Inina aus Tongking. Derselben zufolge wurden die französischen Mitglieder der i französisch-chinesischen GrenzabsteckungS - Commission, als sie nebst der sie beglei- । Lenden Escorte den Rothen Fluß hinauffuhren, am 19. August etwa 15 Kilo- j meter oberhalb Laokai von Piraten, welche beide Ufer besetzt hielten, angegriffen. In dem sich entspinnenden Gefechte wurden 2 Ofsiciere und 6 Soldaten der Fremdenlegion, sowie 5 Tongkingnesen getödtet; die französischen Commiffaire mußten schließlich unverrichteter Sache nach Laokai zurückkehren. So oft nun auch die tongkingnesischen Piratenbanden von den französischen Truppen zersprengt worden sind, so tauchen sie doch immer wieder auf und gerade auf dem Rothen Flusse, dem Hauptstrome Tongkings, treiben sie vorzugsweise ihr Unwesen, so daß es wirklich scheint, daß die Machtsphäre der Franzosen in Tongkmg über den Bereich ihrer Bajonnette kaum hinausgeht. Jedenfalls ist durch diesen unangenehmen Vorfall die Thätigkeit der französischen Commiffaire zur Absteckung der neuen tongkingnesischen Grenze gegen China hin süc's Erste wieder unterbrochen worden.
In englischen Kreisen giebt man sich der Hoffnung hin, daß es der erprobten Geschicklichkeit Str William White'S, deffen Ernennung zum Botschafter in Konstantinopel nunmehr gewiß ist, gelingen wird, dem russischen Etnfluffe, der seit Ausbruch der bulgarischen Krise sehr bedeutend gewonnen hat, ein Gegengewicht zu schaffen und erwartet demzufolge ein sehr energisches Auftreten Sir Williams White's. Wann derselbe hier eintreffen wird, um seine Funktionen als Botschafter zu übernehmen, ist noch nicht bestimmt.
In dem Lande der Kastanien ist die in Europa mit gemischten Gefühlen, in Spanien, wie es scheint, aber mit Begeisterung aufgenommene Begnadigung der Rädelsführer des letzten Aufstandes das Ereigniß der Woche. Die Königin-Regentin hat also dem Petitionssturm, welcher sich zu Gunsten der Empörer erhoben und große Dimensionen angenommen hatte, nachgegeben. Dieser Petitionssturm wirst aus die Zustände in Spanien ein grelleres Licht als bogenstarke Schilderungen es vermöchten, denn derselbe beweist, daß man nach wie vor in dem Lande der Kastanien den Eid- und Treubruch, den Hoch- verrath, worauf in allen civilisirten Staaten die höchsten Leibes- und Freiheitsstrafen stehen, keineswegs als Capitalverbrechen, ja wohl gar als berechtigte Eigenthümlichkeiten betrachtet. Verschiedene republikanische Deputaten drückten der Königin ihren Dank für die Begnadigung aus. Als die Königin den vorhergegangenen ablehnenden Beschluß des Cabinets erfuhr, zerfloß sie in Thränen und bat, daß die Minister noch einmal zusammentreten und ihrem Wunsche gemäß die Begnadigung gewähren möchten. General Vlllacampcr erwartete nach der Verkündigung des Urthells den Tod gefaßt. Als er die Begnadigung erfuhr, dankte er bewegt und sagte: „Sie können die Regentin meiner tiefen Ergebenheit und aufrichtigen Loyalität für meinen Lebensrest versichern." Lieutenant Gonzales weinte, die begnadigten Sergeanten riefen: „Es lebe die Königin!" Alle Blätter constatiren, daß die Regentin an Popularität durch den Act der Gnade gewonnen habe und wenn derselbe wirklich zur Befestigung der spanischen Regierung beiträgt, so mag er gutgeheißen
* werden. Die ausrührerischen Ofsiciere und Sergeanten sind übrigens nicht durch die Begnadigung freigegeben, sondern lebenslänglich auf die Inseln Peresideros verbannt worden.
Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so ist in der bulgarischen Frage eine Milderung der Spannung eingetreten. Rußland hat insosern nachgegeben, als es feine Forderung einer zweimonatlichen Verschiebung der bulgarischen Wahlen fallen ließ und nur noch eine achttägige Verschiebung verlangte. Zu diesem Schritte ist Rußland jedenfalls durch das erfolglose Auftreten des Generals Kaulbars in Bulgarien und dann aber auch durch die einmüthige Verdammung dieses Vorgehens des russischen Generals Seitens der übrigen Großmächte genöthigt worden. Rußland würde sich moralisch im Orient auch schwer schädigen, wenn es die Bulgaren sozusagen an den Haaren zu sich hinüberziehen und Bulgarien, das Rußland erst befreit, mit Krieg überziehen würde.
General v. Werder, der langjährige deutsche Militär-Bevollmächtigte in Petersburg, hatte vor seiner Abreise nach Berlin, in Peterhof eine Abschieds- Audienz bei dem Kaiser Alexander III. Darauf sand zu Ehren des Generals eine Abschiedstafel statt. Der Kaiser schenkte dem Scheidenden ein prachtvolles Andenken, eine goldene Kassette mit blauer Emaillirung. In den Deckel einge- laffen sind die auf Emaille gemalten Miniatur-Bildniffe der Kaiser Alexander II. und III. in Brillanten gefaßt.
In Ostindien giebt sich unter der dortigen eingeborenen Bevölkerung schon seit einiger Zeit eine gewisse Erregung kund, deren eigentliche Ursachen zwar noch nicht klar zu Tage liegen, die aber allem Vermuthen nach religiöser Natur sind. Diese Auffassung wird wenigstens durch die Meldung über Streitigkeiten verstärkt, welche in Etawah bei Allahabad zwischen Hindus und Mohammedanern anläßlich der Feier religiöser Feste ausbrachen. Da gerade ein nach Birma bestimmter Militärzug Etawah passtrte, so veranlaßten die Behörden die Ausschiffung der Truppen. Das Erscheinen der britischen Roth- röcke vermehrte aber nur die Wuth der Menge, die sich förmlich in die Bajonnette der Soldaten stürzte, wodurch viele Personen verwundet und mehrere getödtet wurden. Die englischen Behörden ordneten für die Stadt Allahabad schleunigst umfassende Vorsichtsmaßregeln an. — Jedenfalls werden die Engländer nun gut thun, diese sich kundgebenden Symptome einer religiösen Erregung unter der eingeborenen Bevölkerung Ostindiens nicht zu unterschätzen. Die furchtbare Erhebung der Indier im Jahre 1857, durch welche um ein Haar die Herrschaft der Briten in Ostindien gestürzt worden wäre, hatte ebenfalls religiöse Momente zum äußerlichen Ausgangspunkte und man wird in London diese ernste Lection hoffentlich noch nicht vergessen haben.
Vermischte-.
Mainz, 6. October. Der Kirchenrechner an der Emmeranskirche, ein etwa 60 Jahre alter pensionirter Kreisamtsgehilfe, wurde heute Morgen wegen Veruntreuung von etwa 10,000 JL anvertrauter Gelder durch die Gensdarmerie in seiner Wohnung verhaftet. — In Rüsselsheim wurden heute Morgen durch einen Rangirzug einem Bahnbeamten beide Beine abgefahren. Der Verunglückte scheint nicht mehr mit dem Leben davonzukommen.
— Am Sonntag wurde in Gotha die Leiche des Commandeurs in der Schwedischen Marine, Ulner, durch Feuer bestattet, der Leichnam, der in einem mit der schwedischen Kriegsflagge eingehüllten und mit mehreren Blumenkränzen geschmückten Matrosensarge eingeschlossen war, begleitet von dem Oberst v. Klingenslierna aus Stockholm als Repräsentant der Familie, und einigen in Gotha anwesenden Landsleuten. Die Asche ist unmittelbar nach Schweden gesandt worden, um dort in der Familiengruft aufbewahrt zu werden.
Frankfurt a. M. Ein Commis, ein sehr fleißiger, langjähriger Arbeiter bei Ein und demselben Herrn, war in die Tochter seines Principals sterblich verliebt und jba das Mädchen seine Liebe erwiderte, so hielt er es mit ihrem Einverständniß für
gut, um die Hand des Mädchens anzuhalten, die ihm auch nicht abgeschlagen wurde, obgleich das Mädchen auf einen Mann von besserem Stande hätte Anspruch machen können. Diese rasche Einwilligung des Vaters ermutbigte plötzlich ein zweites Paar, nämlich die zweite Tochter desselben Herrn, die sich unter dem Personal ihres Vaters den Buchhalter zum Geliebten erwählt hatte, ebenfalls anzufragen, ob Papa nichts gegen eine Heirath einzuwenden habe. Dieses Paar wurde jedoch abgewiesen und damit das Mädchen auf andere Gedanken komme, dasselbe nach Rolle (in der Schweiz) geschickt, um daselbst seine Bildung zu vergrößern. Dies war für die Liebenden ein harter Schlag und trat der Buchhalter, der sich dadurch in seinem Stolze gekrankt fühlte, aus dem seitherigen Geschäft aus. Sein nächster Weg war, nach Rolle zu reisen, um daselbst in der Nähe der Geliebten Stellung zu suchen. Dies glückte ihm vollkommen und lebten die Liebenden, ohne daß der Vater des Mädchens eine Ahnung davon hatte, länger als ein Jahr friedlich und glücklich in einem Orte. Den Geliebten hatte das Mädchen der Oberin des Instituts als Bruder vorgestellt und hatte er als solcher gar häufig das Recht, mit der Schwester ganze Nachmittage zu Ausflügen zu benützen und in Gesellschaften, die im Pensionat gegeben wurden, Zutritt. Da mit einem Male traf vorige Woche in dies Stillleben plötzlich aus heiterem Himmel ein schwerer Blitzschlag. Der Vater des Mädchens hatte demselben eine Freude machen wollen, kam mit seiner inzwischen verheiratheten Tochter urplötzlich nach Nolle und gerade zu einer Zeit in's Pensionat, wo der vermeintliche Bruder des Mädchens zum Kaffee geladen war. Die Priorin drückte ihre große Freude über den unerwarteten Besuch der Kommenden aus und meinte: „Ach, was werden sich Ihre ■ Kinder freuen, wenn Sie so unverhofft in's Znmner treten." — „Meine Kinder ? frug der Herr aus Frankfurt. — „Ei, freilich, Ihre Kinder, denn ein glücklicher Zufall wollte es, daß beide gerade bei mir zu Kaffee geladen sind." — „Beide?" meinte der Vater, „ei, ich habe doch nur zwei Töchter^ die eine ist bei Ihnen im Pensionat und die andere bring' ich mit." — „Und der «Lohn wäre nichts?" frug die Priorin. — „Einen Sohn habe ich ja gar nicht, dann will ich dock einmal sehen, wer hier meinen^Sohn spielt." Entsetzt rang die Oberin ihre Hände, so etwas Unerhörtes war ihr noch nicht vorgekommen. Man eilte hinauf nach dem Gesellschaftszimmer, wo das Pärchen auf die Rückkehr der Oberin wartete, die aus einem Grunde, der den Beiden nicht bekannt war, abgerufen worden war. Mit Entsetzen erblickten die Harrenden beim Oeffnen der Thüre den gestrengen Herrn Vater des Mädchens. Es gab eine Scene, die sich Jedermann leicht denken kann, die jedoch ein gutes Ende nahm, indem der Vater, besonders um die Ehre Der Tochter völlig herzustellen, im Kreise der Jnstitutslehrerinnen und jungen Pensionärinnen die Verlobung der sich so sehr Liebenden feierte. (ö. Z.)
Berlin, 30. September. Der hiesige Polizeibericht enthält folgende Mittheilung: Der gefährlichste und geschickteste Einbrecher, welcher in den letzten Jahren die Sicherheit in den größeren Städten Deutschlands gefährdet hat, der 23jährige Schreiber Adolf Krüger, hatte der hiesigen Eriminalpolizei, welche ihm fortgesetzte Aufmerksamkeit schenkte, aus Holland geschrieben, daß er sich für die indische Armee habe anwerben lassen. Da Krüger die Genüsse des Lebens liebt und der Ertrag seiner zahlreichen Einbrüche ihm gestattet, ein verschwenderisches Leben zu sühren, erschien es wenig glaubhaft, daß er freiwillig den Schauplatz seiner gewinnbringenden Thätigkeit verlassen und sich in den Soldatendienst stellen werde, zumal er durch ein ärztliches Zeugniß gegen strafrechtliche Verfolgung geschützt ist. Vielmehr deuteten verwegene Einbrüche, welche in den letzten Monaten in Süddeutschland verübt wurden, auf die Anwesenheit Krüger's hin und diese Annahme hat sich auch als richtig erwiesen. Im April d. I. wurden in Frankfurt a. M. Werthpapiere in hohem Betrage mittels Einbruchs gestohlen. Ein Theil der gestohlenen Werthpapiere ist in Breslau von einer Person, welche sich Thräns nannte, auch Legitimationspapiere auf diesen Namen vorwies, verkauft worden. Die hiesige Eriminalpolizei hat nun festgestellt, daß der Thräns, auf welchen die Papiere lauteten, bereits verstorben und daß der Verkäufer mit Krüger identisch ist. Auch brachte sie in Erfahrung, daß Letzterer sich Briefe nach Köln hatte schicken lassen. Der Criminal - Eommissar Braun , welcher sich zur Zeit dienstlich in Köln aufhält, fahndete nun im Beistände dortiger Polizeibeamte auf Krüger, und es gelang ihm gestern, den Letzteren auf dem Rheine, nach hartnäckiger Verfolgung des fliehenden Kahnes, festzunehmen. In seinem Besitze wurden mehrere tausend Mark in baarem Gelde und Werthpapieren gesunden. Krüger wird nun der Staatsanwaltschaft zu Frankfurt a. M. zur Verfügung gestellt und sein GesundheUs- zustand von den dortigen Aerzten festgestellt werden. Im Interesse der öffentlichen Sicherheit wäre es wünschenswerth, daß er nicht wieder in Dalldorf untergebracht wird, weil er von dort wiederholt ausgebrochen ist und nur so lange bleiben würde, als es ihm beliebt. Wie wenig das Irrenhaus ihn schreckt, hat er u. A. dadurch bewiesen, daß er kurz nach einem gelungenen Ausbruch in die Irrenanstalt eingebrochen ist, um ein dort detinirtes Mädchen zu entführen. — lieber die Festnahme des Krüger meldet die „Köln. Volksztg." Folgendes: Die hiesige Eriminalpolizei hat vorgestern in Verbindung mit dem Criminal-Eommissar Braun aus Berlin einen guten Fang gemacht. Letzterer und der Kölner Criminal-Commissar bestiegen in der Rheingau einen Kahn und verfolgten einen andern, in welckem sie einen Menschen ver- mutheten, der eines bei einem Frankfurter Bankier verübten Diebstahls von Werth- papieren dringend verdächtig ist. Fast zu gleicher Zeit landeten beide Kähne und im Handumdrehen waren die beiden Insassen des verfolgten Nachens verhaftet. Der Eine wurde bald wieder entlassen, während der Andere sich als einen gefährlichen Verbrecher, Namens Krüger aus Berlin, entpuppte, der auch den Frankfurter Diebstahl eingestand. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung in einem Hause an der Reinoldstraße fand man eine Anzahl Werthpapiere des Frankfurter Hauses, auf verschiedene Namen lautende Legitimationspapiere, Waffen und alle möglichen Diebes- werkzeuge.
— Wie die „Straßburger Post" meldet, ist der vielbesprochene Proceß der Schwarzen Hand nun endgültig erledigt, da Schaller und Bergmann den auferlegten Eid vor dem Oberlandesgericht Colmar geschworen haben. Darauf wurde sofort das Urtheil gefällt, wonach die Kaiserliche Tabakmanufactur das bisher von ihr gebrauchte Fabrikzeichen „Schwarze Hand" aufgeben muß.
Universität- - Chronik.
— Bei der königlichen Bibliothek in Berlin ist der bisherige Custos Dr. Ermann zum Bibliothekar befördert worden. Der Bibliothekar Dr. Valentin hat von der Akademie der Wissenschaften zur Herstellung einer Bibliotheca mathematioa 4500 JL überwiesen erhalten.
— In der chirurgischen Klinik der Universität Halle hat jetzt ein Cursus zur Ausbildung freiwilliger Krankenpfleger begonnen.
Literarisches.
»Neber Land und Meer" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt, vormals Eduard Hallberger) erscheint vor uns mit der ersten Nummer seines neunundzwanzigsten Jahrgangs, die schon auf den ersten Blick sich in gewinnendster Weise einführt. Was der moderne Holzschnitt in Bezug auf kraftvoll wirkende Wiedergabe farbenreicher Gemälde zu leisten vermag, dafür sind die hier dargebotenen Blätter sprechende Zeugnisse. Meisterwerke wie der reich ftaffirte Marktplatz Alt-Nürnbergs mit der Einbringung der Reichskleinodien von Paul Ritter, „Zur Tränke" von Hermann Baisch, eine ägyptische Königstocher von N. Sichel, Conferenz von A. Holmberg, Försters Sonntagsfreude von A. Eberle rc. sind mit wahrhaft überraschender Schönheit vervielfältigt. Nicht minder bedeutsam führt sich der literarische Theil ein mit den Romanen „Dunst" von Karl Frenzel und „Erlachhof" von Ossip Schubin, die, voll Kraft und Leben, den Leser von Anfang an mit sich fortreißen, und einer Reihe kleiner Aufsätze, die ebenso zur Unterhaltung dienen und gleichzeitig über so manchen interessanten Gegenstand willkommene Aufklärung bieten. Besonders erfreulich wird es vielen sein, hier Ossip Schubin im Bilde kennen zu lernen und Über die jugendliche Trägerin dieses hochgesä itzten Schriftstellernamens einige Aufzeichnungen zu finden, die ihre geistvolle Persönlich!, it in klares Licht stellen. Die Nummer eins bedeutet in der That für den neuen Jahrgang von „lieber Land und Meer" ein so frohes Erwachen wie dasjenige des allerliebsten kleinen Mädchens, das wir auf dem ersten Blatt aus seinen schwellenden Kissen heraus uns entgegenlächeln sehen. Wir bemerken noch, daß der Quartalpreis nur 3 Jt oder nur 50 H pro Heft beträgt, und empfehlen für die jetzt beginnenden langen Abende „Heber Land und Meer" unseren Lesern auf das Angelegentlichste zum Abonnement.


