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Die Insinuation, als verkauften die Abgeordneten durch die Annahme der Diäten ihre Aeberzeugung, sct eine Infamie. Wie könne das Kanzlerblatt einen derartigen Vorwurf erheben? Mit demselben Rechte könne man dem Fürsten Bismarck vorwerfen, erhöbe sich durch seine Dotation oder durch die Börsenfürsten und Schlotbarone bestechen -lassen. Die Socialdemokrateir könnten, wenn sie von den Arbeitern deren Pfennige annähmen, stolzer sein, als andere Leute auf ihre Spende, denn es läge doch keine Vorspiegelung vor.

Abg. v. Kardorff (Reichspartei) erklärte, seine Partei werde, wie immer, auch diesmal gegen den Antrag stimmen.

Abg. vr. Meyer-Halle (dfr.) conftatirte, daß seine Freunde diesmal keinen Antrag eingebracht, weil sie erst den Ausfall der Diätenprocesse hätten abwarten wollen. Seine Partei halte jedoch auch heute die Diäten für etwas Notwendiges und werde, da der Antrag einmal eingebracht sei, für denselben stimmen.

Der Antrag wurde darauf in seinen einzelnen Paragraphen ohne weitere Debatte gegen die Stimmen der Deutschconseroativen, Freiconservativen und des größten Theils der Nationalliberalen angenommen.

Nächste Sitzung Donnerstag. Socialistcngesetz.

Telegraphisch; Depesche«.

Wolff'S LeLegr. Earrespondenz«Bnrea«.

Berlin, 17. Februar. Der Kaiser und die Kaiserin empfingen Nachmittags den Fürsten von Montenegro, welcher hierauf auch vom Kronprinzen und der Kron­prinzessin empfangen wurde. Zu Ehren des Fürsten findet Abends bei dem Kaiserpaar -eine große Theegesellschaft statt.

Die Zuckersteuer-Commission beschloß einstimmig, steuerfreie Läger zu ver­langen, wogegen sich der Regierungsoertreter ablehnend verhielt, lieber die Bei­behaltung der bisherigen sechsmonatlichen Steuercreditftist herrschte in der Commission keine Meinungsverschiedenheit.

Das Abgeordnetenhaus nahm in erster und zweiter Lesung den Antrag Kräh an, betreffend die Ausdehnung der Gesetze über den Aboerkauf kleinerer Grund­stücke auf Schleswig - Holstein, und verwies den Antrag Kropatscheck, betreffend die Gleichstellung der Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Lehranstalten mit denen unter staatlichem Patronat an eine besondere 21gliederige Commission.

Dresden, 17. Februar. Die zweite Kammer genehmigte zum Bau der neuen Kunstakademie und eines Kunstausstellungsgebäudes in Dresden als zweite Rate des gesammten Bauaufwandes von 2,900,000 X noch 1,300,000 X.

Wien, 17. Februar. Abgeordnetenhaus. Die Regierung brachte heute ein Landsturmgesetz für die österreichischen Länder mit Ausnahme Tyrols und Boral- bergs ein.

Paris, 17. Februar. Der Municipalrath beschloß, sich bei der Regierung für eine internationale Ausstellung im Jahre 1889 auszusprechen.

Die letzten Nachrichten aus Corsica lassen es ungewiß, ob Gavini gewählt worden oder eine Stichwahl erforderlich ist.

London, 17. Februar. In einem Artikel über die griechische Frage sagte die Daily News", daß das britische Cabinet sich nach reiflicher Erwägung dahin ent­schieden habe, daß ein Krieg zwischen Griechenland und der Türkei gegenwärtig nicht zuzulassen sei. In beiden Häusern des Parlaments werde die Regierung morgen über die Verhältnisse in Osteuropa Erklärungen abgeben.

London, 17. Februar. DenDaily News" zufolge würde nach der Ankunft der zur Verstärkung des englischen Geschwaders in der Sudabai bestimmten zwei Kriegsschiffe alsbald mit den Operationen begonnen werden, um die griechische Flotte kampfunfähig zu machen.

Der neue englische Botschafter in Konstantinopel, Thornton, i|t heute früh auf seinen Posten abgereist.

Die socialistischen Führer Burns, Hyndman, Champion und Williams, er­schienen heute Vormittag vor dem Polizeigerichtshof in Bowstreet unter der An­schuldigung, am 8. ds. Mts. auf Trafalgar Square aufrührerische Reden gehalten zu haben, durch welche eine Menschenmenge zum Aufruhr und zum Straßenraub auf- gereizt wurde. Die Angeschuldigten beantragten die Vertagung der Verhandlung, weil sie noch nicht zur Verteidigung vorbereitet seien. Der Gerichtshof lehnte indeß die Vertagung ab und der Staatsanwalt beantragte, die Angeschuldigten wegen der oben erwähnten Anklagepunkte vor'die Assisen zu verweisen.

Die weitere Verhandlung in der Untersuchung gegen die Socialistenführer wurde auf acht Tage vertagt und die Angeklagten gegen Cautisu freigeloffen. Die Berichterstatter derTimes" legten Zeugniß ab über die von den Angeklagten gehaltenen aufrührerischen Reden.

Der Bürgermeister von Birmingham untersagte in einer Proklamation An­sammlungen in den Straßen nach Eintritt der Dunkelheit.

Liverpool, 17. Februar. Die Zahl der Arbeiter, welche bei dem Einsturz des für die Schifffahrts - Ausstellung errichteten Gebäudes verletzt worden sind, be­schränkt sich auf dreizehn, darunter drei schwer Verletzte. Getödtet wurde Niemand.

Bukarest, 17. Februar. In Folge eines Zwischenfalles in der Deputirten- kammer bei Berathung des Gesetzentwurfs, betr. die Nationalbank, gab Bratiano seine Entlassung. Die Majorität ersuchte Bratiano um Zurücknahme seiner Demission. Bratiano behielt sich eine Antwort vor. Der König berief die Präsidenten des Senats und der Kammer zur Besprechung der Sachlage.

Lokale-.

G. Gießen, 18. Februar. sSterblichkeit in Gießen.s Die Zahl der Todesfälle in unserer Stadt bezifferte sich während der Woche vom 7. bis 13. d. M. auf 9 im Ganzen. Es wurden 5 Kinder und 4 Erwachsene betroffen. Von 3 Kindern im ersten Lebensjahre starb eins an Darmentzündung, eins an Lungenschwindsucht, eins an all­gemeiner Abzehrung. Von 2 Kindern zwischen dem 2. und 15. Lebensjahre das eine an Gehirnentzündung, das andere von auswärts an Diphtherie. Bei den 4 er­wachsenen Personen war Todesursache: Lungenschwindsucht dreimal, organische Herz- krankbeit einmal.__________________________________

Vermischtes.

Darmstadt. Ein vor Kurzem Seitens der Landtagsabgeordneten Grünewald und Schade eingebrachter Antrag, die Großh. Negierung um Einleitung von Verhand- llungen mit Preußen wegen Ueberlasfung des Betriebs auf den Oberhessischen Eisen­

bahnen oder Verkaufs derselben an Letzteres zu ersuchen, scheint namentlich außerhalb unseres engeren Vaterlandes ein gewisses Aufsehen erregt und sogar zu einer Curs- steigerung für die Actieu der Hessischen Ludwigsbahn Anlaß gegeben zu haben. Wir glauben dem gegenüber darauf Hinweisen zu sollen, daß der Antrag allem Anscheine nach wesentlich lokalen Motiven entspringt, da er ohne specielle Begründung lediglich einem schon früher von den genannten beiden Abgeordneten gestellten Antrag wegen Erbauung einer Bahn von Hersseld nach Alsfeld mit Fortsetzung nach Kölbe als Zusatz nachträglich beigefügt worden ist. Wie sich die Kammer demnächst hierzu stellen werde, bleibt abzuwarten. Daß sowohl dem ursprünglichen als dem event. gestellten Zusatz-Ltntrage große Schwierigkeiten und mannigfache Bedenken entgegenstehen, werden sich die Antragsteller selbst nicht verhehlt haben. In den Kreisen unserer Abgeordneten ist übrigens die ganze Frage unseres Wissens überhaupt noch nicht, namentlich auch nicht während der letzten Sitzungsperiode der zweiten Kammer zur Sprache gekommen. (D. T. A.)

Mainz, 13. Februar. sAuch ein Reiseerlebnis Unter diesem Titel lesen wir imM. Tgbl." folgende Historie: Daß Jemand nicht mit der Eisenbahn fahren konnte, weil er fein Geld batte, ist wohl schon öfter dagewesen, daß aber Einer nicht mitfahren sollte, weil der Stationsverwalter nicht im Besitze des nöthigen Kleingeldes war, das scheint uns das Neueste zu Vein. Die Thatsacheu sind folgende: Ein junger Mann verlangte in B. gestern Abend ein Billet nach Mainz und wollte mit einem Zwanzigmarkstück zahlen, worauf ihm der dienstthuende Assistent erklärte,der Herr- Verwalter ist nicht da und ich kann Ihnen nicht herausgeben, also können Sie ein Billet nicht haben." Da der Herr Verwalter zum Abgang des Zuges nicht erschien, theilte der betreffende junge Mann dem Conducteur den Sachverhalt mit, unter dem natürlichen Verlangen, bis M. rnitfahren und dort ein Billet lösen zu können. Trotz­dem der Assistent die Angaben des jungen Mannes bestätigte, weigerte sich der Con­ducteur, unter Berufung auf seine Instruction, zunächst diesen überhaupt mitfahren zu lassen; auf energische Reclamationen einiger Mitreisenden ließ man ihn schließlich mir- fahren, doch mußte er in M. eine Mark Strafe bezahlen, weil der Vertreter des Ver­walters in B. kein Geld hatte. Begreiflicher Weise erhob der so merkwürdig behandelte Passagier in Mainz Beschwerde.

Hanau, 17. Februar. Am 24. Februar sind es hundert Jahre, daß Wilhelm Grimm, der große Forscher deutscher Sprache und deutschen Altcrthums und der herzgewinnende Märchenerzähler, in Hanau geboren wurde.

Der an alle Deutschen im Reiche und außerhalb desselben am 23. April 1884 ergangene Ausruf, den Brüdern Jakob und Wilhelm Grimm in ihrer Vaterstadt ein würdiges Denkmal zu errichten, ist nicht wirkungslos verhallt, von allen Seiten sind reichliche Gaben geflossen, die heute, wo der herannahende Säculartag Wilhelm Grimms uns wieder mahnt, der Brüder zu gedenken, das Unternehmen als gesichert erscheinen lassen. An Beiträgen für dasMrimm-Denkmal sind eingegangen: Aus Hanau selbst über 19,000 X, dazu 2 Jahresbeiträge des (auf 5 Jahre gegründeten) Grimm-Vereins 2800 X, von auswärtigen Gebern ca. 35,400 X; hierzu kommt noch durch Verzinsung und dergl. eine Summe von beinahe 3000 X

Diese Zahlen sprechen deutlich dafür, mit welchem Beifall die von Hanau aus gegebene Anregung von allen Deutschen aufgenommen ist, von welchem Erfolg der am 23. April 1884 ausgegangene National-Aufruf gekrönt worden ist. Freilich fordert die Herstellung eines Doppelstandbildes noch weitere Summen; jedoch wird das Grimm- Comitö in Hanau nicht länger anstehen, an 1he Ausführung des Denkmals zu geben,, in der gewissen Zuversicht, daß auch der Säculartag Wilhelm Grimms, gleich oem Jakobs am 4. Jauuar^l885, eine Mahnung sein wird an alle Deutsche, den Ehrensold zweien ihrer größten Söhne nun vollkommen darzubringen.

Schon ist in anderer Weise den Brüdern Grimm beim Heraunahen des hundert­jährigen Geburtstages Wilhelms ein Denkmal gestiftet: Professor Stengel in Marburg hat durch Herausgabe der Privat-Correspondenz der Brüder und einer Reihe noch nicht veröffentlichter Actenstücke über manche Abschnitte aus dem Leben beider Männer neue, interessante Aufschlüsse gegeben.

In Hanau selbst rüstet man sich, den 24. Februar in würdiger, insbesondere der Bedeutung Wilhelm Grimms angemessener Weise zu begehen. Seinem Wesen ent­sprechend wird das Fest populärer Art, vorwiegend für die Jugend bestimmt sein; sämmtliche Schulkinder werden in gemeinsamer (in der größten Kirche Hanaus zu ver­anstaltender) Feier auf die nationale Bedeutung Wilhelm Grimms durch eine Weihe­rede hingewiesen werden, woran sich eine feierliche Huldigung, dargebracht vor dem auf dem größten Platze Hanaus gelegenen, mit dem Medaillonbilde des Brüderpaares ge­schmückten Geburtshause der beiden Grimms anschließt.

Wir hoffen und wünschen, daß der Gedenktag Wilhelms hier und anderswo in gleich erhebender und segensreicher Weise begangen werde, wie vor einem Jahre an dem Geburtsfeste Jakobs der Festtag beider Brüder, zur Ehre und Freude nicht Hanaus allein und des Hessenlandes, sondern aller Deutschen nah und fern.

In einer Festungsstadt war die Sitte eingerissen, daß die Einwohner häufig ihre Wäsche auf dem Rasen der Wälle und Gräben bleichten, ohne dazu die Erlaubnis des jeweiligen Commandanten zu haben. Dieser wurde nun vor einiger Zeit versetzt. Sein Nachfolger mußte wohl anders über solche unerlaubte Bleicherei denken, denn er erließ kurz nach seinem Antritt ein Verbot dagegen. Wie ergrimmte aber der Gebieter, als wiederum eines Tages der Festungsgraben voller Wäsche lag. Sofort ließ er eine Abtheilung Soldaten kommen, diese mußten nach seinem Comurando sämmtliche Wendungen, langsamen Schritt rc. auf der feinen Wäsche ausführen. Als er noch im besten Exerciren ist, kommt sein Dienstmädchen schreiend und händeringend angeftürzt. Um Gotteswillen, Herr Major, was wird die gnädige Frau Majorin dazu sagen. Sie ruiniren ja unsere ganze Wäsche!" Und so war es. Der Herr Major hatte seine- eigene Wäsche als Exercierplatz für seine Soldaten benutzt. . . .

Handel und Verkehr.

Limburg, 17. Februar. Rother Weizen X 14.10, weißer Weizen X 60.00, Korn X 1010, Gerste X 8.10, Hafer X 6.45, Kartoffeln K 100 Pfund X 0.0t, Erbsen ä 100 Pfund X 00.00.

Altkatholischer Gottesdienst.

Sonntag den 21. Februar findet in der hiesigen Stadtkirche um 11 Uhr altkatholischer Gottesdienst statt.

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Allgemeiner Anzeiger.

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