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Nr. 115 Mittwoch de!r 19. Mat L888

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Betreffend: Aufsicht über das Faffelvieh. Gießen, am 18. Mai 1886.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an -ie Großherzoglichen Bürgermeistereien der nachbenannten Orte.

Die Besichtigung der Gemeinde-Zuchtstiere und -Zuchteber durch die für Ihren Bezirk von dem landwirthschastlichen Bezirksverein gewählte Commission wird an folgenden Tagen stattstnden:

Mittwoch den 19. I. M. in Weitershain, Rüddingshauser, Odenhausen, Kesselbach, Londorf, Allertshausen, Climbach und Geilshausen.

Donner-tag den 20. L M. in Weickartshain, Stockhausen, Stangenrod, Lumda, Beltershain, Reinhardshain und Grünberg.

Freitag den 21. l. M. in Lauter, Queckborn, Harbach, Liudenstruth, Saasen und Göbelnrod.

Sie wollen die Bullen- und Eberhalter anweisen, zur fraglichen Zeit zu Hause zu bleiben und die Thiere der Commission bei deren Eintreffen vor­zuführen, auch sich selbst bereit halten, um etwa verlangt werdende Auskunft zu ertheilen.

Weiter empfehlen wir Ihnen, die Mitglieder des Vereins zur Züchtung und Veredelung der reinen Vogelsberger Rindviehraffe, oder solche, welche diesem Vereine beitreten wollen, davon in Kenntniß zu setzen, daß auch Kühe, welche zur Züchtung dieser Rasse verwendet werden sollen, der Commission zur Besichtigung vorgeführt werden können.

Dr. Boekmann.

Bekanntmachung.

Herr Hofgärtner Noack aus Darmstadt wird feinen letzten Dortrag über Obstbaumzucht und Obstverwerthung in Lang-GönS Sonntag den 23. Mai, Nachmittags 3 Uhr, in der Rompf'schen Restauration am Bahnhose halten.

Alle Mitglieder des landwirthschastlichen Vereins, sowie alle Freunde der Landwirthschaft werden hiermit zu diesem Vorträge eingeladen.

Gießen, den 17. Mai 1886. Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen.

Nover.

Gießen, den 17. Mai 1886.

Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen

an die Herren Bürgermeister deS Kreises.

Ich ersuche Sie, vorstehende Bekanntmachung zur Kenntniß Ihrer Germ'ndeangehörigen zu bringen und dieselben auf diesen lehrreichen Vortrag noch besonders aufmerksam zu machen. Nover.

Politische Ueberficht.

Gießen, 18. Mai.

Durch die Wiederaufnahme der Verhandlungen desReichs- tages ist in die Angelegenheiten unserer inneren Politik ein frischer Zug ge­kommen. Wie schon erwähnt wurde, wird sich der Reichstag schon in seinen nächsten Sitzungen mit der Reform der Zucker- und Branntweinsteuer beschäf­tigen, welche wrrthschaftlich und finanziell von dringender Nothwendigkeit ist, die aber auch in den Kreisen der Jntereffenten keine geringe Erregung verursacht. Bezüglich der Zuckersteuer sollen die Ausfuhr-Bonifikationen, welche die Zucker- Ueberproduction zum Theil mit verschuldet haben, ermäßigt und die ganze Zucker­besteuerung überhaupt auf eine gesündere Grundlage gestellt werden. Der Bundesrath hat in dieser Richtung bereits einen neuen Gesetzentwurf genehmigt und die frühere Vorlage des Reichstages abgelehnt. Hinsichtlich der Brannt- wembesteuerung nimmt man an, daß der Bundesrath sich dem Anträge Preußens im Principe anschließen wird, wenn er auch vielleicht den Vorschlag Preußens, die Spiritussteuer auf 120 <X. pro Hectoliter zu erhöhen, einer Aenderung insofern unterziehen dürste, daß er den Zollsatz von 120 «X auf 100 her­absetzt, da in vielen Kreisen 120 <X Steuer für einen Hectoliter reinen Spiritus doch als zu hoch gegriffen erachtet wird.

Die preußische Regierung hat mit dem deutschen Colonisations- werke in ihren polnischen Landestheilen einen praktischen Anfang gemacht. Im Bezirke Vosen wurde das Rittergut Komorowo im Subhastations-Termin vvm Fiskus zu Colonisationszwecken gekauft. Das Gut ist 300 Hektar groß.

Nach einem Beschlüsse des preußischen Ministeriums hat der sog. kleine Belagerungszustand, welcher auf Grund des Socialtstengesetzes über Berlin und Umgebung verhängt ist und der sich bisher auf das Verbot des Waffentragens und der Ausweisung socialistischer Agitatoren beschränkte, dadurch eine Verschärfung erfahren, daß alle politischen Versammlungen einer schriftlichen zwei Tage vorher einzuholenden polizeilichen Genehmigung bedürfen.

Aus München wird berichtet, daß die Kammer der Reichsräthe den Gesetzentwurf, betr. die Verlegung der Militär-Bildungsanstalten aus das Marsfeld nach dem Beschlüsse der Abgeordneten annahm. Ueber den Antrag Loden betreffs Einführung einer staatlichen Mobiliar-Brandversicherung wurde dagegen mit allen gegen 5 Stimmen zur Tagesordnung übergegangen.

Zwischen Oesterreich und Rumänien ist ein nicht unbedenklicher Conflict im Anzuge. In einer Sitzung des österreichischen Zollausschusses be­stätigte der interimistische Leiter des Handelsministeriums Freiherr v. Paßwald das Scheitern der Verhandlungen mit Rumänien und erklärte, daß nicht wirth- schastliche Momente allein die Haltung Rumäniens beeinflußten. Der Vertreter der Regierung sagte, wenn Oesterreich-Ungarn genöthigt sei, einen Zollkrieg mit Rumänien zu führen, so sei derselbe nicht Endzweck, sondern nur Mittel, um zu einer baldigen Umkehr zu gelangen; wenn die Regierung in dieser Situation Ängstlichkeit zeige und den Anschein erwecken würde, daß das Land einzelner Rohstoffe Rumäniens bedürfe, würde die Position der Regierung geschädigt werden.

Es muß in Deutschland allmälig immer mehr aussallen, daß französische Blätter sich fortwährend mit Vergleichungen der wirthschast- lichen Lage Frankreichs und Deutschlands beschäftigen und dabei fast immer zu dem Schluffe kommen, daß Deutschland wirthschaftlich jetzt günstiger dastehe, als Frankreich. So brachte jetzt wieder die angesehenste Zeitung Frankreichs, die Mpublique sranyaise", einen größeren Artikel, der ausführte, daß die deutsche Concurrenz, Dank der Rührigkeit der deutschen Fabrikanten und Kaufleute und der billigen Rohproducte und niedrigen Arbeitslöhne, auf dem ganzen Weltmärkte siegreich fei und selbst zum Theil die Engländer aus dem Felde schlage. Nach diesem Bericht wird als Thatsache constatirt, daß der deutsche Export innerhalb 10 Jahren sich um 800 Millionen vermehrt habe, während die Importe um die Hälfte dieses Betrages zurückgegangen sind. Aus dieser Beobachtung wirb gefolgert, es sei einleuchtend, daß hierin der Beweis einersehr reellen Pro­sperität" Deutschlands liege, welche theilweise aus unsere, d. h. Frankreichs, Kosten errungen worden sei.

Die belgische zweite Kammer hat die von der Regierung zu socia­len Zwecken verlangten außerordentlichen Hülfsmittel, sowie die Million Franken bewilligt, aus der den bei den letzten Unruhen zu Schaden gekommenen Fabrik­besitzern Vorschuß auf 5 Jahre gewährt werden soll.

Obwohl die tatsächliche Unterwerfung Griechenland- unter den Willen der Großmächte noch nicht stattgefunden hat, so dürfte sie doch nur eine Frage der nächsten Tage sein. Nach dem Sturze de- unglück­seligen Cabinets Delyannis ist es der Wunsch des neuen griechischen Ministe­riums unter Volvis vor Inangriffnahme des Abrüstungswerkes sich der Zu­stimmung der Kammer zu versichern, so ist vor allem Anderen die Einberufung der letzteren beschlossen, und zwar bereits zum nächsten Mittwoch. In Ansehung der friedfertigen Tendenzen des jetzigen Cabinets dürfte das Gesuch der griechi­schen Regierung an die Commandirenden des Blokade-Geschwaders, die Deputaten von den Inseln und von den Küstenorten ungehindert nach Athen reisen zu lassen, wohl seiner unbeanstandeten Erfüllung gewiß sein- Der Rückmarsch eine- Theils der nach dem Norden dirigirten Truppen, sowie die Aushebung der Pferde- und Maulthierkäufe durch den Kriegsminister beweist auch, daß es der jetzigen griechischen Regierung mit der Abrüstung Ernst ist.

Nachrichten aus New-Aork und Chicago melden, daß die ame­rikanischen Behörden in Folge der anarchistischen Revolutionen jetzt die Strenge des Gesetzes gegen alle der Verhetzung der Arbeiter verdächtigen Socialisten an­wenden und eine Anzahl derselben, darunter auch den berüchtigten Johann Most, in Anklagezustand versetzt haben.

Aeutschland.

Darmstadt, 14. Mai. sZweite Kammer der Stände.I Herr Abg. Ohly er­stattete soeben den Bericht des zweiten Ausschusses über die Vorlage Grotzherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, die Unterbringung jugendlicher Uebelthäter und verwahrloster Kinder betreffend. Der Bericht gibt zunächst die Vorgeschichte des Gesetzentwurfs aus den Verhandlungen .der Hessischen Ständekammern, berührt die bezüglichen Anträge Schröder und Böhm und die späteren Interpellationen der Ab-