Ausgabe 
17.10.1886 Zweites Blatt
 
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Rr. 242 3w-i«-s Blatt Sonntag den 17. October 1886

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Httrtttt: Schulstraße 7.

Zwei interessante und vielgenannte Processe erfuhren in dieser Woche gerichtliche Entscheidungen. In dem gegen die socialdemokratischen Führer Bebel, v. Vollmar und Genossen wegen Thetlnahme an einer verbotenen Verbindung seit längerer Zeit schwebenden Proceffe hat dar Reichsgericht die von den Angeklagten gegen ihre in zweiter Instanz erfolgte Verurtheilung eilige- legte Berufung verworfen. Hiermit ist das Erkenntniß der Freiberger Landge- richtes, welcher einen Theil der Angeklagten zu 6 und den anderen Theil zu S Monaten Gefängniß verurtheilt, rechtskräftig und nach erfolgter Zustellung sofort vollstreckbar geworden. Da stch unter den Verurtheilten 6 socialdemo- kratische Reichstags-Abgeordnete befinden, so werden dieselben voraussichtlich nicht in der Lage sein, in der kommenden Reichstags-Session ihre Mandate ausüben zu können. Dem Vernehmen nach erörtert daher die socialdemokratische Partei- leitung eifrig die Frage, wie die hierdurch entstandene, immerhin empfindliche Lucke in der socialdemokratischen Fraktion des Reichstages auszufüllen fei und darf man den bezüglichen Beschlüssen nicht ohne Interesse -ntgegensehen- Gerade entgegengesetzt ist der Auigang der anderen angedeuteten ProcesseS, nämlich der- zemgen gegen den Tischler Berndt und den Privatgelehrten Christensen wegen verleumderischer Beleidigung der Criminal-Schutzmanne« Jhring in Berlin. Die Angeklagten sind von der Strafkammer der Berliner Landgerichte« I kostenlos freigesprochen worden, während sie vom Schöffengerichte verurtheilt worden waren. Dieser Widerspruch in den gerichtlichen Urtheilen und überhaupt die ganze Eigenartigkeit de« Falle«, der in die socialdemokratische Bewegung hinein­greift, dürste der Tag-rpreffe wohl noch einige Zeit Anlaß zu Erörte­rungen geben.

Wochen - Ueberficht.

m , Gießen, 16, October.

Die Berichte au» Baden-Baden über da» Befinden der Kaiser» lauten fortgesetzt günstig und ist er ersichtlich, daß dem hohen Herrn der Herbst- aufenthalt in diesem so schön und mild gelegenen Badeorte im Thale der Oor auch Heuer in der erfreulichsten Weise bekommt. In der letzten Zeit nahm der erlauchte Monarch besonder» die Vorträge de« Wirklichen Geheimen Legations- rather v. Bülow über die auswärtigen Angelegenheiten entgegen, woraus her­vorgehl, daß demselben Seiten« der Kaisers fortgesetzt reger Interesse geschenkt wird. Im Laufe der nächsten Woche gedenkt der Kaiser seine Residenz wieder nach Berlin zu verlegen, während die Kaiserin wahrscheinlich erst im November Nachfolgen wird. Gegen Ende October wird auch der deutsche Kronprinz mit seiner Gemahlin und den Prinzesfinnen-Töchtern von dem Aufenthalte in Pon- trefina nach der Heimath zurllckkehren, doch gedenken die kronprinzlichen Herr- schäften ihren Wohnsitz bis aus Weitere« nicht in Berlin, sondern in Potsdam zu nehmen.

Der König von Sachsen ist von den Hosjagden in Steiermark am Freitag früh wieder in Dresden eingelroffen.

An hervorragenderen Begebenheiten auf dem Gebiete der inneren Politik war auch in dieser Woche nicht« Sonderliche« zu berichten und wird diese Stille voraussichtlich auch noch bi« zum Beginne de» parlamentarischen Winter Feldzuges andauern. Al» Termin für die Einberufung de» Reichstages war in letzter Zeit mehrfach der 18. November bezeichnet worden, eine osficiöse Bestätigung dieser Meldung liegt indessen noch nicht vor und wird sie auch von unterrichteter Seite al« verfrüht bezeichnet, mit dem Bemerken, daß oor der Wiederaufnahme der Arbeiten des Bundesrathe» sich überhaupt noch kein Ter- mm für die Eröffnung der Reichrtags-Session bestimmen lasse. Höchst wahr- scheinlich wird der Bunderrath Anfangs kommender Woche mit den nöthigen Vorarbeiten für die Reichstags-Session beginnen und alsdann dürste man wohl auch etwas Näherer über die fignaltsirten Vorlagen bezüglich der Veränderungen Reichs Heere, über die weitere Ausdehnung der Unfalloersicherung u. s. w.

. ®<rj®n!ÜQnb eine Denkschrift, welche die gesummte Organisation der englischen Manne einer vernichtenden Kritik unterzieht, das Tagesereigniß. zu derselben ist Lord Beresford, Mitglied des Marinerathes, welcher

fast alles in der Marine tadelt und im Besonderen auf das Fehlen eines i gütlichen Operationsplanes, auf die Mängel im Effectivbestand der Flotte, ; in der Mobilisirung und im Kundschafterwesen hinweist. Die Denkschrift, welche die Schwächen der englischen Marine so schonungslos bloslegt, erregt ungeheures Aufsehen und die Regierung wird in dieser Angelegenheit im Par­lament einen harten Stand bekommen.

Der Fischereistreit Englands mit Nordamerika hat durch ose abermalige Wegnahme einer amerikanischen Fischerbarke durch einen cana- dischen Kreuzer eine erneute ernste Wendung genommen. Der amerikanische Staatssecretär Bapard wird gegen die Wegnahme der Barke vorläufig einen scharfen Protest erlassen.

Die französischen Kammern sind am Donnerstag zu einer außer­ordentlichen Session zusammengetreten. In derselben werden die Feststellung

vielgenannten Brieffälschungs-Affaire des Amtsae- $tQnde in Ratzeburg ist am vergangenen Dienstag die M brstachung gegen Herrn Francke Seitens des Oberlandesaerichts-

Rathes Blanck aus Kiel eingeleitet worden.

H??ö Deutschland geht augenblicklich eine Buch. orucrer-Tarisbewegung. Dieselbe hat in verschiedenen größeren Städten zu partiellen Arbeits-Einstellungen der Buchdrucker-Gehülfen und Setzer geführt hl1? $p auch Elberfeld und Aachen ergriffen. Den Ausgangspunkt

der Bewegurrg bildet der in Leipzig nach langen Verhandlungen zwischen Prin- zipalen und Gehulsen vereinbarte neue Buchdrucker-Tarif, der, wie es scheint, nur theuweise anerkannt wird.

Die kaum begonnene Session der österreichischen Abaeord- neten Hause-hat bereits eine Verhandlung über die leidige Sprachenfraae h^rzu gab die Seitens der Oppofition gestellte Interpellation über die Regierungs-Verfügung, wonach am Prager Ober-Landesgerichte neben der deutschen künftig auch die czechische Sprache zur Anwendung gelangen soll. Justizmrmster Dr. Prazak. bekanntlich ein Czeche, beantwortete in der Montags-' sttzung die Interpellation in der Hauptsache dahin, daß dem Gerichte die Vfiicbr obliege, uii Rücksicht aus_ bie Sicherheit der Rechtsprechung die Entscheidungen in der Sprache der Recht suchenden Parteien festzustellen, wobei der Minister auf bu gleiche gerichtliche Praxis in Innsbruck und Galizien und auf die Uebel- stände der Uebersetzung htnwies. Die liberaterseits beantragte Besprechung der ministeriellen Antwort wurde mit 171 gegen 118 Stimmen abgelehnt die I Men können demnach einen neuen Sieg aus -dem Gebiete der sprachlichen ! Gleichberechtigung verzeichnen. n

Die russ. Regierungspresse bespricht die bulgarischen Sobranie- wahlen fortgesetzt höchst abfällig. So meint dasI. de St. Petersb." die- ftlben seien unter Unordnung und Parteiwirren zu Stande gekommen/viele von der Theilnahme an den Wahlen abgehalten worden; die SMnS fÖmiten an9eMtS ber Erklärungen Ruß-

. tt- ?fa® Gerücht, Fürst Alexander habe sich bereit

erklärt, feine Wiederwahl seitens der Sobranje anzunehmen, hat noch keinerlei Bestätigung erfahren.TOel

3n Risch tritt am Sonntag die serbische Skupschtina zusammen -u welcher am Dienstag und Mittwoch für die Regierungspartei günstiqe Nacki-

Üa6en- Letztere zählt nunmehr in der Skupschtina 120 Mitglieder, gegenüber 50 Mitgliedern der Oppositionspartei $

n 9ibt V £ie radicale Opposition plötzlich recht ver-

sohnllch. Bei der am Mittwoch begonnenen ersten Lesung des Budgets im Folkethmg erklärte die Linke, sich mit dem Landsthing verständigen zu wollen wenn alle provisorischen Bestimmungen bei Seite gelassen mürbem Die Rech"e sagte em ehrliches Entgegenkommen zu, betonte aber die Nothwendigkeit einer Verständigung mit dem Landsthing.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. 3?rei* vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit

_______________ Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 D

r ® m «®e5,°8, von Cumberland regt sich wieder einmal. Der welfische Prätendent hat durch seinen Beirath, Herrn Dr. Windlhorst, an da» braunschweigische Slaats-Ministerium da» Ersuchen um Herausgabe ber noefi Nicht verabfolgten Vermögens - Objette au« dem Privat - Vermögen de« Herma» Wilhelm gerichtet. Gleichzeitig ließ der Herzog von Cumberland den Wunsch laut werden, das Ministerium möge Bevollmächtigte ernennen, um mit denen des Herzogs über die fragliche Angelegenheit zu unterhandeln. Die braun« | fchweigrfche Regierung soll keine Neigung bekunden, auf die neuesten Forberunaeu " ^,"Eu>nberilänbers" einzugehen, was man ihr nicht verdenken kann, denn es müßten da z. B. das gesammte Mobiliar und da» Silberzeug, die Linnenvor« räthe u. f. w. in den herzoglichen Schlössern zu Braunschweig und Blankenburg, bar Inventar les Hoftheaters und de« Oberstallmeisteramte«, die Schätze und Kunstgeoenstäni-e be« braunschweiger Museums u. s. w. herausgegeben werden

Ein ziemlich buntes Allerlei bringt die Wochenchronik aus Oesterreich. Zunächst nehmen hier die Verhaftungen der anarchistischen Ver­schwörer das öffentliche Jntereffe in Anspruch und sieht man den Ergebnissen der einstweilen noch geheim geführten Untersuchung selbstverständlich mit aröfeter ©panniing entgegen. Weiter beschäftigen sich die Gemüther in Oesterreich mit r beS Justizministers Dr. v. Prazak verordneten Einführung des Czechischen als innere Amtssprache beim Prager Ober-Landesgericht wo- durch der Einführung des czechischen Idioms in sämmtlichen Gerichten des Königreichs Böhmen der Weg gebahnt wird. Einen ferneren Gegenstand des Tagesinteresses für die politischen Kreise Oesterreichs bildet die Anwesenbeit des englischen Schatzkanzlers in Wien, der nunmehr sein Jncognito abgestreift m k Churchill stattete bis jetzt nur auf der englischen Botschaft officielle Besuche ab und muß es sich daher erst noch zeigen, ob seiner Reise in der Th«) eine tiefere Bedeutung innewohnt. Endlich fehlen auch in dieser Woche die stereotypen Cholerabulletins aus Pesth und Triest nicht, die leider ein abermaliges Anwachsen der Cholerafälle in den genannten Städten er«

In letz-er Zeit waren mancherlei Gerüchte über da» Gesammt- i ?ieJjn6.en besr König« Otto von Bayern In Umlauf. Wahrscheinlich I h'erburch veranlaßt, veröffentlicht das amtliche Organ ber Münchener PolüeD ; Direction einen SReritif über hn« SRefinhen h«» , r !

Direction einen Bericht über das Befinden des Königs, wonach die Prognose : bestimmt dahingeht, baß bie Heilung bei an Paranöa leibenben Monarchen unbenfbar erscheint. Auf bie Lebensbauer sei bas Leiben einflußlos, ba biese Art von Geisteskrankheit ablaufe, ohne bas organische Leben zu stören ober auch nur zu benachtheiligen. Da hiernach bie geistige Wiebergenesung de« Unglück- > kichen Monarchen trotz seines körperlichen Wohlbefindens al« aussichtslos bezeich- i net werben muß, so bürste man in ben maßgebenben Münchener Kreisen ber Erhebung be« Brinz-Regenten Luitpolb zum König wohl bemnächst näher treten, i benn bie gegenwärtigen Verhältnisse sinb auf bie Dauer unhaltbar.