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Dienstag den 9. März

1886

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Erscheint täglich mit Ausnahme M Montag».

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Serbien.

Der König hat sich zur feierlichen Verabschiedung

London, 6. März. Suda-Bay eingetroffen und übernommen.

England.

Der Herzog von. Edinburgh ist gestern in der hat den Befehl über das englische Geschwader

Schweden.

Stockholm, 6. März. Die zweite Kammer des Reichstags genehm migte mit 105 gegen 99 Stimmen einen Einfuhrzoll von zwei Kronen per 100 Kilogramm auf Roggen, Weizen, Korn, Mais, Erbsen und Bohnen.

Türkei.

Konstantinopel, 6. März. Die bulgarische Regierung erließ gestern einen Befehl, die Demobilisirung der Armee betreffend.

Der Gouverneur von Trapezunt, Assym Pascha, ist gestorben.

Amerika.

New'Nork- 6. März. Die Angestellten der New-Iorker Pferdebahnen haben abermals ihre Forderungen erhöht und den Dienst heute Morgen von Neuem eingestellt. Eine Polizei - Abtheilung von 500 Mann wurde am Nach­mittag zur Begleitung eines Pferdebahnwagens ausgeboten und sand starken. Widerstand. Später gelang es, ein Arrangement mit den Strikenden zu treffen^ wodurch der Strike beendet wurde.

Außerdem ist unter den Arbeitern der Südwest'Pferdebahn ein Strike ausgebrochen. Die Zahl der Strikenden beträgt etwa 9000 Mann. Beamte der Pferdebahn sind jedoch dabei nicht betheiligt und wird dec Betrieb der Pferdebahn dadurch nicht gestört.

Deutschland.

Darmstadt, Anfang März. Vor einigen Tagen waren hier unter Vorsitz des Präsidenten der Großh. Centralstelle für Gewerbe die Vertreter von den meisten der 40 Localgewerbevereine Hessens und der 18 bestehenden frei* willigen Innungen nebst einigen Mitgliedern des Ausschuffes des Landesgewerbe­vereins versammelt, um sich über die Frage zu berathen, ob nach dem Vorgänge Badens auch einestaatliche Enquete über die gewerblichen Zustände des Landes" eine landwirthschastliche ist bekanntlich längst im Gange empfehlenswerth sei. Rach demPf. Kour." sprach man sich dabei einstimmig gegen diese ge­werbliche Enquete aus, die trotz eines Aufwandes von mindestens 60,000 Kosten kaum ein genaues Bild von der Lage des Gewerbes liefern würde; wogegen man die Einholung der Wünsche und Beschwerden der Gewerbe durch die Organe der Localgewerbevereine und Innungen als nützlich empfahl. 19 dieser Vereine haben damit bereits den Anfang gemacht, und keine dieser 19 amtlichen Aeußerungen richtet sich bemerkenswerther Weise gegen den Fort­bestand der Gewerbefreiheit, wie sich auch keine für unbeschränkt zu fordernden Befähigungs-Nachweis ausspricht. Das ganze Seitens der genannten Corpora- tionen einlaufende Material soll später den versammelt gewesenen Vertretern und Ausschußmitgliedern zur Beschlußfassung unterbreitet werden, um zu ent­scheiden, inwieweit es zu legislatorischer oder zu organisatorischer Arbeit Anlaß giebt.

Berlin, 6. Mär;. Amtlich wird gemeldet: Der Kaiser ist durch an­haltende Heiserkeit verhindert, das Zimmer zu verlaffen. Die Contusions- Erschcinunqen an der Hüfte sind in Rückbildung begriffen und veranlassen ber den Bewegungen weitaus nicht mehr so lebhafte Schmerzen wie srüher. Der Kaiser empfing heute militärische Meldungen und hörte den Vortrag des Gene­rals v. Albedyll.

Karlsruhe, 6. März. Der Erbgroßherzog hatte Nachts ausgiebigen Schlaf ohne Athembeschwerden. Fieber ist jedoch noch vorhanden. Die Schwan- - kungen find dem Charakter der Krankheit entsprechens.

Irankreich.

Paris, 6. März. DemJournal des D6bats" zufolge ist die Zoll- Linie zwischen Ost-Rumelien und der Türkei wieder ausgehoben.

Der Mensck, welcher gestern das Attentat im Börsenjaale verübte, ist ein Bretagner, heißt Gallo und ist früher Arbeiter in einer chemischen Fabrik gewesen, jetzt jedoch beschäftigungslos; in öffentlichen Versammlungen ist derselbe bereits öfter aufgetreten. Im Jahre 1879 war Gallo wegen Falschmünzerei von dem Assisengericht des Seine-Departements verurtheilt.

Paris, 6. März. Diesen Morgen besichtigte der Untersuchungsrichter im Beisein Gallos dessen Zimmer in der Rue Mouffetard und sand dort eine Anzahl von Flaschen, die chemische Zusammensetzungen enthielten, die nach der Apothekerschule zur Untersuchung geschickt wurden, sowie harte Stoffe und anar­chistische Schriftstücke. Aus Befragen des Untersuchungsrichters antwortet der Verhastete:Seien Sie überzeugt, ich bin nicht verrückt, ich weiß, was ich thue; es ist mißglückt. Hier sehen Sie genug, um ein ganzes Stadtviertel in die Lust zu sprengen." Gallo sagte auch aus, zuerst habe er die Absicht ge­habt, vie Deputirtenkammer in die Lust zu sprengen. Der Verhastete hat eine ziemlich gründliche Bildung erhalten, wurde aber in die Schule der Künste und Gewerbe in Angers nicht ausgenommen und ging dann nach Deutschland und Italien, wo er mit vielen Anarchisten Bekanntschast machte. Nachdem festgestellt worden, daß der Verhastete vollständig bei Sinnen ist, wurde er m das Ge- sängniß von MazaS abgesührt.

Gestern Abend wurde in den Anarchisten-Versammlungen beschlossen, Geldsammlungen für die Grubenarbeiter in Decazeville zu veranstalten und Gallo einen guten Vertheidiger zu verschaffen. Seit gestern werden oie ^narchr- sten streng überwacht. Zwei deutsche, zwei belgische und ein russischer Anarchist werden morgen zur Grenze gebracht. An Der Börse herrschte heute eine zwm- lich ruhige Stimmung; viele geheime Polizeibeamte waren anwesend. Man glaubt, Gallo sei blos Werkzeug, weil ihn vor 3 Tagen, ein wohlgeklerdeter Mann in der Rue Mouffetard besuchte. Die Regierung wird den Beschluß des Gemeinderoths, der für die Grubenarbeiter in Decazeville 10,000 Francs be­willigte, für nichtig erklären.

Im heutigen Ministerrathe kündigte der Kriegsminister Boulanger an, er werde nächstens einen Gesetzentwurf zur Unterdrückung der Spionage vorlegen.

In Decazeville dauert die Arbeitsenthaltung fort.

Belgien.

Brüssel, 6. März. In Renaix sind in Folge der Entlassung von Arbeitern die aus einer Färberei ein Fabrikgeheimmß in eine andere getragen, Unruhen entstanden. Zur Ruhestistung aufgebotene Truppen wurden mit Ster* iten beworfen, ein Hauptmann schwer verletzt.

Atalien.

Nom, 6. März. Popolo Romano" dementirt kategorisch die Gerüchte tber eine MinisterkrisiS. , .

In Marano-Marchesato (Provmz Cosenza) sand em Erdbeben statt. Mehrere Häuser sind eingestürzt.

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Belgrad, 6. März, von der Armee nach Risch begeben.

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Reichstag.

E. R. Berlin, 5. März 1886.

Der Reichstag setzte heute die erste Berathung der Branntweinmonopol - Dor- läge fort.^ ^^M-nburg. Bevollmächtigte v. Prollins vertheidigt seine Regierung, gegen den gestrigen Vorwurf des Abg. Richter, daß sie verfassungswidrig eine Gewerbe­steuer im Anschluß an die Zuckersteuer habe einführen wollen. Das Vorgehen seiner Negierung sei von dem gesammten Bundesrath gebilligt worden.

Abg. Dr. Buhl (natlib.) erklärte, für seine Partei sei die Vorlage unannehm­bar. Die Consumverminderung von nur einem Drittel würde eine deutsche Ueber- production um 200 Millionen gegen einen Bedarf auf dem Weltmärkte von nur 123 Millionen Liter Hervorrufen. Dadurch, daß man einen übertriebenen Export cul- tivire, drücke man den Weltmarktpreis herab und wenn dann danach der Preis des inländischen Branntweins regulirt würde, so würde dieser dann künstlich unter fern normales Niveau herabgedrückt werden. Die Entschädigungen seren zu medrrg ge­schätzt, aber wenn sie auch höher bemessen würden, so würden sie doch nie so hoch sein können, nm den Betroffenen eine neue auskömmliche Existenz zu ermöglichen. Alle diese Personen wären zur Auswanderung verurtheilt. Der Hauptpunkt sei die Eonsumoerminderung, die mit 20 pEt. viel zu niedrig geschätzt sei; sie würde mindestens ein Drittel betragen, ivas die Monopoleinnahme um mrndestens 70 Mill, schädigen würde. Der finanzielle Erfolg der Vorlage sei also sehr zweifelhaft. Andere Staaten bezögen ja auch hohe Einnabmen aus dem Branntwein, ohne das Monopol zu haben. Dagegen sei seine Partei bereit, mit der Negierung auf anderem Wege eine bessere Ausnützung des Branntweins durch Erhöhung der Steuer zu finden, um un­abweisbare Bedürfnisse zu befriedigen oder drückende Lasten zu erleichtern. Dte Auf­gabe der Commission werde es sein, mit der Negierung andere Wege als das Mono­pol zu finden, auf denen höhere Erträgnisse aus dem Branntwein erzielt werden könnten, ohne das Erwerbsleben zu schädigen. Die vom Abg. v. Huene vorgeschlagene Consumsteucr müßte im Momente eingreifen, wo die Entfuselung erfolgt sei. Dte süddeutschen Staaten sollten sich in der Branntweinbesteuerung den norddeutschen an- schließcn, damit ein weiteres Neservatrecht fortfalle.

Finanzminister v. Scholz erwiderte, die Zahl der existenzlos werdenden Per­sonen werde weit überschätzt; die Furcht vor einer' so weitaehenden Ueberproductton, wie der Vorredner meinte, habe er nicht. Die jetzt bestehenden Brennereien sollen tn ihrem jetzigen Bestände geschützt werden. Der von ihnen producirte Spiritus muffe doch irgendwo geblieben sein; es werde sich also nur um den Spiritus handeln, der durch die Eonsumoerminderung überschüssig werde. Diesen unterzubringen, werde eben Aufgabe der Monopolverwaltung sein, aber nicht als Trinkbranntwein, sondern zu Heizungs- und Beleuchtungszwecken. Was den finanziellen Erfolg der Vor läge be­treffe, so habe er ja schoil gestern bezüglich der Entschädigungen die Bereitwilltgreir der Negierungen zu Verständigungen erklärt. Diese Erwägungen konnten doch nicht maßgebend sein bei einem solchen Projekte für das ganze deutsche Reich. 215cnn er er nicht für möglich erachtete, den Branntweinpreis im Jnlande aufrecht zil erhalten, fo würde er eine derartige Vorlage nickt eingebracht haben. Der Redner wandte stch nun zu einer Kritik der gestrigen Ausführungen und kehrte sich namentlich nut Scharfe gegen die Art der Beurlheilung, welche Abg. Richter gegen die Vorlage geübt. Der Bundesrath habe niemals ein Schriftstück mit solcher Nichtachtung behandelt, wie der Abg. Richter es mit dem Entwürfe gethan habe, nachdem ihm diefer in einem Thetle durch einen Vertrauensbruch oder die Indiskretion von Beamten bekannt gc- morden war. (Volkspartei) und Abg. Schuhmacher (Socialdemokrat)

motioiren mit wenigen Bemerkungen die ablehnende Haltung ihrer Parteieri gegen die q'iOrla02iba. ü. Czarniecki (Pole): Die Vorlage enthalte mancherlei für die Land- wirthschaft Nützliches, doch behalte seine Partei sich die Stellungnahme vor, bis Eom- missionsverhandlungen vorlägen. (Hört, hört! rechts und links.) .

Abg. Simonis (Elsässer) erklärt sich gegen daS Monopol. Die Branntwem- pest, welche in den Reichslanden seit 1870 bedenklich zugenommen habe, werde unter dein Monopol durch Schnapslädcn mit dem kaiserlichen Adler gefordert werden. Ver-

guten fyiio-

S glicht. xSjJö«21.

Leiter finden "dr. tzuler.