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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Hheit.

Gießen, am 16. März 1886.

Betreffend: Fahrbarmachung der Kreisstraßen bei Schneefall, hier: Liquidation der hierdurch entstandenen Kosten.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an sämmtliche Gemeinde-Einnehmer des Kreises.

Sie wollen die Verzeichnisse über die durch Fahrbarmachung der Kreisstraßen aus den Gemeindekassen vorgelegten Kostm längstens bis zum 30. l. Mts. an uns einsenden, damit wir diese Kosten zusammenstellen und aus die Kreiskasse anweisen können- Die Decreturen hierüber werden wir nebst den von Ihnen eingesendeten Belegen direct an diese Kaffe abgeben, sodaß Sie die betr. Beträge demnächst bei der Abrechnung mit der Kreiskaffe einfach in Ausrechnung zu bringen haben.

Dr. Boekmann.

Betreffend: Die Wahl der Mitglieder und Ergänzungsmitglieder der Bezirksvereins-Commissionen des Vereins zur Unterstützung und Befferun- der aus den Strafanstalten Entlassenen für die Verwaltungsperiode 1886, 1887 und 1188.

Einladung.

Zur Vornahme der Wahl zweier Mitglieder und zweier Ergänzungsmitglieder der Bezirksvereins-Commission Gießen für obige Verwaltungs- Periode werden die Vereinsmitglieder aus

Montag den 29. März 1886, Dormittags 11 Uhr,

in das Regierungsgebäude ergebenst eingeladen.

Gießen, am 15. März 1886. Der Vorstand der Bezirksvereins-Commission Gießen.

__________Dr. Boekmann._______________________

An die Geistlichen des Gießener Zweigvereins der Guflav-Adolf-Sttftung.

Sie wollen alsbald die Sammlung der Jahresbeiträge für de« Gustav-Adolf-Verein vornehmen und an den Rechner, Herrn Döring, einseriden. Lang-Göns, den 16. März 1886. Strack, Dekan,

Vorsitzender des Gießener Zweigvereins.

Politische Ueberficht.

Gießen, 17. März.

Die tirchenpolitijche Frage in Preußen zeigt sich wieder ein­mal von einem geheimnißvollen Schleier umhüllt. Die kirchenpolitische Com­mission des Herrenhauses hat nun zwar die Vorlage definitiv genehmigt und sollen die von ihr gefaßten Beschlüffe in den Concessionen des Staates an die Kurie noch weiter gehen, als der ursprüngliche Entwurf, aber darüber, ob letz­terer in seiner veränderten Fassung nun endlich das päpstlicheplacet erhalten wird, gehen die Anschauungen weit auseinander. Gewiß iS, daß im Vatikan intransigente Einflüsse wiederum thätig sind, um Papst Leo XIII. zu überzeugen, wie wenig auch die neuesten Concessionen der preußischen Regierung den In­teressen und Forderungen der Kirche entsprächen und es heißt darum auch, Bischof Dr. Kopp werde sich, als Mittelsmann zwischen Preußen und dem Vatikan, nach Rom begeben, um diesen Einflüssen entgegenzuarbeiten. Falls die Anschauung derGermania", wonach sämmtliche vierpositive Dispositionen" der neuen kirchenpolitischen Vorlage: Die maigesetzliche Ordnung der theologi­schen Lehranstalten, die unbeschränkte Staatsaufsicht über Priester-Seminare und Convicte, die Neuordnung der Appellation der Geistlichen an den Staat und endlich die aufrechterhaltene Unfähigkeit,! - Erklärung von den erheblichen Zu- aeständniffen der Vorlage an die Kurie schweigt natürlich das Berliner Centrums- Organ theils unannehmbar seien, theils anscheinender Abänderungen bedürften, auch in der unmittelbaren Umgebung des Papstes vorherrschen sollte, so dürfte sich sreilichtdie Romfahrt des Fuldaer Bischofs als vergeblich erweisen. In­dessen laufen hierüber, wie über die Stellung des Bischofs zur Centrumspartei des Abgeordnetenhauses so widersprechende Gerüchte um, daß man eben die in kommender Woche bevorstehenden weiteren Plenar-Verhandlungen des Herren­hauses wird abwarten müssen, um sich einigermaßen ein Urtheil über die gegen­wärtige kirchenpolitische Situation bilden zu können.

Die Special-Berathungen des preußischen Abgeordneten­hauses über den Cultusetat haben in den beiden letzten Sitzungen der vorigen Woche das Gebiet der Kirchenpolitik nicht mehr berührt und hiermit sind sie endlich in ein ruhigeres Fahrwasser eingelenkt. In der Samstagssitzung machte übrigens Herr Lassen, dec einzige Vertreter der dänischen Partei, einen Vorstoß zu Gunsten der von ihm vertretenen Sache. Er beantragte nämlich, das Schul- b Hrer-Seminar in Hadersleben nach Tondern zurückzuverlegen und dasselbe, hierbei in seiner früheren Gestalt, einer deutschen und einer dänischen Abteilung, tvieder herzuftellen: außerdem stellte Herr Lassen noch den Antrag, in Haders­leben eine Realschule 2. Ordnung mit dänischer Unterrichtssprache zu gründen und zu unterhalten. Cultusminister v. Goßler sprach sich indessen gegen die beiden Anträge entschieden aus und da dieselben von keiner anderen Seite Unterstützung erhielten, so ist der Versuch Lassens, für die dänische Sache in Nord-Schleswig eine Lanze zu brechen, als völlig gescheitert zu betrachten.

In Oesterreich wird die parlamentarische Situation-gegenwärtig durch den Schacschmidt'schen Sprachenantrag beherrscht. Letzterer ist bekanntlich vom . Abaeordnetenhause in voriger Woche nach einer sehr interessanten General- discujsion an einen besonderen Ausschuß verwiesen worden und zum ersten Male zeigte sich hierbei die Rechte in vollster Zerrissenheit. Es mar eine der seltsam- sten Abstimmungen, welche das Abgeordnetenhaus je gesehen hatte. Geschlossen stimmten für AuSjchnßberathung des Antrags eigentlich nur die Linke nebst den

Demokraten und Antisemiten, ferner dermittelparteiliche" Coronini-Club und von der Rechten der Lichtenstein-Club, zu welchem der kleinere Theil der deut­schen Klerikalen gehört. Von den andern ParteN der Rechten stimmten die Polen zumeist für die Ausschußberathung, eine unbedeutende Minderheit ent­fernte sich vor der Abstimmung. Der Hohenwart-Club, zu welchem der größere Theil der deutsch-klerikalen Abgeordneten und die slovenisch-kroatischen Abgeord­neten gehören, spaltete sich in drei Gruppen, von denen die eine für, die andere gegen Commissionsberathung war, mährend eine dritte Gruppe sich der Abstim­mung enthielt; die italienischen Abgeordneten aus Südtyrol und Dalmatien stimmten mit den Czechen gegen die Commissionsberathung. Selbst die Abge- ordneten-Minister waren nicht einig, Dunajewski, Falkenhayn und Ziemialkowskr erklärten sich für Zuweisung des Antrages an einen Ausschuß, Prazak und Pino aber entfernten sich. Unter diesen Umständen darf man allerdings den weiteren Verhandlungen des Abgeordnetenhauses über den Sprachenantrag der Liberalen mit Jntereffe entgegensehen, da es vorläufig fraglich ist, ob sich der eiserne Ring" der Mehrheit bis zur zweiten Lesung des Antrages wieder schließen wird.

Der österreichische Handelsminister, Baron Pino, demissio- nirte. Als Grund seines Rücktrittes werden Meinungs-Verschiedenheiten im Cabinet über die Verordnung Pino's, betr. den Wirkungskreis des Post-Spar- kaffenamtes, angegeben. (?)

In der Samstagssitzung der französischen Deputieren- kämm er brachte der socialistische D^utirte Camölinat eine ganze Reihe von Beschwerden über die Haltung der Mgierung gegenüber dem Arbeiterstrike in Decazeville vor. Der Minister der öffentlichen Arbeiten, Brichaut, wies diese Angriffe zurück, verhieß aber die baldige Vorlegung eine» Gesetzentwurfes über eine Reform der Bergwerks-Gesetzgebung, liebet' letzteren Punkt entspann sich nun eine längere Debatte, in deren Verlaus der Opportunist Lckellier bean­tragte, die Kammer möge der Negierung das Vertrauen auösprechen, daß diese baldigst die Initiative in der Frage der Reform der Bergwerks-Gesetzgebung ergreifen werde. Dieser Antrag wurde abgelehnt, dagegen am Montag ein Vermittelungsantrag mit 579 gegen 1OO Stimmen angenommen, wonach die Kammer ihr Vertrauen zu der Regierung in dieser Angelegenheit ausspricht.

Ueber die egyptische Politik der englischen Regierung haben die neuerlichen Instructionen, welche Sir Drummond Wolff vom Lon­doner auswärtigen Amt zugegangcn sind, einigermaßen Aufklärung gegeben. In demselben ist Sir Drummond von Lord Roseberry angewiesen worden, die Reduclion der Occupations-Armee, welche England noch in Egypten unterhält, um sechs Regimenter, sowie den Rückzug der britischen Truppen nach Affucm und die Besetzung von Wadyhalfa durch egyptische Truppen vorzuschlagen. 'Wolff soll sich hierüber mit Mukhtar Paicha m's Einvernehmen setzen, welcher letztere Zeit zur Erwägung dieser Vorschläge verlangt haben soll Man glaubt in Kairo, daß Mukhtar Pascha eine erhebliche Verstärkung ter egyptischen Armee beantragen werde, da dieselbe sich sonst in Wadyhalfa gegen einen energischen Angriff der Sudanesen nicht würde halten können. Jedenfalls bedeutete der vom Londoner Cabinet anscheinend ernstlich betriebene Rückzug der englischen Truppen aus dem Sudan nach Assuan, also der Grenze Ober-Egyptens, die vollständige Ausgabe des Sudan durch die Engländer.