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M. SS7 Samstag den 14 August Iggg

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau: Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.

w , . Durch ^>ost bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Jheil.

Betreffende Die Ausführung des Gesetzes Uber den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen KMer hinter "sechs Innere -1886 Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben obigen Betreffs vom 15. März l. I (Amtsblatt Nr fordern mir mtf s;» <

über bte m fremde Pflege gegebenen Kinder unter sechs Jahren innerhalb 14 Tagen an uns einzusenden @ Ueberwachungsbogen

. I. V.: v. Bechtold.

Wolitifche Ueberfieht.

Gießen, 13. August.

Kaiser Wilhelm ist am Donnerstag nach fast siebenwöchentlicher Ab­wesenheit von seinen heurigen Badereisen im besten Wohlsein nach der Heimath zurückgekehrt und gedenkt die nächste Zeit über in Babelsberg zu residiren. Das Sommer. Reiseprogramm des greifen Monarchen wurde auch diesmal mit dem altgewohnten Kuraufenthalte des Herrschers in Ems eröffnet und die heilkräfti­gen Quellen des lieblichen Lahnlhal-Bades äußerten erfreulicher Weise ihre Wirkung wiederum in erwünschtestem Maße. Auf Ems folgte der Besuch bei der Kaiserin in Koblenz und dann der mehrtägige Aufenthalt aus der Bodensee- Intel Mainau im Kreise der großherzoglich badischen Herrschaften; hieran Ichloß sich d e Reise durch Bayern mit dem glänzenden Empfange des Kaisers in Augsburg und seine bedeutsame Begegnung mit dem Prinz-Regenten Luitpold und den übrigen Mitgliedern der bayerischen KönigSsamrlie aus dem Münchener Central-Bahnhofe, bis endlich die Gasteiner Nachkur das kaiserliche Reisepro­gramm beschloß. Auch letztere war von dem günstigsten Erfolge'.begleitet und neugekräftigt und verjüngt konnte nun der erhabene Schirmherr des Reiches nach seiner Sommer-Residenz zurückkehren, um auch ferner den Pflichten seines hohen, verantwortungsreichen Amtes nachzukommen, von denen sich der 90jährige Herrscher nicht im Geringsten entbinden zu können glaubt. Den glanzvollen ^Abschluß des Gasteiner Aufenthaltes bildete, wie immer, die Begrüßung Kaiser Wilhelms mit Kaiser Franz Joses, welche aus's Neue die innige persönliche Freundschaft, die beide Monarchen verbindet, offenbarte, daneben aber auch durch die Gegenwart des Prinzen Wilhelm von Preußen, des deutschen Reichskanzlers, des Grafen Kalnoky u. s. w. eine außergewöhnliche politische Bedeutung erhielt.' Dieselbe ist allseitig ihrer wahren Bedeutung nach gewürdigt worden und all­seitig erblickt man auch in der heurigen Kaiser-Begegnung von Gastein das verläßlichste Zeichen für die Erhaltung des Wohlbefindens, welcher Anschauuna selbst die französische Pceffe rückhaltlos Ausdruck verleiht.

Kaiserin Augusta trifft am Samstag von Schlangenbad, wo die hohe Frau mit bestem Erfolge eine 14tägige Badekur gebraucht hat, wieder in Berlin ein.

Prinz Wilhelm von Preußen hat seinem kaiserlichen Großvater das Geleite von Gastein nach Salzburg gegeben und ist Dann nach Reichenhall ru seiner Gemahlin zurückgekehrt. Von Reichenhall beqiebt sich das prmzliche Päar nach Bayreuth und gedenkt von da am 23. d. Mts. wieder in Potsdam einzutreffen.

Herr v. Giers weilt nunmehr glücklich in Franzensbad, nachdem feine heurige Sommerreise schon seit Wochen in den Spalten der europäischen Tages­presse die Rolle Der politischen Seeschlange gespielt hat. Auf der Reise von Petersburg nach dem böhmischen Weltbade nahm der russische Staatsmann einen eintägigen Aufenthalt in Berlin, woselbst ihm Seitens der politischen Krerfe durch den Unterstaatssecretär im auswärtigen Amte, Grafen Berchem, die Hon­neurs gemacht wurden. Die osficiöse Petersburger Preffe hat sich beeilt, die Frunzensbader Reise des leitenden Staatsmannes als lediglich mit Familien- Angelegenheiten und dann weiter mit Kurzwecken in Verbindung stehend darzu- stellen. Vorläufig liegt kein Grund vor, diese Angabe zu bezweifeln, denn weder Ader eme Zusammenkunft des Herrn v. Giers mit dem Fürsten Bismarck, noch mit dem Grafen Kalnoky kann zur Stunde eine positive Meldung verzeichnet werden, so daß es wirklich den Anschein hat, als ob die Rise des russischen Ministers keinerlei politischen Charakter trägt. Aengstliche Gemüther wollen sretllch :n dem Umstande, daß es Herr v. Giers bis jetzt unterlaßen hat, bei dem deutschen Reichskanzler in gewohnter Weise vorzusprechen, eine bedenkliche

,tnL ~en ossiciellen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland erblicken; indessen wird vielleicht auch in dieser Hinsicht das gute deutsche Sprüch- wort zur Geltung kommen: Ausgeschoben ist nicht aufgehoben.

General v. Werder, der deutsche Militär-Bevollmächtigte in Peters- durg, ist von dieser Stellung entbunden uud zum Gouverneur von Berlin ernannt worden.

Aus dem Gebiete der inneren Angelegenheiten ist als Berner» kenswerlheres Ereigniß lediglich die Fuldaer Conferenz der preußischen Bischöfe M verzeichnen. An den dreitägigen, vom Dienstag bis zum Donnerstag dauernden Verhandlungen nahmen die Erzbischöfe von Köln und Posen, sowie dl- Bischöie von Limburg, Hildesheim, Ermland, Munster, Osnabrück und Trier perchnlich Theil, der Fürstbischof von Breslau war durch den Domherrn Franz das Bisthum Kulm durch den designirten neuen Bischof, Dr. Redner, und der

Buchof von Padeiborn durch den Domherrn Schults'vertreten. Außerdem woynte den Verhandlungen noch der neue Bischof von Mainz, Dr Haffner wegen der zur Mainzer Diöcefe gehörigen Gebietslheile Preußens, bei Die Conferenz, welcher eine kurze Andacht in der Bonisacins.Grufl vorausaino wurde am Dienstag früh 8 Uhr im Priester.Seminar eröffnet und vom Erz- bstchof von Köin präsidirt. Den Mittelpunkt der Conferenz-Verhandlunaen durfte ^ebenfalls die jetzt zwischen Berlin und Rom schwebende Frage einer weiiercn Revlfton der Maigesetzgebung gebildet haben und sind biefelben hoffent- ltaj von einem Geiste getragen worden, welcher den gegenwärtigen friedlichen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen der preußischen Regierung und der römischen Kurie entspricht.

MarquiS Tseng, der demnächst von seinem Londoner und Peters­burger Posten scheidende Vertreter Chinas, hat sich auch in der russischen Hauptstadt einer so auözeichnenden Aufnahme zu erfreuen gehabt, wie kurz zuvor tti Berlin. Die Ruffen glauben wahrscheinlich, daß Deutschland die Freundschaft Chinas allem in Beschlag nehmen will und beeilen sich.daher, die Liebenswür- dlgkeiten, welche dem chinesischen Diplomaten in Deutschland erwiesen worden sind, womöglich zu Überbieten und dieses Bestreben wird einfach von der werk- wm^g-n Furcht Rußlands vor einem deutsch, chinesischen Bündnisse diciirt Selbst in ernsthaften und angesehenen russischen Preßorganen konnte man dieser Tage der Anschauung begegnen, daß in Kissingen zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Marqms Tseng vielleicht etwas gegen Rußlandabgekartet" worden .. 1?.!Vr Rußland den Eindruck der deutschen Liebenswürdigkeit in Pekina möglichst paralystren müsse. Run, lassen wir unseren guten Erbfreunden im Osten ihre Gespensterseherei; wahrscheinlich wird sich Marquis Tseng dem übrigens «st die Franzosen zu diesem für eine chinesische Excellmz ganz unge- wohnten Titel verholfen haben selbst hierüber nicht am wenigsten amüsiren

Das neu gewählte englische Unterhaus, welches sich seit seinem .Zusammentritte fast nur mit der Vereidigung seiner Mitglieder beschäftigte hat die es Geschäft schließlich denn doch zu langweilig gefunden und sich Anfangs dieser Woche bis zum 19. August vertagt. Um so mehr ziehen die blutigen Vorgänge in Belfast die allgemeine Aufmerksamkeit aus sich. Eine Belfaster Depesche vom Dienstag meidet zwar, daß sich die Ruhestörungen, Dank der Entfaltung bedeutender militärischer Strenkräste, an dem genannten Tage nicht wiederholt haben, aber daß eine so zahlreiche Militärmacht es gelangten im öanjen 2o00 Mann zur Verwendung überhaupt zur Unterdrückung der Straßenrevolte nölhig war, zeugt schon hinlänglich für den Ernst derselben Und was soeben in Belfast geschehen, kann sich jeden Tag in Dublin, Cork' Omenck u. s. w. wiederholen wahrlich keine angenehme Perspective für das Ministerium Salisbury, welches seine ganze Energie wird aufbieten müssen um das unruhige Irland im Zaume zu halten.

Die Sud an-Rebellion soll nach neuerlichen Kairenser Berichten in den letzten Zügen liegen. Der Nachfolger des unter den Palmen von Chartum ruhenden Mahdi Achmet Mohammed, Khalif Abdallah, soll in einem Kampfe mit dem Emir von Darfur gefallen fein und diese allerdings noch nicht beglau­bigte Nachricht, wie die bisherige aufsälliae Unthätigkeit der Sudan-Rebellen hat in den egyptischen Regierungskreifen die Meinung befestigt, daß die aufständische Bewegung ihrem Ende nah- fei. Vorläufig scheint nur das Eine sicher zu fein, daß in dem ungeheueren Ländergebiet von Dongala bis zu den Ufern des blauen Nils und den Oasen von Darsur vollständiges Chaos herrscht; ob aber aus demselben sich die Wiederbesestigung der egyptifchen Herrschaft im Sudan ent- wickeln wird, bleibt vorerst abzuwaiten.

WegraMsche Depesche«.

Worff'B m<rsie* tLsLsesvsn-em'Vmwim.

Potsdam, 12. August. Se. Majestät der Kaiser ist um IIV2 Uhr wohlbehalten m Babelsberg eingetroffen, woselbst er von dem Kronprinzenpaar mit den Töchtern und dem Prinzen Alexander empfangen wurde.

München, 12. August. DieM. Allgem. Zeitung" meldet: Der Prinz­regent ernannte Professor Friedrich August von Kaulbach zum Dtrector der Kunst­akademie.

Das Gemeinde - Collegium lehnte auf Antrag Kröber's (Volkspartei) die Einladung des Pesther Magistrats zur Thcilnahme an der Jubelfeier der Rückeroberung der ungarischen Hauptstadt unter Hinweis auf die Behandlung der Deutschen in Ungarn, namentlich Siebenbürgen, ab. Der Antrag Ruß, zunächst Erkundigung einzuziehen, ob die Stadtvertretung von Berlin Delegirte nach Pesth entsende, wurde abgelehnt, auch der Antrag Hänel's, die Einladuüg dankend abzulehnen, fand keine Annahme.

Stettin, 12. August. Die 17. Versammlung der Deutschen Antropologischen Gesellschaft ist heute geschlossen worden; zum Vororte für den nächsten Congreß wurde: