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12.12.1886 Drittes Blatt
 
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Nr. i89O Drittes Blatt. Sonntag deu 12. December 1886.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vnreanr Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montagö. §^^^^eljährlich 2 Mark 20 Pf. mit BrinyrrkLn.

Durch bte Post bezogen vrerteliührltch 2 Mack 50 P.

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Wochen - Ueberfieht.

GirHen - 11. December.

Allen Ereignissen der Woche stand diesmal der Besuch des Prinz- Regenten Luitpold von Bayern am Berliner Hofe voran. Schon der glänzende Empfang, den der Prinz Regent in der Retchshauptstadt gefunden, charakterisirt diesen Besuch nicht als eine der unter befreundeten Höfen üblichen Höflichkeitsformen, sondern verleiht ihm eine weit darüber hinausgehende Bedeu« tung und diese findet ihre Erklärung von selbst in den bekannten Ereignissen, die sich in Bayern an die erschütternde Königs-Katastrophe knüpften. Durch dieselbe zum Regenten des zweitgrößten deutschen Bundesstaates berufen, hat Prinz Luitpold gleich von Anfang seiner Regierungs-Tbätigkeit an bekundet, daß er entschloffen ist, Bayerns Volk und Staat aus derselben Bahn unoerbrüch' sicher Treue zu Kai'er und Reich, wie bisher, zu erhalten und dieser Entschluß muß um so höher angeschlagen werden, als es nicht an Bestrebungen gefehlt hat, den Prinz-Regenten zu einer anderen Politik zu bestimmen. Diese Üeber- zeugung, daß der greise Fürst, gleich seinem unglücklichen königlichen Neffen, den eine so jähe Katastrophe seinem Volke entriß, die Reichstreue als sein leitendes Princip betrachtet, hat offenbar den Grundton zu der ebenso glänzenden wie herzlichen Ausnahme abgegeben, die der bayerische Fürst am preußischen Königs- Hofe gesunden. Der erlauchte Gast selbst soll sich tief gerührt über den freund- schaftlichcn Empfang, den ihm der Kaiser und sein Haus bereitet, ausgesprochen haben Und anderseits laffen die Berichte aus Bayern erkennen, daß man daselbst die Berliner Reise des Prinz Regenten mit freudigster Genuglhuung begrüßt. So wird sie denn dazu beitragen, nicht nur die persönliche Freundschaft zwischen Kaiser Wilhelm und dem Prinzen Luitpold noch inniger zu gestalten, sondern auch den deutschen Norden und Süden noch enger zusammenzuschsießen und somit wird der Besuch des Prinz-Regenten am Berliner Hofe eine jener Bürg­schaften bilden, auf welche sich die Sicherheit des Reiches stützt.

Unter dem Eindruck der hochernsten Reden des preußischen Kriegsministers und des Abgeordneten Grafen Moltke über die Militär Vorlage schloß der Reichstag in voriger Woche seine Verhandlungen, um sie in dieser Woche mit der Specialberathung verschiedener Etatstheile und den ersten Lesun­gen der Gesetzentwürfe, betr. den Seroistaris und die Errich'ung des orientali­schen Sprachen - Seminars, fortzusetzen. Die Discusston über die genannten Gegenstände, welche den Reichstag am Montag und Dienstag beschäftigte, bot nach den hochwichtigen Verhandlungen der vergangenen Woche ein verhäsiniß mäßig untergeordnetes Interesse dar und können wir uns darauf beschränken, als Resultat dcr Debatten die Erledigung, resp. Genehmigung der betr. EtatS- Posttionen und die Ueberweisung der beiden genannten Gesetzentwürfe an die Budget-Commission zu verzeichnen. Am Mittwoch und Donnerstag pausirte das Haus und nahm am Freitag die Specialberathung des Etats wieder auf. Bis aus Weiteres liegt indessen der Schwerpunkt der parlamentarischen Ver­handlungen in der Militär'Commission , da deren Beschlüsse jedenfalls für die weitere Behandlung der Militär-Vorlage im Plenum maßgebend sein werden. Die Commission hat ihre Berathungen am Donnerstag ei öffnet, wie es jedoch mit deren vertraulichen Charakter gehalten werden soll, ist noch nicht ganz klar; daß aber Discretion gefordert wird, erhellt daraus, daß den Commffstons- Mitgliedern noch vor Beginn der Sitzungen ein mit dem Vermerk:Vertrau­lich!" bezeichnetes metallographirtes Schriftstück über die Heeres Verhältnisse fremder Staaten regierungsseitig zugegangen ist.

Die Budget-Commission des Reichstages befindet sich bereits in voller Arbeit. In der am Montag Abend abgehattenen Sitzung wurde die bereits in voriger Session abgelehnte geforderte Erhöhung der Position: Förderung der Hochseefischerei" von 100,000 aus 200,000 wiederum ab­gelehnt. Die Vertreter der Mehrheits-Parteien, der Freisinnigen und des Gen» trums Hieben allen Argumenten für die Mehrforderung gegenüber bei der Behauptung, daß jene in Folge der ungünstigen Finanzlage des Reiches inopportun sei.

Die Centrums-Abgeordneten Hitze und Letocha haben ihre in voriger Session unerledigt gebliebenen Anträge bezüglich des Arbeiterschutzes wiederum im Reichstage eingebracht.

Reben den Vorgängen auf parlamentarischem Gebiete bildeten die Reichstags-Nachwahlen in Berlin I., wo bekanntlich der freisinnige Candidat wiederum gewählt wurde, und Mannheim, wo der nationalliberale Candidat siegte, für die Presse einen zu mancherlei Erörterungen Anlaß geben­den Stoff. Bei der Berliner Wahl wurden hierbei besonders das frappante Anwachsen der socialdemokratischen Stimmen und die geringe Zahl der für den nationalliberalen Candidaten abgegebenen Stimmen hervorgehoben, während die Mannheimer Wahl vor Allem als eine Niederlage der süddeutschen Volkspartei charakterisirt wurde was die Mannheimer Wahl in der That auch ist!

Die Trauerbotschaft aus Ostafrika, wonach der hochverdiente deutsche Forschungs-Reisende und Mitglied der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft, Dr. Karl Jühlke, in KiSmaju, einem ostafcikanischen Küstenorte, von Somali-Negern ermordet worden sei, scheint sich leider zu bestätigen. Der Er­mordete, welcher erst 30 Jahre alt war, ist einer der eifrigsten Vorkämpfer der deutschen Colonial-Bestrebungen in Ostafcika gewesen und beoeutet fein Tod für bie deutsch - ostafrikanifche Gesellschaft einen schweren Verlust. Da Kismaju zu dem Gebiete des Sultans von Zanzibar gehört, so scheint die Vermuthung, daß dieser Herrscher bei seiner bekannten mißgünstigen Gesinnung gegen Deutschland

die Hand bei der Ermordung unseres Landsmannes mit im Spiele gehabt hat, vielleicht nicht ganz unbegründet. Indessen müssen nähere Mittheilungen über den tragischen Vorgang erst noch abgewartet werden.

In Dresden ist eine AbtheilungDresden" der Gesellschaft für deutsche Colonisation gebildet worden.

Im belgischen Parlamente findet gegenwärtig ein entscheidender Kampf in der Militärfrage statt. Es handelt sich um den bekannten Antrag des klerikalen Deputirten Oultremont, betr. die Einführung des persönlichen Militärdienstes. Das Cabinet Bernaert hat. demselben nur sehr verclawulirt seine Zustimmung gegeben und hängt möglicher Weise von dem Schicksale des Antrages auch dasjenige des jetzigen belgischen Cabinets ab. Einstweilen hat jedoch die parlamentarische Behandlung des Antrages Oultremont einen seltsamen Widerspruch der Deputirtenkammer hinsichtlich der Frage des persönlichen Mili­tärdienstes ergeben. Während sich nämlich in der Mittwochssitzung der Kammer bei der in den Abtheilungen vorgenommenen Prüfung des genannten Antrages 52 Deputirte im Principe für den persönlichen Militärdienst und nur 43 Depu­tate dagegen erklärten, wurde der Antrag selber in den Abtheilungen mit großer Mehrheit abgelehnt, was doch zu der vorhergegangenen Abstimmung über dasPrincip" in offenbarem Widerspruche steht.

In England drängt die sich immer schärfer accentuirende irische Frage die liberalen Unionisten wohl oder übel zu einem ferneren Zusammengehen mit ihren sonstigen politischen Gegnern, den Conservativen. Wenigstens hat die in dieser Woche stattgefundene Londoner Parteiversammlung der Unionisten er­kennen lassen, daß man auf dieser Seite die Agitation der irischen Landliga und das verbrecherische Treiben der Mondscheinbanden ebenso entschieden ver- urtbeilt, als dies die Torypartei selber thut. Anderseits wurden auf der unionistischen Versammlung Gladstone und seinen Anhängern die schwersten Vorwürfe gemacht, daß sie durch ihre Parteinahme für die Parnelliten die neue Krisis in Irland mit verschuldet hätten. Offenbar ist hierdurch die zwischen den beiden Flügeln der englischen Liberalen wegen der irischen Frage beMeiide Spaltung nur erweitert worden.

Das politische Chaos, das jenseits der Vogesen durch den Sturz Freycinet's veranlaßt worden ist, beginnt sich endlich ein wenig zu klären. Es heißt, Goblet, der Justizminifter unter Freycinet, soll sich auf dringendes Bitten Grevy's doch noch entschlossen haben, wenigstens den Versuch der Cabinets- bildung zu machen. Er will drei oder vier Mitglieder des gestürzten Cabinets beibehalten, unter ihnen natürlich auch Boulanger, und sofort nach erfolgter Bildung die Bewilligung von 3/i2 der Jahreseinkünfte beantragen, sowie die gegenwärtige Kammersession schließen; die Budgetberathung soll bis zum Januar verschoben bleiben. Die radicalen und monarchistischen Blätter nehmen die Cabinetsbildung durch Goblet nicht günstig auf und es dürfte darum auch von einem Cabinet Goblet heißen:Kaum bauen wir ein Kartenhaus, so blasen wir es wieder aus!"

Vermischte tz.

Eine wohlgelungene Nase hat Professor Billroth in Wien einem jungen Mädchen eingesetzt, dem von Geburt aus die knöcherne und knorpelige Nasenscheide­wand fehlte. Die neue Nase wurde aus der Stirnhaut des Mädchens construirt und bekam, Dank dem künstlerischen Sinn des Operateurs, eine schöne griechische Form. Die Operation, der auch Dr. Herzog Karl Theodor beiwohnte, währte nur kurze Zeit. Als dieselbe zu Ende war, ließ sich das Mädchen einen Spiegel reichen; als sie ihre neue Nase sah, wurde sie roth vor freudigem Schreck und dankte unter Thränen dem Lchöpfer ihrer wiedergewonnenen Schönheit für das unbezahlbare Geschenk.

Die nach Ostafrika gegangenen deutschen Missionare Bach und Hoffmann haben wie aus ihrem neuesten Berichte an die Missionsgesellschaft in Hersbruck hervorgeht sich ein Haus gebaut, dessen Construction ihrem Erfindungsgeiste und ihrer Sparsamkeit alle Ehre macht. Sie schreiben nämlich, daß der Wald bei Jimba kein passendes Holz für richtige Baustämme biete, das eine dort gefundene Holz sei zu weich, das andere so hart, daß die Axt sich daran verbiege. So bauten sie denn ein Haus eigener Erfindung. Sie ließen zunächst etwa 100 Stämmchen hauen in der Dicke starker Hopfenstangen und rammten dieselben in Abständen von 40 Centi- meter in die Erde, daran befestigten sie Querstangen und füllten dann die Zwischen­räume so aus, daß sie dünnere Stängchen ganz dicht aneinander an den Querstangen anbanden. Dann wurde das Haus innen und außen mit Lehm beworfen. Dem Dache verschafften sie dadurch Halt, daß sie es durch zwei stärkere Säulen im Innern des Hauses stützten, weil die Seitenwände zu schwach gewesen wären, um das Deckmaterial Palmblätter zu tragen. Die Arbeit des Dachbaues brachte dem Missionar Bach, der bei der Ungeschicklichkeit der Neger fast die ganze Arbeit allein that, einen nicht unbedeutenden Fieberanfall, von dem er sich jedoch bald wieder erholte. Das Haus, das zwei Räume hat, einen kleineren für den schwarzen Diener, einen größeren für die Missionare, ist 11 Meter lang und 4/*/z Meter breit und kaum auf 96 bis 100 JL zu stehen.

sZur Warnung^ Von ärztlicher Seite wird darauf aufmerksam gemacht, wie gefährlich das Tragen von Schleiern mit metallenen Punkten ist; bei feuchter Witterung setzt sich sofort Grünspan an dieselben, so daß bei der geringsten Verletzung im Gesichte leicht eine Blutvergiftung herbeigeführt werden kann.

Als preiswertes, praktisches Weihnachtsgeschenk empfehle ich:

Rohseid. Baftroben (ganz Seive) Mk. 16 80 p Robe, sowie Mk. 22.80, 28.-, 34, 42., 47.50 nadelfertig. Es ist nicht nothwen-ig, vorher Muster kommen zu lassen; ich tausche nach dem Fest um was nicht convenirt- Muster von schwarzen, farbigen und Weißen Seidenstoffen umgehend. 8502

Seidenfabrik-Döpöt1. Henneberg (K. u. K. Hoflief.) Zürich.