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Mage ;u Nr. 212 des „Gießener Anzeiger".
Deutsche ArbeitM See.
Seit der. Begründung des Deutschen Reichs sind die Blicke der deutschen Nation weir mehr als sonst nach Außen gerichtet. Unser Volk hat eine Weltstellung nicht nur m Europa, sondern auch in anderen Weltthetlen erlangt und sucht seit einigen Jahren sogar an der Colonisation überseeischer Länder directen Antheil zu nehmen. Roch mehr als der Besitz einiger Colonien muß aber die wachsende Betheiligung der deutschen Kaufleute und Fabrikanten am Weltverkehr uns veranlassen, den Umfang der deutschen Arbeit zur See und die Entwicklung dieses hochwichtigen Zweiges der nationalen Erwerbsthätigkeit von Zeit zu Zeit näher zu betrachten. Die Unterlage dazu bietet die Statistik der deutschen Seeschifffahrt, welche kürzlich in „Band 21, Neue Folge der Statistik des Deutschen Reichs, herausgegeben vom Kaiserl. statistischen Amt", veröffentlicht worden ist. Dieser Band enthält eine vergleichende Zusammenstellung des Bestandes der deutschen Seeschiffe in der Zeit vom 1. Januar 1876 bis 1886. In diesem Zeitraum von 11 Jahren hat sich die deutsche Kauffahrteiflotte von 1,084,882 Registertons auf 1,282,449 Registertons oder von 3,073,489 Cubikmetern netto auf 3,633,118 Cubtkmeter netto vermehrt. Dagegen hat sich die Zahl der Schiffe von 4745 auf 4135 und die Zahl der regelmäßigen Bemannung von 42,362 auf 38,931 Mann vermindert. Der Grund dieser Erscheinung liegt darin, daß die ladungsfähigeren Dampfschiffe zugenommen, dagegen die Segelschiffe abgenommen haben. Die deutsche Segelschlfffahrt beschäftigte am 1. Januar 1876: 4426 Schiffe mit 901,313 Registertons Ladungsfähigkeit und 33,215 Mann Besatzung und am 1. Januar 1886 nur 3471 Schiffe mit 861,844 Registertons und 24,925 Mann Besatzung; dagegen hatte die deutsche Dampfschifffahrt am 1. Januar 1876 nur 319 Schiffe mit 183,569 Registertons und 9147 Mann Besatzung und am 1. Januar 1886: 664 Schiffe mit 420,605 Registertons und 14,006 Mann Befatzung. — Die Zahl der Segelschiffe hat mithin in 11 Jahren um 95r> abgenommen und die Zahl der Dampfschiffe um 345 zugenommen.
Die bedeutende Abnahme der Segelschifffahrt erklärt die Verminderung der Zahl der regelmäßigen Besatzung. Der Stand der deutschen Seeleute hat darunter empfindlich zu leiden. Es muß jedoch bemerkt werden, daß zahlreiche deutsche Seeleute auf englischen, amerikanischen, spanischen und holländischen Schiffen eine lohnende Beschäftigung finden.
Vergleichen wir das Nordsee- und das Ostseegebiet, so überwiegt das erstere sehr bedeutend. Das Nordseegebtet zählte am 1. Januar 1886: 2525 Schiffe mit 861,083 Registertons und 24,666 Mann Besatzung und das Ostseegebiet nur 1610 Schiffe mit 421,366 Registertons und 14,265 Mann Besatzung.
Die beiden Städte Hamburg und Bremen haben nahezu die Hälfte der ganzen deutschen Kauffahrteiflotte. Man zählte am 1. Januar 1886:
in Hamburg 479 Schiffe mit 322,691 Registertons und 8926 Mann,
in Bremen 357 „ „ 319,255 „ „ 7821 „
Hamburg ist in der Dampfschifffahrt und Bremen in der Segelschffffahrt überlegen. Man zählte nämlich am 1. Januar 1886
in der Dampfschifffahrt:
in Hamburg 189 Schiffe mit 188,533 Registertons und 5539 Mann,
in Bremen 111 „ „ 101,254 „ „ 4072 „
in der Segelschifffahrt:
in Hamburg 290 Schiffe mit 134,158 Registertons und 3387 Mann,
in Bremen 246 „ „ 218,001 „ „ 3749 „
In Folge der Uebernahme der deutschen Postdampferlinien wird Bremen ver- muthlich auch seine Dampfschifffahrt in den nächsten Jahren erheblich vergrößern.
Vermischtes.
Lahr in Baden, 7. September. Vor Kurzem wurde der flüchtig gewordene Hausvater des Dtnglinger Waisenhauses, mit Namen Held, tu Stuttgart verhaftet und dem hiesigen Gericht überliefert. Derselbe hat sich in gröbster Weise gegen $ 176, Avs. 3 vergangen und sieht nunmehr seiner Verurtheilung entgegen. Da der Fall anderwärts leicht zu einer Verwechselung mir dem hiesigen Reichswaisenhause Anlaß geben könnte, so sei hiermit ausdrücklich heroorgehoben, daß das erste deutsche Reichs- waisenhaus auf dem Altvaterberge bei unserer Stadt zu dem erwähnten Falle in keinerlei Beziehung steht. Das Dtnglinger Waisenhaus gehört vielmehr der pietistischen Richtung an, welche den Bestrebungen der Vereine zur Errichtung von Reichswaisen- häusern feindlich gegenübersteht. Dasselbe ist auch in keiner Weise mit dem hiesigen Reichswaisenhause zu vergleichen, denn die Zöglinge des letzteren sind nicht von der Außenwelt abgeschlossen, sondern sie erhalten ihren Unterricht mit den Bürgerkindern in den Schulen der hiesigen Stadt und Jedermann steht der Zutritt zu dem Hause offen; da ist alles durchsichtig für Jedermann, nichts heimlich und nichts versteckt, da herrscht Ordnung, Aufsicht und Controlle, vor Allem aber der echte freie deutsche Geist, der sich nicht in das Kleine und Enge verliert, sondern der das Weite unb Große vor Augen hat. Was das Reichswaisenhaus und resp. sein Verwaltungsrath leistet, dafür formen wir wohl kein gewichtigeres Zeugniß in's Feld führen als das deS katholischen Dekans und Landtagsabgeordneten Förderer von hier, welcher früher keine Gelegenheit unbenutzt ließ, um das Unternehmen des Retchswaisenhauses zu bekämpfen. Als er iin Xiamen mehrerer katholischer Fechtmeister von dem Verbandsfechtmeister Hermann von Landau persönlich ersucht wurde, sich auszusprechen, da gab er der Wahrheit die volle Ehre und äußerte sich dem Fragesteller gegenüber ungefähr folgendermaßen: „Im Princip halten wir daran fest, daß katholische Waisenkinder besser in katholischen Waisenhäusern erzogen werden und protestantische Kinder in protestantischen Waisenhäusern; jedoch könne er der Verwaltung des Lahrer Reichswaisenhauses das Lob ertheilen, daß sie gerecht oorgehe; sie habe von männlichem und weiblichem Personal Les Waisenhauses Angehörige katholischer Confession engagirt, die Kinder und das Personal würden zum regelmäßigen Besuch des Gottesdienstes angehalten, und nachdem er schon das ganze Jahr die Kinder im Religionsunterricht, im Gottesdünste und auf der Straße scharf beobachtet, so könne er ihnen das Zeugniß ausstellen, l aß sie sittsam, anständig, fleißig und aufmerksam seien und den Kindern vieler Familien als Muster dienen könnten, und wenn man bedenke, wie die armen Waisenkinder oft auf dem Lande au den Wenigstnchmenden vergeben werden, die Familien, welche diese armen Kinder
für ern Weniges in Verpflegung nehmen, nicht immer die besten sind, sondern in den mefften Fällen die Arbeitskraft des Kindes ausgenützt wird, während für Erziehung wenig geschieht, so gereiche die Anstalt in der That zum Segen und in diesem Sinne könne ich den Bedenken tragenden Herren die Ueberzeugung aussprechen, daß wir ein gutes Werk gethan hätten, das uns der liebe Gott lohnen möge."
„ ~ Die große Hitze der letzten Tage soll, wie ein hochgelehrter Meteorologe im
„Pest. Lloyd" versichert, eine Folge der ungewöhnlichen Höhe der Sonnen-Protuberanzen (Sonnenflammen) sein. Von der Höhe dieser Protuberanzen hängt die Normalität oder die Anormalität der Wärmeverhältnisse unserer Erde und der anderen Planeten ab. Wenn die Protuberanzen blos 12,000 Kilometer hoch sind, was ungefähr dem Durchmesser der Erde entspricht, so werden sie durch die Astronomen gar nicht in Betracht^ genommen und diese Höhe der Protuberanzen entspricht den normalen Wärmeverhaltnissen der Erde. , Es ist jedoch durchaus nicht selten, daß diese evolutionirenden Sonnenflammen eine Höhe von 100,000 Kilometer erreichen und wenn sich die Flammenwolken bis zu dieser Höhe gegen Winters Ende emporschwingen, dann wandern auf der Erde die Winterröcke in die Pfandleihanstalten, stellen sich aber die Flammenberge im Sommer ein (wie in der zweiten Hälfte des August), nun, dann haben wir jene unerträglichen Hitzen, Dürren und andere Fatalitäten, deren sich die gewissen ältesten Leute nicht erinnern. Die Protuberanzen sind am häufigsten und mächtigsten gegen Ende Juni und Mitte October, am seltensten und schwächsten Mitte und Ende Mai und in der ersten Hälfte des August. Während dieser letzteren Perioden ist die;Sonne mcht nur nicht der Schauplatz von Eruptionen, sondern die die Sonne umgebende Flammenschicht selbst scheint von nirgends Nahrung und Zufluß zu bekommen; sie zehrt so lange an sich selbst, bis sie schließlich zu einer Höhe von 5-6000 Kilometern zusammenschrumpft. Wehe unserer Erde, wenn ein solcher Fall eintritt! Denn je t-efer das Flammenmeer im Mai fällt, desto ärger hausen die Eismänner Servatius, Pankratius und Bonifazius und desto voller nehmen sie ihre Backen, um mit ihren eisigen Winden unsere Hoffnungen für ein ganzes Jahr zu vernichten, ohne befürchten zu müssen, daß irgend eine wohlthätige Sonnenprotuberanz ihnen ein Quos ego! entgegendonnert. Die Oberfläche der Sonne ist seit Mitte August wieder der Schauplatz fortwährender Evolutionen; die Protuberanzen streben mit außergewöhnlicher Kraft in die Höhe und erreichten nach den Berechnungen der Astronomen am 24. August ihren Höhepunkt; über 300,000 Kilometer. Diese Evolutionen verursachten die außerordentliche Schwüle der letzten vierzehn Tage und diese macht uns Erdenmenschen das irdische Dasein so sauer.
Mannheim, 9. Septbr. Bezüglich der bisher in tiefes Dunkel gehüllten Mord- affaire bin ich in der Lage, Ihnen mitzutheilen, daß es gelungen ist, die Personalien des Ermordeten festzustellen. Derselbe heißt Emil Rau, Handelscommis, israelitischer Confession, aus Eberbach. Ein Bruder, sowie ein Freund des Ermordeten kamen gestern in später Abendstunde hierher, meldeten sich bei dem Großh. Untersuchungsrichter und erkannten die bei Letzterem in Verwahrung befindlichen Kleider, sowie Uhr und Portemonnaie als die des gemordeten Bruders, resp. Freundes. Ferner machten sie die Angabe, daß der Ermordete am 1. d. M. von seinem Dienstherrn entlassen worden sei und sich bei seinem Weggänge im Besitze von 26 JL befunden habe, von denen er mit 10 v*L eine Schuhmacherrechnung bezahlte. Der Großh. Untersuchungsrichter und erste Staatsanwalt begeben sich heute früh nach Eberbach, um daselbst weitere Erhebungen zu machen. — Die beiden in dieser Affaire verhafteten Schiffer sind bereits aus der Haft entlassen worden, da sich alsbald herausstellte, daß der betreffende Schiffsjunge mit dem Ermordeten nicht identisch sei; denn einmal paßte das Signalement des Ermordeten gar nicht auf den vermißten Schiffsjungen; ferner wurde constatirt, daß Letzterer eine auffallende Narbe an der Nase hat, was bei dem Ermordeten nicht der Fall ist und endlich war die Kleidung des Ermordeten eine solche, wie sie bei Schiffsleuten wohl kaum zu sehen ist.
— Ein großes Unglück wurde kürzlich zu Erfurt durch die Entschlossenheit und Thatkraft eines Arbeiters verhütet. Der Feuermann einer vor dem Krämpfer- thore gelegenen Gärtnerei hatte einen der vorhandenen großen Dampfkessel, welcher nicht mit Wasser angefüllt war, geheizt. Bald darauf schon entstand ein fürchterlicher Rauch. Der Kessel glühte und die Blei- oder Zinulöthung, welche sich an ihm befand, schmolz und wurde meterwett fortgeschleudert. Jeden Augenblick mußke man eine gewaltige Explosion befürchten, wodurch unabsehbares Unglück angerichtet worden wäre. In diesem Moment der höchsten Gefahr sprang ein Arbeiter an den Kessel und machte sich an das kühne und lebensgefährliche Unrernehmen, den Brand, bezw. das Brennmaterial aus der Feuervorrichtung zu entfernen. Die schwierige Arbeit gelang ihm. Der Feuermann wurde in dem unter den Kesseln befindlichen Tunnel (vom Rauch und Dunst fast erstickt) oorgefunden.
— Die Königin - Mutter Marie von Bayern hat in vergangener Woche in Hohenschwangau, wohin sie von Elbigenalp ihr Hoflager verlegte, das neue, von ihrem Sohne erbaute Schloß Schwanstein bezogen, während sie seither in den Monaten August und September in der alten von ihrem Gemähte ererbten Burg Hohenschwangau gewohnt hat. Schwanstein, bekanntlich noch unvollendet, wird, wie jetzt feststeht, ausgebaut werden, Schloß Herrenwörth auf Chiemsee dagegen soll bleiben wie es ist. Der Besuch dieser beiden Schlösser, sowie des Linderhofs seitens in- und ausländischer Neugieriger ist ein ganz außerordentlicher, was um so erfreulicher ist, als durch die hierdurch erzielten Einnahmen der nicht unbedeutende Summen erforderliche Unterhalt der Schlösser ermöglicht wird.
Literarisches.
— Unter den Kalendern für 1887 ist als der ersten Einer soeben erschienen »Hebens Rheinl. Hausfreund" Verlag von I. Lang in Tauberbischofsheim. Auf 110 Quartseiten (bei dem billigen Preise von 30Pfg.) bietet der „Rheinl. Hausfreund" eine reiche Fülle ausgewählten Unterhaltungsstoffes, geschmückt mit 62 guten Bildern. — Der gleichfalls in demselben Verlage erscheinende ^Deutsche Landeskalender" (mehr die heitere Seite des menschlichen Daseins pflegend) enthält aus 70 Seiten gutgeschriebene Erzählungen von Rosegger, Barack, Elisabethe Müller u. A. mit 34 Bildern. Ein guter Kalender, der bei dem billigen Preise von 20 Pfennig großen Absatzes sicher sein darf.
Aeikgebotenes.
6332 Eine Ladentheke mit Marmor- platte zu verkaufen.
Näheres in der Exped. d. Bl.
Jagd empfehlen wir alle Verbrauchsartikel, als wie:
Patronen; Hülsen, Pfropfen, Schrot^ Pulver rc.
Brüder Schmidt,
5975 Selrersweg 2.
Allgemeiner Anzeiger.
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Itetatiioii Zipp (früher Rappel)
Ostanlage
hält sich dem geehrten Publikum durch gute Speisen und Getränke bestens empfohlen. 6102
6326] Kost und Logis zu erhalten. I 5709 Einen Juugen nimmt in die Mäusburg 3. । Lehre Glasermeister Luh, Neuenweg 20.
5465
Sammete, Peluche, Atlasse, Bänder, zu Kleider-Garnituren, empfiehlt in großer Farben-Auswahl und billigsten Preisen 5257
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4 9. Neustadt 9.


