Einzelbild herunterladen

E" «M. 11 e 1. =^612»

Äreuj ße

Wütigen

schmied,

$ für etwas-

rth

LöiLsr.

lof.

I

vuill.

tgute Ptttfion ung, bei einer

d. Bl-

^oir-Arbeitm ausmann sucht mit Beitragen schreiben & b. Bl.

u

X©

e <r

£ -ö u

ar und Raten.

insgesü^' 'er- 0

Nr. 2L7. Samstag den 18. September

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bttre<nt: Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Vrlngerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberficht.

Gießen, 17. September.

Die glänzenden Kaisertage im Elsaß ziehen fort und fort die Blicke von Alldeutschland aus sich und jeder neue Tag der Anwesenheit des Kaisers aus reichsländischem Boden gestaltet auch das Bild der heurigen Kaiser­tage immer, farbenprächtiger. Schwer ist es, aus den zahlreichen hierüber ein­laufenden osficiellen wie privaten Berichten ein nur einigermaßen orienttrendeS Resumö über den bisherigen Verlauf des kaiserlichen Besuches im Elsaß zusam- menzustellen, so daß wir an dieser Stelle nur die Hauptmomente wiedergeben können. In diese Woche fielen die eigentlichen Manövertage für das 15. Armee- Corps, welche mit Montag begannen, an welchem Tage der Kaiser nebst seiner glänzenden Suite den Manövern bei Brumath beiwohnte. Trotz der fast tropischen Gluth hielt der greise Monarch während der ganzen etwa dreistündigen Uebung standhaft aus, mit lebhaftem Interesse den einzelnen Phasen des mar- kirten Gefechts folgend, während er dabei in den Zwischenpausen die Begrüßungs- Ansprachen verschiedener Deputationen entgegennahm; aus der Hinfahrt zum Manöver-Terrain, wie aus der Rückkehr wurde er von der nach vielen Tausen­den zählenden, an den verschiedenen Punkten des Manöverseldes versammelten ländlichen Bevölkerung mit stürmischen Jubelrufen begrüßt. Der Dienstag brachte dem kaiserlichen Herrn zwar in militärischer Hinsicht eine Ruhepause, stellte aber dagegen an ihn nach anderen Richtungen hin neue Anforderungen. Der Tag begann mit dem Besuche des Münsters, des altberühmten Wahrzeichens von Straßburg, Seiten» der Majestäten, bis im Innern des Hauptportals von dem greifen Bischof Dr. Räß an der Spitze des Domkapitels, begrüßt wurden. An die Besichtigung des Münsters, wobei Coadjutor Stumpf und Canonicus Straub die Führer machten, schloß sich im Statthalter-Palais Empfang des Ministeriums und der Korporationen von Straßburg durch das kaiserl. Paar. Am Ende der Vorstellung versammelte der Kaiser die Mitglieder des Gemeinde- rathes um sich und hielt an dieselben eine längere Ansprache, in welcher er seine Freude über die Fortschritte der Stadt Straßburg, über die Wiederein­setzung des Gemeinderathes und über den ihm bereiteten schönen Empfang aus­sprach und mit der Versicherung schloß, daß er bemüht sein werde, die der Stadt durch die Stadterweiterung auserlegte Finanzlaft thunlichst zu mildern. Für jeden der anwesenden 26 Gemeinderäthe hatte der gütige Monarch einige huld­volle Worte, dem Bürgermeister Back aber reichte er die Hand und sprach hierbei die Hoffnung aus, daß die deutsche Verwaltung dem Lande auch ferner reichen Segen bringen werde. Diese Scene wird allen Betheiligten in steter Erinnerung bleiben. Am Nachmittag folgte die Huldigung der Landleute aus der Umgegend Straßburgs an das kaiserliche Paar in Gestalt eines färben* schillernden Festzuges, nach deffen Beendigung die Majestäten im GartemSalon des Statthalter'Palais die Bürgermeister der einzelnen Gemeinden mit je einem Mädchen aus jeder Gemeinde empfingen. Hierbei war auch Prinz Wilhelm, der Enkel des Kaisers, anwesend, welcher Mittags, direct aus Russisch-Polen kom­mend, in Straßburg eingetroffen war und sich alsbald nach dem Statthalter- Palats verfügt hatte. Der Mittwoch war wiederum den Manövern gewidmet, welche diesmal in der Gegend von Dettweiler stattfanden.

In Hinblick auf die oben angedeutete Ansprache des Kaisers an die Mitglieder des Straßburger Gemeinderathes sei erwähnt, daß der Monarch schon am Tage nach seiner Ankunft in Straßburg dem Statthalter Fürsten Hohenlohe und dem Bürgermeister Back seine hohe Befriedigung über die Wen­dung bet Dinge im Reichslande und speciell in deffen Hauptstadt aussprach. Seine besondere Genugthuung gab der Kaiser über den Ausfall der Straßburger Gemeinderathswahlen zu erkennen und nahm hierbei Anlaß, dem Bürgermeister Back wiederholt für die patriotische Selbstlosigkeit zu danken, mit der er einen höheren Posten aufgegeben habe, um Bürgermeister von Straßburg zu werden.

Fürst Bismarck hat nunmehr die Hitze und den Staub der Reichs­hauptstadt mit der ländlichen Frische von Varzin vertauscht und aus feinem hinterpommerffchen Tusculum dürfte der Kanzler auch wohl nicht eher an dm Mittelpunkt der politischen Geschäfte zurückkehren, als bis sein jüngstes Muskel- Leiden vollständig behoben sein wird. Jedenfalls hat die Abreise des leitenden Staatsmannes nach Varzin der Annahme, daß er der am Donnerstag eröffneten außerordentlichen Reichstagssession vielleicht doch noch beiwohnen werde, ein Ende gemacht und die parlamentarischen Verhandlungen über die Verlängerung bei deutsch-spanischen Handelsvertrages spinnen sich demnach ohne die Gegenwart des Reichskanzlers ab. In Regierungskreisen rechnet man darauf, daß die außerordentliche Reichstagssession unter allen Umständen nur von kurzer Dauer sein werde und möglicher Weise schon an diesem Samstag beendigt werden könne; in etwa zwei Monaten soll dann die ordentliche Session nachfolgen. Dieselbe wird sich allem Anscheine nach vorwiegend um finanzielle Fragen drehen und wahrscheinlich sich auch mit der Branntweinsteuer-Frage wiederum besaffen.

In Berlin tagte vom Montag bis Donnerstag der erste, sehr zahlreich beschickte deutsche Colonial-Congreß und in Breslau war der Congreß für innere Mission versammelt. Gleichzeitig tagte in der schlesischen Hauptstadt auch die 13. General-Versammlung des deutschen Verein» für die öffentliche Gesundheitspflege.

Die bayerische Armee hat durch Erlaß des Prinz-Regenten Luit­pold an Stelle des unpraktischen Raupenhelms die preußische Pickelhaube, natürlich mit den entsprechenden Aenderungen an Wappen u. s. w. als Kops- |

bedeckung erhalten, womit wiederum ein bedeutsamer Schritt zur gleichmäßigen Unisormirung und Ausrüstung der gesammten deutschen Armee geschehen ist.

Die bulgarische Frage giebt noch immer Stoff zu den verschiedmsten Betrachtungen und Erörterungen. Namentlich im englischen Parlamente kommt man immer wieder aus dieselbe zurück; so war in der Dienstagssitzung de» Unterhauses die Rede von dem angeblichen Zwange, den Kaiser Alexander ober die russische Regierung auf den Fürsten Alexander behufs seiner Abdankung ausgeübt haben sollte. Unterstaatssecretär Ferguffon erklärt», daß hierÄer keine amtlichen Mittheilungen eingegangen seien und habe Fürst Alexander ja in seiner Proklamation die Gründe für seine Abdankung dargelegt. Bestimmte Tage für die Vorlegung der Bulgarien betr. Korrespondenz könne er nicht angeben, doch würde das Bekanntwerden dieser Actenstücke eher nachthellig al» nützlich wirken. (Nachtheilig für wen ober was?)

DieMoskauer Zeitung" bespricht die Frage der Neuwahl eines Fürsten von Bulgarien und sagt hierbei, baß der Berliner Vertrag die Möglichkeit einer Wahl zwar vorausfetze, daß sich aber in her That Heraus­stellen dürfte, ein Fürst von Bulgarien werde direct eingesetzt werden und eine wirkliche Wahl nicht der bulgarischen Volksversammlung, sondern der Ueberein- stimmung der Mächte überlassen bleiben müssen. In letzterem Punkte aber läge gegenwärtig die Hauptschwierigkeit für die Lösung der bulgarischen Frage.

Aus Bulgarien selbst liegt zur Stunde nichts Neues vor; auch über den Verlauf dec bulgarischen Sobranje verlautet noch nichts Neues.

Es ist ein eigenthümliche« Zusammentreffen, daß die gegen­wärtigen großen Herbstmanöver der österreichischen und der russischen Armee in denjenigen Landestheilen stattfindsn, welche bei einem Zusammenstöße zwischen Oesterreich und Rußland jedenfalls eine Hauptrolle spielen würden in Gali­zien, refp. Russisch-Polen. Ob dieser Wahl aus beiden Seiten eine Absichtlich­keit zu Grunde liegt, muß dahingestellt bleiben, geleugnet kann aber nicht werden, daß sie merkwürdig genug ist. Im Uebrigen sind indessen die Beziehungen zwischen den Kaiserhösen von Wien und Petersburg fortgesetzt ausgezeichneter Natur. Dies beweist u. A. auch die courtoisievolle Aufmerksamkeit, welche Kaiser Franz Josef gerade während der galizischen Manövertage dem Ezaren zu dessen Namenstage erwiesen hat und die auch Seitens des russischen Herr- fchers voll gewürdigt worden ist.

Die in den mexikanischen Bundesstaaten Nuevo Leone und Cuahuila ausgebrochene revolutionäre Bewegung ist im Zunehmen begriffen und erfordert die ernsteste Aufmerksamkeit der Centralregierung in Mexiko.

Darmstadt, 16. September. Se. König!. Hoheit der Großherzog em­pfingen am 14. d. Mts. in Straßburg etwa zwanzig Herren, welche früher in Großh. Staatsdiensten gestanden hatten.

Arn gestrigen Tage wohnten Se. König!. Hoheit nochmals dem Manöver des 15. Armee-Corps bei, verabschiedeten Sich nach der Rückkehr in Straßburg von Sr. Maj. dem Kaiser und begaben Sich Nachmittags 5 Uhr 22 Min. direct nach Friedberg zurück.

Berlin, 15. Seplbr. Eine Allerhöchste Cabinetr-Ordre vom 27. August dieses Jahres genehmigt nach dem jüngstenArmee-Verordnungsblatt" die neu­bearbeitetenVorschriften über das Turnen Der Infanterie" mit der Bestim­mung, daß dieselben sofort in Kraft zu treten haben. Nach diesen Vorschriften soll der bisher übliche Sprungkasten, ein aus mehreren Einsätzen zusammenge- stellter, länglicher, viereckiger Kasten, dessen oberster Theil gepolstert und mit Leder überzogen war, nicht mehr zur Anwendung kommen.

Reichstag.

E. B. Berlin, 16. September 1886.

Das Haus war in allen seinen Theilen gut besetzt und sämmtliche Fraktionen zahlreich vertreten.

Eingegangen ist außer dem deutsch - spanischen Handelsverträge der von der ächsiscken Negierung erstattete Rechenschaftsbericht über die von ihr auf Grund deS Sozialistengesetzes getroffenen Anordnungen.

Staatssekretär v. Bötticher verliest die Eröffnungsrede.

Der seitherige Präsident v. Wedell-Piesdorf übernahm sodann, nachdem er ein dreifaches Hoch auf den Kaiser ausgebracht hatte, den vorläufigen Vorsitz und ließ :>en Namensaufruf vornehmen, der die Anwesenheit von 223 Mitgliedern ergab.

Bet der Wahl des Präsidiums, die auf Vorschlag deS Abg. Wtndthorst per Akklamation vorgenommen werden sollte, erhob .

Abg. Hasenclever (Soc.-Dem.) Einspruch. Seine Partei könne dem bisherigen Präsidenten ein Vertrauensvotum nicht ertheilen, weil er in seiner Eigenschaft als Re­gierungspräsident einen Arbeiter Michelsen, der nur wegen eines politischen Vergehens mit 6 Wochen Gefängniß vorbestraft gewesen sei, ohne zwingende Veranlassung aus Aschersleben habe ausweisen lassen. . r. ,

Abg. Windthorst findet das Verfahren der socialdemokratischen Partei gesetzlich berechtigt, aber wenig rücksichtsvoll; er ziehe numnehr den Antrag auf Akklamattonswayl zurück. Es ist etwas sich selbst Kennzeichnendes, daß eine Amtshandlung des Präsi­denten außerhalb des Hauses, die jedenfalls legal gewesen, hier den Anlatz zu diesem Vorgehen der sozialdemokratischen Partei bietet. , , r . ,,, , ,

Abg. Hasenclever beharrt bei seinem Anträge. Es sei bedauerlich, daß man überhaupt Beamte zu Präsidenten des Reichstags wähle, namentlich solche, die von Herrn v. Puttkamer abhängig sind. _ t . - .

Während dieser Rede übergiebt Abg. v. Wedell-Piesdorf das Präsidium an den Abg. v. Franckenstein. t f

Abg. v. Helldorf (ksv.) protestirt gegen die Äußerungen des Abg. Hasenclever die Begründung seines Einspruchs sei ganz unzulässig.