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9U. 288 Freitag ben 10. December 1886.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mart 60 Pff.
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Pokitisehe Ueberficht.
Gießen, 9. December.
Prinz-Regent Luitpold von Bayern hat dem Berliner Hose nunmehr den schon seit Monaten erörterten Besuch abgestattet und traf der Prinz-Regent am Dienstag in der zehnten Vormittagsstunde in der R-ichrhaupt- flabt ein. Der Prinz-Regent gedenkt nach den bisherigen Dispositionen bi» diesen Donnerstag in Berlin zu verweilen und dann dis Rückreise nach München -über Dresden amutreten, woselbst ebensall« ein Ausentbalt geplant ist.
Der Reichskanzler Fürst Bismarck wird in kommender Woche won Friedrichsruhe in Berlin zurückerwartet; über seine Betheiligung an den Reichstags-Verhandlungen verlautet noch nichts Bestimmtes.
Dre General-Debatte über die neue Militär-Vorlage, .welche im Reichstage die beiden letzten Tage der vergangenen Woche in Anspruch nahm, bat sich ramentlich durch das Eingreifen der Abg. Grafen Moitke zu einer hochpolitischen Verhandlung gestaltet. Dis Rede, welche der berühmte Feldherr in der Eamstags-Sltzung des Reichstages zu Gunsten der Vorlage hielt, war nur kurz, aber vesto schwerer wiegt sie durch ihren Inhalt, fast Mr einzelne Satz repräsentirts eine bedeutungsvolle Aeußerung. Der greife Md- marschall sieht die politische Lage unter fpeciellem Hmblick aus das Verhältnib Zwischen Deutschland und Frankreich als Hochernst an, die ganzen Verhältnisse drängen zu einer Entscheidung und daß diese Entscheidung Deutschland nicht überraschen solle, dazu ist die gegenwärtige Vorlage mit bestimmt. Bei der sonstigen Zurückhaltung Moltke'r gerade in allgemeinen politischen Dingen .rrschemt die Offenheit, mit der er seinen Befürchtungen über das, was uns vielleicht schon die nächst- Zukunst bringen kann, doppelt bemerkenswerth und daß diese Befülchtungen einen Hintergrund haben müffen, wird durch dre Aeuße- rungen der preußischen Kriegrministers in der General-Debatte nur bestätigt. Er will der Militär-Commission des Reichstages wichtige Mittheilungen über bie absolute Dringlichkeit des neuen SeptennatSgesetzes machen und dar Ver- langen Herrn v. Bronsart'r, daß diese Mittheilungen geheim gehalten werden sollen, läßt an ihrem hochpolitischen Charakter nicht zweifeln Es haben deshalb die einielnen Parteien zu Mitgliedern der Militär-Commission meist die Frak- tions-Vorstände delegirt, da diese ja in erster Linie als die Vertrauensmänner der Fraktionen anzusehen sind und demgemäß sich als besonder» geeignet erweisen, ouf Grund der in Aussicht gestellten vertraulichen Mittheilungen des Kriegs- Ministers Entscheidungen im Namen ihrer politischen Freunde zu treffen. Die Militär-Commission sollte an diesem Donnerstag zusammentreten.
Der Reichstag beschästigte sich in seiner Plenarsitzung vom Montag zunächst mit dem in voriger Session unerledigt gebliebenen Gesetzentwürfe über den Servlstarif und die Klaffeneintheilung der Orte. In der kein besondere» Fntereffe darbietenden Discussion wurden verschiedene Specralwünsche laut, tue iebocb erst in der Budget-Commission der Näheren zu prüfen fein werden, an welche die Vorlage schließlich verwiesen wurde. Das Haus wandte sich dann der Bcrathung derjenigen Etatstheils des Etats für 1887/88 zu, die nicht an die Budget-Commission verwiesen worden sind und führte hierbei der aus den Berichten der Fabrik-Jnspectoren festgestellte Generalbericht zu einer eingehenden Erörterung der Fragen der Sonntagsruhe und sonntagrarbeit, im weiteren über die Thätigksit der Fabrik-Jnspectoren. Dieselbe wurde von den socialisti. ich n Abgg Heine und Kayser scharf kritisirt und bezeichneten diese Herren den Generalbericht als eine Stre.tschlist gegen die Arbeit^ Die weitere Debatte war belanglos und wurde schließlich der Etat der ReichSamter de» Innern in keinem Reste dircuisionslo« erledigt. Auf der Tagesordnung für Dienstag standen außer der Fortsetzung der Etalsberathung der Bericht der ReichSschulden- Commission und die erste, resp. zweite Lesung des Gesetzentwurfes, betr. dre -Errichtung eines orientalischen Sprachen-Seminars.
B-im Reichstage sind bereit» Über 200 Petitionen eingegangen, von denen sich eine sehr große Anzahl wiederum aus bie Jmpfsrage bezieht, während auch Abänderungen oes KrankenversicherungL-Gesetzes und der Gewerbeordnung in zahlreichen Petitionen befürwortet werden. Daneben fehlt csauch nicht an originellen Erscheinungen, wie deren dis Petitionsfluth in ieder Session bringt.
Die an ein und demselben Tage, am Montage, in den Wahlkreisen Berlin I. und Mannheim - Schwetzingen stattgesundenen Neuwahlen rum Reichstage haben in jenem die Wahl der sreisinnigen, in diesem dieMige des oationallcheralen Candidaten ergeben/ Bei der Berliner Wahl erhielt Klotz /frei! / 7207, Gerold (cons.) 4783, Christensen (Joc.) 1454 unb anarggraf fnat iw) 486 Stimmen. Die Freisinnigen haben also ohne Stichwahl den Wahlkreis behauptet. Spöttische Bemerkungen müssen sich von dteser Seite d e Nationolliberalen wegen der geringen Stimmenzahl, bis ihr Canb.dat eryielt, oeiallen (affen Nach den Übeln Erfahrungen, welche dis Nationalliberalen L rests bei der Ersatzwahl im ersten Berliner LandtagSwahlkreise machen mußten, St es allerdings als ob für ihre Bestrebungen in der Neichshauvtstadt nun rinmal kein Platz^sei- Mtt Befriedigung kann der Ausgang der Mannheimer Mabl bearüßt werden, wo e» sich bekanntlich um dre engere Entscheidung zwi- S dem nationalliberalen Candidaten, Diffenö und dem Socialdemokraten Dreesdach handelte. Da von der Volkspartei beschlossen worden war, für den Locialisten zu stimmen, so scheinen neben den Conservatlven zum Thell auch bte «eSmSwähler diese» Wahlkreise- für Diffenö eingetreten . 9u sein. Jedenfalls 5ft es nun den Nationalliberalen gelungen, den Wahlkreis , den sie vor drei Legislaturperioden an die Volkrpartsi verloren, zuruckzuerobern.
Auf auswärtigem Gebiete ist das Interesse an der bulgarischen Frage, die sich nur sehr langsam weiterentwickelt, augenblicklich den Vorgängen in Frankreich gegenüber in den Hintergrund getreten. Die Demchron des Cadi- nets Freycinet scheint jenseits der Vogesen eine heillose Verwirrung erzeugt zu haben, es wimmelt von Vorschlägen und Gegenvorschlägen zur Losung der Ministerkrisis, bis jetzt ist aber der Ariadnefaden, der aus diesem Labyrinth heraussühren könnte, noch nicht gesunden. Die drei Gruppen der repubUkam- schen Kammermehrheit halten Conferenzen über Conferenzen ab, um zu einer Verständigung unter einander und mit der Regierung zu gelangen, aber die Situation ist eben so verfahren, daß die Republikaner zu keinem desimtrven -öe* schlusse zu gelangen vermögen. In der Montagssitzung der Deputirtenkammer wurden verschiedene Anträge, die Sitzungen einstweilen auszusetzen, nach erregter Discussion abgelehnt. In Regierungskreisen hofft man immer noch, die KristS durch eine Reconstruction des CabinetS Freycinet überwinden zu können, obwohl, sich Herr de Freycinet entschieden weigert, seine Demission zurückzunehmen. Em Pariser Telegramm vom Montag meldet inzwischen, daß Gr6vy an diesem Tage mit dem Kammerpräsiventen Floquet (radikal) eine längere Besprechung hatte, in der Grövy die Möglichkeit andeutete, Floquet mit der Bildung des neuen CabinetS zu betrauen- Floquet soll sich, allerdings unter Hinweis aus die Schwierigkeit der Lage, bereit erklärt haben, diese Ausgabe zu übernehmen. Außerdem conferirte Gr6vy im Verlaufe des Montag Abend noch nut Uemen* ceau, Ferry und Brisson; die Verlegenheit muß sehr groß fein, wenn man bereits an den erst Anfang dieses Jahres gestürzten Ferry als Cabmets- Chef denkt! . , . n .
Auch in der Schweiz scheint man gesonnen zu sem, den allgemeinen ernsten Moerhältniffen durch Verstärkung der Wehrkraft Rechnung zu tragen. Erst kürzlich ist das mue Gesetz über die Errichtung eines schweizerischen Land- sturmes vom Rationalrathe genehmigt worden und nunmehr ist ihm em Antrag auf vollständige Centtalisation des Dtilitärwesens der Schweiz zugegangen, dessen Annahme für die künftige Gestaltung der eidgenössischen Heeresverwaltung von einschneidendster Bedeutung sein dürste.
Im Kanton Freiburg haben am Sonntag die Wahlen zum Großen Rath stattgefunden, wobei die ultramontan-conservative Partei, welche in diesem Kanton überhaupt dominirt, mit großer Mehrheit siegte.
Die jüngsten Unruhen vom Sonntag Abend, deren Schauplatz die Stadt Cork wiederum gewesen ist, beweisen zur Genüge, daß die revolutionären Elemente in Irland sich wieder mehr und mehr bemerklich machen. Es ist auch diesmal blutig genug zugegangen. Die Polizei mußte förmliche Baionnet- Angriffe auf die Volksmaffen, welche durch ein Straßen.Meeting der Landliga in hohem Grade aufgeregt waren, machen und auf beiden Seilen kam es zu zahlreichen Verwundungen._________ _
Deutschland.
Darmstadt, 8. Decbr. Se. Königl. Hoheit der Grobherzog empfingm heute hm Hauptmann v. Schwarzkoppen, militärischen Begleiter Sr. Kgl. Hoy. des Erbgroßherzogs, den Prälar Dr. Habicht, ben Geheimen Hofrath Professor Laspeyres, den Professor Krelschmar und den Steuerrath Sommerlad aus Gießen, ben Professor Marx au» Worin», ben Gerichtsschreiber Furstweger von Mainz den Forstinspector Bott von Höchst, den Hof-Fouragelieferant Bendheim aus Bensheim, den Lchrer Müller aus Heppenheim; zum Vortrag den Staats- Minister Finger, den Munsterialpräsidenten Weber, den Oderstallmeifter Frhrn. v. Nordeck zur Rabenau, den Geh. Rath Dr. Becker.
— Se. Königl. Hoheit der Großherzog werden Sich am Samstag, den 11. December, nach Worms begeben, um der Eröffnung der Eisthalbahn beizuwohnen, und daher an diesem Tage hier keinen Rapport abhalten.
Rußland.
Petersburg, 7. December. Dm hiesigen Redactionen ist verboten worden, über die militärischen Vorbereitungen, Truppen-Dislocationen 2c.. Rach- richten zu bringen. CSr- 3^0- —
Telegraphische Depeschen.
Wolff's telegr. Correspondenz-Burean.
Berlin, 8. December. Der Kaiser empfing Vormittags den Kriegsminister und den General v.Albedyll zum Vortrag, später den russischen Eotscha^fter Schuwalow anläßlich des Georgsordensfestes. Nachmittags um 5 Uhr findet Galadiner (HO Eou- verts) im runden Saale des Palais statt. ,
— Der Prinz Max Emanuel von Bayern ist Morgen? von Hannover eingetroffen. Der Prinzregent Luitpold wohnte Vormittags einem feierlichen Hochamte in der Hcdw-M-rch^bet.^^ h^.e Mittag nach Charlot-enburg, besichtigte neue Polytechnikum und srühstückte dann bei den erbprmzlich Memingenschen Herrschaften. Prinz Max Emanuel nahnr ein Frühstück bei dem Kronprinzen em. Se. Mai. der Kaiser machte um 2 Ubr eine Spazierfahrt.
München, 8. December. Die „Münchener Allgemeine bringt eine Erklärung Döllinger's, wonach die jüngst erfolgte Veröffentlichung Zweier Briefe des verstorbenen Königs an Döllinger vollständig ohne Wissen und Willen Dollingers Cr^° $ Paris, 8. December. Greoy conferirte gestern Nachmittag mit Ferry, Brisson, Boysset^und^Flo^quet.^ ^vy gerathen, Goblet mit ber Eabinets-
bildung zu beauftragen. Falls dieser es ablehne, werde er selbst den Auftrag, übernehmen.


