dtr. 137 Erstes Blatt. Donnerstag den 17. Juni 188@
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Meßen.
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König Ludwig II. von Bayern, f
Gießen, 16. Juni.
ra®u!,I(Sn“etJ??n de« Mibklang« störte di- F-ier bei Pfingstfestes. Waren die G-muther durch die tragischen Vorgänge im Bayernlande schon tief erregt, (o traf doch die Kunde von dem jähen Ende König Ludwigs so überraschend «>n. daß man saß an der Wirklichkeit zweifeln mochte. Wir erhielten am 2. geiertage, Nachmittags, die erste Nachricht von dem furchtbaren Ende des Königs, wie auch Des sich aufopfernden Arztes, Obermedicinalrath Dr. v. G u d. den, und konnten noch spät Nachmittags eine beschränkte Anzahl von Extra- m xnT? kleben, um unsere Leser von dem Geschehenen zu unterrichten. Im Nachstehenden tragen wir eine Reihe von Nachrichten zusammen, aus welchen ™ Leser orientiren mögen. Wir berichten theils nach Mittheilungen des „Wolff ichen Bureaus", wie auch nach solchen der „Franks. Zeitung", welche von ihren Correspondenten sehr gut bedient wurde.
Eine authentische Darstellung Der Reise des Königs von Hohenschwangau nach Berg lautet: ö
Obermedicinalrath Dr. v. Gudden, welcher ursprünglich die Absicht hatte, den König erst heute (den 12. Juni) gegen Morgen von dem Zweck seiner Anwesenheit zu verständigen, mußte alsbald nach seiner Ankunst um 1 Uhr Nichts diese Absicht ändern, weil der König den gestrigen Tag über und während der Nacht zu der Besorgniß Anlaß gegeben yatle, daß er sich ein Leids anthun könnte, zumal der König verlangt hatte, den Schloßthurm zu besteigen, von dem aus natürlich ein Absturz leicht möglich gewesen wäre. Dr. v. Gudden hielt deshalb ein rasches Einschreiten für geboten und stellte sich dem König sofort vor, als demselben mitgetheilt worden war, daß der Weg zum Thurme nunmehr offen stehe. Der König erklärte sich, nachdem Dr. v. Gudden hie Nothwendigkeit einer ärztlichen Behandlung dargelegt hatte, sofort und ohne allen Widerspruch bereit zu reisen. Der König sprach während der nächstfol- genden drei Stunden viel mit Dr. v- Gudden und den Wärtern und bestieg schließlich ohne Widerstand den Wogen. Eine „rührende Ansprache", von der ein Münchener Blatt zu melden weiß, hat nicht stattgesunden, wie denn auch thatsächlich Niemand vorhanden war, an den eine solche hätte gerichtet werden können. Die Reise, während welcher der König viel mit Dr. v. Gudden verkehrte, verlief ohne jeden Zwischenfall. An Den Orten, in welchen Die Pferde gewechselt werden mußten, waren äußerst wenig Personen zu sehen. Um 12*/* Uhr kam Se. Maj. der König in Berg an und verfügte sich alsbald in seine Gemächer, wo demselben auch sofort der in Berg anwesende Professor Dr. Grashey vorgestrllt wurde. Beide Aerzte haben erklärt, daß sie auch nach dem persön- lichen Verkehr mit dem König an den schriftlich abgegebenen Gutachten über den Gesundheitszustand desselben entschieden sesthalten müßten. Die eingeleitete ärztliche Behanolung wird selbstverständlich mit der äußersten Schonung ausgeführt.
Diese Reiseschilderung vorausgeschickt, lassen wir nun die telegr. Mittheilungen folgen. Die erste Nachricht lautete:
München, 14. Juni. Laut Polizei-Directions-Affichen hat König Ludwig sich gestern 63/< Uhr Abends beim Spaziergange im Parke des Schroffes Berg in den Starnberger See gestürzt. Der Leibarzt Gudden ist gleichfalls ertrunken.
Die „Franks. Zeitung" empfing am 2. Feiertage Morgens 8% Uhr schon nachfolgende Depesche ihres Correspondenten:
„König Ludwig II ist tobt! Gestern, kurz nachdem ich Schloß Berg verlassen, hat der König um 63/4 Uhr einen Spaziergang mit Dr. v. Gudden gemacht, wieder in voller Ruhe, wie das soeben angeschlagene Plakat hervorheLt. Als beide Herren länger, als man erwartet, ausblieben, stellte man Nach- sorschungen an und sand den König im See, ebenso Dr. v. Gudden. Die von Dr. Müller angestellten Belebungsversuche hatten leider kein Resultat. Der König verschied gegen 12 Uhr Nachts. Auch Dr. v. Gudden war nicht mehr zu retten."
Weitere Nachrichten des Correspondenten, der sich am Montag früh wieder nach Berg begeben hat, lauten wie folgt:
Starnberg, 14. Juni, 10 Uhr Vorm. Der Spaziergang des Königs wurde in Begleitung von Dr. v. Gudden und einigen Wärtern unternommen. Der König war wieder liebenswürdig, doch mißfielen ihm die Wärter; er ersuchte Gudden, sie zu entfernen, was auch geschah. Von einer Stelle des Parkes aus muß der König das Ufer verlassen haben und in das Wasser gegangen sein. Nach längerem Suchen fand man ihn wie Dr. v. Gudden tobt im Wasser an einer etwa nietertiefen Stelle. Die Uhr des Königs war ein Viertel nach 7 Uhr, die des Dr. v. Gudden ein Viertel nach 8 Uhr stehen geblieben. Die beiden Körper lagen nicht allzuweit von einander; das Gesicht des Dr. v. Gudden zeigt Rißwunden, so daß die Annahme nahe liegt, es fei ein Kampf vorausgegangen. Gefunden wurden die Leichen um 11 Uhr Nachts.
Die Münchener Polizeidirection theilt am Montag Vormittag das Ereigniß durch öffentliche Anschläge mit. Dieselben meldeten:
„Nachdem der König den ärztlichen Rathschlägen ruhig Folge geleistet batte, machte derselbe gestern Abend mit dem Obermedicinalrath Gudden einen Spaziergang im Parke, von dem der König und Gudden längere Zeit nicht zurückkehrten. Nach Durchsuchung des Parkes und des See-Ufers wurden der König und Gudden in dem See gefunden. Der König gab wie Gudden Anfangs noch schwache Lebenszeichen von sich, die von Dr. Müller vorgenommenen
Wiederbelebungs-Versuche waren jedoch vergeblich. Um 12 Uhr Nachts wurde der Tod des Königs constatirt, ein Gleiches war bei Gudden der Fall."
Wettere Nachrichten vom 14. lauten: Die Flagge auf Schloß Vera rocW Galfrnaft, es regnet unaufhörlich, der See sieht trübtraurig darein. Von den Nachbarorten sammelt sich allmählich das Publikum, Bauern und Städter- Der verstorbene König, den ein Schwarm von Menschen umsteht, liegt aufqe- babrt in einem Zimmer des ersten Stockes ganz unverändert wie im Leben. Er ähnelt dem altbekannten Bilde mehr, als man glaubt. In einem Neben- £immer ist Dr. v Gudden aufgebahrt, sein Gesicht zeigt Nisse und an den feeiten, wie es scheint, blaue Flecke, Spuren des Kampfes, denn daß ein Kampf dieser grauenvollen Katastrophe vorausgegangen, ist nahezu zweifellos. Der Komg hat, wie offiziell versichert wird, bereits in Hohenschwangau seinem Leben em Ende machen wollen,, in Berg ist ihm die That gelungen. Drei Minuten vom Schloß befindet sich in dem zum Schloß gehörigen Parke eine Vank; schon am Vormittag hat der König mit Gudden lange auf derselben gesessen, am Abend wurde der hier gefaßte Plan ausgeführt. Unmittelbar vor 7, etwa 63/4 Uhr. hat der König sich zum Spaziergang gerüstet; das Souper war auf 8 Uhr vom König selbst bestellt. Der begleitende Wärter wurde von Dr. Gudden, der ein Opfer seiner Täuschung geworden ist, entlassen. Der König ist schnurstracks zum See gegangen, denn die bei ihm ge- fundene stehengebliebene Uhr weist auf 7 Uhr 5 Minuten. Was weiter zwifchen Beiden vorgegangen ist, darüber wird für ewig Geheimniß walten. Der König hat sich seines Hutes, beider Röcke und des Schirmes entledigt und hat bann vermuthlich die Absicht geäußert ober ausgeführt, ins Wasser zu gehen.. Dr. Gudden ist ihm nach, er wurde an einer mäßig tiefen Stelle beä Wassers gefunden, dabei hat dann wohl das Ringen stattgehabt, wie die Risse im Gesicht des Arztes und die blauen Flecken bezeugen. Nachdem • ci' roie s^int' unterlegen war, ist der König weiter hinein ms Wasser gegangen, er wurde 6 bis 8 Meter vom Rande gesunden. Ws die Schloßbewohner den König gegen halb 9 Uhr vermißten, begab man sich auf*re Suche. Röcke und Hut leiteten auf die Spur, das Suchen irn Wasser wä^rc lange. Der Kellerofficial Ritter fand die Leiche in etwa mannstiefem Wasser, 6—8 Mann von der Bedienung trugen den schweren Körper ins Schloß, er wurde dort von Dr. Müller untersucht und fein wie des Arztes ^od konstatirt. Der Staatstelegraph in Schloß Berg ist mit Staatsdepeschen Jo uberbauft, daß ich mich sofort nach Starnberg verfügte, um Ihnen diese Mtttheilungen zu machen. Von München ist aus dem Ministerium noch Niemand zur Stelle, doch ist die Ministerialkommission für heute Nachmittag 1A4 Uhr angekündigt. 9 2
Da der Ort des Fundes der Leichen nur vom Wasser aus zu untersuchen, der Eintritt zur Parkstelle, wo die Verstorbenen an den See gelangten von der Uferseite aber nicht gestattet ist, so habe ich vom Kahn aus folgende Situation gefunden. - Der Steg vom Schloß geht erst an der Anhöhe bm, dann zum See hinunter und ist von demselben durch ein Gebüsch getrennt; die Entfernung dürfte 10-15 Minuten mehr als ursprünglich angegeben betragen. Durch das Gebüsch ist der König durchgebrochen, es scheint Geäst zerknickt zu sein. Der See ist am Rande seicht, zwei Fahnen bezeichnen die Unglücksstelle. In der Mitte beider haben die Leichen, vorn vom Ufer aus Gudden, weiter hinein der König gelegen. Es ist etwa die Mitte des Weges zwischen Berg und Leoni. Am User lagen beide Röcke des Königs, die Aermel des einen in denen des andern. Gudden hat den Weg schwerlich genau gekannt. Die Leiche des Königs wird voraussichtlich heute nach München übergeführt, die Section erfolgt in der Residenz. Trotz des anhaltend schlechten Wetters strömen zahllose Menschen herbei, um noch einmal den König zu sehen. Bis jetzt ist der Zutritt Jedermann gestattet. Die Trauer der Bevölkerung ist groß und allgemein.
Da der Park und der See den Tod des Königs und des Arztes für immer mit Dunkel umhüllen werden, so bleiben für Aufklärungen über den Hergang nur Vermuthungen, die sich mehr ober weniger auf Anhaltspunkte stützen können. Die Annahme, daß dem König Gewalt geschehen sei, wirb ein für allemal ausgeschlossen bleiben, da alle Umstände gegen sie sprechen. So bleiben nur zwei Fälle übrig: entweder der König hat sich das Leben nehmen wollen und Dr. Gudden hat bei dem Versuch, das zu hindern und den König zu retten, das (einige eingebüßt ober aber der König hat den Dr. Gudden ertränken wollen und ist dabei mit zu Grunde gegangen. Bekanntlich wenden Irre ihre Wuth vornehmlich gegen ihre unmittelbare Umgebung, in der sie ihre Peiniger erblicken, wissen aber dabei Listen anzuwenden, Verstellung u. s. w., wie sie kaum Vernünftigen möglich sind. Dr. Gudden hat. sich offenbar durch die scheinbare Ruhe und Freundlichkeit des Königs täuschen lassen, Denn sonst würde er wohl vorsorglich die Wärter, statt sie fortzuschicken, inflruirt haben, sich zwar den Blicken des Königs zu entziehen, aber stets in der Nähe zu halten. Wäre dies geschehen, so hätte die Katastrophe nimmer einen so traurigen Ausgang nehmen können.
Mit dem Tode Ludwigs II. ist der bayerische Thron erledigt. Nach der Verfassung ist die Krone erblich in dem Mannesstamme des Königlichen Hauses nach dem Rechte der Erstgeburt und der agnatisch-linealischen Erbfolge. Thronfolger wäre hiernach des Königs Ludwig einziger Bruder Otto, geb am 27. April 1848 Da derselbe aber schon feit Jahren geistesgestört ist und es auch nach dem Zeugniß der Aerzte dauernd bleiben wird, ohne daß eine


