Einzelbild herunterladen

Abg. Richter (dfr.): Seit seiner fünfzehnjährigen Reichstagsthätigkeit sei ihm nie vorgekommen, daß man einen gesckäftsordnungsmäßigen Einspruch mit persönlichen Beweggründen motioirt; er müsse dagegen Verwahrung einlegen und hoffe keine Wiederkehr. (Lebhafter Beifall links und rechts und im Centrum.)

Bei der danach vorgenommenen Wahl durch Zettel werden gewählt:

zum Präsidenten v. Wedell-Piesdorf mit 172 von 217 Stimmen, zum ersten Vicepräsidenten Freih. v. Franck en st ein mit 193 von 211 Stimmen, zum zweiten Vicepräsidenten Abg. Hoffmann mit 174 von 212 Stimmen.

Die Gewählten nehmen die Wahl mit Dank an.

Präsident v. Wedell-Piesdorf übernimmt den Vorsitz.

Das Haus eyrt durch Erheben vsn den Plätzen das Andenken an die ver- storbcnen Mitglieder Junggreen Lyskowskt und Loewe

Gegen den Vorschlag.des Präsidenten, die nächste Sltzung auf morgen anzu- beraumtt^ er^ebt^der ^uf Grund der Geschäftsordnung Protest. (Allseitige Ueberraschu^^,^^^ ^oIße tz^sen genöthigt, die nächste Sitzung auf Sonnabend den 18 anzuberaumen.

(Tagesordnung: I. eoent. II. Berathung des spanischen Handelsvertrages. Rechenschaftsbericht der sächsischen Regierung über die Ausführung des Socialisten- gesetzes.)

Telegraphische Depesche«.

aoipi UU»t* Bwsa*.

Berlin, 16. September. Der Bundesrath stimmte dem Anträge Preußens zu auf Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes für Berlin und Umgebung.

Berlin, 16. September. Der Reichstag ist von dem Staatssecretär des Innern, Staatsminister v. Bötticher, mit folgender Rede eröffnet worden:

Geehrte Herren!

Seine Majestät der Kaiser haben mich zu beauftragen geruht, den Reichstag zu eröffnem^ jgerufunö desselben ist zu dem Zwecke erfolgt, um Ihnen das mit der Königlich spanischen Regierung vereinbarte Abkommen über die Verlängerung des am 12. Juli 1883 zwischen dem deutschen Reich und Spanien abgeschlossenen Handels- und Schifffahrtsvertrages vorzulegen, dessen Geltung mit dem 30. Juni 1887 abläuft.

Die wegen Verlängerung dieses Vertrages getroffene Vereinbarung wird Ihnen unverzüglich mit dem Anträge zugehen, derselben Ihre verfassungsmäßige Zustimmung zu ertheilen.

Nach der übereinstimmenden Auffassung der verbündeten Regierungen entspricht die Verlängerung des Vertrages den Interessen und Wünschen unseres Handels und unserer Gewerbthätigkeit. In den betheiligten Kreisen aber wird im Interesse der geschäfllichen Dispositionen Werth darauf gelegt, sobald wie möglich jede Ungewißheit über die Fortdauer des Vertrages ausgeschlossen zu sehen. Um die rechtliche Geltung der vereinbarten Verlängerung endgültig sicher zu stellen, hat daher die Ratifikation derselben ohne Verzug in Aussicht genommen werden müssen.

Die verbündeten Regierungen würden, ebenso wie sie hierzu im Jahre 1883 bereit waren, geneigt gewesen sein, die Ratifikation herbeizuführen, ohne zuvor den Reichstag zu versammeln, in der Hoffnung, daß ihnen für dies Verfahren die In­demnität ohne Anstand nachträglich bewilligt werden würde. Nach der Aufnahme indessen, welche das damals beobachtete Vorgehen in der publicistischen Beurtheilung und insbesondere bei den darauf folgenden Verhandlungen des Reichstags gefunden hat, sind sie der Meinung, daß es für sie geboten erscheint, den von der Verfassung vorgezeichneten Weg genau einzuhalten, den definitiven Abschluß des Vertrages aber nicht bis zum nächsten regelmäßigen Zusammentritt des Reichstags in Unsicherheit lassen zu sollen.

Auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers erkläre ich im Namen der verbundetm Regierungen den Reichstag für eröffnet.

Berlin, 16. September. Der Congreß zur Förderung überseeischer Interessen beschloß eine Dankadresse an den Kaiser und ein Dankschreiben an den Reichskanzler für die Colonialpolitik. Auf Vorschlag der Sectionen nahm der Congreß eine Reihe auf Förderung der überseeischen Interessen bezüglicher Resolutionen an, insbesondere wegen Bildung eines 25gliedrigen Ausschusses zur Organisation des Schutzes der deutschen Interessen, wegen Schaffung directer Dampferverbindungen, Einrichtung deutscher Bankinstitute für coloniale Unternehmungen, wegen Leitung des Aus­wanderungswesens und Missionswesens rc. In den 25gliedrigen Ausschuß wurden außer Berliner Mitgliedern Götz (München), Grimm (Karlsruhe), Zilling (Stuttgart), Westen (Hannover), Sydow (Dottervfuhl), Behr (Bandelin), Sellin (Leipzig), Weber (Dresden), von der Heydt (Elberfeld), Saint Paul Jllatre (Schlesien) und Büttner (Wormditt) gewählt.

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: DieNational-Zeitung" will wissen, der Staatssecretär Graf Bismarck sei zum preußischen Bundesbevollmächtigten ernannt. Diese Mittheilung entspricht nicht dem thatsächlichen Sachverhalt. Der Staatssecretär ist nur Coüunissar des Bundesraths behufs Vertretung des deutsch-spanischen Handels­vertrags, seine Ernennung zum Mitglied des Bundesraths konnte schon deshalb nicht erfolgen, weil die preußischen Stimmen in demselben durchweg besetzt sind und nach der Reichsoerfassung jedes Bundesmitglied nur so viel Bevollmächtigte zum Bundesrath zu ernennen hat, als ihm Stimmen darin zustehen.

DerReichsanzeiger" meldet: Der Bezirksverein der arbeitenden Bevölkerung des Südwestens Berlins ist auf Grund des Reichsgesetzes gegen gemeingefährliche Be­strebungen der Socialdemokratie verboten worden.

Berlin, 16. September. Die mit der Naturforscherversammlung verbundene Ausstellung wurde Vormittags 11 Uhr in der Akademie der Wissenschaften in Gegen­wart der Staatsminister v. Bötticher, v. Scholz und zahlreicher anderer Notabilitäten feierlich eröffnet. Professor Bardeleben gab einen Ueberblick über die Entstehung des Gedankens einer solchen Ausstellung rein wissensch Etlicher Gegenstände, Virchow dankte dem Comilö und den Ausstellern für die prächtig gelungene Verwirklichung des Ge­dankens. Hierauf erfolgte ein Rundgang durch die Ausstellungsräume.

In der heutigen Stadtverordneten - Sitzung wurde der bisherige Vorsteher- Stellvertreter, Dr. Stryck, mit 83 von 109 Stimmen zum Vorsteher gewählt. Bet Beginn der Sitzung hatte Dr. Stryck dem verstorbenen Stadtverordneten Ludwig Loewe einen warmen Nachruf gewidmet.

DieKr.-Ztg," erklärt, wie es scheint osficiös, die von derVoss. Ztg." und demPesther Lloyd" gebrachten Mtttheilungen über den Inhalt des die bul­garische Frage behandelnden italienischen Grünbuches für fragwürdig und zum Theile erfunden.

Straßburg, 16. September. Bei der heutigen Universitätsfeier vertritt der Kronprinz den Kaiser, welcher des starken Tcmperaturwechsels halber der Feier nicht beiwohnt.

Straßburg, 16. September. Se. K. u. K. Hoheit der Kronprinz, welcher sich heute zum Festact in die Universität begab, wurde am Hauptportale des Collegicn- gebäudes vom Rector, vom Senate und von den Vertretern der Studentenverbindungen empfangen. Im Lichthofe hielt Rector^ Reye eine Ansprache, in welcher er hervorhob, die Kaiser - Wilhelms - Universität werde sich, eingedenk der Worte des Kaisers in der Stiftungsurkunde, durch ernste Arbeit die Huld des Kaisers und die Achtung des deutschen Volkes, zumal der Elsaß-Lothringer, zu verdienen suchen. Die Ansprache schloß mit einem Hoch auf den Kaiser. Der Kronprinz drückte darauf im Namen des Kaisers Allerhöchstdessen Bedauern aus, hier nicht haben erscheinen zu können, er selbst fühle sich an dieser Stätte vom Geiste der Wissenschaft angeweht und erinnere sich gern feiner Studentenzeit. Die vorjährige Königsberger und die diesjährige Heidelberger Feier einerseits und die heutige Feier andererseits sei eine Mahnung für die Jugend, im Sinne der Vorfahren fortzuschreiten, um sich vor Ueberhebung zu schützen. Die Straßburger Hochschule habe eine besondere Aufgabe zu erfüllen, vor Allem in Fried­fertigkeit zu arbeiten. Der Kronprinz schloß seine Ansprache mit Wünschen für die Zukunft der Universität. Hierauf ließ sich Höchstderselbe sämmtliche Professoren, Do- centen und die Vertreter der Studentenverbindungen vorstellen. Nach Besichtigung Her Räume des Collegiengebäudes begab sich der Kronprinz in die Kupferstich­

sammlung in der alten Akademie und alsdann in die Ausstellung in der alten Anatomie.

Wien, 16. September. Wie diePresse" meldet, hat der Statthalter von Nieder-Oesterreich mit Rücksicht auf das Auftreten der Cholera in Budapest für morgen den Landessanitätsrath einberufen, um über eine die Bevölkerung hinsichtlich geeigneter Maßregeln belehrende Bekanntmachung zu berathen; ferner werde der oberste Santtäts- rath noch im Laufe der Woche zusammentreten. Der Gesundheitszustand von Wien sei gegenwärtig durchaus befriedigend.

Dublin, 16. September.United Jreland", das Organ Parnells, schlägt in Rücksicht auf die wahrscheinliche Ablehnung der Parnell'schen Agrarvorlage vor, daß alle außer Besitz gesetzten Pächter sich in Masse in die Asyle für Nothleidende begeben sollen. Das Blatt hebt hervor, daß man in solchen Districten, wo die Mehrheit des Municipalraths aus Nationalisten besteht, solchen Pächtern bezüglich der Freiheit, in die Asyle einzutreten und dieselben wieder verlassen, sowie bezüglich des Unterhaltes besondere Privilegien zugestehen müsse.

London, 16. September. DerStandard" erörtert die Stellung Englands in der Orientfrage und führt dabei Folgendes aus: England dürfe nicht den Ge­danken aufgeben, die Türket zu oertheidigen, noch auch die Hoffnung, Rußland von Konstantinopel fernzuhalten, weil Oesterreich unentschlossen spreche und handle und der Sultan russischen Einflüsterungen Gehör schenke. England könnte Konstantinopel zerstören, damit Rußland es nicht erhalte, allein es sei höchst unwahrscheinlich, ob es mit bloßer Hilfe der Türkei Rußland verhindern könnte, in Konstantinopel etnzu- marschiren. Unter* diesen Umständen würde es das klügste Verfahren Englands fein, wachsam und geduldig zu bleiben und feine übereilten Schritte zu thun. Bis jetzt sei nichts verloren, wahrscheinlich auch nichts geändert, jedenfalls habe sich nichts ereignet, was die englische Politik veranlassen könne, die alten Bahnen zu verlassen.

Petersburg, 16. September. Das Kaiserpaar traf gestern Mittag im Jagd- Hause zu Spala ein; Nachmittags begab es sich mit Wladimir und Nikolaus jun. zur Schwarzwildjagd.

DerRegierungsanzeiger" veröffentlicht ein Telegramm des Verwesers des russischen Generalconsulates in Sofia, worin es heißt, daß Vertreter des Exarchats, Mitglieder der Regierung, zahlreiche Deputirte und Vertreter der bulgarischen Gesell­schaft am 11. September in das Generalconfulat kamen und den Verweser ersuchten, dem Kaiser von Rußland die ehrerbietigsten Glückwünsche auszusprechen. Stambulow drückte Namens der Regentschaft Gefühle der Ergebenheit für den Kaiser, von denen das Bulgarenvolk beseelt sei, aus, sowie die Hoffnung/ der Kaiser werde Bulgarien seinen wohlwollenden Schutz nicht entziehen.

Lissabon, 16. September. Die Meldungen belgischer und französischer Journale betreffs des Handels- und Schifffahrts-Vertrags zwischen Portugal und dem Congostaate werden in Regierungskreisen als unbegründet bezeichnet.

Sofia, 16. September. Die rumelischen Regimenter, ausgenommen eines, welches hier bleibt, sind nach Philippopel zurückgekehrt.

Sofia, 16. September. (Privatdepesche.) Die bulgarische Sobranje nahm heute per Acclamation den Entwurf zur Antwort auf die Rede der Regentschaft an. Die Antwort spricht die tiefste Entrüstung über den Staats­streich aus. Sie verlangt die strengste Bestrafung der Schuldigen und gibt der patriotischen Opferwilligkeit Alexanders durch dessen Thronentsagung be­wundernden Ausdruck. Sie hofft ferner, daß die freundlichen Beziehungen zu Rußland durch das gebrachte Opfer wieder voll hergestellt seien und spricht schließlich ihr vollstes Vertrauen zur Regentschaft aus.

vermischtes.

Friedberg, 13. September. Heute Nachmittag 3*/> Uhr besuchten S. K. H. der Erbgroßherzog und II. Großh. HH. Prinzessinnen Irene und Alix nebst Gefolge die Blindenanstalt. Kreisrath Dr. Braden hatte sich schon vorher eingefunden und empfing mit dem Director Schäfer die höchsten Herrschaften am Eingänge des Hauses/ der mit blühenden Oleandern decorirt war. Im Hausflur überreichten unter Führung der Lehrerin die zwei jüngsten Blinden, ein Knabe und ein Mädchen, den Herrschaften mit einemWillkommen in der Blindenanstalt" zwei rosenduftende Sträuße. Unter Führung des Directors wurde nun ein Gang durch das ganze Haus und den Garten unternommen; zuerst in den Arbeitssaal der Knaben, wo alles in Thättgkeit war: Stroh- und Stuhlflechten, Klöppeln und Filleen, Weben rc. Im Mädchenarbeitssaale hatte die Handarbeitslehrerin eine kleine Ausstellung von Handarbeiten der Mädchen hergerichtet, welche der größten Aufmerksamkeit unterzogen und eine ganze Menge Sachen gekauft wurden. Speisesaal, Ladenstube unb Schlafsaal wurden beaugen­scheinigt, und besonders die gute Ventilation lobend erwähnt. Auch im Laden wurden Einkäufe gemacht. Während die Arbeiten auf der Seilerbahn beobachtet wurden, stellten sich die Knaben auf dem Turnplätze auf, wo der Turnlehrer, Seminarist Wenzel, verschiedene Uebungen ausführen ließ, die den höchsten Herrschaften sichtliche Freude machten. In der Schule wurde gelesen von den ersten Anfängen bis zur voll­kommenen Fertigkeit, sowohl in Unical-, als auch in Braille'scher Punktschrift. Geo­graphie am Globus und auf der Karte wurde vorgenommen und die Anschauungs­mittel für Gewerbelehre, Physik, Geometrie, Botanik und Zoologie wurden vorgelegt und erklärt, was um so nöthiger war, als diese Anschauungsmittel von denen der Schule für Vollsinnige bedeutend abweichen. Im Musikzimmer wurden unter Leitung der Lehrerin einige Volkslieder gelungen und ein Zögling spielte ein längeres Musik­stück auf dem Flügel. Die höchsten Herrschaften sprachen sich sehr befriedigt aus. Besonders S. K. H. der Erbgroßherzog ging sehr in's Einzelne und mußte der Director einen genauen Bericht erstatten. Möge dieser Tag für die Blinden zu einer Er­munterung dienen und den Lehrenden ein Sporn sein zu weiterem fröhlichem Wirken in ihrem gerade nicht leichten Berufe. (O. A.)

Kirchliche Anzeigen der Stadt Gieße«.

Evangelische Gemeinde.

Gottesdienst.

Samstag den 18. September.

Nachmittags 2 Uhr: Beichte, Pfarrer Dingeldey.

13. Sonntag nach Trinitatis, 19. September. Vormittags 9V, Uhr: Pfarrer Dr. Naumann. Feier des heiligen Abendmahls.

Nachmittags 3 Uhr: Pfarrer Dingeldey.

Die Kinderkirche fällt aus.

Am Sonntag, den 26. September, soll die höheren Orts angeordnete Kollekte für die evangelische Gemeinde in Heppenheim an der Bergstraße zum Bau einer Kapelle erhoben werden, und zwar nach beiden Gottesdiensten.

Die Pfarrgeschäfte in der Woche vom 19. bis 25. September besorgt Pfarrer Dr. Naumann.

Katholische Gemeinde.

14. Sonntag nach Pfingsten.

Von 6 Uhr an Beichte.

Um 7 Uhr: Frühmesse und Austheilung der h. Communion.

* VzlO Ubr: Hochamt und Predigt- 2 Uhr: Sakramentalische Andacht.

Gottesdienst in der ZMagoge.

Freitag Abend 6 Uhr, Samstag Morgen 8 Uhr, Samstag Mittag 4 Uhr, Samstag Abend 655 Uhr.

Temperatur der Lahn.

Am 17. September, zwischen 11 und 12 Uhr: Wasser 13°, Luft 13V2o R. im Schatte«.

L. Ehr. Rübsamen.