Töfe Saat aufgegangen, von der Größe des durch sie angerichteten Unglücks selbst erschreckt, das Geschehene gern ungeschehen machen würde und sogar auf der — Anklagebank gestehen mußte, daß sie sich die Folgen ihrer Handlungsweise so schrecklich nicht gedacht. In jedem Falle, ob niedere Rachsucht, verletzter Eigendünkel oder lediglich Freude am Bösen, wie sie Shakespeare in seinem Jago verkörpert hat, die Triebfeder, ist der anonyme Briefschreiber verächtlicher als ein Straßenräuber, der bei Ausübung seines Gewerbes doch noch Kopf und Kragen riskirt, während jener feige Ehrenräuber seine giftigen Pfeile aus sicherem Versteck entsendet. Man mache der Jugend deutlich, daß jeder dieser Ritter von der traurigen Gestalt, die unter dem Schild der Anonymität mit geschlossenem Visir angreifen, schmähen oder verleumden, einem feigen, ehrlosen Schurken gleich zu achten ist, für dessen elende Skripturen der Mensch von edler Denkungsart nur eine Verwendung kennt — in's Feuer damit.
Frankfurt a. M., 3. November. [Spitzbübische Schlauheit.) Gestern Abend setzten sich an einem Tische einer sehr feinen Restauration drei elegant gekleidete Herren nieder bestellten sich ein ausgewähltes Souper, tranken vom Besten und machten eine ziemlich große Rechnung. Als es an's Zahlen ging, hatte zufälliger Weise keiner der Herren das nöthige Geld bei sich und geriethen sie deßhalb scheinbar in große Verlegenheit. Da half einer derselben seinen Freunden aus der Klemme, indem er seine goldene Uhr dem Kellner als Pfand übergab, worauf man sie ziehen ließ. Kurze Zeit, nachdem die drei eleganten Herren das Local verlassen hatten, vermißte einer der anwesenden Gäste seine goldene Uhr nebst Kette. Der Verdacht, den Diebstahl begangen zu haben, lenkte sich sofort auf die dicht neben dem Bestohlenen gesessen habenden Fremdlinge, und erkannte der Bestohlene auch in der von denselben in Versatz gegebenen Uhr sein Eigenthum. Um Scandal zu vermeiden, hielt es der Wirth für gut, dem in seinem Locale bestohlenen Gaste, der die Nummer der Uhr genau angeben konnte, dieselbe zu retourniren und lieber die 43 Jt Zeche der Zechpreller für verloren zu geben, Der auf so glückliche Weise wieder zu seiner Uhr gelangte Fremdling entfernte sich alsbald aus dem Local. Ein anderer Gast, der die ganze Angelegenheit genau verfolgt hatte, rieth dem Wirth, doch dem Fremden, der soeben das Restaurant verlassen, heimlich den Kellner nachzuschicken, damit man erfahre, wo er wohne. Der Wirth that dies und kam der Kellner nach kurzer Zeit mit der Meldung zurück, der Gast, welcher die Uhr reclamirt, sei am Roßmarkt mit jenen drei Zechprellern zusammengetroffen. Der Kellner war unklug genug gewesen, sich den Zechprellern zu sehr zu nähern, so daß ihn dieselben erkannten und wie gehetztes Wild Reißaus nahmen. Es glückte nicht, die Betrüger zu fassen. r
— Eine furchtbare Kunde kommt aus Luckenwalde. Der Sohn eines vermißten Arbeiters hat sich, von Gewissensbissen gefoltert, dem Gericht gestellt und das Geständniß abgelegt, daß er mit seiner Mutter den Vater ermordet und die Leiche vergraben habe. Dieselbe ist auch an der bezeichneten Stelle gefunden worden. Mutter und Sohn sind verhaftet. Dieser läßt eine tiefe Reue erkennen, die der Leiche gegenüber- gestellte Ehesrau des Ermordeten zeigte eine unheimliche Ruhe.
— [Die Herzensgüte unseres Kaisers.^ Ein früher in Basentin (Regierungsbezirk Stettin) wohnender Invalide, welcher im französischen Feldzuge verwundet und arbeitsunfähig geworden war, bezog eine monatliche Jnoaltdenpension von 54 „M, voi, der er sich und seine Familie ernährte. Bei dem Tode des Invaliden vor einigem. Jahren verlor seine Wtttwe die Pension und gerieth in das größte Elend. Auf Zureden richtete nun vor einiger Zett die Frau eine Bittschrift an den Kaiser, in der sie ihre traurige Lage schilderte. Der Kaiser hat darauf befohlen, daß der Wittwe die Pension ihres Mannes bis zu ihrem Lebensende nicht allein weitergezahlt, sondern auch vom Todestage ihres Mannes nachgezahlt werden solle; außerdem erhält die Frau noch für jedes Kind ein angemessenes Erziehungsgeld, so daß sie für immer aller Noch und Sorge überhoben ist.
— [Vom Novembers Eine Anzahl alter Sprüche zieht, wie dies in allen Monaten üblich ist, auch aus der Witterung des November Schlüsse auf das Wetter kommender Monate oder die mehr oder minder große Fruchtbarkeit des nächsten Jahres. Von dem kommenden Januar heißt es: „Ein Heller (auch kalter oder trockener) November gibt Regen und milde Luft im Januar" und „Friert im November zeitig das Wasser, dann ist's im Januar um so nasser." Der März soll dasselbe Wetter zeigen wie der November: „Wie der November so der März." Donner und Gewitter sind im November erwünscht; verkünden sie doch, daß das nächste Jahr fruchtbar werde. „Hat der November zum Donnern Muth, wird das nächste Jahr wohl gut", und „Wenn es im November donnert, soll es ein fruchtbar Jahr bedeuten." Also nur zugedonnert. Dagegen soll Trockenheit, Kälte und Helles Wetter von schlechter Vorbedeutung für das nächste Jahr sein: „November trocken und klar, ist übel für's nächste Jahr." Verlieren die Bäume im November bald ihr Laub, so rechnet man auf einen guten Sommer des nächsten Jahres. „Fällt im November das Laub sehr früh zur Erden, soll ein feiner Sommer werden." Bleibt das Laub dagegen auf dem Baume, so erwartet man einen strengen Winter. „Wenn im November noch sitzt an den Bäumen das Laub, so kommt ein harter Winter, das glaub", oder auch: „Ist im Winter die Buche starr und fest, sich große Kälte erwarten läßt." Die Landleute haben im November nicht mehr so viel Arbeit, doch wird ihnen zu Gemüthe geführt: „Wer im November die Felder nicht gestürzt, der wird im nächsten Jahr verkürzt", und „Im November Mistfahren, soll das Feld vor Mäusen bewahren." Diese alten Bauernregeln mögen wohl im Wesentlichen auf wirklichen und langjährigen Erfahrungen beruhen; sie sind aber ebenso wenig zuverlässig wie die Voraussagungen der neueren Wetterpropheten; der liebe Herrgott läßt sich eben in Sachen des Wetters nicht in sein Concept gucken und nur zu oft kommt es ganz anders als man glaubte.
— (Ohne Complimente.^ Bei einem Gerichte im Westen Nordamerikas sagte jüngst der Richter zu einem etwas vorlauten Zeugen: „Junger Mann, wenn Sie in diesem Tone weitersprechen, so wird dieser Gerichtshof seine Würde vergessen und Ihnen eins auf Ihr gottvergessenes Maul schlagen, daß Ihnen die Zähne klappernd in den Magen hinunterfahren!"
Dienstag den 16. November, Nachmittags 2 Uhr, werden im „Darmstädter Haus" die vom Konkurs K. Becker vorhandenen Maaren, wobei insbesondere eine Parthie Kleesaat, Erbsen, Linsen, Bohnen, Mehl, Reis, Cichorienkaffee, Feuerzeug, Oel u. s. w., sowie
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Bekanntmachung.
Betr.: Die Wahl der Mitglieder der Stadtverordneten-Versamm- lung insbesondere die Ergänzungswahl pro 1887/95.
Dienstag den 16. November d I., Vormittags von 8 bis 12 Uhr und Nachmittags von 2 bis 6 Uhr wird die periodische Ergänzungswahl von 6 Stadtverordneten der Stadt Gießen vorgenommen.
Die Wahl findet in dem Sitzungssaals der Stadtverordneten- Versammlung — Neuenwegerthor — statt.
Alle Stimmberechtigten werden eingeladen, in dem gedachten Termin fich persönlich einzufinden und ihre Stimmen abzugeben.
Zugleich wird darauf aufmerksam gemacht, daß Diejenigen, welche mit der Entrichtung der Communalsteucr zur Zeit der Wahl fich länger als zwei Monate im Rückstände befinden, zur Abstimmung nicht zugelaffen werden und daß daher alle Diejenigen, welche bis jetzt mit der Entrichtung dieser Steuer im Rückstände waren, nur dann zur Abstimmung zugelassen werden können, wenn fie den Rückstand noch bis zur Wahl abführen und daß solches geschehen, der Wahlcommisfion durch Vorzeigung ihrer Steuerquittung nachweisen.
Die ausscheidenven Mitglieder der Stadtverordneten-Versamm- lung find die Herren Gail, Grüneberg, Dr. Gutfleisch, LüSeking, Petri und Wortmann.
Gießen, den 2. November 1886.
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