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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheil.
Bekanntmachung.
Nachdem Wilhelm Görlach zu Holzheim zum Wasenmeister für die Gemeinde Holzheim bestellt und in dieser Eigenschaft verpflichtet worden ist, so wird dies hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Gießen, am 6. April 1886. ' Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.__________
E dietalladung
Nachdem wider den Gardisten Georg Kaspar der 3. Kompagnie 1. Großh. Hessischen Infanterie-(Leibgarde-) Regiments Nr. 115, geboren am 4. Januar 1864 zu Saasen, Kreis Gießen, der förmliche Desertionsproceß eröffnet worden ist, wird derselbe hiermit aufgesordert, sich sofort bei seinem Truppentheil zu gestellen, spätestens aber in dem aus Dienstag den 17. August 1886, Vormittags 9 Uhr, anberaumten Termin vor dem unterzeichneten Gericht zu erscheinen, widrigenfalls die wider ihn eingeleitete Untersuchung geschloffen und er in eine Geldbuße von 150 bis 3000 Mark verurtheilt werden wird.
Darmstadt, den 6. April 1886. Großherzogliches Gericht der Großherzoglich Hessischen (25.) Division.
Politische Ueberficht.
Gießen, 8. April.
Die Frage, ob der Reichstag noch vor Ostern definitiv geschloffen oder aber zu diesem Zeitpunkte nur vertagt werden soll, ist nunmehr in letzterem Sinne entschieden woroen. Vor Ostern sollen noch der Gesetzentwurf, betr. die Rechtspflege in den deutschen Schutzgebieten, sowie das Militär- penstons-Gesetz, vollständig fertig gestellt werden, während die zweite Verathung des Unfallversicherungs-Gesetzes für die land- und sorstwirthschaftlichen Arbeiter, in welche der Reichstag am Dienstag eintrat, zur Stunde schon erledigt ist. Außerdem soll noch die Vorlage, betr. die Pensionsverhältniffe des Statthalters von Elfaß-Lothringen nebst einigen Petitionen und der Rechnungs-Commission zuzuweisenden Vorlagen, vor Ostern zur Erledigung gelangen. Falls in den vorn SmioreN'Convent des Reichstages in Uebereinstimmung mit der Regierung getroffenen Dispositionen nicht noch Veränderungen eintreten, erfolgt die Vertagung des Reichstages am nächsten Samstag und wird bis zum 10. Mai währen. Nach den Osterferien würde derselbe alsdann noch das Unfallversicherungs-Gesetz für die land- und sorstwirthschaftlichen Arbeiter, die Preßgesetz- Novelle und die Ackermann'jchen Anträge bezüglich Abänderung ta Gewerbeordnung, vielleicht auch noch diesen und jenen in der Zwischenzeit beim Bundes- rathe noch eingegangenen kleineren Gesetzentwurf, wie z. B. den über den bedingten Ausschluß der Oeffentlichkeit bei den Gerichtsverhandlungen, definitiv zu erledigen haben. Was die neuen Spiritussteuer-Entwürfe anbelangt, so herrscht hierüber noch Ungewißheit; ob sie in der am Sonntag unter dem Präsidium des Fürsten Bismarck stattgefundenen Sitzung des preußischen Staats- mimsteriums endlich fertig gestellt morden sind, muß um so mehr bezweifelt werden, als der Staatssecretär im Reichsschatzamt, Herr v- Burchard, dem die Fertigstellung der neuen Entwürfe hauptsächlich obliegt, plötzlich erkrankt ist. Es heißt sogar, daß die Erledigung der Branntweinsteuer-Frage in der gegenwärtigen Session überhaupt wieder zweifelhaft geworden ist.
Der Bunvesrath hat dem Reichstagsbeschluß, betr. die Verlängerung des Socialistengesetzes auf weitere zwei Jahre, seine Zustimmung ertheilt.
Die Entscheidung über die kirchenpolitische Vorlage im preußischen Herrenhause wird nun doch noch vor Ostern erfolgen, indem für nächsten Montag, den 12. d. Mts., die zweite Berathung des Entwurfes bestimmt aus die Tagesordnung des Herrenhauses gesetzt worden ist. Erst als- dann steht die Klärung in den kirchenpolitischen Angelegenheiten zu erwarten, -denn eine solche hat auch die am vergangenen Montag abgehaltene Sitzung der kirchenpolitischen Commission des Herrenhauses noch nicht gebracht. Aus oer- sstben ist lediglich die Erklärung des Cultusministers o. Goßler hervorzuheben, wonach Herr v. Schlözer die Mittheilung des Bischofs Dr. Kopp, daß die Kurie zunächst nichts als dis einmalige Anzeige für die bis jetzt vacanten Pfarreien gewähren könne, bestätigt hat. Der Papst sei, nach weiteren Mittheilungen des preußischen Gesandten beim Vatikan, überzeugt, daß nach einer abermaligen Revision der kirchenpolitischen Gesetze auch eine weitere Anzeigepflicht erfolgen und daß hinsichtlich des Einspruchsrechts des Staates die Kurie dann bereit sein würde, für Preußen dasselbe Verfahren, wie es für Württemberg schon besteht, zu gewähren. Der Minister fügte dem hinzu, daß die Staats- regierung nicht glaube, dem Könige dazu rathen zu sollen, schon jetzt seinerseits zu diesen Vorschlägen Stellung zu nehmen, ehe nicht beide Häuser des Landtages ihre Auffassung der Sachlage bekundet. — Hiernach zu urtheilen, hat sich also in der kirchenpolitischen Situation einstweilen noch gar nichts geändert und bleibt es Jedem frei gestellt, sich über den schließlichen Ausgang der gegenwärtigen Verhandlungen zwischen Preußen und Dem Vatikan einer optimistischen oder pessimistischen Auffassung hinzugeben.
Die Meldungen über die Danzig bedrohende Hochwasser- issahr lauten noch immer etwas bedenklich, doch darf man hoffen, daß es den fortgesetzten angestrengten Rettungs-Arbeiten, an denen sich namentlich das Militär in aufopfernder Weift betheiligt, gelingen wird, eine Katastrophe fernzuhalten.
In Belgien hat das gerichtliche Nachspiel zu den Arbeiter- unruhen begonnen, zunächst für die Führer der Bewegung in Charleroi. Die- jelben werden vom Gerichtshöfe wegen Bannbruches und einfacher Bettele:,
Bettelei unter erschwerenden Uinständen, bei Nacht, verbunden mit Drohungen und Erpressung, sowie wegen Angriffs aus die Arbeitsfreiheit zu drei- bis fünfjährigem Gesäugniß verurtheilt. Im Uebrigen ist die Ruhe in Charleroi wie auf den übrigen Schauplätzen des belgischen Arbeiteraufruhrs nicht wieder gestört worden und darf man wohl die Wiederherstellung der Ordnung als eine definitive betrachten. Die Zahl der Beschäftigungslosen ist freilich noch eine sehr beträchtliche, was nach den vorausgegangenen Ereignissen aber auch nicht Wunder nehmen kann; in Charleroi z. B. beträgt dieselbe etwa 10,000, doch dürste der größte Theil dieser Leute die Arbeit jetzt wieder aufnehmen.
In Decazeville, dem Mittelpunkte der französischen Arbeiterbewegung, ficht es dagegen fortgesetzt sehr bedrohlich aus. Zwar herrscht äußerlich noch Ruhe, aber es scheint die Stille vor dem Sturm zu sein; dem vorzubeugen, thut die Regierung ihr Möglichstes. Die Verhaftung der Redacteure des „Jn- transigeant", Quercy und Roche, wegen ausrührerffcher Reden derselben in Deca- zemüe^.hat natürlich in den anarchistisch-socialistischen Kreisen von Paris große Entrüstung hervorgerufen und zugleich einen wahren Kreuzzug socialistischer Deputirter und Redacteure nach Decazeville veranlaßt. Da werden die Gensd'armen wohl alle Hande voll mit Verhaftungen zu thun bekommen. Im Senate ist vom Senator Bozörian ein Antrag eingebracht worden, wonach jeder Versuch, durch Aufreizungen die Freiheit der Arbeit zu beeinträchtigen, unterdrückt, werden soll. Der Antrag nimmt speciell Bezug auf die jüngsten Ereignisse in Belgien und Decazeville.
Das russische Kaiserpaar ist zurStunde glücklich inLivadia. eingetroffen, ohne aus seiner Fahrt durch die Nihilisten belästigt worden zu fein. Der letzte Abschnitt der Reise, von Sebastopol nach Livadia, wurde bis Dalta auf Dampfern und von Dalta bis Livadia zu Wagen zurückgelegt. Der Empfang in Sebastopol wie in Aalta war ebenso glänzend wie begeistert; in letzterer Stadt wurden die Majestäten u. A. auch von muselmännischen Notabeln im National-Costüm begrüßt.
Serbien widmet sich jetzt vollständig der Consolidirung seiner inneren Verhältnisse und kümmert sich anscheinend gar nicht mehr um die rumelische Affaire. Die Neubildung des serbischen Cabinets unter Garaschanin ist seit Sonntag eine Thatsache; das neue Ministerium hielt am Montag bereits eine Sitzung wegen der Neuwahlen zur Skupschtina ab.
Die umlaufenden Gerüchte von einer Krisis im römischen Cabinet werden von der „Raffegnr" dementirt. Trotzdem versichert das ministerielle Blatt gleich hierauf, daß die gegenwärtige Situation nicht länger andauern könne und werde noch im Lause dieser Woche ein definitiver Beschluß gefaßt werden. Der Kammer-Präsident, welcher in Familien-Angelegenheiten in Apulien weilt, ist telegraphisch nach Rom zurückgerufen worden. Minister- Präsident Depretis conserirte am Montag längere Zeit mit dem König.
Die Neuwahlen zu den spanischen Cortes haben, entsprechend den gehegten Erwartungen, eine große Mehrheit für das Ministerium Sagasta ergeben. Vis Montag waren 310 ministerielle und 121 oppositionelle Wahlen bekannt; die Ruhe ist nirgends gestört worden.
Die Revolution in Uruguay soll nunmehr gänzlich unterdrückt fein. Es heißt, die Insurgenten seien gänzlich zersprengt und ihre Ueberreste bis an die brasilianische Grenze zurückgedrängt. Dementsprechend wird jetzt auch die Nachricht von der angeblichen Niederlage der Regierungs-Truppen bei Daiman wieder dementirt.
Darmstadt, 7. April. Se. Königl. Hoheit der Großherzog empfhb gen heute den Oberst und Commandeur v. Seebeck, sowie die Sekondlieutenants der Reserve Braun, Heyl und Welcker vom 1. Großh. Infanterie- (Leibgarde) Regiment Nr. 115, den Major Kühn ä la suite des Kriegsministeriums, den Sekonolieutenant der Reserve Dieffenbach vom 2. Großh. Infanterie-Regiment (Großherzog) Nr. 116, den Sekondlieutenant Stein von der Großh. Train- Compagnie, den Lieutenant zur See Scheibe!, die Jntendantur-Secretäre Frank und Dietz, den Landstallmeister v. Willich, den Telegraphen-Jnspector Treutler, den Hoskammerrath Nau, den Polizeiamtsdiener Frank, den Universitäts-Tanz- und Fechtlehrer Röse aus Gießen; zum Vortrag den Staatsminister Finger, den Ministerial-Präsidenten Weber, den Oberconsistorial-Präsid. Dr. Goldmann.


