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Beilage ;u Nr. 184 desGießener Anzeiger".

Golitifche LleberfichL.

Gießen, 10. August.

Die Friedenssonne von Gastein ist auch in diesem Jahre leuchtend ausgegangen und ihre Strahlen zertheilen das trübe Gewölk kriegeri­scher Befürchtungen und Gerüchte, das in den letzten Wochen am politischen Himmel Europas erschienen war. Die an diesem Sonntage in dem berühmten salzburgischen Badeorte erfolgte Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joseph legt einen abermaligen deutlichen und feierlichen Beweis ab nicht nur von der beide Monarchen verbindenden engen persönlichen Freund­schaft, sondern auch von der Fortdauer des innigen politischen Verhältnisses, in welchem Deutschland und Oesterreich - Ungarn zu einander stehen. Gerade Heuer wohnt der Gasteiner Monarchen - Entrevue eine besondere Bedeutung inne; nicht nur, daß Prinz Wilhelm von Preußen, der künftige Erbe des deutschen Kaiserthrones, in Gastein bei der Begrüßung der beiden Herrscher mit anwesend war, sondern daß auch Fürst Bismarck und Graf Kalnoky, nach­dem sie erst vor Kurzem in Kissingen ihre Conferenzen gehabt, der Zusammen­kunft ihrer Souveräne beiwohnten, verleiht letzterer diesmal ihre erhöhte Wichtigkeit und auch der Umstand, daß Graf Herbert Bismarck, der Staats- secretär im deutschen auswärtigen Amte, ebenfalls in Gastein zugegen war, erscheint sehr bemerkenswerth. Die Gasteiner Kaiserzusammenkunft gestaltete sich somit durch die Theilnahme der genannten Staatsmänner zu einer be- sonderen Kundgebung, die aber lediglich im Sinne der Erhaltung des Friedens auszufassen ist, denn ganz Europa weiß ja, daß diesem Ziele die Begegnungen zwischen den beiden Herrschern von jeher mit gewidmet waren. Und wenn Heuer der Kaisertag von Gastein durch die Assistenz der leitenden Staats- . männer Deutschlands und Oesterreichs ein officielleres Gepräge erhielt, als sonst, so bekundete dies eben deutlich die Absicht der maßgebenden Berliner und Wiener Kreise, hierdurch zu erkennen zu geben, wie fest und unerschütter­lich der Thurm des deutsch - österreichischen Bündnisses inmitten des von den Ufern der Newa und der Seine ausgehenden chauvinistischen Wogenpralles steht. Das werden hoffentlich auch diejenigen Elemente begreifen, die direct oder indirect zu jenen beunruhigenden und kriegerischen Gerüchten beigetragen haben, welche in der jüngstvergangenen Zeit die Luft erfüllten, die aber nun wohl wieder verschwinden werden. Sollte sich übrigens die Berliner Meldung von der Mitte voriger Woche erfolgten Abreise des stellvertretenden englischen Botschafters in Konstantinopel, Mr. White nach Gastein nachträglich bestätigen um bei der dortigen Monarchenzusammenkunft zugegen zu sein so würde hierin ein weiteres friedliches Symptom liegen. Denn durch die Theil­nahme des Vertreters des neuen englischen Cabinets, Salisbury, bei der Pforte an der Gasteiner Fürsten- und Ministerbegegnung würde England in klafter Weise seinen Wunsch, mit den beiden europäischen Centralmächten in engere Fühlung zu treten, documentiren und ein Hand-in-Hand-Gehen der eng­lischen Politik mit derjenigen des deutsch-österreichischen Bündnisses könnte nur die Friedenswirkung des letzteren verstärken.

Herr v. Giers wird nunmehr in diesen Tagen bestimmt in Franzens­bad zum Gebrauche der Kur erwartet, die sich um so nöthiger erweist, als der russische Staatsmann in der That recht leidend sein soll. Das Gerücht erhalt sich, demzufolge Herr v. Giers nach Beendigung seiner Franzensbader Kur doch noch eine Begegnung mit dem Fürsten Bismarck haben werde. Es wird jetzt versichert, daß der Kanzler in Kissingen, gerade während Gras Kalnoky anwe­send war, auch mit dem russischen Botschafter bei der französischen Republik, Baron v. Mohrenheim, eine längere Unterredung gehabt habe, die das Beste für die Fortdauer der freundschaftlichen Beziehungen Rußlands zu Deutschland und zu Oesterreich-Ungarn hoffen lasse.

Der deutsche Kronprinz ist von der Heidelberger Universitäts- Jubelfeier bereits am Freitag wieder in Potsdam eingetroffen. Der hohe Herr kam jedoch nicht direct von der Jubiläumsstadt, sondern von Schlangenbad, wo er der Kaiserin - Königin einen Besuch abgestattet hatte. Da der Kronprinz schon am Mittwoch Heidelberg wieder verlassen, so konnte er leider nicht mehr

dem am Freitage stattgefunvenen Festzuge beiwohnen, der doch den eigentlichen Glanz- und Mittelpunkt der gesammten Heidelberger Festlichkeiten bildete. Der­selbe ist in schönster Ordnung verlausen und bot einen wahrhaft prächtigen An­blick dar durch die bis in die geringsten Einzelheiten durchgeführte historische Treue der Trachten, Geräthschaften, Waffen u. s. w. und überhaupt durch die Farbenpracht und den Reichthum der verwendeten Stoffe.

Auch die Culmer Bischofsfrage hat nun ihre hoffentlich allseitig befriedigende Lösung erfahren, indem in Pelpltn die osficielle Mittheilung von der Designation des Domcapitular-Vicars und Domherrn Dr. Leo Redner zum Bischof von Culm Seitens des Papstes eingezangen ist.

Das Urtheil des Landgerichts Freiberg in demProcesse gegen Herrn Bebel und die übrigen Mitangeklagten Socialisten-Führer hat in der Presse wegen seiner hohen politischen Bedeutung allseitige Beachtung erfahren. Dieselbe liegt weniger in der gegen sämmtliche Angeklagte erkannten verhältniß- mäßig bedeutenden Strafe neun, resp. sechs Monate Gefängniß sondern vielmehr darin, daß überhaupt gegen die Angeklagten auf Grund des Socialisten- Gesetzes aus Strafe wegen ihrer Theilnahme an socialistischen Congreffen u. s. w. erkannt worden ist.

In Hamburg ist der Polizei die Aushebung eines förmlichen socialdemokrattschen Nestes gelungen. In einer Wirthschast der Vorstadt St. Pauli wurde eine aus 8 Personen bestehende socialistische Versammlung von Polizeibeamten überrascht und verhafteten dieselben sämmtliche Theilnehmer untt den Wirth des Loca!s. Es sollen hierbei wichtige Schriftstücke vorgesunden worden sein, welche über die Verbreitung der socialdemokratischen Verbindungen weitgehende Ausschlüffe geben dürsten. Man glaubt, daß man hiermit das Central-Lager entdeckt hat, von welchem aus die socialdemokratische Bewegung in Hamburg geleitet wird.

Erzherzog Karl Ludwig von Oesterreich und seineGemah- lin werden an diesem Dienstag oder Mittwoch von ihrem Besuche bei der russischen Kaiserfamilie nach Wien zurückkehren. Das erzherzogliche Paar hat sich in Peterhos der auszeichnendsten Ausnahme zu erfreuen gehabt und hieraus darf man gewiß einen besriedigenden Schluß auf die zwischen den Höfen von Petersburg und Wien bestehenden freundschaftlichen Beziehungen ziehen. Daß indessen die Reise des Erzherzogs nach Peterhof besondere politische Zwecke ver­folgt habe, wird von Wien aus entschieden in Abrede gestellt und wie es scheint, entspricht dieses Dementi nur den thatsächlichen Verhältniffen.

Der ungarischeMinisterpräsident, Herr Tisza, ist am Freitag von Ischl, resp. Wien nach Pesth zurückgekehrt. Herr Tisza hat in Ischl beim österreichischen Kaiser wiederholte längere Audienzen gehabt, die mit der Janski* Affaire in Verbindung gebracht werden und glaubt man, daß die deshalb be­standene Spannung zwischen Wien und Pesth nunmehr wieder vollkommen be* seitigt ist.___________________________________________________________

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Darmstadt, 7. August. Fast bei sämmtlichen Regimentern des 11. Armee­corps ist das neue Repetir-Gewehr nunmehr zur Ausgabe gelangt und wird mit den Exercitien unverzüglich begonnen werden. Dasselbe ist zur gleichzeitigen Aufnahme von 10 Patronen eingerichtet, wovon eine im Lauf, eine in einer Art Löffel hart, dahinter und 8 Patronen im Magazin stecken. Bei voller Ladung wiegt das Gewehr immer noch 100 Gramm weniger, als das gegenwärtig von der deutschen Infanterie geführte Gewehr-Modell 71 und kann sowohl als Einzel- wie als Schnelllader gebraucht werden.

Mainz, 6. August. Ein schrecklicher Unglücksfall hat sich gestern Nachmittag aus dem Wege von Kostheim nach Mainz zugetragen. Ein junger Oeconom, Herr Weckbacher von Kostheim, war im Begriff, mit einem Wagen von dort nach Kastel zu fahren. Als der Wagen an den Eisenbahnübergang kam, brauste, ein Güterzug daher, die Pferde des Wagens wurden scheu und rannten gegen die Barriere, wodurch dieselbe zerbrach und der Wagen mit dem Zug zusammenstieß, während die Pferde glücklich davon kamen. Der Wagen wurde total zertrümmert und Herr Weckbacher, der auf demselben saß, schwer verletzt; er hat mehrere Rippen gebrochen, die Kniescheibe ist zersplittert und wurden noch sonstige Fleischwunden und innere Verletzungen constatirt. Es ist Untersuchung eingeleitet, da der Bahnwärter an dem Unglück nicht ganz schuldlos sein soll.

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Julius Schulze.

Allgemeiner Anzeiger.

Oeffentliche Impfung.

Die diesjährige Impfung wird Freitag den 13. d. Mts. und Freitag den 20. d. MtS., jedesmal Nachmittags von 25 Uhr, im alten Nathhaus abgehalten werden und die Nachschau, zu welcher die geimpften Kinder nochmals erscheinen müssen, 8 Tage später.

Jmpfpflichtig im laufenden Jahre sind die im Jahre 1885 geborenen Kinder, sowie die Rückständigen aus früheren Jahren. Es dürfen jedoch auch Kinder, die erst in 1886 geboren sind, zur Impfung gebracht werden und auch Erwachsene werden auf ihren Wunsch geimpft.

ES kommt nur Kälberlymphe aus dem Landes Jmpf- institut zur Verwendung.

Wir laden die hiesigen Einwohner zur Benutzung dieser Termine ein, mit dem Bemerken, daß alle in denselben vorgenommenen Impfungen für den Einzelnen unentgeltlich sind. Wer die Termine nicht benutzen will, muß auf eigene Kosten die Impfung vornehmen lassen. Kinder, deren Zurückstellung wegen Kränklichkeit beansprucht wird, können in den Terminen gleichfalls dem Jmpfarzt vorgestellt werden.

Gießen, den 6. August 1886.

Großh. Bürgermeisterei Gießen.

A. Bramm. 5682

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