Ur. 238 Mittwoch deu 13. October 1886.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
»wteetit Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
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Amtlicher Hheil.
Prei» vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit SHtytM*.
Durch bte Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Bekanntmachung.
Donnerstag de» 14. dieses Monat», Nachmittag» 8 Uhr. soll eine Generalversammlung de» land wirtdschafUichen Bezirksveretns Gießen m Lich tu der Turnhalle daselbst stattfinden. In dieser Versammlung hält Herr Hofgartner Noack von Darmstadt einen Vortrag über «bstverwerthung. Im Anschlüsse an diesen Vortrag wird in der Versammlung ein Dörrofen neuester Constructwn aus der Elsengreßerel von Räder in Darmstadt in Betrieb gesetzt und erklärt. Diesen Ofen (im Werthe von 200 kauft der {anorotrtyicpaftnqie herein zum Zwecke der Verloosung unter die Anwesenden an. Das Nehmen der Loose soll jedem Anwesenden, nicht blos den Vereins- Mitgliedern, gestattet und dem Gewinner nur die Verpflichtung auferlegt sein, nach Möglichkeit jedem Interessenten Einsicht dieses Ofens zu gestatten. Der Preis eines X$oo)e5 ist auf 50 nj\ festgefetzt.
^Wieber des Vereins und Freunde der Landwirthschast werden zu dieser Versammlung hiermit freundlichst eingeladen.
Greßen, den 7. October 1886. Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.
_________________________________Nover
Der Director des landwirthschaftlichen Bestrksoereins Gießen
an die Herren Bürgermeister de» Kreise».
.... 34 ersuche Sie, vorstehende Bekanntmachung auf geeignete Weise zur Kenntniß Ihrer Gemeindeangehörigen zu bringen und dieselben auf diese wichtige Versammlung noch besonders aufmerksam zu machen. Nover. '
Politische Ueberficht.
Gießen, 12. October.
Wie aus Baden-Baden gemeldet wird, konnte sich der Kaiser Wilhelm auch in den letzten Tagen in gewohnter Weise den Regierungs-Arbeiten widmen und nahm auch Vorträge entgegen, welche die Zeit von zwei Stunden überdauerten. Es erhellt daraus, daß es dem verehrten Monarchen vergönn ist, stch trotz der Last eines patriarchalischen Alters immer noch ununterbrochen ' den Regierungs-Geschäften zu widmen, was namentlich in Hinblick auf die Trübung der europäischen Lage durch die bulgarische Frage mit großer Genug- thuung von allen denjenigen Politikern begrüßt werden wird, welche in Kaiser Wilhelm den obersten und einflußreichsten Wächter über den europäischen Frieden erblicken.
Der Staatssecretär v. Bötticher, der jetzt Ostpreußen bereist, wird vor seiner Rückkehr nach Berlin sich zum Reichskanzler nach Varzin begeben, um mit demselben die Vorlagen für den Reichstag sestzustcllen, der bekanntlich in der zweiten Hälfte des November zusammentreren soll.
In der Presse des Auslandes, zumal in derjenigen Oesterreichs und Englands, machen sich immer mehr Stimmen geltend, daß Deutschland, resp. der deutsche Reichskanzler, die Rolle eines Schiedsrichters in der bulgarischen Frage übernehmen soll. Bei der bekannten Abneigung des Fürsten Bismarck, den Schiedsrichter zu spielen, dürste sich derselbe dieser undankbaren Aufgabe aber wohl erst dann unterziehen, wenn alle betheiligten Mächte die vermittelnde Thätigkeit der deutschen Diplomatie wünschen. Ob der englische Minister Lord Churchill der Träger einer solchen Mission gewesen ist, läßt sich riicht mit Bestimmtheit sagen, da Lord Churchill nur einen Tag in Berlin weilte und dann nicht nach Varzin, dem jetzigen Aufenthaltsorte des Fürsten Bismarck,'sondern nach Wien weitergereist sein soll. Etwas abgeschmackt klingt aber jedenfalls eine Meldung aus London, wonach Lord Churchill die Reise nach dem Fesilande nur aus Gesundheits-Rücksichten unternommen habe, als ob es nicht mit Händen zu greifen wäre, daß England nach Verbündeten in feiner vollständig ifolirten Stellung sucht, zumal auch Frankreich nicht eitel Lust hat, wegen der egyptischen Frage England die Freundschaft zu kündigen.
Die parlamentarischen Arbeiten für den Reichstag befinden sich bereits in nahezu vollendeter Vorbereitung.
Der Eindruck, welchen das Erscheinen eines deutschen Geschwaders vor Zanzibar auf den Sultan Sejid Bargasch gemacht hat, scheint sich schon wieder verwischt zu haben. Die Beziehungen Deutschlands zum Sultanat von Lanzibar sind schon wieder nicht allzu günstige, und kann man als äußeres Zeichen dafür dies ansehen, daß die als Geschenk für den Sultan bestimmten Geschütze noch nicht von Berlin nach ihrem Bestimmungsorte abgegangen sind. Dem Vernehmen nach legt der Sultan den Deutschen in Ost-Afrika allerlei Hindernisse in den Weg, er hat z. B. seinen Untertanen bei Leibesstrafe verboten , in die Dienste der Deutschen zu treten; auch sind seinerseits Eingriffe in dis Rechte der Deutschen wiederum versucht worden. Wiederholt eingegangenen Berichten zufolge ist das Verhalten des Sultans auf den Einfluß des englischen General. Consuls Kork zurückzusühren. Uebrigens bestätigt es sich, daß Sir John Kork zur Berichterstattung über die demnächst beginnenden Grenzreguli- rungs-Fragen von der ostafrikanischen Küste nach London berufen worden ist.
Wie unbegründet die Sorge um die Lockerung des deutsch-öster- reichischen Bündnisses in gewissen Kreisen Oesterreich-Ungarns gewesen ist, hat auch im österreichischen Abgeordnetenhause die Beantwortung der Interpellation des Abg. Heilsberg durch den Minister-Präsidenten Grafen Taaffe dargethan. Graf Taaffe sagte: „Die Annahme, als wenn das Verhältniß unserer Monarchie zu Deutschland erschüttert worden sei, ist vollkommen grund- los. Dasselbe beruht nach wie vor auf den vom Minister des Auswärtigen in den Delegationen wiederholt definirten Grundlagen, und es liegt kein Anlaß vor, um eine Lockerung ober Trübung der gegenseitigen engen und vertrauensvollen
Beziehungen besorgen zu lassen." Die von Heilsberg beantragte Eröffnung der Debatte über die Antwort wurde abgelehnt. Dafür stimmten nur der deutsch- österreichische und deutsche Club, die Antisemiten und die Demokraten; das VorgcheNs des deutsch-österreichischen Clubs war also ein überflüssiger Schlag
In Wien soll angeblich die Polizei einem Anarchisten-Club auf die Spur gekommen sein, welcher seine verbrecherischen Bestrebungen nicht nur mit Dynamit, Gift und Dolch, sondern auch mit , Falschmünzerei" zu ver- folgen scheint.
In Triest und Buda-Pesth haben die Erkrankungen und Todesfälle an der Cholera keine Vermehrung erfahren, aber in Szeged in sind dieselben gestiegen.
Die Schwierigkeiten, welche im französischen Budget ent- standen sind, beschäftigen seit einigen Tagen unausgesetzt die Regierung Frankreichs, zumal die Budget - Commission es ihrerseits geradezu abgelehnt hat, paffende Vorschläge zur Beseitigung der Kalamitäten zu machen. Im Cabinets- rathe hat der Finanzminister Sadi Carnot seinen Kollegen die überraschende Mittheilung gemacht, daß der Budget-Ausschuß bis jetzt vollständig versäumt habe, ihm von seinen verschiedenen Beschlüffen hinsichtlich der Beseitigung des Deficits irgendwelche Kenntniß zu geben, so daß er sich gar nicht in der Lage erachte, feinen Kollegen über diese Beschlüsse Bericht zu erstatten.
Die Begnadigungs-Affaire der Anstifter des jüngsten Put sch es hat in Spanien zu einer allgemeinen Ministerkrisis geführt, da das Ministerium Sagasta die Verantwortung für die glimpfliche Behandlung der Revolutionäre nicht übernehmen wollte. Der Minister Präsident Sagasta überreichte am Freitag der Königin-Regentin das Entlaffungsgesuch des gesammten Ministeriums. Die Königin wies Sagasta an, sich im Lause des Tages zur Entgegennahme weiterer Befehle noch einmal im Palais einzufinden und hat ihm dann den Auftrag ertheilt, ein neues Kabinet zu bilden. Lopez Dominguez hatte die Bildung eines Ministeriums abgelehnt, da nach feiner Meinung Sagasta und feine Anhänger in Spanien jetzt immer noch eher der Situation gewachsen seien.
Von osficieller russischer Seite liegt bis jetzt keine Kundgebung darüber vor, was Rußland in der bulgarischen Angelegenheit zu thun gedenke. Alles, was man hörte, sind nur Vermuthungen und unverbürgte Zeitungs- Nachrichten. Wahrscheinlich will man in Rußland die Beendigung der Mission des Generals Kaulbars in Bulgarien abwarten, obwohl dieselbe schon jetzt als gescheitert betrachtet werden dürste. Von einer Occupation Bulgariens durch russische Truppen rathen übrigens auch russische Zeitungen, ja, sogar Organe der Panslavisten ab, da sich Rußland dadurch die Sympathien der Südslaven verscherzen werde.
Aus den bulgarischen Städten kommen bunte Nachrichten über ras Auftreten und die Erfolge des Generals Kaulbars. Die Garnisonen von Schumla und Rustschuk sollen stch nach der Ansprache des Generals Kaulbars Är Rußland erklärt und der bulgarischen Regierung angezeigt haben, daß sie ich freie Entschließungen gegenüber den unsicheren Zuständen des Landes vorbe- sielten. Unruhen sollen ebenfalls in Bulgarien schon vorgekommen sein, doch behaupten osficielle Depeschen der Regierung in Sofia, daß im ganzen Lande stutze und Ordnung herrsche, auch sollten die Wahlen zur großen Sobranje 'einen Aufschub erleiden, sie haben also am Sonntage trotz des Vetos der russischen Regierung stattgefunden.
Krankreich.
Paris, 10. October. Der „Temps" berichtet über eine Unterredung, welche einer seiner Mitarbeiter mit dem König von Griechenland gehabt hat. In derselben erkannte der König an, daß sich Europa augenblicklich in einem Zustande der Beunruhigung und Störung befinde. Griechenland werde sich


