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Air. 26S Samstag den 13. November 1886.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Bttrcail t Schulstraße 7.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit BrinyerUchn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 60 Pf.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 12. November. .
Der Kaiser ertheilte am Dienstag dem Bischof v. Ermeland, Dr. Andreas Thiel, im Beisein des Cultusministers Dr. v. Goßler eine Audienz. Ob es sich hierbei um kirchenpolitische Angelegenheiten gehandelt Hot oder ob die Audienz nur den Charakter der üblichen ofsiciellen Vorstellung des Dr. Thiel als Nachfolger des Bischofs o. d. Marwitz trug, entzieht sich noch der Beurtheilung.
Die Einberufung des Reichstages ist laut kaiserlicher Verordnung aus den 25. November festgesetzt worden und ist somit diese Frage, welche bereits den Gegenstand eingehender Erörterungen seitens der Tagespresse bildete, endgültig entschieden. Die bisherige Verzögerung in der Einberufung des Reichstages soll durch Schwierigkeiten bei der Ausstellung des Militär-EtatS im Bundesraths veranlaßt worden sein, die jetzt also wohl gehoben sind und darf man nunmehr auch der Bekannrgebung der Ziffern des Militär-Etats entgegen» sehen. Da bis zum Zusammentritte des Parlamentes bie Vorarbeiten zum Etat jedenfalls vollständig beendigt sein werden und außerdem auch eine Reihe von Gesetzentwürfen schon so gut wie fertiggestellt ist, so fehlt es jenem beim Beginne der neuen Session durchaus mcht an Arbeits-Material und muß man nur be- dauern, daß letztere abermals zu 'einem so späten Zeitpunkte ihren Anfang nimmt, denn die Concurrenz zwischen Reichstag und preußischem Landtage wird sich im neuen Jahre in Folge der späten Reichstags-Eröffnung wiederum in unliebsamer Weise geltend machen.
Die gegenwärtige Anwesenheit des Ministers v. Puttkamer in Westpreußen soll mit der beabsichtigten Abänderung der Kreiseintheilung in verschiedenen preußischen Provinzen zusammenhängen. Es heißt, daß die neue Eintheilung der Kreise sich auf etwa 25 Kreise sowohl in den östlichen wie in den westlichen Provinzen der Monarchie erstrecken werde und wird die Angelegenheit durch besonderes Gesetz geregelt werden.
Die Wahlbewegung im ersten Berliner Reichstags-Wahlkreis e hat auch die dortige Socialdemokcatie ergriffen. Von deren Anhängern ist der aus dem Proceffe Jdring - Mahlow bekannte Schriftsteller Christensen, welcher sich gegenwärtig in Plauen i. V. in Haft befindet, als Candidat aufgestellt worden, es kann sich bei der verhältnißmäßig geringen Zahl der socialdemokratischen Wähler im ersten Berliner Reichstags« Wahlkreise nur um eine Zähl Candidatur des Herrn Christensen handeln, immerhin würden die socialdemokratischen Stimmen bei einer sich etwa nothwendig machenden Stichwahl nickt ohne Bedeutung sein. Da bekanntlich die Freisinnigen den Landgerichtsrath Klotz und die Nationalliberalen den Stadtrath Marggrafs als Can- didaten aufgestellt haben, so sind nur noch die Conservativen, nachdem Herr v. Levetzow die ihm angetragene Candidatur entschieden abgelehnt hat, mit ihrem Vertreter im Rückstand. Wie es scheint, machen die innerhalb der con- servativen Partei vertretenen verschiedenen Strömungen die Ernennung eines gemeinsamen Candidaten zu einer schwierigen Sache, was allerdings nur den Spott der freisinnigen Preffe herausfordert.
Die anarchistische Strömung droht, in den Kreisen der deutschen Arbeiterschaft ernste Fortschritte zu machen. Wie verlautet, ist die Verhaftung von 40 bis 50 Arbeitern in Buckau bei Magdeburg nicht wegen geplanter Sprengversuche, sondern wegen viel gesetzwidrigerer gemeingesährlicher hochverrätherischer Pläne erfolgt.
Das württembergische Königspaar ist am Mittwoch mittelst Extrazuges nach Nizza abgereist, woselbst die Majestäten unter dem Namen Graf und Gräfin Teck wiederum den durch das Brustleiden des Königs Karl bedingten Winteraufenthalt nehmen werden.
Der Londoner Lordmayorstag ist erfreulicher Weise vorübergegangen, ohne daß es zu dem erwarteten und befürchteten socialistischen Putsch gekommen wäre. Nur gegen Abend des 9. November versammelten sich einige hundert Personen auf Trafalgarsquare; doch war der Lärm ein so großer, daß die gewiß sehr saftigen Brandreden, welche verschiedene Führer hielten, wirkungslos verhallten; schließlich wurde der Platz in kurzer Zeit von der Polizei und Kavallerie-Abtheilungen gesäubert. Die umfaffenden Vorsichtsmaßregeln, welche die Polizei- und Militärbehörden getroffen hatten, sind demnach von dem gewünschten Erfolge begleitet gewesen und haben auch bei der herkömmlichen Lord- mayors'Procession keinerlei Ausschreitungen stattgefunden.
Deutschland.
Darmstadt, 11. Norember. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 10. l. Mts. den Geh. Ober-Rechnungsrath Ferdinand Heß zum Präsidenten der Ober-Rechnungskammer zu ernennen.
München, 11. November. Die Kreisregierung von Oberbayern verfügte in zweiter Instanz die Ausweisung des Regierungs-Baumeisters Keßler (des bekannten Socialdemokraten) aus dem Königreiche.
Berlin, 11. November. Der Kaiser empfing Vormittags IOV2 Uhr den Besuch des Prinzen Ludwig von Bayern, nahm später die Vorträge des Kriegsministers, des Generals Albedyll und des Ministers Puttkamer entgegen und machte Nachmittags dem Prinzen Ludwig einen Besuch. Er conferirte bann Nachmittags 3V2 Uhr mit dem Reichskanzler. Um 4Va Uhr binirte der
Kaiser mit dem Prinzen Ludwig von Bayern, dem Kronprinzen und dem Prinzen Wilhelm.
— Die Abreise des Kaisers nach Letzlingen erfolgt morgen Nachmittag.
— Bei der heutigen Landtags-Ersatzwahl wurde Dr. Hermes (deutsch sreis.) mit 545 von 826 Stimmen gewählt, v. Levetzow (conf.) erhielt 222/ Kyllmann (nat.-lib ) 56, Kammergenchtsrath Schröder 3 Stimmen.
— Die „Nordd. Allq. Zkg." sagt gegenüber den Bemerkungen einiger Blätter, daß die königliche Bestätigung Redner'« zum Bischof von Culm noch auf sich warten laffe, die landesherrliche Anerkennung von Dr. Redner sei bis jetzt Überhaupt noch nicht nachgesucht, dieselbe konnte daher auch noch nicht ertheilt werden-
— Das Landesöconomie-Collegium biscatirte heute bie Geld- und Kredit- Wucherfrage; es nahm die Anträge Miaskowski und Korn an, dem Minister für bie Erhebungen zu danken und denselben zu ersuchen, bie Ermittelungen weiter ergänzen zu laffen, ferner sämmtlichen landwirthschaftlichen Vereinen da« Studium von geeigneten Maßregeln anzuempfehlen, Aeußerungen von Staatsanwälten, Rechtsanwälten und anderen Sachverständigen über die Wirksamkeit der bisherigen Wuchergesetze zu veranlassen, endlich das gesammelte Material dem deutschen Landwirthschaftsrathe zuzuweisen, welcher eine weitere Behandlung der Wuchersrage mit Berücksichtigung der süo- und mitteldeutschen Gesetzgebung über gewerbsmäßige Güterzerstücklung in der nächsten Sitzungsperiode veranlassen wird.
Hesterreich.
Wien, 11. November. Das „Fremdenblatt" schreibt, die Rede Lord Salisbury's könne nicht einen Connex zwischen den österreichischen und englischen Interessen haben Herstellen wollen; dieselbe könne nur die Solidarität der Frie- densbestrebungen zwischen Oesterreich'Ungarn und England, sowie den Glauben an ein gemeinsames Einstehen aller Mächte für die Verträge bestärken.
England.
London, 11. November. Der russische Botschafter Herr von Staal hatte gestern Nachmittag eine längere Conserenz mit Lord Jddesleigh.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Correspondenz-Brrrean.
Berlin, 11. November. Der Kronprinz, Prinz Wilhelm und Prinz Ludwig von Bayern sind heute Abend 6 Uhr nach Letzlingen gereist.
Stuttgart, 11. November. Der „Staalsanzeiger" meldet, wegen der Ueber- schwemmungen in Oberitalien mußte der Extrazug mit dem Königspaar in Bellinzona die Fahrt einstellen. Statt über Luino - Savona geht jetzt die Reise über Mailand- Turin-Lyon-Nizza. Von den Staatsgeschäften werden Gegenstände größerer Wichtigkeit dem Könige zur Erledigung nachgesandt; die übrigen Angelegenheiten erledigt der Prinz Wilhelm nach Vortrag der Minister im Namen des Königs.
Budapest, 11. November. Kalnoky gibt nächsten Samstag in den Delegationen Erklärungen über die auswärtige Politik Oesterreich-Ungarns ab.
Paris, 11. November, Nachmittags. Nach amtlichen Berichten sind die Eisenbahnverbindungen zwischen beiden Rhoneufern wieder hergestellt. Mehrere Brücken über die Durance sind von den Fluthen fortgerissen. Weitere Unfälle werden befürchtet. Der Regen fällt in Strömen. In Marseille verwüstete die Meeresfluth das Prado- quartier. Auch in Aix, Tarascon, Valence und Arles ist die Lage eine bedrohliche. Zwischen Genua unb' Nizza ist die Eisenbahn unterbrochen. Der Arbeitsminister Millaud hat sich nach den nothleidenden Departements begeben.
Paris, 11. November. Eine Nachricht aus Tongktng von gestern Abend 10 Uhr meldet, daß der Zustand des Generalresidenten Paul Bert unverändert sei.
Cannes, 11. November. Prinz Waldemar von Dänemark, die Botschaft der bulgarischen Regenten beantwortend, dankte für die ihm durch die Sobranje erwiesene Ehre und fügte hinzu, daß die Entscheidung in Betreff der Wahl seinem Vater zukomme. Er glaube indeß, in Folge anderer Verpflichtungen persönlich verhindert zu sein, die Wohl anzunehmen. Die Antwort wird einer Ablehnung gleich erachtet.
Rom, 11. November. Der Po und dessen Zuflüsse, sowie die Etsch steigen. Einer Meldung aus Genua zufolge stürzte die Brücke bei Albenge ein, wodurch ein Lastzug in's Wasser stürzte; fünf Personen wurden getödtet. In Folge des Austretens des Bormideflusses ist die Gegend zwischen Marengo und Alessandria überschwemmt.
Petersburg, 11. November. Die „Nowoje Wremja" („Neue Zeit") sagt, es sei nicht zu erwarten, daß Rußland seine bisher stetig aufrecht gehaltenen Anschauungen über die ungesetzliche Thätigkeit der Revolutionäre in Tirnowa nur deßhalb ändern werde, weil die Sobranje einen Bruder der russischen Kaiserin zum Fürsten gewählt habe. Uebrigens stehe die Ablehnung des Prinzen Waldemar außer allem Zweifel. Bezüglich der Rede Lord Salisbury's bemerkt die „Nowoje Wremja", dieselbe habe den Werth, Oesterreich-Ungarn herauszufordern, zu sagen, was es eigentlich von Rußland hinsichtlich Bulgariens wünsche. ___
Tirnowa, 11. November. Der Sitzung der Sobranje, in welcher die Fürstenwahl vollzogen wurde, wohnten die Viceconsuln Englands, Oesterreichs und Italiens,' sowie die Minister Nadoslawow, Stoilow, Nikolajew und Natchewitsch bei. Der Namensaufruf ergab 435 Anwesende, 58 fehlten. Die Regierung, so bemerkte der Ministerpräsident Nadoslawow, beantrage, den Prinzen Waldemar durch Acclamation zu wählen, damit die Mächte die Gesinnung der bulgarischen Nation constatiren können. Der Präsident forderte alsdann Diejenigen auf, aufzustehen, welche für die Wahl des Prinzen Waldemar seien, woraus alle Deputirten unter lebhaften Zurufen aufstanden. Der Präsident erklärte den Prinzen für gewählt und hierauf trat eine viertelstündige Pause ein, während welcher die Minister im Bureau zusammentraten, um das Tele- gramm an den Prinzen aufzusetzen. _________
Ur a l e s.
Gießen, 11. November. Zur bevorstehenden Ergänzungswahl der Stadtverordneten machen wir die Stimmberechtigten darauf aufmerksam, daß Diejenigen, welche mit der Entrichtung der Communalsteuer zur Zeit der Wahl sich länger als zwei


