Politische Ueberficht.
Gießen, 10. Februar.
Der Special»Etat des Ministeriums des Innern pflegt bei der Etatsdebatte im preußischen Abgeordnetenhause seit Langem zu allerhand Auseinandersetzungen zu führen und dies war denn auch in der Samstags- Sitzung des Abgeordnetenhauses der Fall. An dem genannten Tage gelangte der kleinere Theil des Etats des Ministeriums des Innern zur Berathung und wurde die Gehaltsposttion für den Minister zum äußeren Anlaß einer erregten und langausgesponnenen Debatte, die sich namentlich um das Bestätigungsrecht bei communalen Wahlen drehte. Von Seiten der deutschffreisinnigen Partei wurde auf verschiedene specielle Fälle hingemiesen, bei denen die Negierung aus politischen Gründen die Bestätigung von Communalbeamten versagt habe und spielte hierbei die zweimalige Nichtbestätigung des Oberbürgermeisters von Posen, Herse, welcher der deutsch-freisinnigen Partei angehört, eine Hauptrolle. Herr v. Puttkamer führte bei der Vertheidigung dieser Regierungs-Maßregel aus, daß agitatorische Elemente von der Communal-Vertretung fern gehalten werden müßten und betonte im Weiteren, daß die Negierung nicht bei jedem speciellen Fall ihre Gründe darlegen könne, was lebhafte Proteste aus freisinniger Seite hervorrief. Durch das Eingreifen der Centrums-Rebner und speciell des Abg. Windihorst in die Discussion nahm dieselbe einen allgemeinen Charakter an und hatte sie Anklänge an die Polendebatte des Abgeordnetenhauses aufzuweisen; ein besonderes Moment bildete außerdem die Auseinandersetzung zwischen Herrn Rickert und Hobrecht über das Zusammengehen der Freisinnigen mit dem Centrum. Die Debatte endete mit der Genehmigung der EtatSposition, sowie einer Anzahl anderer Titel.
Von ofsiciöser Seite wird eine „Secession" im conseroativen Lager nach rechts signalisirt, die angeblich zunächst im preuß. Herrenhause bevorsteht. S» heißt, daß sich daselbst eine neue conservative Gruppe unter Führung des Herrn v. Rochow-Plefsow bilden würde, welche Gruppe bisher immer eine gewisse „Fühlung" mit den klerikalen Elementen des Hauses hatte und die — wie weiter behauptet wird — durch ihre Absonderung von dem Gros der con- fervatioen Partei des Herrenhauses dieses Verhältniß noch mehr betonen wolle. Vorläufig dürste die osficiöse Meldung von der angeblichen Secession in der eonservativen Partei nur mit Vorbehalt zu registriren sein.
Die in Aussicht gestellten positiven Maßregeln gegen die Polonisirung sollen dem preußischen Landtage in zwei gesonderten Vorlagen vorgeschlagen werden. Die eine derselben wird sich dem Vernehmen nach auf die innere Colonisation im engeren Sinne, d. h. auf den Ankauf geeigneter Ländereien in der Provinz Posen durch den Staat beziehen, behufs Ansiedelung einer deutschen landbauenden Bevölkerung. Die andere Vorlage würde sich auf die Förderung des deutschen Schulwesens beziehen. Hinsichtlich des Vorgehens auf diesem letzteren Gebiete fehlt es zur Beurtheilung noch an einer genügend klaren Vorstellung.
In der österreichischen Presse bildet der zwischen den beiden Flügeln der deutsch-liberalen Partei des Abgeordnetenhauses anläßlich der Brsmarck- Resolution des deutschen Clubs ausgebrochene Conflict das Tages-Thema. Man sollte meinen, der Umstand, daß Fürst Bismarck die ihm zugedachte Kundgebung abgelehnt hat, müßte dem ganzen Streite die Spitze abdrechen, dem scheint aber nicht so zu sein, wenigstens nimmt die Polemik, welche zwischen den Blättern der deutsch-liberalen und denen der gemäßigteren Richtung ausgebrochen ist, einen immer schärferen Charakter an. Leider erscheint der Haupt- vorrvurf, welchen die auf Seiten der Mehrheit der deutsch-liberalen Partei stehenden Blätter den Männern der „schärferen Tonart" machen, nämlich daß sie durch ihren mindestens auffälligen Schritt das Deutschthmn in Oesterreich «mpromittirt haben, nicht unbegründet, denn schon weist die jlavische Presse triumphirend darauf hin, in welch' eigenthümlichem Lichte die Bismarck-Resolution den Patriotismus der Deutschen Oesterreichs erscheinen lasse. Im Interesse der Stellung des Deutschthums jenseits der schwarz-gelben Grenzpfähle kann nicht dringend genug gewünscht werden, daß der Zwiespalt im Lager der deutsch-liberalen Partei baldigst wieder beseitigt werde, denn die Fortdauer desselben wäre ein Selbstmord der Partei.
Das Cab in et Frey einet hat in der französischen Deputirtenkammer einmal einen recht guten Tag gehabt. Mit 347 gegen 116 Stimmen lehnte dieselbe am Samstag den radikalen Amnestie-Antrag ab, nachdem der Minister- yrästdent Frepctnet im Laufe der Debatte sich in einer von den gemäßigt-republik. Gruppen mit lebhaftem Beifall ausgenommenen Rede entschieden gegen den Antrag erklärt hatte. Die Radikalen sahen ihr Verlangen von keiner Seite unterstützt; selbst die Monarchisten, welche doch sonst keine Gelegenheit unbenützt lassen, der Regierung mit Hülfe der äußersten Lmken Verlegenheiten zu bereiten, ließen die Herren Rochefort, Clemenceau und Genossen im Stich, indem sie sich der Abstimmung enthielten. Die erlittene Niederlage der Radikalen wird dieselben dem Cabinet Freycinet nun allerdings gerade nicht günstiger stimmen und sie werden jedenfalls versuchen, sich bei nächster Gelegenheit zu revanchiren.
Die Lage in St. Quentin, wo Tausende von Arbeitern striken, ist fortdauernd eine bedenkliche. Für die unter den Arbeitern herrschende Gährung zeugt es, daß sie sogar versuchten, Barrikaden zu errichten — ein Unternehmen, das freilich gleich im Beginn vereitelt wurde. Die Regierung hat umfassende militärische Sicherheits-Maßregeln angeordnet.
Nachdem die Orleans durch die Heirath der Prinzessin Marie von Chartres mit dem Kronprinzen von Dänemark mit der dänischen Königsfamilie in verwandtschaftliche Beziehungen getreten sind, werden sie nun auch zu dem Hause Braganza in ein gleiches Verwandtschasts-Verhältniß treten- In den orleanistischen Kreisen dec französischen Hauptstadt ist am Samstag die Verlobung der Prinzessin Arnslie, der ältesten Tochter des Grafen von Paris, mit dem Kronprinzen von Portugal gefeiert worden; die Vermählung des hohen Paares wird in Lissabon stattfinden. Freilich ist nicht daran zu denken, daß diese Verbindungen mit regierenden Häusern je dazu dienen könnten, die Orleans tuf den französischen Thron zurückzuführen.
Bei den am Sonntag in Paris vollzogenen Municipalraths-Stich- rvahlen sind 8 Autonomisten (Radikale) und 1 Opportunist gewählt worden.
Da» neue englische Cabinet ist jetzt durch die Ernennung der Unterstaatssecretäre vervollständigt worden. Schuttleworth wurde zum Unter- ftaatssecretär für Indien, Broadhurst zum Unterstaatssecretär des Innern, Osborns Morgan zum Unterstaatssecretär der Kolonien und Herbert Gladstone zum Finanzsecretär int Kriegsministerium ernannt.
Au» Kairo wird nach längerer Pause wieder einmal etwas über die Sonferenzen gemeldet, welche zwischen Sir Drummond Wolff und Mukhtar
Pascha unter dem Vorsitze der Khedive stattsinden. Dieselben betreffen in erster Linie die Reorganisation des egyptischen Heeres, doch ist man hierbei über Vorschläge noch nicht hinausgekommen; am Sonntag hörte die Conferenz auch die Ansichten mehrerer englischer, in der egyptischen Armee dienender Hfficiere, sowie mehrerer egyptischer Officiere. K
Osman Digma, der schon wiederholt todtgesagte kühne sudanesische Jnsurgenten-Chef, soll sich des besten Wohlseins erfreuen und mit einem starken Heere gegen Suakim heranrücken.
Berlin, 5. Januar. Das „Armee - Verordnungs - Blatt" veröffentlicht Folgendes:
Rekrutirung der Armee für 1886/87. Ich bestimme hinsichtlich der Rekrutirung der Armee für 1886/87 das Nachstehende: I. Entlassung der Reservisten: 1) Die Entlassung der zur Reserve zu beurlaubenden Mannschaften hat bei denjenigen Truppen, welche an den Herbstübungen theilnehmen, am ersten oder zweiten Tage nach Beendigung derselben, bezw. nach dem Wiedereintreffen in den Garnisonen stattzufinden. 2) Für das Pommcr'sche Fußartillerie-Regiment Nr. 2 und das Schleswigsche Fuß- artillerie-Bataillon Nr. 9 ist der 31. August, für alle übrigen Truppentheile der 30. September der späteste Entlassungstag der Reservisten; das Nähere bestimmen die betreffenden Generalcommandos, für die Fußartillerie die General - Jnspection der Artillerie. 3) Die zu halbjähriger activer Dienstzeit eingestellten Trainsoldalen sind am 30. October 1886, bezw. 30. April 1887 zu entlassen, die Oeconomiehandwerker am 30. September 1886. 4) Beurlaubungen von Mannschaften zur Disposition der Truppentheile haben an den Entlassungsterminen insoweit zu erfolgen, daß Rekruten nach Maßgabe der unter 2 bezeichneten Antheilc zur Einstellung gelangen können. II. Einstellung der Rekruten. 1) Zum Dienst mit der Waffe sind einzustellen: bet den Bataillonen mit hohem Etat je 225 Rekruten, bei den übrigen Bataillonen der Infanterie, Jäger und Schützen je 190 Rekruten, bei jedem Kavallerie-Regiment mindestens 150 Rekruten, bei den reitenden Batterien mindestens je 25 Rekruten, bei den übrigen Feld-Batterien mindestens je 30 Rekruten, bei den Bataillonen des Rheinischeir Fuß-Artillerie-Regiments Nr. 8 und des Fuß-Artillerie-Regiments Nr. 10 je 200, bei den übrigen Fuß-Artillerie-Bataillonen und bet den Pionier-Bataillonen je 160 Rekruten, bei den Bataillonen des Eisenbahn-Regiments mindestens je 135 Rekruten, bei jeder Train-Compagnie zu dreijähriger activer Dienstzeit mindestens 15 Rekruten, zu halbjähriger activer Dienstzeit im Herbst 1886 und im Frühjahre 1887 je 44 Rekruten; soweit Abgaben von gedienten Mannschaften als Krankenwärter, bezw. als Bäcker erfolgen, sind Rekruten in entsprechender Höhe über die vorstehend genannten Zahlen hinaus einzustellen. 2) An Oeconomie-Handwcrkern haben sämmtliche Truppentheile mindestens ein Drittel der etatsmäßigen Zahl einzustellen. 3) Für den Fall, daß bei einzelnen Truppentheilen eine Aenderung der vorstehenden Wahlen noth- wendig erscheinen sollte, ermächtige Ich das Kriegsministerium zu entsprechenden Anordnungen. 4) Die Einstellung der Rekruten zunr Dienst mit der Waffe hat bei sämmtlichen Truppentheilen nach näherer Anordnung der General-Commandos und zwar bei den Truppentheilen des Garde- und 15. Armee-Corps in der Zeit vom 2. bis 6. und bei den Truppentheilen der übrigen Armee-Corps in der Beit vom 4. bis 6. November 1886 zu erfolgen; nur die für das Pommer'sche Fuß-Ärtillerie- Regiment Nr. 2, das SchleSwig'sche Fuß-Artillerie-Bataillon Nr. 9, die Unterofficier- fchule, sowie die als ' Oeconomie - Handwerker ausgehobenen Rekruten sind am 1. October 1886 und die Trainsoldaten für den Frühjahrstermin am 2. Mai 1887 einzustellen. Das Kriegsministcrium hat hiernach das Erforderliche zu veranlassen.
Berlin, 28. Januar 1886.
Wilhelm.
Bronsart v. Schellendorf. An das Kriegsministerium.
UuiverfitätS - Chronik.
Jena, 5. Februar. Herr Professor Dr. Steinmann, Docent an der philosophischen Fakultät unserer Universität, hat einen Ruf als ordentlicher Professor für Mineralogie nach Freiburg angenommen.
— Für das Fach der Naturwissenschaften hat sich in der philosophischen Fakultät der Berliner Universität, Dr. Oswald Seeliger, als Privatdocent habilitirt. In seiner Antrittsvorlesung sprach er über „Knospenbildung im Thierreiche".
— Zu Ehren des Hofraths Universitätsprofessors Dr. Georg Schanz in Würzburg fand am Montag Abend von Seiten der Studentenschaft ein großer Fackelzug statt. Der 8. C. hat sich nicht am Zuge betheiligt, weil der Vortritt desselben im Zuge von der übrigen Studentenschaft einstimmig abgelehnt worden war
— Professor Dr. Sophus Lie in Christiania ist zum ordentlichen Professor der Geometrie in der philosophischen Fakultät zu Leipzig an Stelle des Prof. Dr. Klein ernannt worden.
Breslau, 8. Februar. Geheimrath Professor Dr. Huschte, Senior der juristischen Fakultät der Universität, ist gestorben.
— Die Eröffnung der sibirischen Universität zu Tomsk steht in der' Mitte dieses Jahres zu erwarten. Für's Erste ist die Errichtung zweier Fakultäten in Aussicht genommen, einer historisch-philologischen und einer physiko-mathematischen Nach dem russischen Unioersitätsgcsetz werden als Universitätslehrer nur Gelehrte zugelassen dre den Doctortitel haben. Für Sibirien kommt diese Bestimmung in Wegfall und ebenso wird den Zöglingen der geistlichen Seminarien nach absolvirtem Cursus der Besuch der sibirischen Universität gestattet. Die sibirische Universität besitzt eine Bibliothek von 50,000 Werken und eine sehr werthvolle paläontologische Sammlung ein Geschenk des Herzogs 9iifolai Maximilianowitsch von Leuchtenberg.
Vermischtes.
. , ~ Me ein Duell vermieden wurde.j In einer preußischen Garnisonstadt besieht leit Jahren ein engerer Freundeskreis von jungen Offizieren, der bestimmte Abende mit geselliger Unterhaltung ausfüllt. Schon wiederholt war hier die Rede gewesen vom Duell, über daS richtige Verhalten des Einzelnen bei einem sogenannten „militärischen Rencontre" gingen aber die Ansichten weit auseinander. Die Mehrzahl war der Ansicht, in gewissen Fällen müsse man „sich der traurigen Nothwendigkeit filgen und die Waffen entscheiden lassen", selbst auf die Gefahr hin, daß es ein Menschenleben und dem überlebenden Theile die schwersten Gewissensbisse koste Da fügte es sich (zur Zeit ist das über sechs Jahre her), daß einer der Freunde' einen anderen der Art verletzte, daß jedes Ehrengericht entschieden hätte: Ihr müßt Euch unbedingt schlagen. Einem Dritten, beiden sehr nahestehenden, der schon von einer Seite zum Secundanten ersehen war, gelang es indessen, die Sache gütlich zu schlichten und zwar folgendermaßen: Zunächst ließ er sich von sämmtlichen Anwesenden das Wort geben, daß der Vorgang streng geheim bleiben und mindestens binnen 3 Tagen nicht mit Pistolen oder Degen ausgetragen werden solle. Hierauf hatte er mit dem Beleidiger unter vier Augen eine Unterredung und wußte ihn dahin zu bestimmen daß er sich bereit erklärte, eine namhafte Summe (es war ungefähr das halbe Vermögen des Betreffenden) für einen gemeinnützigen Zweck nach der Wahl des Beleidigten herzugeben, wenn dieser auf einen Zweikampf verzichte und verzeihe. Den Beweis daß nicht Feigheit im Spiele sei, verpflichtete er sich, nach der Vorschrift des Gekränkten zu liefern. Dieser Beweis wurde denn auch nach dem Rathe des Vermittlers bündig erbracht durch mehrwochentlichen Pflegedienft unter angenommenem Namen, nachdem die betreffenden Aerzte und ein höherer Offizier in's Vertrauen gezogen waren in einem Typhusspitale. — Alle näheren Umstände, sowie die Personen- und Ortsnamen sollen nach dem Willen der Betheiligten verschwiegen bleiben, nur ObiaeS wurde gestattet, in die Oeffentlichkeit zu bringen. Möchte das gute Beispiel nicht allein bleiben!
— Ein non,plas ultra von einem Geizhals ist dieser Tage in Straßburg gestorben, ein vom Hausknecht zum Millionär emporgekominencr Mann. Sein Geir ging, obwohl er kinderlos war, so weit, daß er beim Herannahen seines Todes sich beeilte, seine Wohnung zu kündigen, um die Miethe seinen Erben zu ersparen. Weitem kann man die Methode in der Uebung der Sparsamkeit nicht wohl treiben.


