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Nr. 398, Donnerstag dm 16. Tcccmber 1886.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
ItotttÄtl t Schulstraße 7.
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Erscheint mit Ausnahme de- MoniagS.
DreiO vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit förtagtifafa. Durch die Poft bezogen vierieljübrlich 2 Mark 60 Pf.
Amtlicher Hheil.
Betreffend: Die Wahl der Schulvorstandrmitglieder. Gießen, am 11. D-cember 1886.
Die Großhcrzogliche Kreis-Schul-Comnnssion Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Die Dienstzeit der in Gemäßheit des Art. 69 des Volksschulgesetzes vom 16. Juni 1874 $u Ende des Jahres 1880 gewählten, wte auch der an Don sotten sväter einaetretenen unständigen Mitglieder der Schulvorstände läuft mit Ende dieses Jahres ad.
Sie wolle/nach Art. 69 pos. 5 des Volksgesetzes baldigst eine Neuwahl dec „unständigen" Mitglieder durch den Ortsvorstand vornehmen lassen und das Ergebniß der Wahl so zeitig berichten, daß die neugewählten Mitglieder mit Anfang des Jahres 1887 in ihr Amt emgemesen werden können.
a Dr. Bo ermann.
Politische Ueberstcht.
Gieße«, 15. December.
Die Militär-Commission des Reichstages hat die Generaldebatte über den Septennats-Entwurf erst am Montag zu Ende führen rönnen, an welchem Tage noch Bamberger und Windthorst sprachen. Trotzdenii, daß -
somit die Generaldiscussion volle vier Sitzungen beanspruchte, ist durch dieselbe die Situation nur wenig geklärt worden und nur darüber brachten diese mer- tägigen Verhandlungen Gewißheit, daß die Militär-Vorlage ketnenfalls brs Neu- iahr an das Plenum zurückgelangt. Die Wichtigkeit der Vorlage erfordert allerdings eine eingehende Prüfung derselben, anderseits erscheint aber auch eme möalichst beschleunigte Durchberathung des Entwurfes dringend geboten, ob dies Pbocb geschehen wird, läßt stch nach dem bisherigen Verlaufe der Commifirons- Verhandlungen kaum annehmen. Soviel dürste indessen auch den oppositionellen Commisstons-Mitgliedern aus den Mittheilungen der Regierungs-Vertreter klar aeworden fein, daß die Wehrverhältniffe Rußlands und Frankreichs es durchaus rechtfertigen, wenn die deutsche Regierung eine Stärkung unserer Wehrkraft erstrebt Erklärte doch in der Saw.stagSfitzung der Commifston Bundescommrssar Maior Laberling, daß den 2 Millionen Truppen, welche Deutschland im äußersten'Falle aufbrinqen könne, 5 Millionen franMcher und russischer Truppen entaeaenstünden und bei der Eventualität eines französtsch - russischen BündmffeS giebt die Ungleichheit dieses Zahlenverhältnisses, ernstlich zu denken — um fo mebr steht zu erwarten, daß es in der Militärfrage zu einer baldigen Verständigung zwischen der Regierung und den Vertretern der Nation kommt.
Die Ansprache, welche der Prinz-Regent von Bayern in Berlin an die von ihm empfangenen bayerischen Reichstags-Mitgueber gerichtet hat, erregte wegen ihrer directen Bezugnahme auf die Militär-Vorlage unge- meiner Aussehen. Er ist in der That ungewöhnlich, daß ein Landersürst auj die parlamentarischen Vertreter de, Volker in solcher Weise einzuwirken sucht und um so bedeutungrooller erscheint darum da» Verhalten der Prlnz'Regenten. Offenbar gehört derselbe zu dem kleinen Kreise der Eingeweihten, die über bte Laae vollständig unterrichtet stnd, und au» dieser Kenntniß der Dinge ist wohl de? so ungewöhnliche Schritt erklärlich, den Prinz Lmtpold den Vertretern de» daverischen Volkes gegenüber für angemessen erachtete. Ob die Mahnung des -reisen Fürsten, unter allen Umständen die Sicherheit de» Vaterlandes al» rn.fi, gebend bei der Prüfung der Militär-Vorlage zu betrachten, vcn den bayerischen Reichstags-Abgeordneten, soweit ste den Oppositions-Parteien angehören, beherzigt werden wird, steht noch dahin, jedenfalls legt aber diese Aeußerung wiederum ein glänzendes Zeugmß von der patriotischen Gesinnung des Pru^'Aegerüen ab und besonders am Berliner Hofe wird man hiervon nur mit größter Genug- tbuuna Act genommen haben.
Wiesbaden verschied am 10. b. Mts. der Generallieutenant a. D. v. Flies im hohen Alter von 85 Jahren, v. Flies war der Führer des preußischen Detachements in der Schlacht von Langensalza, welches sich am 27. Juni 1866 so fest in die dreifach stärkere Hannöver sche Armee eint> 6, baS diese am anderen Tage capituliren mußte. Nach Beendigung des Feldzuges von 1866 war der Verstorbene noch kurze Zeit Commandant von Altona, um sich dann in den wohlverdienten Ruhestand zurückzuziehen.
In Folge, der heftigen Stürme der letzten Tage sind an den g^ fährlichen dänischen Küsten zahlreiche Schiffe gestrandet, unter ihnen auch viele deutsch> her g([pen feiert man das Andenken des ehemaligen, kürzlich verstorbenen Ministerpräsidenten Minghetti, dessen Name in der italienischen Einheits-Bewegung einen hervorragenden Platz emmmmt, in wärmster goßi?e Samstagssitzung der Deputirtenkammer widmeten der Mimster-
vräsioent Depretis und Kammerpräsident Biancheri dem Verstorbenen warm- emo(unbene Nachrufe. Die Kammer hat zum Zeichen ihrer Trauer ihre ©Ibnncen drei Tage lang fuspendirt und beschlossen, auf dem Parlaments- Gebäude 14 Tage lang eine Trauerfahne wehen, die Marmorbüste Minghetti s im Sitzungs-Saale aufstellen und feine Reden drucken zu lassen; der Senat fMe dieselben Beschlüsse. Von der Regierung wurde ein Gesetzentwurf einge- tradjt betr. die Errichtung eines Denkmals für Minghetti. Der deuts^e Kron- 2'sandte der Familie Minghetti ein Beileids-Telegramm, m welchem der Kronprinz erklärt, daß er den Tod Minghetti'» als einen unersetzlicben Verlust fiit Italien betrachte. Am Montag fand m Rom die osficielle Lerchen,eier statt und erfolgte alsdann dis Ueberführung der Leichs nach Bologna. 1
Telegraphische Depeschen.
Wolff's telegr. Corrcspondenz-Bureau.
Berlin, 14. December. Ter Kaiser wohnte gestern der Vorstellung int Opernhause bei. Heute nahm er bie Vorträge de» Polizeipräsidenten v. Richt- Hofen, de» Marine-Ches» v. Caprivi, Albedyll'» und zahlreiche militärische Meldungen entgegen und machte Nachmttag» eine Spazierfahrt.
Main», 14. December. Der Rhein ist in starkem Steigen, die Höhe desselben betrug hier gestern 132 Centimeter, heute 154, in Maxau gestern 336, heute 428, in Mannheim gestern 362, heute 410, in Kehl gestern 244, heute 317, in Waldihut gestern 183, heute 305. Der Oberrhein führt starker Wasser. Auch der Neckar steigt, wenn schon langsam.
Wien, 14. December. Wie die „Polit. Corresp." meldet, ist die bulgarische Deputation von ihrer Regierung angewiesen, da» Eintreffen schriftlicher Aufträge der Minister der Auswärtigen, Natschewitsch, in Wien abzuwarten. Rach Eiutrefsen derselben geht die Deputation nach Berlin; die Reise nach Petersburg unterbleibt, h0, wie bekannt, die wiederholten Schritte der Deputation bei dem Bot- schastev Lobanow, einen wenn auch nur privaten Empfang in Petersburg zu ermöglichen, ein negatives Ergebniß hatten- Von Berlin aus wird die Deputation die Regierungen der anderen Signatarmächte anfsuchen.
Pari», 14. December. Deputirtenkammer. Die Vorlage für provisorische Bewilligung von zwei Zwölfteln der Jahreseinkünfte wurde heute einge- bracht und von der Kammer für dringlich erklärt. Sodann wurde die Sitzung einstweilen ausgesetzt, damit die Budget-Commisston inzwischen über die Vorlage berathe. Die Berathung der Commission ergab die Annahme der Vorlage mit 17 gegen 12 Stimmen. , ,
London, 14. December. Wie es heißt, beabstchtigt die englische Regierung, die ständige egyptische Armee aus 10,000 Mann und die dortige englische OccupationS'Armee auf 5000 Mann herabzusetzen.
Athen, 14. December. Dem Könige gingen seitens der europäischen Souveräne anläßlich der Großjährigkeit des Kronprinzen Glückwünsche zu. Der Kronprinz empfing zahlreiche Ordenr-Decorationen.
Petersburg, 14. December. Nach Informationen, welche dem „Journ. de St. Pötersbourg" zugehen, konnte die einzige Mittheilung, welche der bulga- ■ rischen D putaüon in dem russischen Botschafts-HStel zu Wien gemacht worden, nur darin bestehen, daß dieselbe in Petersburg nicht empfangen werden würde. Anderclaute»be Nachrichten Wiener Blätter stammen jebenfall» nicht au» der russischen Botschaft.
Berlin, 15. December. (Privat-Depesche.) Der Petersburger „Regier.- Anzeiger" bringt ein Communiquö, welches die in letzterer Zeit erschienenen Zeitungr-Artikel, welche Deutschland al» Russenseindlich darstellen, bedauert und der Presse größere Vorficht und Kaltblütigkeit bei Besprechung politischer Ver- hältniffe anempfiehlt.
Hermine Spiesr
Eduard Hauslick schreibt in der „Neuen freien Presse" unter anderem: Eine in Deutschland gefeierte, für Wien neue Erscheinung lernten wir in Fräulein Hermine Spies kennen. Selten hat eine Licdersängerin unser Publikum so sehr entzückt, so schnell erobert wie Fräulein SpieS. Lid das mit dm echtesten künstlerischen Mitteln, ohne virtuoses Blendwerk, ohne die Würze des blos Pikanten oder Interessanten. Unbedenklich zähle ich das erste Concert die,er Künstlerin (das zweite war mir leider versagt) zu den ungetrübtesten Freuden, die mir im Conccrtfaalc >u Theil geworden. Ihr Organ, ein kräftiger, vollklingendcr Alt von eigenartig herber Frische — gehört nicht zu jenen außerordentlichen Stimmen, die (wie manche italienische) schon durch ihren sinnlichen Reiz gewonnenes Spiel haben. Aber die künstlerische Bildung dieser Stimme ist vollkommen, und ihre Beseelung durch die Machte: Gemuth und Geist macht sie unwiderstehlich. Daß Fräulein Spies die Unterweisung Stock- haus en's genoß, mochte fast errathen, wer diesen größten und vielseitigsten aller Lieber- fänger häufig gehört. Di- tadellose Verbindung der Register, di- -S chone M; in lange so richtig ausgesparte Athem; die immer deutliche, correcte Aussprache das allein find schon schwerwiegende technische Errungenschaften. Als dienstbare Geister empfangen sie aber erst ihre Macht durch den Zauber eines feltmen poetischen rote musikalischen Instinkts und einer lebensvollen Reprodukiionskraft. Sobald FraulLt Spies die ersten Töne eines Liedes anschlagt, hat man die Empfindung, daß si- Gedicht und Liusik völlig ersaßt und tief in sich ausgenommen habe. Ihre Stimme schmiegte stch mit verschiedenem Klange den verfchiedenen Totchichtungm an, und rn diesen wieder den charakteristischen einzelnen Wendungen des Dichters und des Ton- fetzers. Was immer sie auch singe, Heiteres oder Pathetisches, Scherz oder Wehmuth, Schubert oder Brahms — man glaubt ihr Alles. Schlicht, ergreifend klang aus ihrem


