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Kre. Iti Freitag den 14. Mai 1886

Amts- md Auzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Hheil.

Bekanntmachung.

Der landwirthschaftliche Bezirksverein zu Offenbach beabsichtigt im Monat September l. I. eine landwirthschastliche Ausstellung zu Offenbach zu veranstalten und hiermit eine Verloosung von Vieh, landwirtschaftlichen Geräthschaften rc. zu verbinden.

Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 10,000 Loose ä 1 «X ausgegeben werden dürfen und mindestens 60% des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.

Zugleich ist der Vertrieb der Loose im Großherzogthum gestattet worden.

Gießen, am 12. Mai 18v6. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberficht.

Gießen, 13. Mai.

Mit 260 gegen 108 Stimmen ist die kirchenpolitische Vorlage in der Montagssitzung des preußischen Abgeordnetenhauses in namentlicher Ab­stimmung definitiv genehmigt worden. Die Mehrheit setzte sich aus den Con- servatrven und dem Centrum welche beiden Parteien durchaus geschloffen für den Entwurf votirten 27 Freiconseroativen und 17 Deutschfreisinnigen zusammen; außerdem stimmte von den Nationalliberalen der Abg. Vyzen mit der Mehrheit, während sonst die Nationalliberale Fraktion geschlossen gegen die Vorlage votirte. In gleichem Sinne erklärten sich von den Freiconseroativen 26 Abgeordnete und von den Deutschfreisinnigen 19 Abgeordnete, so daß sich also beide Parteien bei dieser wichtigen Abstimmung in zwei fast gleiche Hälften gespalten haben. Die Polen enthielten sich der Abstimmung, da der von ihnen gestellte Antrag, die in der Vorlage für die Diöcesen Gnesen-Posen und Kulm festgesetzten Ausnahme-Bestimmungen zu streichen, keine Annahme fand. Der Entscheidung ging nochmals eine Generaldiscussion voran, die sachlich zwar nichts wesentlich Neues mehr bot, welche aber trotzdem eine theilweise ziemlich lebhafte Färbung zur Schau trug. Namentlich war dies der Fall bei den ge­reizten Auseinandersetzungen zwischen den Rednern der Nationalliberalen und der Conservativen über die Stellung beider Parteien in dem nun beendigten kirchen- politischen Kampfe; außerdem entwickelte von den Nationalliberalen Abg. Dr. Gneist abermals die Gründe, welche seine Partei hinderten, der Vorlage zuzusttmmen und das Gleiche geschah Seitens des deutschfreisinnigen Abg. Dr. Virchow für diejenigen seiner Fraktionsgenossen, welche sich dem Gesetz­entwürfe gegenüber ablehnend verhielten; hauptsächlich betonte der freisinnige Redner die absolute Unfertigkeit des vorliegenden Gesetzentwurfes. Bemerkens­werth war auch jetzt wieder die kühle Reserve des Centrums, dessen Wortführer, Herr Windthorst, sich darauf beschränkte, zu erklären, daß seine Partei das Gesetz schweigend annehme. Die einzelnen Artikel der Vorlage wurden debatte­los und unverändert genehmigt. Mit der definitiven parlamentarischen Ge- nehniigung des neuen Kirchengesetzes sind die kirchenpolitischen Verhandlungen im preußischen Landtage voraussichtlich auf lange Zeit zum Abschlüsse gelangt und man kann nur wünschen und hoffen, daß d^r Ausgleich zwischen Preußen und dem Vatikan ein dauernder und aufrichtiger sein werde. In der gleichen Sitzung trat das Abgeordnetenhaus noch in die Specialberathung des Lehrer- Anstellungsgesetzes für Posen und Westpreußen, welches bekanntlich mit zu den sog. Polen-Vorlagen gehört, ein. Die Debatte nahm indessen schon über den grundlegenden ersten Paragraphen, zu welchem von freisinniger und conservativer Seite Abänderungs-Anträge vorlagen, einen solchen weitschweifigen Charakter an, daß die Discussion abgebrochen werden mußte, ohne daß es zu einer Ent­scheidung über den genannten Paragraphen gekommen wäre.

Ueber das Befinden des in Nizza weilenden Königs von Württemberg waren in letzter Zeit beunruhigende Gerüchte verbreitet wor­den. Dieselben stellen sich jetzt indessen als vollständig aus der Lust gegriffen heraus, denn directe Mittheilungen aus Nizza besagen, daß das Befinden des Königs im Gegentheile ein ausgezeichnetes sei.

Aus fürstlichen Kreisen wird wiederum eine Verlobung gemeldet, diejenige des Prinzen Heinrich XVIII. Neuß mit Herzogin Charlotte von Mecklenburg-Schwerin, geborenen Prinzessin Alexandrine von Preußen. Der Bräutigam gehört der jüngeren Linie der Fürsten von Reuß an und ist seit Januar 1883 Flügeladjutant des Kaisers Wilhelm.

Die griechisch-türkische Streitfrage nimmt unter den auswär­tigen Angelegenheiten noch fortgesetzt den Löwenantheil in Anspruch. Aus all' dem überreichen Nachrichts-Material, das der Athener Telegraph tagtäglich bringt, läßt sich aber nur der eine Schluß ziehen, daß ein offener Bruch zwi­schen der Pforte und Griechenland noch immer nicht erfolgt ist, trotz der gegen­seitigen Abberufung der Gesandten, wenngleich jeden Tag die Nachricht von der osficiellen Kriegserklärung eintreffen kann. Offenbar trägt die in Athen in Folge der Demission des Cabinets Delyannis eingetretene Ministerkrisis das Meiste dazu bei, der Lage ein fortwährend noch schwankendes Aussehen zu verleihen.

Die in Bukarest geführten Unterhandlungen über- die Er­neuerung des zwischen Oesterreich-Ungarn und Rumänien abgeschlossenen und in diesem Jahre ablausenden Zoll- und Handelsvertrages sind dem Zustandekommen eines neuen Vertrages nicht besonders günstig. Es stellt sich immer mehr heraus, daß bei verschiedenen Tarifposten fast unüberwindliche principielle

Hindernisse und Bedenken zu überwinden sind und scheint weder auf österreichi­scher, noch aus rumänischer Seite große Neigung vorhanden zu sein, dem ande­ren Theile bedeutendere Concessionen zu machen. Die betr. Verhandlungen kann man daher schon jetzt als nahezu gescheitert betrachten, aber die Folgen hiervon dürste man bei den lebhaften handelspolitischen Beziehungen zwischen der österreichischen Monarchie und Rumänien wohl auf beiden Seiten bald genug empfinden.

Die Kantons-Wahlen im schweizerischen Kanton Bern haben durch die am Sonntag stattgefundenen Stichwahlen ihre Ergänzung ge­funden. Hierbei ist es den Conservativen gelungen, ihre bei den Hauptwahlen erlittene Niederlage wieder einigermaßen wett zu machen, da sie die Hälfte der noch verfügbaren Sitze im Großen Rathe gewannen. Immerhin verbleibt aber den Liberalen in demselben noch die entschiedene Mehrheit.

Ueber den Fortgang der italienischen Wahlcampagne die Neuwahlen zur Deputirtenkammer finden am 23. Mai statt lausen die Berichte vorläufig nur sehr lückenhaft ein, die aber trotzdem schon erkennen lassen, daß die Wahlagitation auf der Apenninen-Halbinsel allerorten eine sehr lebhafte ist. Im Allgemeinen sollen die Aussichten für die Regierung nicht be­sonders günstig stehen und die bedenkliche Finanzpolitik nach Innen, sowie die höchst zweifelhafte Colonialpolltik des Ministeriums Depretis nach Außen wür­den eine Wahlniederlage desselben auch sehr erklärlich erscheinen lassen. Wäh­rend sich aber die politischen Parteien Italiens erbittert befehden, breitet sich daselbst die Cholera, unbekümmert um die Parteikämpfe, immer weiter aus. Im Norden wie im Süden des Landes nimmt die furchtbare Seuche einen gefähr­licheren Charakter an. Dort ist es die Lagunenstadt Venedig, wo die Epidemie immer drohender austritt; z. B. erkrankten in Venedig in der Zeit vom Sonn­tag Mittag bis Montag Mittag 13 Personen an der Cholera und erlagen ihr 8 Personen. Im südlichen Italien hingegen hat die Seuche auf ihrem Wege nach Norden von Brindisi an der Küste entlang bereits die lebhafte Hafenstadt Bari erreicht, wo am Sonntag 26 Erkrankungen und 10 Todesfälle an der Cholera vorkamen.

Die im vorigen Monat neugewählten spanischen Cortes sind am Montag vom Ministerpräsidenten Sagasta mit Verlesung einer Thronrede eröffnet worden. Dieselbe zählt die verschiedenen Vorlagen aus, welche die Cortes beschäftigen werden und bezeichnet die äußere und innere Lage Spaniens als durchaus zusriedenstellend.

Die am Montag vom englischen Unterhause begonnene zweite Lesung der irischen Homerule oder Verwaltungsbill hat an diesem Tage noch, keine Entscheidung gebracht. Dieselbe dürste wohl erst Ende gegenwärtiger Woche fallen, da die weitere Specialberathung der Vorlage erst an diesem Don­nerstag erfolgt. An dem genannten Tage verteidigte der Premier Gladstone nochmals eingehend die Bill und erklärte hierbei, die Regierung wolle die Frage der Ausschließung der irischen Vertreter aus dem englischen Parlamente ernstlich erwägen, fordere aber, daß die Vorlage im Principe angenommen werde, ehe man zur Berathung der einzelnen Artikel übergehe. Von Hartington, dem ehe­maligen Collegen Gladstone's und jetzigen Führer der liberalen Opposition, wurde hieraus die Verwerfung der Bill beantragt; ihr Schicksal ist einstweilen noch durchaus ungewiß.

Deutschland.

Berlin, 12. Mai. Das Abgeordnetenhaus nahm heute in zweiter Lesung den Rest des Lehrer-Anstellungsgesetzes für Posen und Westpreußen nach den Commissionsbeschlüffen an. Der Antrag Knebel, betr. die Maßregeln gegen die Ausbeutung einzelner Bevölkerungsklaffen bei Geld- und Creditgeschäften, wurde avgelehnt. Die Resolution Oertzen, welche die Errichtung von communalen Sparkassen im Interesse der kleineren Besitzer empfiehlt, wurde angenommen. Im Laufe der Debatte hatte der Minister Puttkamer die Wichtigkeit der in Frage stehenden Interessen anerkannt, die vom Antragsteller empfohlene Aus­dehnung der Kreissparkaffen jedoch für sehr bedenklich erklärt, namentlich bezüg­lich der quantitativen Erweiterung des Personal-Credites bis zu zwei Drittel der Sparkaffen-Einlagen. Die Regierung werde gern die Frage der Erweite­rung des Personal-Credites thunlichst fördern, aber nicht über die für die Sicher­heit der Sparkaffen-Einlagen nothwendige Grenze hinaus.

Mülhausen (Elsaß), 12. Mai. Der Statthalter Fürst Hohenlohe ist hier eingetroffen und empfing aus dem Rathhause die Behörden und Corpora-