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Nr. LS Dienstag den 19. Januar IS86

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Burt/ett: Gchulstraße 7.

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Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

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Amtlicher HHeil.

Brei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit BringerNH^ Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 5t) P».

Betresfend: Statistik der Bewegung der Bevölkerung pro 1885. Gießen, am 15. Januar 1886.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Gr otzh er; s glichen Bürgermeistereien des Kreises.

Wir sehen der alsbaldigen Einsendung der Register über die in 1885 vorgekommenen Zu- uud Wegzüge entgegen.

Dr. Boekmann.

Deutschland.

x Darmstadt, 16. Jan. Bei Berichterstattung über den Antrag der Abgg. Werth und Reinhart,dem Rehbock, ganz analog wie in Preußen, für die Monate März und April Schonzeit zu gewähren", hat stch der 4. Aus­schuß getheilt, indem die Mehrheit Annahme des Antrags empfiehlt, dagegen die Minderheit denselben abzulehnen bittet. Die Großh. Regierung hat bei even­tueller Annahme des Majoritäts-Antrags, im Jntereffe einer besseren Jagdpflege und um zugleich Uebeceinstrmmung mit der im Königreich Preußen geltenden bezüglichen Gesetzesbestimmung herbeizusühren, eine entsprechende Gesetzesvorlage in Aussicht gestellt.

Berlin, 16. Januar. Während die Unterhandlungen zwischen der Türkei und dem Fürsten von Bulgarien aus gutem Wege zu einem Verständniß zu fern scheinen, liegen noch immer keine sichern Anzeichen dasür vor, daß die Sache des Fürsten in Rußland erhebliche Fortschritte gemacht habe. Es wird zutreffen, was zu wiederholten Malen an dieser Stelle gesagt worden ist, näm­lich, daß die Regelung der ganzen Frage nur sehr langsam ihrem Abschluß entgegengeht. Glücklicher Weise ist die Hoffnung begründet, daß die Lösung ohne weiteres Blutvergießen stattfinden wird.

Die Antworten aus Athen, Belgrad und Sofia bezüglich der Abrüstungs- Vorschläge sind noch nicht eingetroffen. Eine schnelle Erledigung der Sache wurde von vornherein nicht erwartet, die Verzögerung wird als eine natur­gemäße betrachtet und verursacht vorläufig keine Beunruhigung. (Köln. Ztg.)

Berlin, 16. Januar. Das Abgeordnetenhaus hat das bisherige Prä- sidium durch Acclamation wieder gewählt. Der preußische Etat beziffert die Einnahmen mit 1,288,674 442, die ordentlichen Ausgaben mit 1,265,993,871 und die außerordentlichen Ausgaben mit 36,834 571 <A; der Fehlbetrag be­trägt sonach 14,154,000 JL Der Finanzminister constatirte in seiner Rede bei Einbringung des Etats, daß Angesichts der starken Ueberweisungen vom Reich der Vorwurf von einem Fiasko der Reichssteuerpolitik völlig unbegründet, ohne die Reichssteuerpolitik würde es um die Finanzen der Einzelstaaten kläglich aussehen. Die Deckung des Deficits sei nur durch inoirecte Steuern möglich, hierzu sei das Branntwein-Monopol mit 300 Millionen Mehr-Einnahmen drin- gend nothmendig. Der Minister schließt mit der eindringlichen Betonung der Rothwendigkeit der Reichssteuer-Resorm.

Nächste Sitzung Donnerstag.

Höln, 16. Januar. DieKöln. Ztg." veröffentlicht heute die Encyclica des Papstes an den preußischen Episcopat. Der Papst lobt darin Bischöse und Gläubige wegen ihres trotz der Bedrängniß durch die Maigesetze mit Treue gegen den Fürsten und mit Vaterland-, liebe verbundenen Glaubensmuthes. Weiter betont der Papst die Rothwendigkeit der Freiheit der kirchlichen Regierung und der Erziehung der Geistlichkeit und hofft aus baldige bessere Verhältniffe.

München, 15. Januar. Die Schuldenlast des Königs beträgt etwa 14 bis 15 Millionen, wird derWeser-Zeitung" geschrieben. Die Cabinets- kass> verweigert Zahlungen auf die ihr vorgezeigten Rechnungen oder sie leistet geringfügige Abschläge; bereits sind Forderungen von Handwerkern, Baumeistern, Lieferanten bei Gericht eingcflagt gewesen, aber der weitere gerichtliche Gang man denke sich: der Gerichtsvollzieher vor der Pcivatschatulle des Königs! ist durch Abschlagszahlungen und Beschwichtigungen ausgehalten worden. Dem König selbst ist die Lage der Dinge nicht verborgen; so einsam er in seinen Schlössern ist, so dringen doch Nachrichten heraus, daß seine Stimmung zwischen tiefer Niedergeschlagenheit und hochgespanntem Selbstbewußtsein wechselt.

Stuttgart, 16. Januar. Die königliche Centralstelle für Landwirth- schast hat sich nach eingehender Berathung des Branntwein-Monopol-Entwurfs einstimmig für Emsührung deffelben ausgesprochen und dabei ihrer Ansicht dahin Ausdruck gegeben, daß der Entwurf die Interessen der Landwirthschajt und die Verhältnisse der kleineren Brennereien berücksichtige.

Weimar, 17. Januar. Der Landtag ist durch den Staatsminister Dr. Stichling eröffnet worden. Die angekündigten Vorlagen beziehen sich auf die Anlage von Eisenbahnen und die Errichtung des Göthe-Museums. Die Ausstellung des Etats erfolgt nach Feststellung des Reichsetats pro 1886/87. In dem die Eröffnung betr. Erlaß des Großherzogs wird die Erwartung aus­gesprochen, daß die bedeutsame, socialpolitische Tätigkeit de- Reiches auch für das Großherzogthum segensreich wirken werde. In der Landwirthschast und der Industrie des Landes bestände keine eigentliche Nothlage; finanzielle Mittel s ien vochanden, doch scheine dec Muth zu einer Verwendung derselben für all­gemeine nützliche Anlagen zu fehlen. In seiner Ansprache betonte darauf der . Minister namentlich die Bedeutung des Göthe-Museums und legte dem Landtage die Bewilligung der erforderlichen Mittel dringend an's Herz. Bei der als- |

dann folgenden Wahl des Präsidiums wurden Fries zum Präsidenten, sowie Müller und v. Rotenhan M Vrcepräsidenten gewählt.

Hesterreich.

Wien, 16. Januar. DieNeue Freie Preffe" meldet aus Belgrad, daß sich die Versammlung der Skupschtina-Delegirten bei Pirotschanac für den Frtedensschluß ausgesprochen habe.

Der Theaterdichter Berg ist gestorben.

Arankreich.

Pari-, 16. Januar. Die heute zur Verlesung gelangte ministerielle Declaration betont zunächst, daß in der Verwaltung die gute Ordnung wieder herzustellen, den Klerus in der stritten Ausübung seines Mandats zu erhalten, das Gleichgewicht der Finanzen herbeizusühren und mit den Entfernten Expedi­tionen auszuhören sei. Die Declaration sagt: Keine Anleihe! Keine neuen Steuern! Das Protectorat in Tongking werde auf einfachen und wenig kost­spieligen Grundlagen organisirt werden und schließt nach Aufzählung der ver­schiedenen Vorlagen für die Kammer mit der Aufforderung zur Eintracht und zum Zusammenwirken an alle Freunde der Republik.

England.

London, 16. Januar. Mehrere Morgenblätter melden: Das Cabinet beschloß, mehrere Bestimmungen des aufgehobenen irischen Zwangsgesetzes wieder in Kraft zu setzen, um die vorgekommenen Vergewaltigungen einzelner Einwohner zu un&rbrüden. Die Morgenblätter veröffentlichen ferner einen Briefwechsel zwischen dem V.cekönig von Irland, Earl Carnarvon, und dem Premier Salis­bury, aus welchem hervorgeht, daß Carnarvon nicht wegen Differenzen zwischen ihm und dem Cabinet über die irische Politik zurücktrete, sondern weil er bei der Uebernahme des Postens als Vicekönig erklärt habe, daß er denselben nur bis zum Zusammentrirt des Parlaments behalten würde.

Italien.

Rom, 16. Januar. In seiner in dem gestrigen Consistorium gehal­tenen Allocution erklärte der Papst demMoniteur de Rome" zufolge, er habe mit Vergnügen die Rolle eines Friedens-Vermittlers angenommen, weil er da­durch zur Eintracht und zum Wohle der Menschheit habe beitragen können. Der Papst gab sodann die historischen Gründe an, aus denen der päpstliche Stuhl die Souveränetät Spaniens über die Karolinen-Inseln anerkennen zu sollen geglaubt habe und legte die Umstände dar, welche ihn bestimmt hätten, die Handels-Interessen Deutschlands daselbst zu sichern. Der Papst schloß: Aus dieser Thatfache ergebe sich von Neuem, ein wie schweres liebel in den Angriffen gegen den heiligen Stuhl und in der Vereinigung seiner legitimen Freiheit ent­halten sei. Nicht allein die Gerechtigkeit und die Religion würde dadurch ver­gewaltigt, sondern auch der öffentliche Nutzen leide darunter. Das römische Pontificat würde im Stande sein, der Welt die höchsten Güter zu sichern, wenn es, in aller Freiheit seiner Rechte, seine wirksame Kraft zu Gunsten des HeilL des Menschengeschlechts ausüben könnte.

Seröien.

Belgrad, 16. Januar. Garaschanin lehnte dem Vernehmen nach das Abrüstungs-Verlangen der Mächte ab mit Rücksicht auf die noch nicht begonne­nen Friedens-Verhandlungen und weil die Collectiv-Note keine Garantieen für eine vollständige und gleichzeitige Abrüstung aller Betheiligten biete.

Reichstag.

E. R. Berlin, 16. Januar 1886.

Der Tisch des Bundesraths ist wiederum unbesetzt. Das Haus setzt die gestern abgebrochene Berathung der aus die Ausweisungen bezüglichen Anträge fort.

Abg. v. Reinbaben (Reichsp.): Daß die Maßregel der Ausweisung unpopulär, hat der sie verfügende Staatsmann selbst gewußt, die Sicherheit des Staates steht aber- höher und diese wird durch den Polonismus gefährdet. (Lebhafter Widerspruch im Centrum.) Abg. Haenel hat sich bei der ersten Discussion principiell für den Schutz vor dem Polenthum ausgesprochen und trotzdem unterschreibt er den Antrag. Die preußische Regierung hat officiös eine Vorlage angekündigt und trotzdem legen Sie sich kein Schweigen auf (Große Heiterkeit) und warten nicht die Verhandlung im preußischen Abgeordnetenhaus ab, weil Sie hier die Mehrheit haben. Sie werden es noch bereuen (Gelächter), gemeinsame Sache mit den Feinden des deutschen Reiches gemacht zu haben. (Große Unruhe. Rufe: Namen!) Härten und Mißgriffe können vorgekommen sein» aber die hängt man doch nicht an die große Glocke. Unterstützen Sie den Kanzler nicht in dieser Frage, so schaden Sie sich am Meisten. Ich warne Sie vor der An­nahme dieser Anträge. (Heiterkeit.) Sie verhelfen dem Reichskanzler sonst zu einem 15. December.