Nr. 36 Freitag den 12. Februar
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
D«re««r Tchulßraß» 7.
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Amtlicher I 8 eil.
Bekanntmachung.
Großherzogliches Ministerium der Innern und der Justiz hat der Arbeiter-Versicherungsgesellschaft „Nordstern" in Berlin die nachgesucht- Erlaubnis zum Geschäftsbetriebe im Großherzogthum auf Widerruf ertheilt.
Gießen, am 10. Februar 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann. _____
Bekanntmachung.
Nachdem Großherzogliches Ministerium der Innern und der Justiz dem Verein für Geflügel- und Vogelzucht zu Mainz die Erlaubniß zur Veranstal- tung einer Verloosung von Geflügel, Sing- und Ziervögeln, Käfigen rc. in Verbindung mit der von dem Verein für den Monat Marz L I. m Aussicht genommenen Geflügelausstellung, unter der Bedingung ertheilt hat, daß nicht mehr als 15 000 Loose ü 50 H ausgegeben werden dürfen und mindestens 66%. des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind, so wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Vertrieb der Sooft im Großherzogthum gestattet worden ist.
Gießen, den 10. Februar 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Bsekmann. ____
Bekanntmachung.
Nachdem Grobherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz der Preußischen Hazel-Versichenmgsgesellschaft in Berlin die nachgefuchte Erlaubniß rum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum auf Widerruf ertheilt hat, so wirb dies hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Gießen, am 10. Februar 18*6. Großherzogltches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann. __
Bekanntmachung.
XGH
In Gemäßheit des $ 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiormk nachstehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat Januar veröffentlicht:
Hafer JL 13.90, Heu JL 5.80, Stroh JL 3.60 pro 100 Küo-ramm.
Gießen, am 9. Februar 1886. Gr,Herzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann. „,
Politische Ueberskcht.
Gießen, 11. Februar.
Der Reichstag beschäftigte sich am Montag, ehe er in die dritte Lesung des Etats eintrat, mit der dritten Berathung des Gesetzentwurfes, wonach das Reich die Bürgschaft sür die Zinsen u. s. w. einer egyptischen Staatsanleihe übernimmt. Während der Entwurf in erster und zweiter Lesung genehmigt worden war, wurden diesmal verschiedene Bedenken geltend gemacht und Abg. Dr. Windthorst hatte nicht so Unrecht, wenn er aussührte, daß bei dm unsicheren Zuständen Egyptens die Frage, ob Deutschland sür dieses Land die Summe von 9 Millionen Pfund Sterling (180 Mill. Jb.) garantiren solle, ernst zu nehmen sei. Der Entwurf gelangte schließlich an die Budget»Com- mission zur eingehenden Prüfung. Die hierauf folgende Generaldiscusston über den Etat füllte die ganze übrige Sitzung aus und berührte, wie dies nun einmal bei diesem Anlässe üblich geworden ist, die verschiedensten Fragen. Der erste Redner, der socialdemokratische Abg. Liebknecht, streifte die polnische Frage und die Lage der Deutschen in den Ostsee'Provinzen und suchte im Weiteren die deutsche Politik dafür verantwortlich zu machen, daß kleine deutsche Kapitalisten ihre Ersparnisse in russischen Papieren angelegt hätten, obwohl doch Rußland seinem Bankerott entgegengehen müsse. Der Führer der Reichspartei, Herr v. Kardorff, wandte sich hauptsächlich gegen gewisse in zweiter Lesung beim Militär- und Marine-Etat gemachte Abstriche und beleuchtete die Obstructions- Politik des Reichstages h der Steuersrage. Schließlich suchte er nachzuweisen, weshalb die Haltung des Reichstages den Reichskanzler bestimmen müsse, den Schwerpunkt seiner Aktion aus jenem mehr in den preußischen Landtag zu verlegen. Von Seiten des Centrums wandte sich Abg. Dr. Windthorst in längerer Rede gegen die Ausführungen Kardorff's und streifte im ferneren Verlaufe leiner Rede die Colonialpolitik, den Culturkampf und die Polen-Ausweisungen und ließ sich dann über die Stellung des Reichstages aus, wobei er am Schluffe an die Versöhnlichkeit Aller appellirte. Von Seiten der Deutsch-Freisinnigen bekämpfte Abg. Hänel ebenfalls die Ausführungen Kardorff's und. betonte namentlich, daß sich der Reichstag gegenüber den ihn bedrohenden Angriffen fest halten müsse. Auch sein Parteigenosse, Abg. Rickert, kritisirte in scharfer Weise die Aeußerungen des freiconservativen Führers, speciell diejenigen über die ObstructionS'Politik des Reichstages und gab gerade Herrn v. Kardorff die Schuld an dieser ObstructionS'Politik. Weiter rechtfertigte der Redner die Polen-Resolution der Reichstags-Mehrheit und bezeichnete es als eine Pflicht seiner Partei, dem Reichskanzler Opposition zu machen Angesichts der Versuche desselben, das Ansehen des obersten Parlaments herabzudrücken. Namens der Nationalliberalen plaidirte Abg. Dr. v. Lentz hauptsächlich für Bewilligung der in zweiter Lesung gestrichenen Avisos und den Beschluß in der Reihe der Redner machte der deutschconservative Abg. v. Helldorf, welcher darauf hinwies, daß der Reichstag keine hohe Finanzpolitik zu treiben, sondern die Finanzquellen des Reiches zu entwickeln und zu vermehren habe. Die Generaldiscusston trug im Allgemeinen einen recht ruhigen und sachlichen Charakter und kann man nur wünschen, daß sich auch die Specialberathung des Etats in dritter Lesung in dieser Richtung sortentwickeln möge.
Dem Reichstage ist nun der Antrag der Anhänger der Doppelwährung, die Regierung zu einer erneuten und eingehenden Prüfung der Währungssrage aufzusordern, zugegangen. Er ist von den Abgg. v. Huene (Centrum), v. Kardorff (Reichspartei) und v. Manteuffel (conserv.) eingebracht und von anderen Mitgliedern dieser Fraktion unterstützt.
Die sich ziemlich normal entwickelnde Specialberathung des Etats im preußischen Abgeordnetenhause dürfte durch den „Schwerinstag" vom Mittwoch eine etwas stürmische Unterbrechung erlitten haben. An demselben stand der Antrag des Centrums auf präcisere Fassung von § 27 der Geschäftsordnung zur Debatte; letzterer bestimmt, daß Anträge, welche eine Geldbewilligung bezwecken, der Budget-Commission überwiesen werden müssen. Bekanntlich hatte die verschiedene Auslegung dieses Paragraphen am dritten Tage der Polendebatte des Abgeordnetenhauses zu einer äußerst animirten Geschäftsordnungs- debatte geführt und jedenfalls wird die Mittwochssitzung eine Wiederholung derselben gebracht haben. — Im Abgeordnetenhause wurde für Mittwoch auch die Einbringung der Regierungs-Vorlagen, betr. den Schutz des Deutschthums in den östlichen Provinzen Preußens, erwartet. Reben der Ansiedelung kleiner deutscher Landwirthe, wofür ein sehr erheblicher Fonds flüssig gemacht werden soll, handelt es sich ferner um die Vermehrung der deutschen Schulen und Lehranstalten in jenen LandeStheilen und um einige andere Maßregeln zur Hebung des geistigen Lebens der deutschen Bevölkerung daselbst. So sollen wissenschaftliche und künstlerische Bestrebungen gefördert und u. A. eine Anzahl deutscher Theater subventionirt werden.
Die Ausschüsse des Bundesraths sind am Montag in die zweite Lesung des Branntwein-Monopol-Entwurfs eingetreten. Ueber das Ergebniß der ersten Lesung hört man nur, daß viele Abänderungs-Anträge gestellt und angenommen worden sind.
In dem Landesverraths-Proceß Sarauw-Röttger vordem Reichsgericht zu Leipzig fanden am Montag die Plaidoyers statt. Reichsanwalt Treplin beantragte gegen Sarauw 12 Jahre Zuchthaus, 12 Jahre Ehrverlust, gegen Nötiger 1 Jahr Gefängniß und 1 Jahr Ehrverlust. Die Verteidiger plaidirten für Freisprechung, resp. für mildernde Umstände. Das Urtheil soll an diesem Donnerstag verkündigt werden.
Nachdem Spanien durch den von Deutschland anerkannten Schreds- spruch des Papstes der factische Besitz der Karolinen-Inseln zugesprochen worden, war, ergab sich für Deutschland die Nothwendigkeit, seine Flagge auf Dap und anderen Inseln dieser Gruppe wieder einzuziehen. Der Befehlshaber des deutschen Südsee-Geschwaders hat nun den Auftrag erhalten, ein Schiff zur Herab- nähme der auf den Karolinen-Inseln gehißten deutschen Flaggen zu entsenden und wird diese Nachricht in den Madrider Regierungskreisen mit Genugthuung ausgenommen worden sein, während sie in Deutschland einigermaßen gemischte Empfindungen Hervorrufen dürfte.
Der dänische Reichstag ist am Montag geschloffen worden, ohne daß der Versaffungs'Conflict zwischen der Regierung und der radikalen Mehrheit der Volksvertretung irgendwie gemildert worden wäre. Da dieselbe das Budget verweigert hat, so sieht sich das Ministerium Estrup genöthigt, Namenr


