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Nr. 216
Freitag den 17. September
1886.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Vnreairr Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme deö Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn»
, Durch bte Post bezogen vierteljübrlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Theil'.
Betreffend: Die rinsendunz der Todeszeugniffe und Sterbfalls-Zählkarten. Gießen, den 16. September 1886.
Das Großherzogliche Kreis-Gesundheitsamt Gießen
an die Großherroglicherr Bürgermeistereien Allert-Hausen, Alten-Buseek, BerSrod, Dorf-Gill, Ettingshausen, Göbelnrods Klein-Linde«, Langsdorf, Leihgestern, Lollar, Nieder-Besfingen, Stangenrod, TreiS-Lumda, Watzenborn, Weiter-Hain.
Sie werden um unverzügliche Einsendung der Todeszeugniffe und Sterbfalls-Zählkarten für die Monate Juli und August 1886 ersucht.
Politische Uebersicht.
Gießen, 16. September.
Der Fortgang der Kaisertage im Elsaß entspricht ganz ihrem glanzvollen Anfänge. Am Montag haben die Manöver des 15. Armee-Corps bei dem Dorfe Brumath begonnen, wohin sich der Kaiser am Vormittag des genannten Tages von Straßburg aus begeben hatte. In Stephansfeld verließ der kaiserliche Herr den Extrazug und fuhr zu Wagen, von einer nach vielen Tausenden zählenden Volksmenge jubelnd begrüßt, durch das reich geschmückte Brumath nach dem Dörschen Wettbruch, dem Mittelpunkte der Manöver am Montage. In Weitbruch wurde der Kaiser von der Geistlichkeit und den Lehrern de- Landkreises Straßburg, sowie der Geistlichkeit und den Lehrern des Kreises Hagenau bewillkommt, während ihm eine Schaar weißgekleideter Mädchen aus den angesehensten Familien des Kreises Blumensträuße überreichte. Von einer Höb^estlich von Weitbruch beobachtete der Kaiser die letzten Gesechtsmomente un'y oegab sich nach abgehaltener Kritik in der ersten Nachmittagsstunde nach Straßburg zurück. Auch bei der Rückfahrt vom Manöver-Terrain wurden dem greisen Monarchen von der in dichten Massen oft aus einer Entfernung von Meil.n zusammengeströmten Landbevölkerung die herzlichsten Huldigungen dargebracht. Am Dienstag Vormittag besuchte der Kaiser das Münster, empfing Mittags die Straßburger Behörden und Körperschaften und nahm Nachmittags .die Huldigung der Landleute aus der Umgebung Straßburgs entgegen.
Der Aufenthalt des Prinzen Wilhelm von Preußen in Brest- Litowsk behufs Begrüßung des Kaisers Alexander ist nur ein sehr kurzer gewesen. Bereits am Sonntag Vormittag hat Prinz Wilhelm Brest-Litowsk wieder verlassen, vom Fürsten Schachowskoj und dem Flügeladjutanten Fürsten Beloffelsky - Belosersky bis Warschau geleitet. Dem Prinzen Wilhelm ist Seitens der russischen Kaisersamilie ein höchst auszeichnender Empfang zu Theil geworden.
In Sigmaringen ist die silberne Hochzeitsfeier des Fürsten und der Fürstin von Hohenzollern am Montage im engsten Familienkreise begangen worden. Auf Wunsch des Fürsten waren alle Ovationen und Demonstrationen unterblieben. Von ausländischen Fürstlichkeiten war nur der Bruder der Fürstin, der König von Portugal, erschienen; derselbe ist am Montag Nachmittag von Sigmaringen nach Brüssel abgereist.
An diesem Donnerstag tritt der Reichstag zu der angekündigten außerordentlichen Sommersession zusammen, um über die Vorlage, betr. die Verlängerung des deutsch-spanischen Handelsvertrages, Beschluß zu fassen. Voraussichtlich wird die Session nur wenige Tage dauern und um so mehr darf von dem Pstichtgesühl der Abgeordneten erwartet werden, daß sie sich ungeachtet der einer parlamentarischen Berathung gerade nicht günstigen Jahreszeit möglichst vollzählig in der Reichshauptstadt einfinden werden, damit das Zustandekommen diese» neuen wichtigen Vertrages nicht etwa durch eine schwache Besetzung des Reichstages gefährdet wird. Fürst Bismarck wird in Folge seines noch andauernden leibenden Zustandes an den Berathungen nicht Theil nehmen können; die hauptsächlichste Vertretung der Vorlage wird durch den Staatssecretär im auswärtigen Amte, Grasen Herbert Bismarck, erfolgen, dem die Staatsseccetäre im Reichs-Finanzamte und im Reichramte des Innern assistiren werden.
Bei der Reichstags-Stichwahl in Bromberg ist, wie zu erwarten stand, der conservative Candidat, Hahn, mit ca. 1800 Stimmen Mehrheit gegenüber dem Polen, v. Komerowski, gewählt worben.
Die deutsche Wissenschaft hat einen schweren Verlust erlitten: In Braß an der Nigermündung ist der hochverdiente Afrikareisende Robert Eduard Flegel, erst im 31. Lebensjahr stehend, von einem heimtückischen Fieber dahingerafft worden. Die Erschließung der großen, reich bevölkerten und sruchtbarsten Länder des Niger-Benuö-Gebietes ist das hervorragendste Verdienst Flegels und sichert ihm einen der vordersten Plätze in den Reihen jener Namen, deren Träger bemüht waren, den „schwarzen Kontinent” der Wissenschaft und Civilisation zu erschließen.
Gleichzeitig mit den russischen Manövern in dem benachbarten Polen finden gegenwärtig in Galizien die großen Herbstmanöver der österreichischen Armee statt. Den Mittelpunkt derselben bildet das Städtchen Lubien, in dem sich anläßlich der Anwesenheit des kaiserlichen Hofes ein überaus glänzendes und bewegtes Leben entfaltet hat.
Die famose Spionengeschichte von Belfort zieht jenseits der Vogesen noch immer ihre Kreise. Zur Richtigstellung der von den französischen Hetzblättern vom Schlage der Patrioten-Liga von diesem Vorfälle gegebenen übertriebenen Darstellungen ist jetzt von der Regierung ein officielle» Commu-
niquö sämmtlichen Pariser Blättern zugegangen, in welchem namentlich darauf hingewiesen lpird, daß gegen den Gouverneur von Belfort eine Strafmaßregel ergriffen worden ist, weil derselbe den betr. ehemaligen Osficier, den „Spion", sreigelaffen hatte, trotzdem daß von letzterem, entgegen dem ausdrücklichen Verbot" militärisches Terrain betreten worden war. Der Gouverneur von Belfort, General Sainte-Beuve, muß also zum Sündenbock dafür dienen, daß er an dem verhaftet gewesenen „Individuum" gar nichts Spionenhastes entdecken konnte — das ist wirklich heiter!
In Marseille scheinen Anarchisten wieder einmal ihr Wesen getrieben zu haben. In der Nacht vom Sonntag zum Montag explodirte unter dem Hauptthore der Marseiller Docks eine Dynamitpatrone, ohne indessen großen Schaden anzurichten.
Durch die spanischen Zeitungen gingen jüngst beunruhigende Mittheilungen über den Gesundheitszustand der Königin Christine von Spanien und ihres Sohnes, des jungen Königs Alfons XIII., ja, in manchen Blättern wurde sogar behauptet, daß die Königin unrettbar verloren sei. Diesen Meldungen gegenüber erklärt nun die in Wien erscheinende osficiöse „Correspondenz Wilhelm", sie fei von competenter Sette ermächtigt, alle diese Gerüchte al» tendenziöse Erfindungen zu bezeichnen. Weder der spanischen Gesandtschaft in Wien, noch irgend einer anderen spanischen Gesandtschaft in Europa fei irgend eine officielle Mtttheilung von einer angeblich ernsten Erkrankung der Königin- Regentin ^Mangen Letztere weilt gegenwärtig mit ihrem Söhnchen in La Granja in der Sommerfrische und fei das Befinden beider fürstlichen Personen ein durchaus zufriedenstellendes. Speciell gedeihe der kindliche Herrscher Spaniens zusehends und sei er seit feiner Geburt noch nicht ein einziges Mal unwohl gewesen.
Die bulgarische Frage ist mit der am Montag erfolgten Eröffnung der Sobranje in Sofia in eine neue Phase getreten. Von der Haltung der bulgarischen Nationalversammlung hängt cs im Wesentlichen mit ab, ob Bulgarien die gegenwärtige Krisis rasch überstehen und aus den jetzigen außergewöhnlichen Verhältniffen wieder in geordnete und regelmäßige Verhältnisse zurück- kehren wird. Hierzu gehört vor Allem einmüthige» Zusammenhalten aller Parteien, das, ohne irgendwie verletzend und provocirend zu sein, doch die Würde und die wahren Interessen des Landes zu schützen versteht. In diesem Sinne ist auch die Eröffnungsansprache des Regentschaftsmitgliedes Stambuloff gehalten, die zur Eintracht unter Verzichtleistung aus alle confessionellen, politischen und nationalen Streitigkeiten auffordert. Bemerkenswerth ist übrigens, daß die Sobranje vor der Wahl des Bureaus sich auf die Aufforderung eine» Deputirten zu einem brausenden Hochrufe auf den Fürsten Alexander erhob.
Anläßlich des Namenstages des Czaren (12. September) war an denselben von der provisorischen Regierung und den angesehensten Bürgern Sofias ein Glückwunsch-Telegramm abgesendet worden. Der Kaiser Alexander hat nun durch den russischen Consul in Sofia für diese Huldigung seinen Dank aussprechen und hierbei zugleich die Hoffnung ausdrücken lassen, daß Bulgarien, dessen Wohl dem Kaiser so sehr am Herzen liege, es verstehen werde, sich die Ruhe und Ordnung zu sichern, deren es so dringend bedürfe. Je mehr Bulgarien sich der Höhe dieser Aufgabe gewachsen zeige, desto mehr werde es sich die wohlwollende Protection des Kaisers sichern.
Darmstadt, 14. September. In Vertretung des erkrankten Prinzen Heinrich von Hessen, Großh. Hoheit, wird Herr Generalmajor v. Werder, Commandeur der 50. Infanterie - Brigade, bei den diesjährigen Manövern die 25. (Großh. Hess.) Division führen.
— Diejenigen gedruckten Sachen, welche gegen Drucksachengebühr mit der Post versandt «erden, kommen vom 1. October ab nur dann zur Versendung, wenn das Wort „Postkarte" sich auf der Aufschristsseite nicht befindet. Letztere darf fortan nur Namen und Wohnung des Empfängers tragen. Die etwa vorhandenen Bestände sind also im lausenden Monat auszubrauchen.
Straßburg i. E., 15. September. Der Toast, welchen Se. K. u. K. Hoheit der Kronprinz bei dem gestrigen Galadiner ausbrachte, lautete wie folgt: „Im Namen Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin spreche Ich den hier versammelten Vertretern dieser Lande die Freude aus, welche Aller- höchstdieselben empfinden, wieder unter Ihnen zu weilen. Gleichzeitig ober habe Ich der hohen Genugthuung Ihrer Majestäten über den herzlichen Empfang, der Ihnen hier in diesen Tagen bereitet ward, Ausdruck zu geben. Möge immer mehr und mehr in den Reichslanden die Erkenntniß sich befestigen, daß des Kaisers und Seiner Regierung unablässiges Streben auf das Glück, das Blühen und Gedeihen dieser schönen Provinzen gerichtet ist, dann wird es wohl um die-


