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M. 186

Freitag den 13. August

1886.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau r Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

PreiK vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberficht.

Gießen, 12. August.

Die Gasteiner Monarchen-Entrevue giebt der gelammten euro­päischen Presse Anlaß zu eingehenden Betrachtungen und daß diele weitüber­wiegend die Begegnurig zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joses als ein eminentes Friedens-Symptom darstellen, kann auf die durch allerhand tolle Kriegsgerüchte aufgeregte öffentliche Meinung nur beruhigend wirken. Nicht ohne Absicht hat die heurige Zusammenkunst der beiden Herrscher durch die An­wesenheit des Prinzen Wilhelm von Preußen und der Minister des Auswärtigen des deutschen Reiches und von Oesterreich-Ungarn des Fürsten Bismarck und des Grasen Kalnoky ferner des Staatssekretärs Grafen Herbert Bis­marck, des deutschen Botschafters in Wien, Prinzen Reuß, sowie des Statthalters von Elsaß'Lothringen, Fürsten Hohenlohe ein osficielleres Gepräge erhalten, als in früheren Jahren. Daß die Gasteiner Entrevue diesmal von einer Corona hervorragender staatsmännischer Persönlichkeiten umgeben war, deutet auf den maßgebenden Orts augenscheinlich geäußerten Wunsch hin, hierdurch dm festen Weiterbestand des deutsch'österreichischen Bündniffes noch mehr hervortreten zu laffen und wenn daher die öffentliche Meinung der heurigen Zusammenkunft zwischen den Herrschern Deutschlands und Oesterreichs eine über die sonst ge­wohnte Friedens^Manifestation hinansgehende Bedeutung beimißt, so kann man ihr schwerlich Unrecht geben. Das Wächteramt aus der Burg des Friedens in Europa wird eben immer schwieriger und um so mehr begreift es sich, daß Deutschland und Oesterreich-Ungarn, welche durch ihren Freundschaftsbund dieses schwierige Amt übernommen haben, gewillt sind, durch die außergewöhnliche Feierlichkeit, welche in diesem Jahre die Begrüßung der beiden fürstlichen Freunde umkleidete, ihr ferneres festes Zusammenhalten aller Welt kundzugeben. Diesen Wink werden hoffentlich all' die unruhigen Elemente, welche im Osten wie im Westen ihr Wesen treiben, verstehen, denn er besagt deutlich, daß der Bund der beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche auch auf fernerhin als ein un­antastbares Friedenszeichen für ganz Europa gilt.

Herr v. Giers, der leitende Staatsmann Rußlands, hat nun seine so ost angesagte und immer wieder verschobene Reise in's Ausland angetreten. Äm Sonntag ist.der Minister über Berlin, wo er einen eintägigen Aufenthalt nahm, nach Franzensbad abgereist, woselbst seine Ankunft am Dienstag Abend erwartet wurde. Das osficiöseJournal de St. Peiersbourg" schreibt zu der Reise des Herrn v. Giers, daß dieselbe in erster Linie durch Familien- Angelegenheiten veranlaßt werde; sodann gedenke der Minister in Franzensbad auch eine längere Kur zu gebrauchen. Ob und wo Herr v. Giers dem Fürsten Bismarck einen Besuch abstatten wird, ist noch durchaus ungewiß.

Neben der Gasteiner Entrevue bildete für die österreichischen Blätter auch der Besuch des ungarischen Minister-Präsidenten am kaiserlichen Hoflager in Ischl einen Gegenstand eingehender Betrachtungen. Es scheint, daß der Zweck dieses Besuches, dem Monarchen über die loyalen Gesinnungen der leitenden Pesther Kreise Aufklärungen zu geben, vollständig erreicht worden ist. Es soll Herrn o. Tisza in Ischl die völlige Gewißheit darüber zu Theil gewor­den lein, daß er das ungeschmälerte Vertrauen der Krone nach wie vor besitzt und daß ferner in den Wiener Regierungskreisen nicht die geringste Absicht ob» waltete, der nationalen Empfindlichkeit der Ungarn zu nahe zu treten. Da sich mittlerweile in Ungarn die über die jüngsten Personal-Veränderungen in der Armee herrschende Erregung mehr und mehr legt, allen entgegengesetzten Be­mühungen der radikalen Blätter zum Trotz, so kann man annehmen, daß die Janski'Affaire mit Allem, was d'rum und d'ran hängt, nunmehr ihre letzten Kreise gezogen hat. Dem entsprechend versichert denn auch die als halboffieiös geltendeBudapesther Correspondenz", daß irgendwelche sensationelle Ereigniffe nicht zu ermatten seien und daß speciell keine Ministerkrisis zu befürchten stehe.

Die beabsichtigte Errichtung einer päpstlichen Nuntiatur in Peking droht eine ernstliche Spannung zwischen Frankreich und dem heil. Stuhle hervorzurufen In Paris glaubt man durch einen solchen Schritt die Machtstellung Frankreichs in Ostasien gefährdet, wenigstens in Bezug auf das französische Protectorat über die dortigen Christen. Die Pariser tonangebenden Blätter führen daher eine sehr erregte Sprache gegen den Vatikan und beschul­digen den Papst, sich bei dieser Gelegenheit zum Werkzeuge englischer und deut­scher Jntriguen gegen Frankreich gemacht zu haben. Die radikale Preffe droht sogar ml) Repressalien und befürwortet die Streichung des Cultusbudgets, sowie die Aushebung der französischen Botschaft beim Vatikan; es ist daher wahr­scheinlich, daß es in der Deputirtenkammer bei der Budgetberathung in nächster Session zu lebhaften Debatten kommen wird.

Die von französischen Blättern gebrachten Meldungen über den angeblich beunruhigenden Gesundheitszustand des Papstes bestätigen sich nicht. Der offieiöfeMoniteur de Rome" berichtet vielmehr, daß der Papst am 6. August mehrere Audienzen ertheilt habe und hieraus erhellt zur Genüge die Unwahrheit jener Gerüchte. Damit werden selbstverständlich auch alle weiteren sensationellen Gerüchte, daß Leo XIII. sich in einem Zustande äußerster Schwäche befinde, daß man in seiner Umgebung sich bereits mit der Erwägung seines nahen Todes beschäftige u. s. w. aus ihren wahren Werth zurückgesührt.

Die Unruhen in der irischen Stadt Belfast, zu denen die Rei­bungen zwischen Orangisten und Nationalisten den Anlaß gaben, haben sich aus der vorigen Woche bis in die gegenwärtige hinein fortgesetzt. Die Lage muß recht ernst sein, da selbst das Eingreifen des Militärs die Wiederholung der

Unruhen nicht verhindern konnte. Trotzdem, daß Militär und Polizei von den Schußwaffen reichlich Gebrauch machte, dauerten die Tumulte den ganzen Mon­tag fort und läßt sich die Zahl der Todten und Verwundeten noch gar nicht feststellen; doch sollen mindestens 130 Personen verwundet worden sein, von denen verschiedene ihren Verletzungen noch erliegen dürsten. Für den Amts­antritt des conferoatioen Cabinets Salisbury sind diese blutigen Tumulte gerade kein günstiges Omen.

Die holländische Regierung scheint der in Amsterdam wieder ein­getretenen Ruhe doch nicht recht zu trauen. Auf speciellen Befehl des Kriegs­ministers wird das in Amsterdam garnisonirende 7. Jnfarterie-Regiment an den diesjährigen Manövern der holländischen Armee nicht Theil nehmen, sondern in seiner Garnison verbleiben. Vorläufig ist indeffen kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß sich die blutigen Amsterdamer Unruhen vom vorigen Monat wiederholen könnten.

Die Verurtheilung des amerikanischen Bürgers Cutting durch ein mexikanisches Gericht Cutting ist wegen Preßbeleidigung eines Mexikaners, Verleumdung u. |. w. zu 1 Jahr Gefängniß und 600 Dollars Geldstrafe verurtheilt worden kann leicht zu Verwickelungen zwischen der Union und Mexiko führen. Cutting, welcher nach der Stadt Chihuahua über­geführt werden soll, befürchtet, daß er unterwegs von den aufgeregten Mexika­nern ermordet werden könnte und hat deshalb den Schutz des Gouverneurs von Texas angerufen. Falls der Gouverneur diesem Verlangen nachkommt, müßten die nordamerikanischen Truppen die mexikanische Grenze überschreiten und dann wäre allerdings der Conflictssall zwischen beiden Republiken fertig.

Deutschland.

Berlin, 9. August DerFigaro", eines der wenigen französischen Blätter,, welches sich sowohl in seinen redactionellen Artikeln, als in denen seines Berichterstatters Pierre Giffard ohne jede Voreingenommenheit über das Heidel­berger Jubelfest geäußert, schreibt heute:

DerTölögraphe" spricht von dem Heidelberger Feste und von der Hul­digung', welche die Abordnungen der deutschen Universitäten den Vertretern des Institut de France dargebracht haben; das seien nur spöttische Narrenspoffen, meint das Blatt, und man müsse äußerst optimistisch sein, um friedliche An­zeichen darin zu erblicken. Man behandelte uns dort, sagt derTölsgraphe", als große litterarische Nation, und darin erblickt er eine Verhöhnung. Würde ein solches Urtheil im engeren Kreise oder in einem unabhängigen Blatte gefällt, so würde es keine weiteren Folgen haben und Niemanden verpflichten. Aber dieses Blatt gibt sich für dm OsficiosuS des Herrn v. Freycinet aus, dieser Artikel ist daher entweder sehr ungeschickt oder sehr bedeutungsvoll. Was will derTMgraphe" damit sagen? Hat die jämmerliche Regierung, welche allen Machtsprüchen der Radikalen nachgibt, von ihnen Befehl erhalten, den Maul­helden zu spielen und eine Schwenkung zu machen? Das Kaiserreich versuchte das nämliche Mittel, als es im Innern den Boden unter seinen Füßen wanken fühlte. Dies kam ihm theuer genug zu stehen und sollte seinem Nachfolger den Wunsch benehmen, den Versuch zu erneuern. Damals mußten die Regierten noch schwerer büßen, als die Regierenden, und es wäre wünschenswerth, daß halbamtliche Blätter, in welchen die Minister angeblich ihre Gedanken nieder­legen, sich damit begnügen, Dummheiten über die innere Politik zu schreiben, sich aber enthalten, solche über die äußere Politik zu sagen.

Kesternich.

Budapest, 11. August. DasAmtsblatt" veröffentlicht das nachfolgende Kaiser­liche Handschreiben:

Lieber Tisza! Mit Bedauern habe ich wahrgenommen, daß einige in jüngster Zeit erfolgte militärische Personalveränderungen zu verschiedenen Mißdeutungen Ver­anlassung geboten haben, welche zur Beunruhigung und Irreführung der öffentlichen Meinung und zu einer bedauerlichen Trübung des bisher in den Ländern der unga­rischen Krone bestandenen guten Verhältnisses zwischen den bürgerlichen Bewohnern und der Armee führen könnten. Dies ist jedoch um so bedauerlicher, als den er­wähnten Personalveränderungen ohne Verletzung irgend welcher gesetzlicher oder ver­fassungsmäßiger Rechte lediglich militärisch-dienstliche Rücksichten zur Grundlage dienten. In Folge dessen entfallen alle fälschlich daraus geschlossenen Folgerungen von selbst. Ebenso bedauerlich ist es, wenn wegen vereinzelter Thatsachen die ganze Armee ab­fälliger Kritik unterzogen wird. Der Geist der alle Völkerschaften der Monarchie um­fassenden Armee ist kein anderer und es ist auch nicht zulässig, daß er ein anderer sei, als derjenige des obersten Kriegsherrn, was gerade die sicherste Garantie dafür bietet, daß dieser Geist auch künftig von keiner anderen Empfindung beherrscht werden kann, als von dem wetteifernden Streben in treuer Pflichterfüllung, welche Pflicht der Armee nicht blos die Vertheidigung der Monarchie nach Außen, sondern indem die Armee jedem politischen Parteitreiben fernsteht, im Interesse der Erhaltung der Ord­nung im Innern auch den Schutz der Gesetze und der gesetzlich bestehenden versaflungs- nräßigen Institutionen in sich begreift. Nur absichtliche Unwissenheit oder unlautere Motive können dahin führen, daß die Armee, welche im Kriege wie im Frieden stets treu und opferbereit ihre Pflichten erfüllte, zu dem wahren Patriotismus, zu den Ge­setzen des Landes und zu der Verfassung im Gegensätze gestellt wird. Obgleich rch demgemäß glauben müßte, daß bei einer unparteiischen und leidenichaftslosen Erwäg­ung des Sachverhaltes der in Rede stehenden Erregung bei der loyalen und nüchternen Bevölkerung alsbald einer beruhigteren Stimmung Raum geben wird, rst es dennoch möglich, daß diese Mißdeutungen durch ihre längere Dauer Beunruhigung in weitere Kreise tragen und die gegenseitige Erbitterung nähren könnten, was zu bedauerlichen Folgen führen könnte. Im vollen Vertrauen zu Ihrem stets bethätigtcn Patriotismus und in Uebereinstimmung mit Ihren diesfalls ausgesprochenen Ansichten, bin ich über­zeugt, daß Sie dieser Sache, was ich hiermit auch wünsche, Ihre besondere Aufmerk­samkeit zuwenden und entsprechende Vorkehrungen treffen werden, daß dort, wo es