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England.

London, 10. Februar. Bis heute Abend 10 Uhr 30 Mm. war es in keinem Theile Londons zu einer nennenswerthen Ruhestörung gekommen. Die Volksansammlungen in Deptford und anderen Orten sind von der Polizei ohne Schwierigkeit zerstreut worden.

Rußland.

Moskau, 11. Februar. Die Wiltwe Aksakoff's beabsichtigt, die Her­ausgabe des JournalsRuß" fortzusetzen und hat bei dem Ministerium darum nachgesucht, daß Demetrius Samarin als Redacteur des Journals be­stätigt werde.

Reichstag.

E. R. Berlin, 11. Februar 1886.

Im Reichstag ist heute das Gesetz betr. die Verlängerung des Socialistengesetzes tingegangen.

Bei der weiteren Verhandlung des Antrags bezüglich der Währungsfrage erklärte

Finanzminister v. Scholz, daß er über diesen Antrag selbst nicht zu sprechen beabsichtige, sondern nur verhüten wolle, daß die bimetallistische Presse ferner ein Triumphgeschrei erhebe, daß er im Abgeordnetenhause ein Paar Worte fallen lassen, hier aber nicht zu sprechen ivage. Die Vorwürfe des Herrn v. Kardorff und dessen Spott, daß er nur Bambergers Ansichten vortrage, seien ihm nicht neu; er behaupte gar nicht, nachdem er sich mit dem ganzen Material vertraut gemacht, nur Eigenes, Originales vorgetragen zu haben, aber wieviel bliebe wohl an den bimetallistischen Ausführungen, wenn man Alles Nicht-Originale verbannen wolle. Es thue ihm sehr leid, daß die Herren in einer sachlichen Frage einen Standpunkt eingenommen hätten, der nur geeignet sei, die von ihnen vertretene Sache zu discreditiren.

Abg. v. Kardorff giebt zu, daß er vielleicht gestern den Finanzminister in der Hitze der Debatte zu scharf angegriffen habe, er fei aber durch die Ausfälle des Herrn v. Scholz im Preußischen Abgeordnetenhause veranlaßt, der den Bimetallisten Landcs- verrath vorgeworsen habe und ihre Agitation lächerlich machte.

Finanzminister v. Scholz protestirt dagegen; wer das behaupte, sage ihm eine Unwahrheit nach; er habe auch die Frage keineswegs mit Hohn behandelt. Der Vor­wurf, daß er von Landesverrath gesprochen, beruhe auf einer zu weit gehenden Jnter- rpretation^funft; Herrn v. Kardorff's internationaler Münzvertrag, den er entworfen, sei ein ganz oberflächliches Machwerk gewesen, er hoffe, Herrn v. Kardorff nicht wieder auf einem solchen Jndianerpfade zu begegnen.

Die Resolution bezüglich Prüfung der Währungsfrage wird danach mit 145 gegen 119 Stimmen angenommen.

Abg. Struckrnann fragt die Armeeverwaltung, ob die penfionirten Offiziere und Subalternmilitärbeamte, wenn sie in den Eomnumaldienst treten, ihre Pension verlieren sollen oder nicht.

Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf bezeichnet die Frage für schwierig, in der jetzigen Gesetzgebung fei bezüglich dieser Materie allerdings eine Harte vor­handen, doch könne er sich auf eine Kritik nicht einlassen, um mit vor Entscheidung der Frage zu derselben feste Stellung zu nehmen.

Abg. Ullrich bittet, daß Denjenigen, die die Feldzüge mitgemacht haben, die volle Pension erhalten bleibe.

Beim Etat des Auswärtigen Amtes beantragt

Abg. Dr. Windthorst, von den in zweiter Lesung zum Bau und zur Ein­richtung eines Dienstgebäudes in Angra Pequena genehmigten 146,000 eX nur 92,000 «X zu bewilligen.

Abg. Richter macht darauf aufmerksam, daß an der Stelle, wo die Gebäude errichtet werden sollen, sich gar kein Deutscher, ja vielleicht nicht einmal ein Europäer befinde.

Abg. Bamberger will auf die Eolonialpolitik nicht näher eingehen, glaubt aber, daß die Begeisterung für Kolonien erheblich nachgelassen und die Ansichten des Herrn Reichskanzlers seinen eigenen nun wohl sehr nahe stehen dürften.

Der Antrag Windthorst wird abgelehnt, es bleibt somit bei den Bestimmungen der zweiten Lesung.

Im Postetat war die erste Rate zur Herstellung eines neuen Dienstgebäudes in Allenstein 70,000 <X gestrichen worden; heute wurde dieselbe nach warmer Befür­wortung durch den Staatssecretär v. Stephan und den Abg. Borowski bewilligt.

Morgen wird die Etatberathung fortgesetzt.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S Selegr. Eorresysndenz - Bvrearr.

Berlin, 11. Februar. Der Finanzausschuß der Stadtverordneten beschloß, gemäß dem Anträge des Magistrats für die neu aufzunehmende Berliner Fünfzig- Millionen-Anleihe der Versammlung 4procentige Verzinsung zu empfehlen.

Berlin, 11. Februar. Das Abgeordnetenhaus genehmigte in unerheblicher Debatte den Justizetat. Im Laufe der Debatte bestritt der Justizminister, daß der Artikel 416 der Strafproceßordnung (Erhebung der öffentlichen Anklage bei Beleidig­ungen) nicht objcctiv angewendet werde. Mißgriffe seien durch Verfügungen nicht zu verhüten, aber, wo es anging, sei stets Remedur herbeigeführt worden. Zu den Diätenprocessen habe er gar keine Stellung genommen, weil er das als Justizminifter nicht könne. Nächste Sitzung Samstag. Präsidentenwahl.

Weimar, 11. Februar. Der Landtag genehmigte die Regierungsvorlage, betreffend den Bau einer Eisenbahn von Weimar über Rastenberg nach Groß­rudestedt.

Leipzig, 11. Februar. Das Urtheil des Reichsgerichts in dem Processe gegen den Capitän Sarauw und Redacteur Nötiger wegen Landesverraths lautet gegen Sarauw auf 12 Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust. Der Mitangeklagte Röttger ist freigesprochen.

Wien, 11. Februar. DerN. Fr. Pr." und demTageblatt" wird aus Bel­grad gemeldet, daß die Demobilisirung der serbischen Armee angeordnet sei. Die N. Fr. Presse" bemerkt dazu, daß die Nachricht bisher officiell nicht bestätigt sei.

Rom, 11. Februar. Kammer. Auf Anfragen Morcora's und anderer Depu- tirten betreffs der griechischen Frage verwies der Minister des Auswärtigen, Graf Robilant, auf seine Erklärung im Senate, wonach er aus Rücksicht auf die anderen Mächte, mit denen Italien in vollem Einvernehmen in den griechischen Gewässern vorgehe, und um die wohlthätigen Wirkungen der Action nicht zu beeinträchtigen, feine Erklärungen abgeben könnte. Robilant fügte hinzu, Griechenland fehlten die Sym­pathien Italiens und der übrigen Mächte nicht; Griechenland werde nicht vergessen können, daß es diesen seine Verfassung und Vergrößerung verdanke und es fein In­teresse habe, sich durch unüberlegtes Handeln die Mächte zu entfremden.

Paris, 11. Februar. Wie die Moraenblätter wissen wollen, hätte das Kriegs­gericht, welches gestern über das Verhalten des Obersten Herdinger urtheilte, eine für Herdinger günstige Entscheidung gefällt.

Die Zeitungsnachricht, daß die Regieruns die Waffenfabrik zu St. Etienne angewiesen habe, sich zur Umwandlung der Grasgewehre in Repetirgewehre vorzu­bereiten, wird für vollkommen unbegründet erklärt.

London, 12. Februar. Bis gestern Abend IOV2 Uhr war in keinem Theile Londons eine ncnnenswerthe Ruhestörung vorgekommen. Die Volksansammlung in Deptford und an anderen Orten wurde von der Polizei ohne Schwierigkeit zerstreut. Auch die Nacht verlief ohne die mindeste Ruhestörung. Obwohl die Negierung end- giltig beschlossen hat, mehrere Socialistenführer wegen Aufwiegelung zur Plünderung -anzuklagen, ist deren Verhaftung noch nicht erfolgt.

Lord Sandhurst ist zum Unterstaatssecretär im Kriegsministerium ernannt worben.

_, , ~ Wie dieMorning-Post" erfährt, erklärte bei dem gestrigem Empfange des ptplomattichen Eorps Lord Rosebery, die Regierung sei entschlossen, an Lord Salis- Lury's auswärtiger Politik festzuhalten.

Belgrad, 11. Februar. Der Bau der serbischen Eisenbahnstrecke von Nisch über Vranja bis zur türkischen Grenze soll bis zum 1. März fahrbar fertiggestellt fein. Der Staat wird deren Betrieb jedoch erst nach Herstellung der türkischen Anschlüsse , übernehmen. Bis Leskovac wird der Betrieb in den nächsten Tagen für Rechnung der Eisenbahnbetriebs-Gesellschaft eröffnet werden.

Konstantinopel, 11. Februar. Corti, der italienische Botschafter, wurde gestern vom Sultan in Abschieds - Audienz empfangen; er wird am 17. Februar abreisen.

London, 12. Februar. sPrivat-Depesche.1 Gestern fanden in verschiedenen Provinzialstädten Kundgebungen Arbeitsloser statt. In Leicester griff eine Volksmenge mehrere Strumpfwaarenfabriken an, in welchen wegen Strikes die Arbeiter feiern. Fenster wurden zertrümmert und Maschinen zerstört. Polizei stellte die Ruhe wieder her.

L 0 k L l e 4.

Gießen, 11. Februar. Heute sind cs 40 Jahre, daß Herr Cur sch mann zum Lehrer an der hiesigen Mädchenschule ernannt wurde. Da diese Reihe von Jahren gewöhnlich nicht als Grund zu einem öffentlichen Jubiläum betrachtet wird, so barte sich ein engerer Freundeskreis zusammengefunden, um mit ihm das Andenken an diesen Tag zu feiern.

lieber die Thätigkeit des Herrn Curschmann als Lehrer, als Freund der Armen (Weihnachtsbescheerungen) des Weiteren zu berichten, erscheint überflüssig. Es wird dies von allen Seiten anerkannt. Möge er das 5Ojährige Jubiläum noch in gleicher Frische feiern.

(Bazar.) Unserer speciell für den Bazar gewonnenen Correspondentin ist es durch den zu langen Besuch dessUben nicht möglich gewesen, ihr Wort so einzu­lösen, als dieselbe cs versprochen. Sie gestattet uns jedoch von nachstehendem Briete an ihre Freundin Gebrauch zu machen, welcher Brief einen Einblick in das Innere des Wohlthätigkeits-Bazars gestattet:

Gießen, den 11. Februar 1886. Heißgeliebte Rosalinde!

In Gedanken werfe ich mich an Deine Brust und presse tausend Entschuldigimgs- küsse auf Deinen lieben Mund und bitte Dich um Verzeihung, daß ich Dir so lange noch nicht geschrieben habe; ich glaube wahrhaftig, es sind schon mehr als acht Tage verflösset!. Aber bedenke, liebes Lindchen, die Arbeit: Große Wäsche, Nähmädchen, Putzmacherin, Schlittschuhlaufen, Einladung, Eisfeft und da hast Du gleich Alles auf einmal Bazar! Was da ist? Ja. in der Pension ach! es war doch herr­lich in der Pension, die Spaziergänge, und wenn wir nichts gelernt hatten und als Dein Vetter uns besuchte, erinnerst Du Dich? in der Pension lernt man so etwas nicht und in Eurem Landstädtchen bekommt Ihr es auch nicht zu sehen. Nun, ein Bazar ist, wo man schön geputzt ist und wo viele junge Herrn hinkommen. Das ist die Hauptsache, aber das ist noch nicht Alles. Alle Menschen, die in dem Bazar sind, sind Kaufleute, mit dem Unterschied, daß der eine Theil kauft, der andere verkauft. Siehst Du, süßes Röschen, jetzt haben wir's: ein Bazar ist eine Verkaufshalle. Die Verkaufenden sind meistens Damen und thun es freiwillig, was also keine Arbeit ist. Der Erlös aber ist für die Kranken und Armen bestimmt und es ist schön und edel, wenn man bei einem Vergnügen, daß man sich bereitet, auch der Unglücklichen gedenkt und sich bestrebt, ihr Leid zu lindern.

Jetzt folge mir in's Innere. Unser Clubsaal diese wahre und wahrhaftige Vorstufe zum Himmel ober, was dasselbe ist, zum Traualtar ist für die Sache hergerichtet. Rechts und links befinden sich die Verkaufsbuden, in der Mitte ein herr­liches Blumen-Rondell. Was verkauft wird? Weißwaaren, Holzwaaren, Blechwaaren, japa- und chinesische Kleinigkeiten, Gold und Silber, Blumen und Bänder, Tabak und Cigarren, Zuckerherzen und Mausefallen, endlich auch Wein und Bier. Doch, einziges Rosaliudchen, da siehst Du wieder, wie die Männer sind! Da schreibt ein Herr W. H. in derHessischen Volkszeitung", die baierische Vierbube habe ihm ganz besonbers gefallen; natürlich, wenn es nur etwas zu trinken gibt! Aber warte, wenn ich ihn nur erst Gott, ba ist es heraus, was ich Dir so lange uerfdpoieqen habe ja, theures Linbchen, ich bin's, ich bin heimlich verlobt. O süßer Zauber biefer 15 Buchstaben! Warum ich aber nicht auch mitgewMt habe? Ja, weißt Du, Röschen, ich bin jetzt ich werbe roth beim Schreiben so hübsch geworben, baß sich bas Comitö mit Recht gesagt hat, baß eine solche Verkäuferin allen anberen unbesiegbare Concurrenz machen würbe, und so habe ich benn aus freien Stücken verzichtet. Doch finb noch immer hübsche Mäbchen ba, aber vor allem hübsche Frauen. Da ist die reizende Frau G., deren Griechin-Costüm von einem be­zaubernden Geschmack zeugt; ba ist auch die erwähnte Bierbude, in der zierliche Dam ex den durstigen Seelen den Geist im Getränke nicht minder gewandt spenden, wie ihre Männer im Colleg aus dicken Heften. Da ist auch doch ich würde nicht fertig werden, wenn ich Dir alles Schöne und Sehenswerthe erzählen wollte. Wer er ist? Ja, Kind, das Nähere mündlich. Aber wenn ich ihn so mitten unter den vielen hundert Besuchern so glattgebügelt und flottgeschniegelt herumgchen sah, Du kannst Dir denken, welches Herzklopfen. Zum Schlüsse noch die Mittheilung, daß sehr, sehr viel Geld eingenommen wurde, so daß die Mühe und Arbeit nicht umsonst war und man sehen konnte, daß es noch viele gute Menschen gibt, die im Wo Hk thun eine Freude finden.

Sei viel tausendmal geküßt von Deiner ewig treuen einzigen Pensi-nsfrcundm

P. 8. Wenn nur das Regiment nicht verlegt wird.

Btrmifd&tei»

Lauterbach, 9. Februar. Der hiesigeAnzeiger" schreibt: Unsere Polizei entwickelt eben eine bewundernswerthe Energie, um dem Straßenunfug beim Nachhause­gehen der Fortbildungsschüler zu steuern, wie man hört, soll es auch unlängst bei­nahe gelungen sein, einen zu fangen.

Mainz, 10. Februar. Das menschliche Geripp, welches in einem Hause der Holzgasse aufgefunden wurde, stammt, wie Nachforschungen ergeben haben, aus dem Eigenthum eines Bildhauers, welcher früher in jenem Hause wohnte und das Scelett zu Präparationszwecken erhalten hatte.

Worms, 8. Februar. Das größte Schiff, welches bis jetzt den Rhein be­fahren, ist die gegenwärtig im Hafen liegendePrinzeß Wilhelm", welche mit einer Kohlenladung für die Firma Dörr und Reinhart von Ruhrort anlangte. Die Länge des Schiffes beträgt 76,40 M., die Breite 9,10 M., der Tiefgang 1,95 <X. Geaicht ist das Schiff auf 23,102 Centn er.

Groß-Zimmern.Was gleicht wohl auf Erden bent Jägeroergnügen" be­ginnt der bekannte Jägerchor imFreischütz" und es muß doch etwas dran sein, denn die hiesige seither für 1470 «X verpachtet gewesene Waldjagd ging am 8. b. M. an einen Herrn Schröber von Darmstadt über für nunmehr 8060 j-t. jährlich.

sAus dem Thierleben.s Aus Steinau a. O. schreibt man derBrest. Ztg.": «Einen interessanten Beweis von der Treue und Anhänglichkeit eines Stückes Wild liefert folgendes Vorkommniß: Im Frühjahre 1875 wurde von dem Förster Lehmann auf der benachbarten Herrschaft Diebau ein mutterloses Rchkalb (Mutterreh) aufgezogen. Dasselbe trank mit der kleinen Tochter des Försters aus einer Flasche unb würbe so zahm, daß es mit den Hunden in den Wald ging, mit ihnen aus einer Schüssel fraß unb 23 Treppen hoch auf den Boden des Hauses stieg. Als es die ersten Jungen hatte, wurde es nach und nach fremder, kam aber zuweilen noch nach Hause. Ein paar Jahre suchte es das Försterhaus nur noch im Winter auf, wo es von früh Morgens bis Mittags blieb. Die letzten vier Jqhre hielt es sich zwar nur in der Nähe der Wohnung und in den Dorfgärten auf, blieb auch auf den Ruf Grethe", wie cs von Jugend auf genannt wurde, stehen, war aber im Uebrigen ohne Zutraulichkeit. Bei dem diesjährigen tiefen Schnee aber fand es sich eines Tages un- vermuthet vor der Thür der Försterwohnung ein unb nahm wie früher das Futter aus der Hand. Am andern Morgen erschien es in Gesellschaft von noch zwei Rehen. Letztere entfernten sich, nachdem sic gesättigt waren. Die 11jährige Grethe aber hat es vorgezogen, in ihrem alten Heim zu bleiben; sie hat sich im Garten neben der Futterstelle ein Lager zurechtgemacht und läßt sich von dem kleinen Dachshunde des Herrn Försters ruhig umspringen und anbellen, ohne sich auch nur zu rühren."