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Mr. 156 Freitag den 9. Juli 1SSG
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Metzen.
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Amtlicher Hheil.
Gießen, den 7. Juli 1886.
Betreffend: Die von den Gemeinden für die 1885/86« Holzsamensendungen zu leistenden Ersatzzahlungen.
Das Großherzoglichc Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien «nd Markvorstände des Kreises.
Die Verzeichnisse über bezogenen Holzsamen aus dem Großherzoglichen Magazin werden Ihnen in den nächsten Tagen durch die Post zugehen. — Sie wollen für alsbaldige Zahlung der Beträge an die betreffenden Großherzoglichen Rentämter sorgen.
Dr. Boekmann.
Politische Uebersicht.
Gießen, 8. Juli.
Mehr und mehr schrumpft das Nachrichts-Material auf dem Gebiete der innerpolitischen Angelegenheiten zusammen, die „saison morte“ ist daselbst im vollen Anzuge begriffen und wenn erst die Seitens der Preffe der abgelaufenen arbeitsreichen Parlaments-Session gewidmeten Betrachtungen allseitig ihren Abschluß gesunden haben werden, dann wird sich bas Ausspüren neuer Tages,Themata zur Kunst gestalten. Für jetzt geben aber außer den Resultaten der verflossenen parlamentarischen Session verschiedene Vorgänge der jüngsten Zeit noch immer Stoff zu allerhand Erörterungen, wie dies u. A. auch mit dem bekannten Bundesraths-Beschluffe, betr. Ablehnung des Reichszuschuffes zu den Kosten der deutschen National-Ausstellung im Jahre 1888, der Fall ist. Das ablehnende Votum des Bundesrathes bedeutet das Scheitern dieses Unternehmens und so hochbedauerlich auch ein derartiger Ausgang der Sache speciell vom nationalen Standpunkte aus erscheint, so muß man die Verweigerung der Reichsunterstützung, welche sich auf 3 Mill. JL belaufen sollte, unter den obwaltenden Verhältnissen doch gerechtfertigt finden. Die ablehnende, manchmal geradezu feindselige Haltung weiter Kreise der deutschen Industrie gegenüber der geplanten Berliner Ausstellung eröffnete letzterer nur geringe Aussichten, jedenfalls wäre sie in Folge des Fehlens vieler unserer ersten Firmen, namentlich aus dem Gebiete der Textil- und Eisen-Industrie, sozusagen nur ein Torso geblieben, der Rumps einer nationalen Ausstellung, und da war es freilich bester, man verzichtete gleich ganz auf das Unternehmen. Zu deffen Scheitern mögen auch die wirthfchastliche Mißconjunctur und die zu selbstbewußte Art und Weise, wie man von Berlin aus die Sache einleitete, beigetragen haben. Hoffentlich erringen aber ähnliche Bestrebungen in nicht allzuserner Zeit einen befferen Erfolg, denn es handelt sich hier unstreitig um ein an und für sich gesundes Unternehmen und deffen Verwirklichung ist gesichert, sobald das in den Kreisen der deutschen Industriellen noch vielfach gegen dasselbe herrschende Mißtrauen erst den nolhwendigen Sympathien Platz gemacht haben wird.
Der Fahrt des ersten deutschen subventionirten Postdampfers, der „Oder", folgt man in den weitesten Kreisen fortgesetzt mit regem Interesse. Die auszeichnende Ausnahme und Begrüßung, welche der „Oder" während ihres zweitägigen Aufenthaltes in Antwerpen Seitens der belgischen Regierung wie Seitens der Vertreter der belgischen Industrie zu Theil geworden ist, kann in Deutschland nur mit Genugthuung ersüllen und die Zuversicht aus den günstigen Ausgang des nationalen Dampfer-Unternehmens erhöhen. Hierzu trägt auch die Nachricht bei, daß der „Oder" schon in Antwerpen so viel Fracht zugeführt worden ist, daß trotz der großen Dimensionen des Schiffes fernere Frachtausträge zurückgewiesen werden mußten und die „Oder" demnach mit voller Ladung am vergangenen Samstag bie Weiterreise antreten konnte.
Das Facit der erschütternden Eisenbahn-Katastrophe bei Würzburg läßt sich noch immer nicht ziehen, da verschiedene der leichter Verletzten noch am Tage des Unglücksalls weiter gereist sind. Die Zahl der hierbei getödteten Personen beträgt mit Einschluß der nachträglich verstorbenen Schwerverwundeten 16, 25 bis 30 Verwundete sollen sich noch in den Würzburger Spitälern in ärztlicher Behandlung befinden.
Der russische Minister des Auswärtigen, Herr v. Giers, ist am Dienstag Abend, von Petersburg kommend, in Berlin eingetroffen, wo er einen mehrtägigen Aufenthalt zu nehmen beabsichtigte. Der russische Staatsmann befindet sich auf der Reise nach Cannes, er scheint also den ursprünglich beabsichtigten Kurausenthalt in Franzensbad bis auf Weitere» wieder aufgegeben zu haben.
Am vorigen Samstag waren 20 Jahre verflossen, seit aus dem Schlachtfelde von Königgrätz die blutige und folgenreiche Auseinandersetzung zwischen Preußen und Oesterreich erfolgte. Der zwanzigjährige Gedenktag dieser Schlacht, die mit zu den EntscheidungS-Kämpsen der Weltgeschichte zählt, ist diesseits wie jenseits der schwarzgelben Grenzpsähle — sieht man vielleicht von militärischen Erinnerungs-Feierlichkeiten ab — im Allgemeinen ziemlich unbeachtet vorübergegangen und das freundschaftliche Verhältniß, in welches seitdem Deutschland und Oesterreich zu einander getreten find, rechtfertigt es, wenn man soviel wie möglich vermeidet, die Erinnerung an jene Zeit blutiger Zwietracht wieder herauszubeschwören. Möge heute kein auch noch so leiser Schatten der Vergangenheit auf die deutsch-österreichische Freundschaft fallen, um so weniger, al» sich binnen wenigen Wochen aus österreichischem Boden wiederum
Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef begrüßen werden, welche Begegnung abermals von der bedeutsamen, seit den Ereignissen von 1866 in dem Verhältnisse Deutschlands zu Oesterreich'Ungarn vor sich gegangenen Wandlung, Zeug- niß ablegen wird.
In den leitenden Pariser Kreisen wird man die Nachricht der osficiösen „Polit. Corresp.", daß das Manifest des Grafen von Paris in Petersburg einen wenig günstigen Eindruck gemacht habe, sicher mit großer Befriedigung ausnehmen. Die genannte Correspondenz versichert, daß man in den Petersburger Hoskreisen den fast agitatorischen Ton des Manifestes entschieden mißbillige und es überhaupt viel lieber gesehen haben würde, wenn der orlea- nistische Thronprätendent eine würdigere Haltung beobachtet und sich schweigend zurückgezogen hätte. Bezüglich der dem Grafen von Paris zugeschriebenen Absicht, in nächster Zeit eine Rundreise an die europäischen Höse zu unternehmen, weiß die „Polit. Corresp." mitzutheilen, daß die betreffenden Höfe durch diesen Besuch in Hinblick aus das Manifest des Prätendenten nur in Verlegenheit kommen konnten, da ein Empfang desselben unter den obwaltenden Umständen als eine Demonstration zu feinen Gunsten erscheinen müsse. — Der Prätendent, falls er sich wirklich mit der angedeuteten Absicht trägt, wird diesen zarten Wink hoffentlich verstehen.
Die aus der Balkan-Halbinsel kaum eingetretene Ruhe ist schon wieder durch eine Rauferei unterbrochen worden, die sich diesmal zwischen Türken und Montenegrinern abspielte. Den provocirenden Theil sollen nach montenegrinischer Darstellung die Türken gebildet haben; hiernach überschritten am 2. Juli mehrere Hundert Türken den Grenzfluß Tara, zündeten auf montenegrinischem Gebiete die nächsten Häuser an, besetzten die Befestigungen und nahmen zwei Kapitäne gefangen. Am folgenden Tage wurden die Türken von den Montenegrinern wieder zum größten Thelle vertrieben, nur in einem Häuser-Complex blieben eine Anzahl Türken mit den von ihnen gefangen genommenen Kapitänen zurück, wo sie von den Montenegrinern eingeschlossen sind. Es ist den Türken gegen Herausgabe der beiden Kapitäne freier Abzug zugesichert worden. Die Montenegriner geben ihren Verlust auf 7 Tobte und 13 Verwundete an; die Affaire scheint demnach gar nicht so unbedeutend gewesen zu fein. Wie spätere Berichte aus Cettinje besagen, capitulirten die eingeschloffenen Türken am 4. Juli nach einem mißlungenen Ausfälle und gaben die beiden gefangenen montenegrinischen Kapitäne heraus. Ort des Ueberfalls war Mojkovac, welches die aus drei ehemals türkischen, im Monat Mai von den Czernagorzen mit Gewalt besetzten Dörfern ausgewanderten Mohamedanern aus Rache überfallen hatten. Hoffentlich handelt es sich hierbei nur um eine der üblichen Grenz - Raufereien zwischen Türken und Montenegrinern, bei denen es immer Dutzende von Tobten und Verwundeten gab, ohne daß diese Zusammenstöße in den meisten Fällen ernstere politische Folgen nach sich gezogen hätten.
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München, 7. Juli. Wie die „Allg. Zig." meldet, sind sammtliche Minister morgen vom Prinzregenten zur Tafel geladen.
— Die Centennarfeier für König Ludwig I. ist auf Wunsch des Regenten auf nächstes Jahr verschoben worden.
Pari», 7. Juli. Die Syndikatskammern von Paris sprachen sich in ihrer gestrigen Versammlung für die Herstellung einer nationalen Marke zum Schutze gegen Fälschung französischer Erzeugnisse aus.
London, 7. Juli. Bei den nunmehr bekannten 387 Wahlen sind gewählt: 204 Eonservative, 44 dissentirende Liberale, 98 Gladstoniancr und 41 Parnelliten. Shaw Lefevre, Morgan, Mundella und Richard Chamberlain sind wiedergewählt.
— Nachmittags. Nunmehr sind 218 Eonservative, 45 dissentirende Liberale, 108 Gladstoniancr und 44 Parnelliten gewählt. Die Gladstoniancr gewannen 2 neue Sitze, die Eonservativen vier. In West-Belfast siegte der Parnelltt Sexton über den conseroativen Eandidaten.
- Die „Times" schreibt über das Vorgehen Rußlands bezüglich Votums: Die cynische Kündigung eines wichtigen Artikels des Berliner Vertrags müsse den englischen Staatsmännern und der englischen öffentlichen Meinung einen gründlichen Argwohn gegen die Ehrlichkeit der russischen Regierung einflößen; dieses Vorgehen habe eine ominöse Aehnlichkeit mit der Aufhebung der Schwarzenmeerklausel des Pariser Vertrags im Jahre 1870. Wenn England wieder angegangen werde, an die Arglosigkeit der russischen Diplomatie zu glauben, werde es sich jener dusteren Episode erinnern und sich sagen, daß die Schwierigkeiten einer englischen liberalen Regierung von Rußland in der Regel zur Begehung eines internationalen Vcrtrauensbruches benutzt würden. „ , ,
Dublin, 7. Juli. In letzter Nacht sind ernste Ruhestörungen mcht vorgekommem Nur durchzogen zahlreiche Volkshaufen die Straßen unter Absingen des Liedes: „Gott schütze Irland!"


