Jahresbericht
Les Iabrik-Znspectors für das Großherzogthum Hessen für 1885.
(Fortsetzung.)
Im Berichtsjahr fanden drei Arbeitseinstellungen statt.
Im Monat März verlangten die Arbeiter der Schriftgießerei von I. M. Huck & 60. in Offenbach von den Arbeitgebern die Genehmigung eines von ihnen aufgestellten ncueü Lohntarifs für die verschiedenen Arbeiten, dessen Sätze gegen die seitherigen tbeilweise erheblich höher waren. Es wurde gedroht, die Arbeit einzustellen, wenn die Annahme des Tarifs nicht erfolge. Da der Tarif nicht angenommen wurde, kündigten die Schriftgießer und arbeiteten noch 14 Tage fleißig weiter. Rur 4 ältere Arbeiter auf Taglohn verblieben nachdem noch in der Gießerei, unterstützten jedoch dabei ihre streikenden Collegen mit Beiträgen. Zu gleicher Zeit wurde den Arbeitgebern von der Redaction des „Eorrespondent für Deutschlands Buchdrucker und Schriftgießer", ein vorzugsweise von Arbeitern gelesenes, in Leipzig erscheinendes Blatt, die weitere Aufnahme von Inseraten, Arbeitergesuche betreffend, verweigert. Die nichtoerheiratheten Arbeiter verließen nach und nach die Stadt und die Streikenden wurden durch Beiträge auch von auswärts unterstützt. Bei den Verhandlungen derselben mit den Arbeitgebern wurde hervorgehoben, daß sie von auswärts angewiesen seien, an dem aufgestellten Tarife festzuhalten, während durch die Arbeitgeber darauf hingewiesen wurde, daß in ihrer Gießerei größere Arbeitsparthien vorkämen wie in vielen anderen Gießereien und vorhandene geringere Lohnsätze durch die Zeitersparniß bei großen Arbeitsparthien ausgeglichen würden. Nachdem die Beiträge zur Kasse der Streikenden nicht mehr so reichlich flössen, wurde endlich durch einen Vertreter derselben mit den Arbeitgebern ein neuer Tarif vereinbart und der für den Arbeiter günstig ausgefallene Ausstand hatte nach achtwöchentlicher Dauer ein Ende. Uebrigens verging noch eine Zeit von 14 Tagen, bis alle Arbeitsplätze wieder besetzt waren. , Der Schaden, welcher den Arbeitgebern durch die Nichteinhaltung von Lieferfristen, die Unmöglichkeit, Aufträge anzunehmen und Ansprüche auf Entschädigung erwuchs, wurde auf 30,000 X geschätzt. Bei dem Ausgleich mit den Arbeitern wurde ein pünktlicheres Einhalten der Arbeitszeit als früher verlangt und Strafen für Unordnung festgesetzt. Die Strafkasse verwaltet ein älterer Arbeiter und die Ergebnisse derselben sollen mit Zustimmung der Arbeitgeber zu gemeinschaftlichen Vergnügungen der Arbeiter verwendet werden. , In der Arbeit herrschte nach dem Streike eine größere Pünktlichkeit als zuvor. Weitere Differenzen veranlaßten jedoch die Arbeiter, am 11. November den Arbeitgebern abermals einen veränderten Tarif vorzulegen. Derselbe wurde nicht angenommen und es erfolgte hierauf eine zweite Arbeitsniederlegung von 32 Gehilfen. Von diesen ergriffen jedoch 5 am anderen Tage wieder die Arbeit und 16 weitere folgten. Nach 10 Wochen waren noch 10 Arbeitslose, meist Verheirathete, von ihren Eollegen zu unterstützen. ,
Am 2. November stellten die Schriftsetzer in der E. Ebering'schen Buchdruckerei in Offenbach die Arbeit ein, weil der Besitzer 8 dem Buchdruckerverband angehörige Setzer, welche in Frankfurt wohnten und Morgens erst um 73/» ftatt 7 Uhr zur Arbeit erschienen, gekündigt hatte. Nur ein nicht dem Verband angehöriger Setzer verblieb. Nach wenigen Wochen batte der Arbeitgeber wieder vollständigen Ersatz für die ausgetretenen Setzer durch anoere arbeitsuchende Setzer.
Den Arbeitern der Schuhwaarenfabrik von Dreschfeld & Halberstadt in Offenbach wurde seitens der Arbeitgeber im December ein neuer Lohntarif vorgelegt mit dem Bemerken, daß diejenigen, welche nicht nach diesem Tarif zu arbeiten geneigt seien, die Fabrik nach 14 Tagen verlassen könnten. Von den Arbeitern wurde hierauf eine Versammlung abgehalten und dann von 30 Arbeitern der Austritt erklärt (2/3 der Ausputzer und sämmtliche Zwicker). Stach achtwöchentlichem Ausstand fand durch die Bemühungen des Gewerbeschiedsrichters eine Einigung zwischen dem Streik-Comit6 und den Arbeitgebern statt und die noch in Offenbach befindlichen streikenden Arbeiter traten wieder in die Fabrik ein. Sie waren während dieser Zeit von Eollegen unterstützt worden. Die hochgradige Erregung der Streikenden geht aus der Thatsache hervor, daß ein arbeitender College mißhandelt wurde. Nach den Lohnbüchern der Fabrik betrug der Durchschnittsmochenlohn für Ausputzer (berechnet aus den gezahlten Löhnen von 6 Arbeitern während 6 Wochen vor dem Ausstand) 27,35 JL und der Durchschnittslobn für Zwicker (berechnet aus den Löhnen von 14 Arbeitern in 2 Wochen) 18,56 Zidicker und Ausputzer sind Stückarbeiter.
In den Städten Mainz und Offenbach ergingen aus Arbeiterkreisen Anregungen zur Errichtung von Gewerbeschiedsgerichten auf Grund der §§ 120a und 142 der Gewerbe-Ordnung an die Gemeindeverwaltungen. In Mainz wurde der Gegenstand in Berathuug gezogen, aber in Rücksicht auf den von der Arbeiterschutz-Commission an den Reichstag ergangenen Antrag auf obligatorische Einführung von Gewerbeschiedsgerichten ein Beschluß zur Errichtung eines solchen noch nicht gefaßt. . In Offenbach wurde die Errichtung eines Gewerbeschiedsgerichtes beschlossen und die aufgestellten Satzungen liegen gegenwärtig Großh. Ministerium des Innern und der Justiz zur Genehmigung vor. Nach denselben soll das Schiedsgericht bestehen aus einem von der Gemeindevertretung gewählten Vorsitzenden und 4 Beisitzern: 2 Arbeitgeber und 2 Arbeiter. Die Beisitzer werden aus einer Anzahl von 40 Arbeitgebern und 40 Arbeitern (und je 20 Ersatzleuten) entnommen, welche in getrennten Wahlgängen, jene von den Arbeitgebern, diese von den Arbeitern auf die Dauer von 3 Jahren durch directe und geheime Wahl gewählt werden. Die Aemter sollen Ehrenämter, die Verhandlungen des Schiedsgerichts öffentlich sein. Die Kosten des Verfahrens in Streitigkeiten soll die Partei tragen, welcher sie vom Schiedsgericht auferlegt werden. Eine Vertretung der Parteien durch Anwälte ist ausgeschlossen.
3. Schutz der Arbeiter vor Gefahren.
A. Unfälle.
Am 4. Avril explodirte in der Dampf-Molkerei zu Langen-Brombach ein gußeiserner kugelförmiger Dampfkessel von 75 cm Durchmesser. Der Kessel zersprang in etwa 15 Stücke, schleuderte eine 25 cm starke Außenwand des Molkereigebäudes vollständig hinaus, so daß das Dach daselbst freihing und demolirte auch Innenwände. Die Wandstärke des Kessels variirte von 6—12 mm. Der flache Deckel war mit 6 Schrauben befestigt; das Sicherheitsventil hatte einen Durchmesser von nur 14 mm
und die durch die Rippen des Ventils verengte Durchgangsöffnung für den Dampf war zu klein. Ein Wasserstandsglas war vorhanden, ein Manometer fehlte. Der Kessel war ohne Genehmigung und Prüfung in Betrieb genommen worden und da bei der Explosion auch eine Frau verletzt wurde, so erfolgte die Bestrafung der beiden Molkerei-Directoren wegen fahrlässiger Körperverletzung, begangen durch den ungesetzlichen Betrieb eines überhaupt unzulässigen gußeisernen Dampfkessels.
Eine andere weniger heftige Explosion fand in einer Mühlenbauwerkstätte statt. Der Deckel des aus einem einfachen stehenden Cylinder von 1,20 m Höhe und 0,80 m Durchmesser bestehenden Vorwärmers für das Speisewasser eines Locomobildampf- kessels wurde abgerissen, flog weg und der ausströmende Dampf verbrühte einen gerade vorbeigehenden Arbeiter. Wahrscheinlich war eine Verstopfung des Rohres, welcher den Dampf aus dem oberen Theil des Vorwärmers abführte, die Ursache des Unfalls. Der Locomobilkessel war kurz vorher mit Anwendung eines Kesselsteinlösungsmittels gereinigt worden. ,
Eine dritte Explosion erfolgte in einer Lederfabrik. An einem cylindrischen Blechgefäß von 0,70 m Durchmesser und 1 m Höhe, welches zum Heben von Farbbrühe durch Dampf in eine oben befindliche Werkstätte diente, riß der Boden ab, das Gesäß hob sich aus einer Vertiefung, in welcher es stand, heraus und es wurde ein Arbeiter am Kopf und an einer Hand verletzt. Die Blechdicke des Gefäßes war überall 3 mm, das Sicherheitsventil hatte nur 1 cm Durchmesser und die Durchgangsöffnung war überdies durch die Rippen des Ventilkörpers noch verengt. Die Steighöhe für die Farbbrühe betrug 3,50 m. Am Steigrohr befand sich kein Verschluß. Im Dampfkessel war ein Druck von 3 Atmosphären. Wahrscheinliche Ursache ist eine eingetretene Verstopfung der 5 cm weilen Steigröhre.
In einer Strohstoff-Fabrik war der Kochprozeß in einem Kocher beendigt und der Kocher sollte entleert werden. In diesem Falle hat der Kocherfüller den Dampf aus dem Kocher abzulassen und nachdem das Manometer keinen Druck mehr anzeigt, den Deckel zu öffnen und den Kocher zu entleeren. Der Kocher stand noch unter einem Dampfdruck von nahezu 2 Atmosphären und trotz der Warnung seitens eines Arbeiters lüftete der Kocherfüller die Deckelschrauben und ließ den Kocher rotiren, um den Deckel nach oben zu stellen. Der oben stehende Mitarbeiter löste hierauf die Schrauben und schickte sich an, den Deckel abzunehmen. Hierbei wurde jedoch der Deckel in die Höhe geschleudert und der oben stehende Arbeiter durch ausströmenden Dampf und Lauge verbrüht, sowie 4 in den nebenan befindlichen Räumen sich aufhaltende Mädchen an den Armen verbrannt. Der verbrühte Arbeiter starb am nächsten Tage.
(Fortsetzung folgt.)
Geschichts-Kalender.
11. Mai.
1315. Kaiser Ludwig der Bayer spricht über die Herzöge von Oesterreich auf einem „öffentlichen Tage" zu Nürnberg die Reichsacht aus.
1686. Otto von Guerike, Bürgermeister zu Magdeburg, einer der fleißigsten und- verdienstvollsten Physiker des siebzehnten Jahrhunderts und Erfinder der Luftpumpe, stirbt zu Hamburg, wohin er sich zum Besuche seines Sohnes begeben hatte.
1760. I. G. Peter Hebel, Dichter in alemannischer Mundart und beliebter Volksschriftsteller, zu Basel geboren.
1809. Am Himmelfahrtstage Aufbruch der Tyroler, um auf der kürzesten Linie durch das Jsarthal über Schareitz, Benediktbeuern und Wohlfahrtshausen gegen München vorzurücken. Furchtbarer Kampf im Staubpaß, ein Häuflein Tyroler schlägt die mächtigen Angriffe des bayerischen Generals Wrcde wiederholt zurück, bis dieser es durch die großen Verluste der österreichischen Artillerie ermöglichen konnte, den tapferen Tyrolern in den Rücken zu fallen und nun die Bayern unter diesen ein Blutbad anrichteten, wie kaum ein zweites die Geschichte der damaligen Freiheitskämpfer aufzuweisen hat. Was von Tyrolern in die feindlichen Hände fiel, ward in der Wuth gemordet. Der große Verlust an Todten und Verwundeten, welche die Bayern durch die Kernschüsse der Tyroler Schützen und das Steingeröll bei den vier Stürmen erlitten hatte, war die Ursache ihrer Wuth gegen sie. Ueberdies hatte Napoleon gegen Wrede noch die Absicht ausgesprochen, man solle alle mit den Waffen gefangenen Tyroler über die Klinge springen lassen.
1859. Erzherzog Johann, während der österreichisch-französischen Kriege ein tapferer Feldherr, im Privatleben der populärste Prinz des Kaiserhauses und im Jahre 1848 Reichsverweser, stirbt. Seine 1827 vollzogene Vermählung mit der schönen Posthalterstochter, Anna Plochl zu Aussee in Steiermark trug noch besonders viel zu seiner Popularität bei.
1867. Die Londoner Conferenz einigt sich in der Luxemburger Frage dahin, daß das Großherzogthum als ein neutraler Staat unter der gemeinsamen Gewährleistung der Mächte dem Hause Oranien verbleiben, die Stadt Luxemburg von den Preußen geräumt, die Festung vom Großherzog geschleift werden und das Großherzogthum im deutschen Zollperein verbleiben solle.
Handel unid Werkehr.
Grünberg, 8. Mai. (Frachtpreise.) Weizen 17.40, Korn 1420, Gerste JL. 12.40, Hafer 13.30, Erbsen JL 17.10, Linsen JL 00.00, Lein JL 00.00, Samen 22.00, Kartoffeln JL 3.20, Wicken 13.00.
Wärmegrade der Lahn (nach Reaumur)
zwischen 11 und 12 Uhr Mittags:
Wasser 12°, Luft 14V8°. ' ---------1---- '-LJ!"-1-*-
Kirchliche Anzeigen der evsngel. Gemeinde.
Heute, Montag, Abend 8 Uhr, Bibelftunde in der Kleinkinderschule, Matth Kap. 6, von Vers 1 an, Pfarrer Dr. Naumann.
Allgemeiner Anzeiger.
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