Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Th eit.
Gießen, den 9. April 1886.
Betreffend: Erlaß einer Dienstweisung über das Verhältniß des § 361, Nr. 9 des StG.B. zu Art. 11 des Feldstrafgesetzes und zu dem Gesetz vom 31. August 1874, betr. Ergänzung des Gesetzes vom 10. October 1871.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Sie wollen binnen 3 Tagen berichten, wie viele Personen in Ihren Gemeinden außer den Feldschützen noch auf den Feldschutz verpflichtet sind und die Namen dieser Personen angeben.
Dr. Boekmann.
Bekanntmachung.
Wegen Abbruch der Faber'schen Häuser ist der Fuhrwerksverkehr in der Marktstraße von der Wettergasse bis zum Marktplatze bis auf Weiteres gesperrt.
Gießen, am 12. April 1886. x Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius. 2772
AeutMünd.
Berlin, 10. April. Der Staatsminister Friedenthal ist durch Erkrankung in seiner Familie verhindert, den bevorstehenden Verhandlungen der Kirchen-Vorlage im Herrenhause beizuwohnen und erklärt in einer Zuschrift an die „Post", den Standpunkt der Herrenhaus-Commission zu billigen, wenn hierdurch die volle Beilegung des klrchenpolitischen Streites erzielt werde. Wenn letzteres gegenwärtig nicht erreichbar sei, so seien über die ursprüngliche Vorlage hinausgehende Anträge zurückzuweisen, woraus aber nicht folge, daß auch die Regierungs-Vorlage abzulehnen sei. Das Verhalten der Kurie könne nicht dazu bestimmen, den preußischen Untertanen zu versagen, was aus die Initiative dec Regierung der Landtag zu gewähren als zulässig erachtet.
Karlsruhe, 10. April. Die Centrums-Partei des Landtages brachte eine Interpellation ein, ob die Regierung die kirchenpolitische Gesetzgebung des x Landes nach dem Vorgänge Preußens zu revidiren gedenke.
Freiburg i. Br., 10. April. Zum Verweser des Erzbisthums wurde heute der Domdekan Weickum gewählt.
Schweiz.
Bern, 11. April. Das Militär-Departement wird dem Bundesrath einen Gesetzentwurf über den Landsturm vorlegen, um demselben eine kriegsrechtliche gesicherte Stellung zu verschaffen.
Frankreich.
Paris, 11. April. Nach Meldungen vom Senegal ist das Fort Bakel von den Eingeborenen angegriffen und es hat daselbst ein sehr blutiger Zusammenstoß stattgesunden, welcher drei Tage dauerte. Mehrere Dörfer und Faktoreien wurden angezündet, die Verbindungen sind abgeschnitten und die Lage wird als ernst bezeichnet.
England.
London, 10. April. (Unterhaus.) Hartington sprach entschieden gegen die irischen Vorschläge Gladstone's und hob hervor, das Land habe bei den Wahlen keine Kenntniß davon gehabt, er glaube, es billige diese Vorschläge Dicht, sondern erwarte von seinen Vertretern aller Parteien, daß sie wie ein Mann zusammenstehen, um die volle Integrität des Reiches und die Suprematie des Gesetzes überall im Lande aufrecht zu erhalten. Morley meint, weder Chamberlain noch Hartington hätten die Schwere der Lage erkannt. Der Miß- Erfolg der Regierung würde die Unterdrückung der National-Liga durch strenge Zwangsmaßregeln nothwcndig machen. Diejenigen, welche die Gefahr erkennen, würden der Vorlage der Regierung zustimmen, sowie einer billigen Prüfung, um die Politik der Versöhnung durchzuführen. Die Berathung wird Montag fortgesetzt werden.
— Wie die „Times" erfährt, hat außer dem Kanzler des Herzogtums Lancaster, Heneage, auch der Arbeitsminister Lord Morley seine Entlaffung eingereicht; ebenso sollen, wie die „Times" hinzusügt, Entlaffungsgesuche aus den Kreisen der obersten Hofwürdenträger zu erwarten sein.
— In dem Processe gegen die socialistischen Aufwiegler Hyndmann, Champion, Burns und Williams hat der Central-Criminalgerichtshos heute bezüglich aller 4 Angeklagten aus Freisprechung erkannt.
Wußland.
Petersburg, 11. April. Das „Journal de St. Pötersbourg" demen- lirt die Meldung des „Gaulois" von einem angeblichen russischen Circulär bezüglich der Entscheidungen Rußlands für den Fall, daß der Fürst von Bulgarien sich weigern sollte, sich dem Arrangement der Mächte zu unterwerfen. Ebenso bezeichnet das Journal die Nachricht der „Jndöpendance belge" von in Petersburg neuerdings stattgehabten Verhaftungen nihilistischer Agitatoren als gänzlich Unbegründet.
— Großfürst Konstantin Nikolajewitsch ist gestern nach Orianda in der Krim abgereist.
Bulgarien.
Sofia, 10. April. Die hiesigen Vertreter der Großmächte richteten eine gemeinsame Note an die bulgarische Regierung, in welcher sie den Beschluß der Conserenz mittheilen und die Hoffnung ausdrücken, der Fürst werde denselben acceptiren.
Sofia, 11. April. Der Minister Zanow theilt den Vertretern der Mächte mit, der Fürst werde wahrscheinlich den Beschluß der Conferenz acceptiren, wolle aber vorher sich der Zustimmung der Volksvertretung vergewiffern.
Philippopel, 10. April. Ein Dekret des Fürsten vom heutigen Tage verfügt die Aushebung des Belagerungs-Zustandes in Bulgarien und Ost- Rumelien. Ein weiteres Dekret vom gleichen Sn tum ordnet Wahlen der Depu- tirten Bulgariens für die Nationalversammlung in Sofia an und bestimmt, daß die Mahlen am 23. Mai stattsinden sollen.
Darmstadt, 12. April. sPrivatdepesche.j Geheime Staatsrath Knorr und Familie ist mit dem Prädikat Knorr von Nosenroth in den erblichen Adelsstand erhoben worden.
Reichstag.
E. R. Berlin, 10. April 1886.
Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärte
Abg. v. Schalscha bezüglich seiner bekannten Aeußerung über die angebliche Ausprägung von preußischen Thalern in der Schweiz und Südfrankreich, er habe seine damaligen Bemerkungen in gutem Glauben gethan, aber nunmehr die Ueberzeugung gewonnen, daß Beweise nicht beigebracht werden können; sein Gewährsmann müsse daher im Jrrthum gewesen sein.
Bei der dritten Berathung des Gesetzentwurfs, betr. die Rechtspflege in den deutschen Schutzgebieten, erklärte Namens der verbündeten Regierungen
Staatssecretär v. Schelling: Träger der Souoeränetätsrechte im Reiche seien die Regierungen, die also auch die Souveränetät in den Schutzgebieten erworben hätten. Der Bundesrath sei dazu berufen, diese Hoheitsrechte auszuüben. Dieser Standpunkt sei aber kein Hinderniß, aus praktischen Gründen dem Kaiser die Ausübung der Souveränetät zu übertragen. Der Bundesrath werde sich lediglich durch sachliche Bedürfnisse bestimmen lassen. 0
Abg. Dr. Windthorst erklärte, nunmehr gegen das Gesetz stimmen zu müssen.
Abg. Dr. Haenel findet die Form so vieldeutig und unbestimmt, daß er in gewissen Grenzen der Erklärung zustimmen könne.
Abg. Dr. Meyer (natlib.): Man sei in der Commission in überwiegender Mehrheit der Meinung gewesen, daß es völlig fern liege, die föderative Verfassung des Reichs oder die Stellung des Bundesraths anzutasten.
Abg. v. Maltzahn-Gültz kann sich der Windthorst'schcu Ansicht, daß dem Bundespräsidium eine neue Vollmacht gegeben werde, nicht anschließen; der Kaiser vertritt nach der Verfassung das Reich in völkerrechtlicher Beziehung.
Ein Antrag des Abg. Dr. Windthorst auf Rückverweisung der Vorlage an die Commission wurde abgelehnt und das Gesetz definitiv angenommen.
Ebenso wurden eine Anzahl anderer dritter Lesungen erledigt.
Nachdem noch ein im Laufe der Sitzung eingegangencr Antrag des Abg. Singer, betr. die Einstellung des Strafverfahrens gegen den Abg. Viereck für die gegenwärtige Legislaturperiode ohne Debatte angenommen, war die Tagesordnung erschöpft.
Der Präsident v. Wedell-Piesdorf bemerkte, von dem Vertreter des Reichskanzlers sei ihm mitgetheilt, die dem Reichstage zugedachten Gesetzentwürfe betr. die Besteuerung des Zuckers und des Branntweins seien noch nicht sertiggestellt und würden dem Reichstage erst Mitte nächsten Monats zugehen. Er schlage unter diesen Umständen vor, die Osterferien schon heute zu beginnen.
Das Haus stimmte dem zu. , zr. _r =
Nächste Sitzung Montag den 17. Mai. Petitionen betr. Einschränkung des Hausirhandels, Wollzoll rc.__________
§ i H.
Gietzen, 12- April. Die Feier des 50jährigen Dienst-Jubiläums des Geh. Baurathes Prof. Dr. v. Ritgen hatte am gestrigen Tage die Vertreter der Universität, des Kreisamts und aller der Corporationen versammelt, die dem Jubilar für seine erfolgreichen Bestrebungen an diesem Tage auch äußere Anerkennung zollen wollten.
Am Morgen brachte unsere Regimentsmusik nn Ständchen. Ihre Majestät die deutsche Kaiserin übersandte dem Jubilar ein eigenhändig unterzeichnetes Glückwunsch-


