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Nr. 213. Dienstag den 14. September 1886.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

PreiK vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

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Politische Ueberficht.

Gießen, 13. September.

DieNatisn al-Zeitung" knüpft an die Vorlegung des Handels­vertrages mit Spanten folgende Betrachtung:Anläßlich des neuen Handels­vertrages mit Spanien ist eine bemerkenswerthe Verschiebung in der spanischen ' Handelspolitik zu constatiren, die, während die Verlängerung des bestehenden Vertrages erfreulich ist, für die Zukunft mindestens zweifelhafte Aussichten eröffnet. Jak Gegensatz zu vielen anderen Staaten des europäischen Kontinents hat Spanien, als es im Jahre 1882 die wichtigsten Handelsverträge mit anderen Staaten, vor Allem den Vertrag mit Frankreich abschloß, erhebliche Herab- setzungen seines freilich sehr hohen Zolltarifs vorgenommen. Gleichzeitig wurde damals im Gesetz eine weitere Ermäßigung vieler Sätze des spanischen Tarifs für das Jahr 1887 in Aussicht genommen, deren Verwirklichung der Begut­achtung durch eine besondere Commission vorbehalten blieb. Jetzt hat nun aber dasselbe Gesetz, welches die spanische Regierung zur Verlängerung der im Jahre 1887 ablaufenden Handelsverträge ermächtigte, diese für das nächste Jahr stipulirte Ermäßigung der Zölle bis zum Jahre 1892 hinausgeschoben. Alsdann sollen durch eine Special-Commission die Wirkungen der Handelsvertrags-Politik aus die wirthschaftliche Lage Spaniens untersucht und je nach dem Ergebniß in dem Taris, für welchen die Regierung dann nach dem Abläufe aller Tarifver­träge wieder völlig freie Hand gewonnen haben wird, die nothwendigen Aende- rungen vorgenommen werden. Wie man sieht, ist durch dieses Gesetz nichts anderes, als eine vorläufige Einstellung der sreihändlerischen Tarif-Reformen in Spanien ausgesprochen worden. Bei der Befriedigung über das Zustande­kommen des neuen Vertrages darf also nicht außer Acht gelaffen werden, daß die weiteren Ermäßigungen des spanischen Zolltarifs, aus welche man bisher für das Jahr 1887 hoffen durfte, suspenoirt worden sind. Wie sich die spanische Zollpolitik nach Verlaus von 5 bis 6 Jahren gestalten wird, muß abgewartet werden?" Run, hoffentlich wird die weitere Entwickelung der handelspolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und Spanien dieser ziemlich pessimistischen Auffassung des genannten Berliner Blattes nicht entsprechen.

Die diesjährigen großen Manöver sollen eine Reihe von neuen Einrichtungen aus dem Gebiete der Feldpost zu bewähren haben. Es wird auch die Feldpost in die Manöver einbezogen und man sieht den Berichten über die neue Einrichtung mit Spannung entgegen.

Zum französischen Botschafter in Berlin ist nicht Billot, der Gesandte Frankreichs in Lissabon, ernannt worden wie es zuerst hieß sondern Jules Herbette, Director im Pariser auswärtigen Amte. Herbette ist ein Anhänger der gemäßigt-republikanischen Partei und gilt als ein beson­derer Vertrauensmann des Conseil-Präsidenten Freycinet wie dies schon aus seiner Stellung hervorgeht sowie des Präsidenten Grevy selbst. Der neue Botschafter wird also die politischen Anschauungen der ersten leitenden Persön­lichkeiten Frankreichs aus unmittelbarer Quelle am Berliner Hofe zur Kenntniß bringen können und dies wird vielleicht nicht zum Wenigsten dazu beitragen, Herrn Herberte die Einführung in seine neue, viel Tact und Umsicht erfordernde Stellung zu erleichtern. An Stelle Herbette's wurde Rabel, der frühere Cabinets- Ches des Minister-Präsidenten Freycinet, zum Director im auswärtigen Amte ernannt.^ russischen Hauptstadt geht wieder einmal das Gerücht um, die Stellung des Ministers v. Giers fei bedenklich erschüttert. Kaiser Alexander soll mit dem Gange der nun schon seit Jahr und Tag Bulgariens wegen geführten diplomatischen Campagne höchst ungehalten sein und seine Unzu­friedenheit mit der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten durch Herrn v. Giers deutlich zu erkennen gegeben haben. Es heißt deshalb, daß in den politischen Kreisen Petersburgs die Möglichkeit eines Rücktrittes des Ministers ganz ernsthaft erwogen werde und nenne man als seinen eventuellen Nachfolger schon den russischen Botschafter in Paris, Baron Mohrenheim. Von der angeblichen Erschütterung der Stellung des Herrn v. Giers ist schon mehrfach die Rede gewesen, ohne daß sich die Prophezeihungen seines Sturzes bis dato erfüllt hätten; daß derselbe den Wünschen und Neigungen gewisser panslavisti- scher Politiker entsprechen würde, mag freilich richtig sein. Uebrigens nimmt sich die Behauptung, daß der Czar über den Gang der bulgarischen Angelegen­heit gereizt sei, jetzt, wo mit der freiwilligen Entfernung des Fürsten Alexander aus Bulgarien die russische Politik einen offenbaren Triumph gefeiert hat, zum Mindesten doch recht sonderbar aus!

Deutschland.

Darmstadt, 12. September. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom Heutigen geruht:

Dem Ministerialrath im Staatsministermm Karl v. Werner den Cha­rakter alsGeheimerath" zu verleihen.

Darmstadt, 12. Septbr. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Dem Kreisarzt des Kreisgesundheitsamte» Gießen, Dr. Köhler, den Charakter cüsMedicinalrath", dem ordentlichen Professor an der Landes- Universität, Dr. Konrad Eckhard, den Charakter alsGeheimer Medicinal­rath", dem ordentlichen Professor an der Landes-Universität, Dr. Etienne La spe y r e s, den Charakter alsGeheimer Hofrath", dem Kreisschul- Znspector bei der Kreisschul-Commisfion Gießen, Friedrich Büchner, den

Charakter alsSchulrath", dem Rechtsanwalt Karl Diery zu Gießen den Charakter alsJustizrath" und dem Präsidenten der Handelskammer zu Gießen, Eduard Silbereisen, den Charakter alsCommercienrath" zu verleihen.

Darmstadt, 12. September Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 12. September dem Kreisrath Alfred Klietsch zu Büdingen, dem ordentlichen Professor an der Landes-Universität, Dr. Bernhard Stade, dem ordentlichen Professor an der Landes-Universität, Dr. Gustav Kretschmar» dem Landgerichtsrath Dr. Ludwig v. Schmalkalder zu Gießen, dem Ober-- Amtsrichter Karl Sellheim zu Friedberg das Ritterkreuz 1. Klaffe, dem seitherigen Oberlehrer Nicolaus Bitsch zu Friedberg das silberne Kreuz des Verdienst Ordens Philipps des Großmüthigen, den Gefangen-Aussehern im Landeszuchthause Marienschloß, Johann Jacob Dem und Jacob Grüne­wald das allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift:Für treue Dienste" zu verleihen.

Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Dem Steuerausseher Georg Röder zu Gießen das Allgemeine Ehren­zeichen mit der Inschrift:Für treue Dienste", den Oberförstern Ferdinand Vigelins zu Grünberg und Karl Koch zu Maulbach den Charakter al» Forstinspector", dem Rentamtmann Karl Welcker zu Gießen den Cha­rakter alsDomänenrath" zu verleihen.

Berlin, 11. September. Nach einer vom Minister v. Bötticher erlasse­nen Bekanntmachung findet die Eröffnung des Reichstages am 16. ds., Nach­mittags 2 Uhr, im Reichstagsgebäude statt.

DenBerl. Polit. Nachr." zufolge ist im Befinden des Reichskanzlers wesentliche, wenngleich zunächst nur leichte Besserung eingetreten. Derselbe ver­mag aus kurze Zeit sich vom Sopha zu erheben und einige Minuten aus- und niederzugehen.

Wiesbaden, 11. September. Der Juristentag hat sich in seiner heu­tigen Plenarsitzung unter Ablehnung des Abtheilungs-Beschluffes, dahin ausge­sprochen, daß die Schöffengerichte sich im Allgemeinen in der Praxis bewährt hätten, daß jedoch die dermalige Einrichtung des schwurgerichtlichen Versahrens uner Reform dringend bedürftig sei.

München, 11. September. Ein Erlaß des Regenten ordnet neben geringen Aenderungen in Betreff der Adjustirnng des bayerischen Heeres die Ersetzung des Raupenhelmes durch den preußischen Helm an.

Straßburg i. E., 11. September. Die Kaiserparade des 15. Armeecorps ist glänzend verlaufen. Se. Majestät der Kaiser fuhr die Fronten der in zwei Treffen, aufgestellten Truppen ab und ließ, im Wagen stehend, dieselben einmal an sich vorüber- marschiren, die Infanterie in Compaaniefront, die Kavallerie in halben Schwadronen. Der Großherzog von Baden führte oas Rheinische Manen-Regiment Nr. 7 und das 1. Badische Leib-Dragoner-Regiment Nr. 20, der Großherzog von Hessen das Großh. hessische Leib-Dragoner-Regiment Nr. 24, dessen Chef er ist, an dem Kaiser vorüber. Se. Königl. Hoheit Prinz Albrecht begleitete das braunschweigische Infanterie-Regiment Nr. 92. Se. Majestät der Kaiser und Ihre Majestät die Kaiserin verließen nach 1V3 Uhr das Paradefeld. Allerhöchstdieselben wurden bei der Hinfahrt, wie bei ber Rückfahrt überall mit stürmischem Jubel begrüßt. Um 5 Uhr fand im Offiziercasino das Paradediner statt, an welchem Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin, alle anwesenden fürstlichen Gäste nebst ihrem Gefolge, sowie die Generäle und die bei der Parade in der Front gestandenen Stabsoffiziere theilnahmen.

Irankreich.

Paris, 11. September. Die Wahl Herbette's als ftanzösischer Gesandter anr Berliner Hofe wird in den Zeitungen als ein Beweis für die ausgezeichneten Be­ziehungen zu Deutschland angesehen. Der französische Forschungsreisende Soleillet ist in Aden gestorben.

England.

Loudon, 11. September. Das Unterhaus nahm in erster Lesung Parnell's irische Bodengesetzbill an und setzte die zweite Lesung auf Dienstag fest.

Wie dieMorning - Post" erfährt, wird der heutige Cabinetsrath über die Antwort auf die letzte Note der Pforte bezüglich Bulgariens berathen. Es handle sich um eine sehr ernste Frage, ob die Signatarmächte Rußland gestatten wollen, die Un­abhängigkeit Bulgariens zu zerstören und sich die Straße nach Konstantinopel auf- zuschließen. Aus einem Vergleich des neuesten Artikels desJournal de St. Petcrs- bourg" mit der türkischen Note folgert dieMorning-Post", daß das viel behauptete Einvernehmen zwischen Rußland und der Pforte über die bulgarische Frage nicht existiren könne.

Der Botschafter Sir Edward Thornton ist gestern aus Konstantinopel abgereift.

Kparüea.

Madrid, 11. September. Der Gesundheitszustand der Königin und des Königs ist ausgezeichnet, gegentheiltge Nachrichten sind unbegründet.

Rußland.

Petersburg, 11. September. Das Kaiserpaar Ist gestern Vormittag in Br- gleitung des Großfürsten in Brest-Litowsk eingetroffen und am Bahnhofe von den Spitzen der Behörden und Deputationen der Stadt, des Adrls und der Bauernschaft begrüßt worden. Giers, welcher bereits gestern bei den Majestäten in Wyssoko-Lrtows eingetroffen, begleitet dieselben nach Brest.

Rumänien.

Bukarest, 11. September. DemEtoile Roumaine" zufolge ist der Chef des Consular-Departements Lahovary anstatt des nach Rom versetzten Roseiti zum ersten Gesandstchastsseeretär in Petersburg ernannt. Der bisherige Gesandtschastssecretar in Rom, Papiniu, ist auf den Posten Lahooary's berufen.