche in Straßburg ist die Ansprache hervorzuheben, welche der Kaiser am Dienstag beim Empfang der Mitglieder des Straßburger Gemeinderathe» an dieselben richtete und in der er seiner Freude über die Fortschritte der Stadt Straßburg, über die Wiedereinsetzung de» Gemeinderathes und über den ihm bereiteten Empfang Ausdruck verlieh. ,

Der am Donnerstag erfolgte Zusammentritt de» Reichs- tage» zu einer außergewöhnlichen Session, der dieBerathung de» verlängerten deutsch-spanischen Handelsvertrages zur Grundlage dient, bildet seit Wochen da­hauptsächlichste Ereigniß, ja, man kann eigentlich sagen, da» einzige Ereigniß aus innerpolitischem Gebiete. Die anfänglich gehegte Befürchtung, daß die Reichsboten die Session durch die angekündigten Excurflonen aus dem Felde der auswärtigen Angelegenheiten speciell der bulgarischen Frage - unnöthig verlängern könnten, dürste schon dadurch al» hinsällig betrachtet werden, daß der Reichskanzler den parlamentarischen Verhandlungen fern geblieben ist und in Varzin die nachsommerliche Siesta hält.

In Berlin fand am Dienstag unter zahlreicher Betheiligung das Leich enb eg ä n gniß des freisinnigen Reichs- und Landtags - Abgeordneten Ludwig Löwe statt. Fern von der deutschen Heimath, an der Niger­mündung, verschied unerwartet der Asrikareisende Flegel, wa» sür die deutsche Wissenschaft namenllich in geographischer und etnographischer Hinsicht einen schweren Verlust bedeutet.

Eine böse Kunde kommt au» dem Lande der Stesanskrone: In Pesth und Raab haben sich fünf Cholerafälle mit tödtlichem Ausgange ereignet und soll e» sich hierbei um die echte, asiatische Cholera handeln, wenigstens nach den sofort von Professor Bale» vorgenommenen chemischen Untersuchungen. Privatberichte wissen sogar von 20 Cholerasällen, darunter angeblich 10 mit tödllichem Ausgange, zu erzählen. In Pesth ift der städtische Sanität»-Aus- schuß al» Epidemie-Commission in Permanenz erklärt worden, alle nöthigen Vor­kehrungen wurden angeordnet, der Volksschulunterricht ist eingestellt, der Unter­richt an den Bürgerschulen aus die Hälfte eingeschränkt worden; auch der Reichstag soll vertagt werden. Nachdem man die Epidemie in Fiume und Triest schon al» beinahe erloschen betrachten konnte, hat sie nun von dem Küsten­gebiete einen plötzlichen großen Sprung nach dem nördlichen Ungarn gemacht und sich hier, in Raab und Pesth, an der großen Verkehrsstraße der Donau niedergelassen. In verstärktem Maße bedroht die Cholera von hier au» Mittel- Europa und sehr nahe liegt die Gefahr, daß die Seuche bei dem überaus leb­haften Verkehr zwischen Pesth und Wien zunächst nach der Kaiserstadt an der Donau verschleppt werden wird. Hoffentlich bieten die österreichischen Behörden

Mainz, 15. September. Heute Nachmittag gegen 6 Uhr wurde in der Bahn­hofstraße einem 13-14jährigen Jungen durch einen Straßenbahnwagen daZ eine Bein abgefahren. Soviel man hört, lief der Junge in die Straßenbahn förmlich hinein, so daß der Kutscher nicht in der Lage war, auf der geneigten Straße den vollbesetzten, an sich schon schweren offenen Wagen zeitig genug zum Stillstand zu brinaen. Die Untersuchung muß weiteres ergeben. Bei dem vielfachen Unfug, welchen die hiesige Straßenjugend in den Straßenbahngeleisen treibt, ist eS aber ein wahres Wunder zu nennen, daß nicht mehr Unfälle sich ereignen. Ist es doch noch letzter Tage in der Neuthorstraße vorgekommen, daß Jungen in der Neuthorstraße keine 20 Schritte vor der herankommenden Pferdebahn den Kopf auf die Schieuen gelegt haben!

Berlin, 14. September. Nach der neuen, in letzter Zett vielbesprochenen Feld- dicnstordnung, welche zufolge kriegsmtnisterieller Verfügung versuchsweise bet den Truppen unserer Armee mit der Anordnung eingeführt worden ist, nach berieroen oe- rcits während der diesjährigen Herbstübungen zu »erfahren, sollen die auf Vorposten befindlichen Truppentheile, welche bisher stets biwakierten, nunmehr je nach Umstanden bisweilen auch in Ortschaften, Gehöften u. s. w. Unterkommen sinden. Die ft Unter­bringung der gedachten Truppen soll jedoch nicht etwa eine ordnungsmäßige Ein­quartierung sein, sondern hat lediglich den Zweck, die Truppen zu ^rer Schwnung, z. B. bei schlechter Witterung, unbeschadet der nothwendigevi Wachsamkeit und Schlag­fertigkeit derselben, unter Dach und Fach zu bringen.

Art der Unterkunft weitere, außergewöhnliche Kosten nicht entstehen, die Bedurfniffe an Lebensmitteln rc. sind, wie fonst, von den betrchenden Trupperl - Eommandos zu beziehen, !ämd die Truppenbefehlshaber haben durch private Abmachungen mit den Gemeindevorständen, bezw. Hofbesitzern rc., die kostenfreie Beherbergung der Truppen sicherzustellen. Die letzteren Vorschriften können sich selbstverständlich nur auf Ahdens. Verhältnisse beziehen; in Feindesland, wo naturgemäß eine Entschädigung für Unter­kunft der Truppen nicht geleistet wird, werden die Vorpostentruppen erforderlichenfalls ohne Weiteres in den vorhandenen gedeckten Raumen unftr Beobachtung der noth wendigen Sicherheitsmaßregeln untergebracht. Daß die Gefechtsbereitschaft der Truppen