Er. 133. Zweites Blatt Donnerstag den 10. Juni KGHE
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
JhttUiMI r S<-«lstraße 7.
Politische Ueberficht
^mißbilligt. Hierüber gerieth die magyarisch-chauvinistische Presse ganz aus dem Häuschen und der „Pesther Lloyd", ein der ungarischen Regierung nahestehendes Blatt, brachte einen Artikel, welcher von Beleidigungen des greisen ^Herzogs förmlich strotzte. Diese Angriffe riefen in den leitenden Kreisen Wiens peinliches Aufsehen und eine tiefe Verstimmung gegen Ungarn hervor And Kaiser Franz Josef selbst soll dem ungarischen Ministerpräsidenten Tisza in einer Audienz sein Mißfallen über das geradezu pöbelhafte Vorgehen des genannten Blattes in ganz unzweideutiger Weise zu erkennen gegeben haben. Herr Tisza hatte natürlicher Weise nichts Eiligeres zu thun, als dem Magyaren- Blatte die nöthigen Weisungen zu ertheilen und erschien dann im „Pesther Lloyd" die erwähnte Ehrenerklärung, unterzeichnet vom Chef-Redacteur Max
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, m—.Wie die „Krzztg." erfährt, tritt demnächst in Berlin eine Commission unter oem Vorsitz des Generals der Cavallerie Freiherrn v. Schlotheim, commandirenden Generals des 11. Armeecorps, zusammen, um über verschiedene Angelegenheiten, die ^hennahme der Offiziere an den öffentlichen Rennen betreffend, zu berathen.
— Der bekannte Hygieniker Prof. Uffclmann aus Rostock, der im Auftrage der mecklenburgischen Regierung im Monat April d. I. im Institut von Pasteur Studien gemacht hat, berichtet über des Letzteren Wnthpräventiv-Jmpfnna in der „Berliner klinischen Wochenschrift" Folgendes:
Zunächst sei es als ein Mangel zu bezeichnen, daß die Thierversuche Pasteurs nicht auch auf die Impfung der Thiere nach der Uebertragung des Giftes ausgedehnt, sondern nur präventiv vorgenommen worden seien. Bis zum 12. April d. I. wären 726 Personen, Männer, Frauen und Kinder, in Pasteurs Institut geimpft worden, von denen 688 von Hunden und 38 von Wölfen gebissen worden waren. Für oBe wefi hätte die Impfung keine bösen Folgen gehabt. Zwar sei von den von Hunden gebissenen Personen ein kleines Mädchen gestorben, doch sei ihr Tod, sowie auch der von fünf von Wölfen gebissenen Russen nicht auf die Impfung zurückzuführen. Schwieriger sei die Frage nach den günstigen Resultaten der Impfung zu beantworten da es schwer zu controliren sei, wie viel von den im Institut Pasteurs Anfgenommenen thatsächlich von tollen Hunden oder Wölfen gebissen und wie viel ferner nicht schon vor der Aufnahme durch die Behandlung anderer Aerzte von den Folgen der Bisse befreit waren. Usselmann kommt dann zu folgenden Schlüssen: Zur Abgabe eines mdgiltigen Urtheils über den Erfolg der sogenannten Wuthpräventiv-Jmpfuna bet ' Menschen find die Akten noch nicht spruchreif. Da jede Impfung aufs Sorgfältigste
_ Gießen, 9. Juni.
. l’iit oer am vorigen Samstag auf unbestimmte Zeit eingetretenen Vertagung des preußischen Abgeordnetenhauses dürsten die parlamentarischen Verhandlungen m der Hauptsache ihren Abschluß gesunden haben. Von größeren Vorlagen harrt rm preußischen Landtage nur noch die Kanal-Vorlaqe ihrer Definltlven Erledigung, da das Herrenhaus sich über dieselbe noch schlüssig zu wachen hat; daneben muffen noch die vorgeschriebenen verzögernden Abstimmungs- bie Vder im Lehrer.Ar.stellungSgesetz für Posen und Westpreußen -enthaltenen VerfaffungS'Aenderung ergeben, Seitens des Herrenhauses inneqe- Halten werden Nicht mehr zur Erledigung werden die Vorlage über Einführung der Städteordnung im Regierungsbezirke Wiesbaden und der Antrag Vanmierffern, bett. Gewährung einer größeren Selbstständigkeit an die evan- PUsche Kirche,^ kommen. Abgesehen hiervon, kann das Abgeordnetenhaus au erne ziemlich ergebnißreiche Session zurückblicken, da in derselben neben dem @ta: ote neue Kirchen-Vorlage, die verschiedenen Polengesetze, die westfälische Kreis- und Provmzial.Ordnung, die beiden Kanalgesetze, das Secundärbahngesetz, das .Gesetz über die Communal-Besteuerung der Ossiciere und das Gesetz über die -rchwebende Schuld zu Stande gekommen sind, ganz abgesehen von einer Reihe bedeutenderer Gesetzentwürfe. Einigermaßen zweifelhaft scheint noch das Schicksal der Kanal-Vorlage zu sein, da bekanntlich von extrem-agrarischer Seite Der Vorschlag gemacht worden ist, durch Verwerfung dieser wichtigen Vorlage tm Herrenhause di- Vertreter industrieller Jntereffen in Zukunft den Forderungen Der Großgrundbesitzer gegenüber willfähriger zu machen, zu welchem eigenthüm- Ächen Vorschläge die Ablehnung der conservativen Anträge in der Branntwein- neuer^rage den Anlaß gegeben hat; hoffentlich wird es aber dem Einflüsse der Regierung gelingen, das Scheitern der Kanal-Vorlage zu verhindern. — Was den Reichstag anbetrifft, so ist derselbe mit seinem Arbeitspensum eigentlich eben-
Ende. Nachdem der Branntweinsteuer.Entwurf in der Commission geschettert, kann man ihn überhaupt verloren geben und es ist in der That fraglich geworden, ob der Entwurs das Plenum nochmals beschäftigen wird Aberdingr sind noch da« Reliclengesetz, der Nachtragsetat behufs Bereitstellung des Mehrbedarfs für das Militär- und Cioilpensionsgesetz, die Revision der Servis- Classificirung, der Entwurs über Errichtung eines orientalischen Sprachen- Semmars an der Berliner Universität u. s. w. übrig, aber es ist mehr als zweifelhaft, ob der Reichstag sich geneigt zeigen wirb, zur Erledigung dieses reMrenden Materials noch nach Pfingsten zusammenzukommen. Es ist darum wahrscheinlich, daß der Reichstag nach Pfingsten nicht mehr zusammentreten wird und wenn es dennoch geschehen sollte, dürfte es nur sein, um die Bekannt- machung des formellen Schluffes seiner Session entgegenzunehmen.
Wie die „Nordd. Allg. Ztg." meldet, ist aus Rom der preußischen Regierung dieser Tage die Versicherung geworden, daß der Vatikan die vollständige Erfüllung der Anzeigepflicht zugestehen werde. Hiermit würde das Einvernehmen zwischen Preußen und der Kurie auch äußerlich in allen Punkten rrreder hergestellt sein und dem entsprechen nur verschiedene Vorgänge der jüngsten Tage, vor Allem der auszeichnende Empfang, welchen Erzbischof Binder am Berliner Hofe gefunden hat, und fein Besuch beim Reichskanzler in Friedrichsruhe. Und nicht nur in Preußen machen der Staat und die katholische Kirche ihren Frieden, sondern auch in dem Lande, in welchem die Wellen des „Culturkampfes" ebenfalls eine Zeit lang ziemlich hoch gingen, in Baden. Al« einen vollgiltigen Beweis für die friedliche Wendung der kirchenpolitischen Dinge in Baden ist jedenfalls die rasche Wiederbesetzung des erzbischöflichen Stuhles in Freiburg zu betrachten und wird man nicht irren, wenn man letztere bem directen Eingreifen des Papstes zuschreibt. Außerdem gilt der neue Ober- Hirt der Freiburger Diöcese, Herr Roos, im schönsten Sinne des Wortes als ein Friedensbischof und kann man nur hoffen, daß die von allen Freunden eines ehrlichen Ausgleiches zwischen Staat und Kirche auf den neuen Freiburger Erzbischof gesetzten Erwartungen in Erfüllung gehen.
Im Donau-Kaiferstaate haben in letzter Zeit eine Menge wunder- famer Affairen gespielt, von denen in Cisleithanien die unerwartete Opposition der Polen in der Petroleumzollfrage und in Transleithanien die bekannte Angelegenheit des Hentzi-Denkmals das Jntereffe am meisten in Anspruch nahmen. Besonders letztere Affaire hat wiederum ganz merkwürdige Vorfälle nach sich gezogen, deren vorläufigen Beschluß die vielbesprochene Erklärung des „Pesther Lloyd" gegenüber dem Erzherzog Albrecht bildet. Wie erinnerlich, hatte letzterer gelegentlich einer Jnspicirungsreise in den occupirten Provinzen auf einem zu Serajewo stattgefundenen Bankette die österreichische Armee in einem Toaste gefeiert und hierbei in ziemlich unverblümter Weise die Budapesther Vorgänge
Erscheint tzgttch mit Mr»n<chme M MsntaGs
I biLeirner, de- und wehmüthigen Abbitte an den Erzherzog aufs Haar gleicht. Diese hat nun wiederum in den Kreisen der ungarischen Chauvinisten aim r^er orUplt,?nb Qm Samstag Abend fanden vor dem Redactions-Locale des „Pesther Lloyd demonstrative Ansammlungen statt, die jedoch von der Polnei ba d zerstreut wurden. Jedenfalls zeigen aber diese gesammten Vorgänge, daß zwischen den beiden Hälften der österreichischen Monarchie noch Manches existier was jeder bisherige Ausgleich noch nicht zu beseitigen vermocht hat.
,, Vrlnz Friedrich August, der künftige Erbe des sächsischen Könias- thrones, hat sich am Wiener Hofe einer ungewöhnlich auszeichnenden Aufnahme zu erfreuen gehabt. Dem Prinzen zu Ehren sanden bei den kaiserlichen Maie- staten verschiedene Galadiners statt; an dem am Samstag im kaiserlichen Lust- schloffe Schonbrunn stattgefundenen Diner zu Ehren des hohen Gastes nahmen außer dem sächsifchen Gesandten die gemeinsamen Minister und Ministerpräsident Graf Taaffe Therl.
Die Zunahme der Geisteskranken im Deutschen Deiche.
. ,, Uns-« Zeit verlangt größere geistige Anstrengungen und leidet daher auch an>
»pfiü£.Ire’3lkn?, beo 3f. er^n;, Der Kampf um's Dasein ist schwerer, die Unterschirde b?er Lebenshaltung sind großer, als früher. Das Gehirnleben wird bald durch Vererbung und angeboreneti Tiesfinn oder Leichtsinn, bald durch unver- Eonflicte in falsche Bahnen gedrängt. Hier ist dec Ueberfluß, dort der Ntangel an Gütern, hier Unglaube und Pessimismus, dort Aber- l"? *'s*9,1.0,e ..?.d,™ärtPere‘ bie Ursache von Geistesstörungen. Auch die und Unmaßiak-tt ,m Esten und Trinken sind gestiegen und zerrütten ri A ®r»ft burfen uns daher nicht wundern, daß die Irrenanstalten be- iiicyiei uno, als ion|r.
Die neuesten „Arbetten aus dem Kaiserl. Gesundheitsamte" veröffentlichen die ß Sl?ift77r ben Heilanstalten des Deutschen Reichs für die
? 1718? wurden in den öffentlichen und Privat-Jrrenanstalten
8 Gehandelt 1877: 40,202 Personen, 1878 : 43,508, 1879 : 45,914, 1880: m'491 5P2'81-3 Personen. Hierzu kommt Hoch eine nicht un
beträchtlich^ Zahl von Geisteskranken in denjenigen allgemeinen Krankenhäusern, welche ^^°^e;lungen nicht besitzen Die Zahl dieser Kranken betrug beispielsweise für das Jahr 1882 nicht weniger als 5581.
D? Zahl der Geisteskranken, welche keine Heilanstalt besuchen und entweder ganz unbeobachtet oder doch ohne statistische Buchung herumlaufen, ist natürlich noch viel großer, als die Zahl der amtlich verzeichneten Irren; aber die amtlichen Er- Mittelungen geben trotzdem einen ziemlich sicheren Anhalt über die Entwickelung bp* Ä rflJPe'1 en2Snb xt)Vl Verbreitung. Die Zahl der Betten in sämmtlichen Jrren- anstalten ist gewachsen in der Seit von 1877-1882 von 31,297 auf 40,068, die Hah! der Verpflegungstage von 10,524,518 auf 13,442,011. ä 9
»rrpn 27^1 das Geschlecht der Irren, so gab es im Jahre 1882 unter 52,684 -Irren 21,819 männliche und 24,86o weibliche.
in Nn-Ä„Oanzen Deutschen Reiche kommt 1 verpflegter Irrer auf 859 Einwohner, «79 f ^\aur 88f6'Jü Bayern auf 1130, in Sachsen auf 666, in Württemberg auf ^“ben auf£8^ tn °uf 924, in Mecklenburg-Schwerin auf 720, in Sachsen-Weimar auf 672, in Mecklenburg-Strelitz auf 1090, in Oldenburg auf 883, Äa ,n"ÄÄ"g auf 714, in Sachsen-Meiningen auf 541, in Sachsen-Altenburg auf 489, in Sachsen-Eobilrg-Gotha auf 2490, in Anhalt auf 1011, in Lippe auf 818, in Uibecf auf 5öS, m Bremen auf 622, in Hamburg auf 247, in Elsaß-Lothringen auf 752. -L-ie Staaten, welche die meisten Anstalten haben und am besten für ihre Geistes- tranten sorgen, pflegen im Verhältnis zur Einwohnerzahl auch mehr Verpflegte auf- zuwelsen. Es ist ferner darauf aufmerksam zu machen, daß die Verhältnitzzahlen bet tM?rpff0lnserrn ^taarte!l Zufälligkeiten abhängig und daher auch weniger
, ^ach ist auf die Berechnung von Einfluß, daß in der Summe der lahrlich Verpflegten bie im Laufe des Jahres von einer Anstalt in die andere lieber; 0efubrteii mit inbegriffen sind, somit Doppelzählungen stattfinden. In 6 Staaten nämlich m Schwarzburg-Sondershausen, Schwarzburg-Rudolstadt, Waldeck, Reuß ä L ' Neuß 1. L. und Schaumburg-Lippe, sind Irrenanstalten überhaupt nicht vorhanden
Die Erblichkeit der Geisteskrankheit war 1882 nachgewiesen bei 30,3pSt. aller Zrren und zwar bei 29pCt. männlichen und 31,8 pCt. weiblichen Personen
Unter den einzelnen Krankheitsformen in den Irrenanstalten hat der Säufer- ^ahufinn am weiften zugenommen. Es wurden an Säuferwahnsinn behandelt: iNI'^23 Personen, 1878: 1143, 1879: 1162, 1880: 1158, 1881: 1291 und 1882: 15<9 Personen. Davon starben 1882: 8,9pCt. und zwar 9,3 pCt. männliche und 1,1 pEt. weibliche. Bei den an Säuferwahnsinn Behandelten war Erblichkeit nach- 6,8pEt. Personen überhaupt und zwar bei6,8pCt. männlichen und6,7pCt. weiblichen Personen.


