Mittwoch den 17. November
1886
Nr. 268
Erscheint ILglich mit Ausnahme deS Montag».
BwrMWr Schulstraße 7.
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werten, die Delegirten zur Festsetzung eine, definitiven Ueberelntommen« ans Grund der vereinbarten Entwürfe zu ernennen.
In Beknien droht ein ernster Conslict zwischen dem gemäßigt- klerikalen Cabinet Bernaert» und der Rechten der DepuUrtenkammer wegen der Militär-Reformfrage. Bereits in der Thronrede war die Nothwendigkeit angedeutet worden, die Rekrutirungsfrage im Sinne der allgemeinen Dlenstpfllcht zu lösen und aus der Mitte der Devuttrtenkammer hat man hierzu die Initiative ergriffen, indem durch den Adg. Dultr^monl der Antrag eingebracht worben ist, die persönlich zu leistende Militärdienstpflicht unter gewissen Befchränkungen ein- zuführen. In einer Versammlung der Rechten ist nun dem Ministerium Ber- naerts die Freundschaft gekündigt worden, falls es wage, für den Antrag Oaltrvmont einzutreten und verspricht sonach die weitere Entwickelung der Sache stch reckt interessant zu gestalten. ,n „.
Da» Ableben de» französischen Ministerpräsidenten in Tongking, Paul Bert, hat diesen schwierigen Posten — wenn nicht den schwierigsten im gesammten Colonialbesttze Frankreichs zur Erledigung gebracht. Die Frage, wer der Nachfolger Paul Bert's sein solle, wird von der sranzöstschen Regierung sehr ernsthaft zu prüfen sein, denn dre Ernennung de» ehemaligen Unterricht-minister» Gambetta's zum Vertreter der höchsten Cwilge- walt in einem Lande wie Tongking war ein entschiedener Mißgriff — wie konnte man von einem Professor der Phystologie erwarten, baß sich derselbe rm Herumdrehen zum Organisator der französischen Kolonien in Ostasien entwickeln würde! Es kann darum auch nicht verwundern, daß Paul Bert in seiner eigen- thümlichen Stellung keine besonderen Erfolge zu verzeichnen hatte und daß er e* weder verstand, die Piratenbanden zu Paaren zu treiben, noch bie Bestimmungen des Friedensvertrages von Tientsin in einer für dis französischen Interessen nutzbaren Weise zur Geltung zu bringen. Wie die osficiellen Meldungen besagen, soll Paul Bert einem Fieberanfalle erlegen sein, während private Meldun- gen behaupten, er sei an der Cholera gestorben. ———
Politische Ueberficht.
GieIeu, 16. November.
Der Kaiser ist am Samstag Abend im besten Wohlbefinden von den bei Letzlingen abgehaltenen Hosjagden wieder in Berlin eingetroffen. Der hohe Gast de» Kaiserhaus.'», Prinz Ludwig von Bayern, welcher bekanntlich einer Ipeciellen Einladung de» Kaiser» zu der Letzlinqer Jagd gefolgt war, beabsich- ttgt, erst an diesem Dienstag oder Mittwoch von Berlin nach München zurück-^-h üon Ermland, Dr. Andrea» Thiel, ist
nach mehrtägigem Aufenthalte in Berlin am vorigen Freitag nach seiner Diöcese zurückgekehrt. Dr. Thiel hat sich In den leitenden Kreisen der Reichshauptstadt einer ganz besonders auszeichnenden Ausnahme zu erfreuen gehabt und wurde er u. A. auch vom Fürsten Bismarck empfangen, bei welchem der Bischof am Donnerstag längere Zeit weilte.
Der Bunderrath arbeitet jetzt angesichts der bevorstehenden Reichstags-Eröffnung mit Hochdruck, um bis zu diesem Termine dem Parlamente bereits ein möglichst reichhaltiges Arbeitsmaterial zugehcn lassen zu können. In der am Donnerstag abgehaltenen Plenarsitzung genehmigte der Bundesrath die SpeciaOElats für den Reichskanzler und die Reichskanzlei, der Einnahmen au» den Zöllen Verbrauchssteuern, Aversen und Stempelabgaben auf das Etatsjahr 1887/88, überw.es die Uebersicht der Reichs-Ausgaben und Einnahmen für das Etatsjahr 1885/86, den Gesetzentwurf über die Unfallversicherung der bei Bauten beschäftigten Personen und den Antrag Preußen», bett, die Abänderung der Prüfungs-Vorschriften für Maschinisten aus See-Dampfschiffen den zuständigen Ausschüssen und erledigte dann noch einige Sachen von untergeordneter Bedeutung. Ueber den dem Bundesrath noch in voriger Woche ebenfalls zugegan- aenen Militär-Etat liegen noch keine fpecielleren Angaben vor, außer dem Wenigen, was über den preußischen Etat bekannt ist und wonach derselbe in den -fortdauernden Ausgaben ein Mehr von 4,226,000 und in ^n einmaligen Ausgaben ein Mehr von 12476,000 JL, in dem außerordentlichen Etat schließlich ein Mehr von 2,555,000 ausweist. Ein übersichtliches Bild nicht nur vom Etat des Reichsheeres, sondern überhaupt vom gesammten Etat läßt sich indessen noch immer nicht geben und muß daher erst die Beendigung der Specialberathung des Etat» im Bundesrathe abgewartet werden.
Ueber die Arbeiter-Verhastungen in Buckau bei Magdeburg lauten die Meldungen noch immer widerspruchsvoll. Während von der einen Seite versichert wird, die Sache sei gar nicht weiter bedenklich und nur ausge- bauscht worden, behauptet man von der anderen Seite, daß es sich in der That um eine anarchistische Verschwörung handele. Zur Untersuchung der Sache ist von Berlin ein RegierungS'Commissar nach Buckau entsendet worden. Zur gleichen Zett kommt auch aus Frankfurt a. M. die Kunde von Massen-Verhaf- tungen von Personen, die als Anhänger der Socialdemokratie bekannt sind. Die Verhafteten, 23 an der Zahl, hielten bet dem Gastwirth Prinz — einem eifrigen Mitglieds der socialdemokratischen Partei — eine Versammlung ab, deren sämmtliche Theilnehmer verhaftet wurden. Auch hier empfiehlt es sich, gegenüber verschiedenen aufgetauchten Gerüchten, das Ergebniß der Untersuchung abzuwDie @rfQ$wa$( zum preußischen Abgeordnetenhause im Wahlkreise Hünfeld-Gersfeld, welche den Uebergang dieses vom Centrum lang- Jahre behaupteten Mandats an die Conservatrven ergeben hat, ist in der Presse noch immer Gegenstand eingehender Erörterungen. Vielfach erblickt man in diesem Vorgänge ein Symptom eines beginnenden Stimmungs- Umschwunges in den katholischen Wählerkreisen, doch wird man gut thun, an diese vereinzelte Wahl noch keine weitgehenden Folgerungen zu knüpfen. Interessant ist, daß der genannte Wahlkreis zum Sprengel des Bischofs Dr Kopp von Fulda gehört und erheben sich deshalb in der klerikalen Presse bereits Stimmen, welche dem Bischof vorwersen, daß er es unterlassen habe, durch den ihm untergebenen Klerus auf die katholische Wählerschaft einzuwirken.
Privaten Mittheilungen zufolge hat die Briessälschungs-Angelegenheit des Amtsgerichtsraths Francke in Ratzeburg zur einfachen Strafversetzung de« genannten Herrn geführt.
Der Schwerpunkt der europäischen Lage befindet sich augenblicklich wieder einmal in Pesth, wo in den dort versammelten Delegationen die bulgarische Frage fortdauernd an erster Stelle steht. Am Samstag hat Gras Kalnoky im Ausschüsse der ungarischen Delegation die von letzterer gewünschten Erklärungen über die allgemeine Lage gegeben, welche unsere Leser an anderer Stelle dieses Blattes finden.
Die Cholera-Epidemie in Pesth ist nunmehr officiell für erloschen erklärt worden, obwohl sich im Cholern-Spitale zur Zeit noch immer 41 Kranke befinden und so müssen die Vorsichtsmaßregeln bis aus Weiterer noch m Kraft bleiben, Uebrigens wird sich erst im nächsten Frühjahre ergeben, ob der Cholsrakeim in der ungarischen Hauptstadt nicht etwa überwintert hat, wie drer z. B, bei der letzten Epidemie in Venedig und Umgegend der Fall gewesen ist.
Die Bestrebungen zur Herstellung einer internationalen Eisen- babN'Frachtrecht» haben auf schweizerischem Boden soeben eine neue Förderung erfahren. In Bern tagte in voriger Woche bie dritte Conseren, in der erwähnten Angelegenheit und ist, nachdem auch die Delegirten Deutsch kandr dar Schlußprotokoll unterzeichnet haben, von der schweizerischen Regierung dar Ersuchen an die auf der Conferenz vertreten gewesenen Regierungen gerechtet
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Ieutschland.
Darmstadt, 15. November. Se. König!. Hoheit der Grobherzog habe« Allergnädigst geruht:
Am 10. November den Geheimerath Maximilian Frhrn. v. Preuschea zum Mitglied der Verwaltungr-Gertchtrhos« zu ernennen.
— Durch Verfügung der Großh. Staatrministerium» ist der Großh. Ge« heimerath Frhr. v. Preu sch en beauftragt worden, die Functionen der Vorsitzenden der Berwaltungr-Genchtrhof» bir aus Weitere» zu versehen.
Darmstadt, 15. November. Se. König!. Hoheit der Großherzog habm Allergnädigst geruht:
Am 13. November der am 28. October 1886 durch die Stadtverordneten- Versammlung zu Darmstadt erfolgten Wahl de» bisherigen Bürgermeister» der Haupt- und Residenzstadt Darmstadt Ober-Bürgermeisterr Albrecht Ohly zum Bürgermeister aus Lebenszeit die Bestätigung zu ertheilen.
RottbuS, 13. November. Im Proceffe wegen Landsriedenrbruch, bezw Ausruhr und Auflaus» in Spremberg verurtheilte die Strafkammer de« Landgericht» von den angeklagten Personen: Rubendunst, Täuscher, Maltusch, Hoff- mann zu 10 Monaten, Kara, Burkert, Platzk, Saude zu 1 Jahr 2 Monaten, Lange zu 1 Jahr, Appell Handrick, Radeseld, Rothert, Richter, Heinze, Brostg. Dunst, Sach«, Ernst, Schmidt, Grund zu 3 Monaten, Hermann, Schmidt, Greischel, Behnisch zu 2 Monaten und Fleischermeister Witte zu 6 Wochen Ge. süngniß. Der Tuchmacher Schmidt und Sommer wurden freigesprochen. Ruben- dunst, Täuscher, Hoffmann, Kara, Platzk, Laucke, Lange und Burkert wurde» sofort verhaftet.
Hesterreich.
Pesth, 13 November. Der Minister des Aeuhcren, Graf Kalnokn, gab in der heutigen Sitzung der ungarischen Delegation folgende Ausführungen: Bei Behandlung der bulgarischen Frage müsse unterschieden werden zwischen bulgarischen und -uro- väischen Interessen. Die Interessen Oesterreich-Ungarns lägen in den Prtnciptensragcn und in dem allgemeinen Vcrtragsrecht. Wie die bulgarische Regierung in der inneren Politik vorgehc, sei gleichgiltig, so lang- wesentliche Punkte nicht tangtrt würden. Die Liauvtsachc sei, daß der Rechtsumfang des Berliner Vertrags unversehrt bleibe. Bul- aarien sei als autonomes Fürstenthum und Vasallenstaat der Türkei krcirt worden, was die Vertrage gewährleisteten. Wenn auch keine Macht für die Durchführung eine Garantie übernommen habe, so liege doch den Mächten und Oesterreich-Ungarn die schwere wichtige Pflicht ob, zu wachen, daß dieses Grundprincrp weder in Bulgarien noch sonstwo verletzt werde. Die schwierigste Aufgabe der Regierung sei, ihre Action nicht nach momentaner Erregung einzurichten. Die Mission Kaulbars sei nur eine Phase, welche weit überschätzt werde. Thatsächlich sei durch dessen Auftreten nichts erreicht, was auf die definitive Gestaltung Bulgariens von entscheidendem Einflüsse wäre. Ihm sei es wohl gelungen, auf Bulgarien die Einwirkung Rußlands in denkbar unangenehmster Art fühlbar zu machen, aber auch die europäische Meinung für daS bulgarische Volk in nie gekannter Weise sympathisch zu stimmen. Es lttge in den Interessen Oesterreich - Ungarns, daß keine den Verträgen widerstrebende Schädigung Platz greife und daß die von Europa gewährleistete Selbstständigkeit unangetastet bleibe. Die Mission Kaulbars' sei eine blos vorübergehende und werde feint tiefergehende Spuren zurücklassen. Man müsse darauf gefaßt fein, daß große Schwierigkeiten zu bewältigen seien und daß eine lange schwierige Aufgabe tn Aussicht stehe, deßhalb erscheine es gerathen, den Gang der Ereignisse in Bulgarien mrt steter Aufmerksamkeit, aber auch mit Geduld und Vorsicht zu verfolgen. ^e aa0etneinai (Snb=
Spr 9ßolitif Qeiterreick * Unaarns seien die bekannten, vom Minister Tisza s entwickelten, welcher klar und bestimmt die Richtung bezeichnete; dieselben seien aber nicht auf die gegenwärtige Krisis allein berechnet, sonoern beruhten auf dnr Prmcipien, aus denen die ganze Ordnung im Oriente aufgebaut sei und wurden daher lauge Zeit suQ
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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