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Mr. 38 Erstes Blatt. Sonntag den 14. Februar 1$86
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheit. Bekanntmachung.
Grobherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat dem Casseler Pferdemarkt-Comite die Erlaubniß zum Vertrieb von 500 Loosen ä 3 =X sür die am 31. Mai, 1. und 2. Juni l. I. zu Cassel stattstndende Verloosung von Pferden in den Kreisen Gießen und Alsfeld ertheilt.
Gießen, am 11. Februar 1886. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann._____ ___________'
Gefunden: 2 Taschentücher, 2 einzelne Handschuhe, 1 Paar Handschuhe, 1 Hemd, 2 Quasten, 1 Corallenkette, 1 Pelzkragen, 2 Portemonnaie's mit Inhalt, 1 Päckchen Hafermehl, 1 Broche.
Gießen, am 13. Februar 1886. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
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Wochen - Ueberficht.
Gießen- 13. Februar.
Das Interesse an den parlamentarischen Vorgängen dieser Woche concentrirte sich, was den Reichstag anbelangt, auf den großen Rede- kämpf über die Währungsfrage, zu welchem am Dienstag die dritte Lesung des Etats beim Specialetat des Reichsschatzamtes führte und der nicht nur auch die ganze folgende Sitzung ausfüllte, sondern selbst bis in die Donnerstags-Sitzung hineindauerte. Den Anlaß hierzu gab der von Mitgliedern des Centrums und der beiden conservativen Fraktionen eingebrachte, den Namen des Centrums'Abge- ordneten v. Huene tragende Antrag, die Reichsregierung zur eingehendsten Prü- jung der Währungssrage zu ersuchen. Die bezügliche Debatte am Dienstag war indessen nur ein Vorpostengesecht, durch welches die Antragsteller augenscheinlich zunächst die Stimmung der Reichsregierung bezüglich der Währungs-Angelegenheit zu erforschen suchten. Dieser Zweck wurde insofern erreicht, als Schatz- secretär v. Burchard kategorisch versicherte, die verbündeten Regierungen prüften die Währungssrage beständig, hätten aber noch keinen Anlaß gehabt, von dem jetzigen System abzugehen.
Beim. Reichskanzler sand am Mittwoch wiederum ein parlamentarisches Diner statt. An demselben nahmen diesmal neben conservativen und nationalliberalen Abgeordneten auch Centrums-Mitglieder und sreifinnige Abgeordnete Theil.
London stand in der zu Ende gegangenen Woche zum Theil unter der Pöbelherrschast, wenigstens feierte der Communismus in der Riesenstadt an der Themse wahrhafte Orgien. Die Pöbelexceffe, von denen am Montag die auf Trafalgar-Platz stattgefundene Versammlung beschäftigungsloser Arbeiter gefolgt war, wiederholten sich am Dienstag, wenn auch in schwächerer Weise, während am Mittwoch sich starke Volksmassen von Greenich und Deplsord aus auf London zu in Bewegung setzten und unterwegs vielfache Sachbeschädigungen anrichteten — ein moderner Kreuzzug der Proletarier gegen das Capital! In den südöstlichen Vorstädten Londons wurde durch diese Kunde große Erregung hervorgerufen, doch verlief die Nacht zum Donnerstag ohne besondere Ruhestörungen. Um weitere Excesse zu verhindern, sind starke Polizeikräfte aufgeboten worden, auch wird sür alle Fälle Cavallerie bereitgehalten. Die von Deptford nach London führenden Brücken sind von zahlreichen Polizeimannschaften besetzt, um die Volksmassen zu verhindern, nach der Hauptstadt zu gelangen. Die Situation ist ziemlich ernst und um so unbegreiflicher erscheint es, daß die Regierung noch immer nicht die Verhaftung der bekannten Socialistenführer angeordnet hat, welche allgemein als die Rädelsführer der Erneute gelten.
Die orientalische Krisis weist heute ein verschiedenes Gesicht auf. Wahrend der griechische Zwischenfall durch die officielle Erklärung des neuen englischen Cabinets, es würde in der griechischen Politik Salisbury's keine Aenderung treffen, sondern dieselbe beibehalten, viel von seiner Bedenklichkeit verloren hat, tauchen in der bulgarisch-rumelischen Frage anscheinend wieder Schwierigkeiten auf. Die Gerüchte mehren sich, nach denen Rußland dps Abkommen zwischen der Pforte und Bulgarien angeblich ernstlich bemängelt; trotzdem herrscht in den Wiener diplomatischen Kreisen die feste Zuversicht, daß Rußland keineswegs den Weg friedlicher Mittel verlassen werde, daß der Czar entschieden zum Frieden neige. Bisher hat Rußland zwar noch keine Modificationen des bulgarisch- türkischen Abkommens vorgeschlagen, doch werden solche in der nächsten Zeit erwartet.
Deutschland.
Darmstadt, 12. Februar. fZweite Kammer der (Stäube.] Der Kammer liegen in Betreff des Branntweinmonopols folgende Anträge resp. Interpellationen vor: Die Abgg. Wasserburg, Pennrich, Franck und Wolz beantragen: „Die Kammer wolle der Großh. Regierung den Wunsch ausdrücken, daß dieselbe den hessischen Vertreter im Buudesrathe dahin instruire, in Sachen des Branntweinmonopols gegen die Vorlage zu stimmen." Der Abg. Freiherr v. Rabenau stellte an die Großh. Regierung folgende Anfrage: „Hat die Großh. Regierung principielle Stellung zu dem von Preußen im Buudesrathe eiügebrachteu Gesetzentwürfe, das Branntweinmonopol betr., genommen, event. welche?" Die Abgg. Muth, List und Haustein richten au die Großh. Regierung die Anfrage, „welche Stellung sie zu dem, dem Buudesrathe oorgelegteu Gesetzentwurf, das Branntweinmonopol betreffend, einnimmt?" — Der Abg. Schaum hat bei der zweiten Kammer den Antrag eingebracht, dieselbe wolle beschließen, Großh. Regierung zu ersuchen, die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit der
Anlage und Nutzung von Wassersammelteichen, zunächst im Gebirge, zu prüfen und auf Grund der erzielten Erfahrungen wegen eventueller Ausführungen solcher ben Ständen Vorlage zu machen. — In den Motiven zum Anträge wird auf eine Denkschrift des „Vereins deutscher Architecten und Ingenieure" verwiesen, mit welcher derselbe die gegen Ueberschwemmungsgefahren durch Flüsse vorgeschlagenen Hilfseinrichtungen begutachtet hat und nach welcher an der Räthlichkeit, überall wo die Anlagemöglichkeit und Rentabilität solcher Wassersammelteiche (durch Nutzbarmachung für Motore re.) irgendwie vermuthet werden darf, nicht zu zweifeln ist. Da bereits Vorbilder solcher Anlagen anderswo vorhanden und an denselben in anderen Staaten Erfahrungen zu sammeln waren, so könnten nunmehr mit genügender Sicherheit Kosten- und Ertrags-Anschläge über Wassersammelteiche aufgestellt werden. Es sei ba£ aber Aufgabe des Staates, weil solche weder der Private, noch eine Gemeinde, kaum ein Kreis projectircn könne und weil ihre Ausführung nicht Einzelnen, sondern dem Staatsganzen Vortheile von weittragender Bedeutung zuzuwenden vermöge. Handele es sich doch hierbei keineswegs allein um die Entlastung der dem Gebirge entspringenden Bäche, sondern ebenso sehr um das Aushalten und verlangsamende Abfließen ihrer Wassermassen bis zu den schiffbaren Flüssen. Mau könne den Ueberschwemmungs- gefahreu am Rhein und Main möglicherweise auch auf billigste und gründlichste Art im Gebirge vorbeugen. - - Die Abgg. Grünewald und Schade haben bei der zweiten Kammer folgende/^ Antrag eingebracht: „Die Großh. Regierung zu ersuchen, wegen Betriebsübernahme ober Verkauf ber Oberhessischen Bahnen mit der König!. Preußischen Negierung in Verhandlung zu treten." (Darmst. Ztg.)
Berlin, 12. Februar. In der gestern unter dem Vorsitze des Staats- Ministers, Staatssecretärs des Innern v. Bötticher, abgehaltenen Plenarsitzung nahm der BundeSrath von den vorgelegten Aktenstücken über die deutschen und französischen Besitzungen an der Westküste von Afrika und in der Südsee Kennt- niß und beschloß, die allgemeine Rechnung über den Reichshaushalt sür das Etatsjahr 1882/83 dem Ausschuß für Rechnungswesen zu überweisen. Hierauf wurden mehrere Eingaben, betr. die Befreiung einzelner Betriebe von der Un- sallversicherungspflicht, sowie eine Eingabe wegen Errichtung weiterer Schiedsgerichte sür eine Berufsgenoffenschaft erledigt.
Krankreich.
Paris, 12. Februar. Der Ministerpräsident Freycinet empfing heute Vormittag eine Deputation der Linken des Senats, welche ihn ersuchte, gegen die Ausschreitungen in den Reden, die in öffentlichen Versammlungen gehalten würden, Maßregeln zu ergreifen. Der Ministerpräsident wiederholte seine in der gestrigen Sitzung der Deputirtenkammer abgegebene Erklärung, daß er die Wahrung der öffentlichen Ordnung sich stets angelegen sein lassen werde und fügte hinzu, die bestehenden Gesetze gewährten der Regierung dazu ausreichende Hilfsmittel, die Regierung werde nicht zögern, solche Redner in öffentlichen Versammlungen, welche gegen die Gesetze verstießen, gerichtlich verfolgen zu lassen
England.
London, 12. Februar. Heute begann der Proceß Crawford's gegen seine Frau und Charles Dilke wegen Ehebruchs; Frau Crawford und Dilke erklärten sich nichtschuldig. Im weiteren Verlaufe der Verhandlung wurde die Anklage gegen Dilke zurückgezogen. Dilke ist daher sreigesprochen.
Reichstag.
E. R. Berlin, 12. Februar 1886.
Es wurde in der heutigen Sitzung die dritte Berathung des Etats beim Extra- ordinarium des Postetats fortgesetzt.
Der Antrag des Abg. v. Hey de brand, die in zweiter Lesung gestrichene erste Rate von 136,000 JL zum Bau eines neuen Dienstgebäudes in Brieg zu bewilligen, wurde nach kurzer Debatte abgelehnt.
Bei den einmaligen Ausgaben des ordentlichen Etats der Herresverwaltimg legte Kriegsmiuister v. Bronsart im Hinblick auf die vielen Streichungen von Kaserneubauten, deren Bewilligung anzustreben ihm die verfassungsmäßigen Mittel fehlen, die Grundsätze dar, von welchen aus das Militärbauwesen verwaltet werde, uni in Zukunft eine Verständigung zu erleichtern.
Abg. v. Hüne ((Str.) erklärte sich zu einer Prüfung im nächsten ^ahre gerne .tz- bereit; sollte die Militärverivaltuug in anderen Zweigen geringere Forderungen stellen, so würde das Militärbauweseu besser ausgestattet werden können.
Abg. v. Maltzahn (csv.) billigte die Aufstellung eines procentualen Maßstabes für die Militärbauten, während r,
Abg. Richter (dfr.) hierin die Bewilligung eines neuen Pauschquantums für die Militärverwaltung erblickt und sich deßhalb gegen dasselbe ausspricht.
Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf verwahrt sich dagegen, em Pauschquantum gefordert zu haben.
Beim Extraordinarium betonte _
Abg. Dr. Bürklin (natlib.), seine Partei stehe der Forderung bezüglich ber Errichtimg einer Unterofficierschule in Neu-Breisach noch genau so freundlich gegen-


