Ur. 160. Mittwoch den 14 Juli i@so
Kießwer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
®W*Wt ««»!«<»». 7. «rschemt *» M 2 8^e*$r'!
Durch He Post bezogen mertel LhrNch 2 Mark L» M.
M«MSWMrW>PINU^IWIMWIDMMUWVWIWW>NIMEEEIMffM^MNMUMkAWVWNV^WWWWWWWWMMMPß^^y^gWMMSWMHMMMßMMM IZM,! ( |JljyggflHpgpB3!CT^g|S^3gaaaWB^aW|^g8|aWJM[IJWJlj2LgJ!!E
AmtlicherIheil.
Betreffende Der Kleinhandel mit Branntwein oder Spiritus. Gießen, am 12. Juli 1886.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Wir beauftragen Sie, genau darauf zu achten, daß diejenigen Personen, welche die Concession zum Kleinhandel mit Branntwein oder Spiritus besitzen, dieselbe nicht mißbräuchlich zum Betriebe einer Wirthschast benutzen. Ein solcher Mißbrauch liegt aber dann vor, wenn der zum Kleinhandel mit Branntwein concessionirte Gewerbtreibende in seinem Geschäftslokal Einrichtungen zur Bewirthung einer größeren Zahl von Personen zu längerem Aufenthalt besitzt und in diesem Lokal Branntwein zum unmittelbaren Genuß verkauft.
Gegen diejenigen Personen, welche in der vorbemerkten Weise die Concession zum Kleinhandel mit Branntwein mißbrauchen, wird von uns Antrag auf Concessionsentziehung sowie Strafantrag nach Maßgabe des § 147 der Gewerbeordnung gestellt werden.
Auch wollen Sie überwachen, ob diejenigen Personen, welchen die Concession ertheilt worden ist, das Geschäft thatsächlich auf eigene Rechnung führen.
Zuwiderhandlungen der einen oder der anderen Art sind uns alsbald anzuzeigen.
In Ihren Berichten über neue Gesuche um Concessionirung zum Kleinhandel mit Branntwein sind etwaige Vorstrafen des Gesuchstellers und seiner Ehefrau anzugeben.
__________________________________________________Dr. Boekmann._____________________________
Nr. 22 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 9. l. M, enthält:
(Nr. 1675.) Freundschafts- und Handelsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Südaftikanischeu Republik. Vom 22. Januar 1885.
Nr. 23 des Reichs-Gesetzblatts, ansgegeben den 10. l. M., enthält:
(Nr. 1676.) Bekanntmachung, betreffend die Uebereinkunft mit Serbien wegen gegenseitigen Markenschutzes. Vom 7. Juli 1886.
Gießen, am 12. Juli 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
____ Dr. Boekmann.
Politische Ileberficht.
Gießen, 13. Juli.
Kaiser Wilhelm hat am Samstag seine Emser Kur nach fast genau dreiwöchentlicher Dauer beendigt. Dieselbe ist auch diesmal von bestem Erfolge begleitet gewesen und erfreut fich der greise Monarch des erwünschtesten Wohlbefindens, so daß zu erwarten steht, daß der hohe Herr den Anstrengungen auch seiner weiteren Sommerreisen vollkommen gewachsen sein werde. Dieselben führten den Kaiser am Sonntag zunächst nach Koblenz, der gegenwärtigen Sommer,Residenz der Kaiserin Augusta; von Koblenz aus erfolgt die Weiterreise nach der lieblichen Bodensee,Insel Mainau, wo der Kaiser im Kreise der Großh. Badischen Familie zwei Tage weilen wird, um alsdann seine Reise nach Gastein über München und Salzburg sortzusetzen. In der bayerischen Hauptstadt findet bekanntlich eine Begrüßung zwischen dem erlauchten Reisenden und dem Prinz-Regenten Luitpold statt, da das greise Oberhaupt des Reiches es sich nicht versagen konnte, dem Fürsten, der jetzt berufen ist, die Geschicke Bayerns zu lenken, auch mündlich seine Theilnahme an dem Hinscheiden König Ludwigs II. auszusprechen. Jedenfalls wird dieser Besuch als ein bedeutsamer neuer Beweis der zwischen Kaiser Wilhelm und dem Prinzen Luitpold bestehenden freundschaftlichen Beziehungen auszusassen sein, wie denn die letzteren sich auch schon durch den warmen und herzlichen Ton des Antwort-Schreibens documentiren, mit welchem der Prinz-Regent dem Kaiser auf dessen Beileids-Schreiben gedankt hat.
Erst mit der Ausgangs voriger Woche erfolgten längeren Vertagung des Bundesrathes find die parlamentarischen Geschäfte vollständig zum Abschluß gelangt und nun erst kann man von dem vollständigen Eintritte der sommerlichen Ruhepause auf diesem Gebiete sprechen. Wann der Bundesrath wieder zusammentreten wird, ist vorläufig noch ganz unbestimmt und wird sich jedenfalls danach richten, bis wann das erste Material für die neue Session des Reichstages zusammen ist. Wunderlicher Weise durchlief in der letzten Zeit das Gerücht die Presse, der Reichstag solle noch in den letzten Tagen des Spätsommers einberufen werden, um über eine neue Branntweinsteuer-Vorlage zu berathen, obgleich er doch kaum erst seine Thätigkeit geschlossen hat. Jetzt erklären denn auch Berliner osstctöse Preßstimmen, daß die Regierung sich mit der Frage der Wiedereinberufung des Parlaments noch gar nicht besaßt habe und daß eine solche, falls nicht ein außerordentlicher Anlaß, wie er im Sommer 1883 durch die nothwendige Erneuerung des deutsch-spanischen Handelsvertrages gegeben war, eintreten würde, kaum vor Ende November zu gewärtigen sei.
Aus der Werft des „Vulkan" bei Stettin fand am Samstag unter entsprechenden Feierlichkeiten und unter Theilnahme von Vertretern der preußischen Regierung und verschiedener Reichsbehörden, des Bundesrathes, des Reichstages u. f. w. der Stapellauf des neu erbauten ersten großen Reichspost- Dampfers „Preußen" statt. Die „Preußen" war ursprünglich dazu bestimmt, die Fahrten auf der ostasiatischen Linie zu eröffnen, doch da das Schiff bis zum 30. Juni noch nicht vollständig fertig gestellt werden konnte, so ließ der Nordd. Lloyd dafür die „Oder" die Fahrten auf der Linie nach Ostasien beginnen.
Die ablehnende Antwort des Prinz-Regenten aus das Entlassungsgesuch des Ministeriums Lutz hat selbst in einem Theile der klerikalen bayerijchen Presse vollste Anerkennung gesunden. Sogar das „Vaterland" des Herrn Sigl, das doch über dem Verdacht eines Kokettirens mit den Liberalen thurmhoch dasteht, stellt sich aus die Seite des Ministeriums. Das Blatt schreibt u. A.: „Das Heer der patriotischen Streber ist heute im Lager des nebulösen „Ministeriums Franckenstein" und vertheilt in Gedanken heute bereits die Stellen unter sich, die noch gar nicht erledigt sind. Wo immer ein Tropf im Lande ist, der unter dem „System Lutz" es zu nichts brachte, weil er zu
dumm war, der hofft heute unter einem „Ministerium Franckenstein" sein Glück zu machen, weil er glaubt, daß unter der Herrschast der „Patrioten" die Dummheit an Werth steigt." Man sieht, Herr Sigl pflegt auch seinen politischen Freunden gegenüber kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
In der Schweiz beging man in voriger Woche die 500jährige LrtnnLrungs-Feier an die Schlacht bei Sempach. Am 9. Juli 1386 war es, daß bei dem Städtchen Sempach im heutigen Kanton Luzern 1400 Schweizer Bürger 6000 Mann Oesterreicher, unter denen sich 4000 geharnischte Reiter befanden, die von dem ritterlichen Herzog Leopold von Oesterreich persönlich geführt wurden, vollständig schlugen, durch welche Niederlage die Herrschaft der Habsburger in Helvetien gebrochen wurde, wenngleich dieselbe erst mit der Schlacht bei Näfels (9. April 1388) ihr vollständiges Ende erreichte. Mit Fug und Recht können daher die heutigen Eidgenossen das Andenken dieses Tages, an welchem die glänzende Tapferkeit ihrer Vorfahren das Land von drückender Fremdherrschaft befreite, feiern und auch in Oesterreich selbst wird man schwerlich Anstoß an der Sempach-Feier genommen haben. An die Sem- pacher Schlacht knüpst sich die bekannte Erzählung von dem Opfertod Arnold von Winkelried's, doch haben ernste historische Forschungen längst ergeben, daß man es hier mit einer Sage zu thun hat, denn die eidgenössischen Chroniken wissen nichts von dem poetisch so oft verherrlichten Opsertode Arnold von Winkelried's.
Erst nachträglich werden Einzelheiten über abermalige, am Sonntag den 4. Juli in Amsterdam stattgesundene socialdemokratische Ruhestörungen bekannt. Dieselben knüpfen sich an einen öffentlichen Vortrag des socialistischen Agitators Domela Nieuwenhuis an und es mußte schließlich die Polizei durch Einhauen mit der blanken Waffe in die tumultuirenden Massen die Ruhe wieder Herstellen. Am gleichen Tage hielt Nieuwenhuis auch im Haag eine aufregende Rede vor vielen Hunderten seiner Gesinnungsgenossen^ doch kam es im Haag zu keinerlei Tumulten.
Die an der ganzen Ostküste Italiens herrschende Cholera-- Epidemie greift nun unverkennbar auch nach dem gegenüber liegenden österreichischen Küstenland hinüber. Aus Fiume werden täglich einzelne Cholera-Erkrankungen gemeldet, nur soll die Krankheit bis jetzt noch keinen epidemischen Charakter angenommen haben. Das ist freilich nur ein schlechter Trost, denn auch in den gegenwärtig von der Cholera ergriffenen ostttalienischen Küstenstädten trat die Krankheit erst sporadisch aus, um dann aber rasch den unleugbaren Charakter einer Epidemie anzunehmen. In Triest sind seit einigen Tagen keine Cholera- sälle mehr vorgekommen, so daß man die Seuche an diesem Platze als erloschen betrachtet.
In Frankreich scheint die Prinzen-Ausweisungs-Ange- legenheit nunmehr einstweilen gänzlich zur Ruhe gekommen zu fein. Die Kammer-Commission zur Berathung des Gesetzentwurses gegen das Anschlägen aufrührerischer Schriftstücke nahm am Freitag einstimmig den Beschluß an, welcher erklärt, daß die Regierung durch die bestehenden Gesetze genügend geschützt und die weitere Prüfung der Frage bis zum Herbst zu vertagen sei. In den Kreisen der französischen Republikaner ist man demnach der Meinung, daß etwaige neue Manifeste der ausgewiesenen Prinzen der Republik gerade nicht besonders gesährlich fein würden und der geringe Eindruck, den das Manifest des Grasen von Paris in Frankreich gemacht hat, bestätigt nur die Richtig- 'eit dieser Anschauung.


