Mr. 7. Samstag dm 9. Januar LOK«
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schulstraße 7.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 8. Januar.
Wenige Tage nach dem am 8. Januar erfolgenden Wieder- zusammentritte des Reichstages nach seiner WeihnachtSpause wird auch der neue preußische Landtag seine Thätigkeit eröffnen, welcher durch königliche Verordnung auf den 14. Januar einberusen ist. Das parlamentarische Leben gelangt jetzt somit auf den Höhepunkt, dies um so mehr, als schon vor Weihnachten die Landtage verschiedener Einzelstaaten, wie von Bayern, Sachsen und Baben, beisammen waren und welche auch in den nächsten Wochen noch meitertagen werden ; außerdem treten am 19. Januar auch die württembergischen Ständekammern zusammen. Inmitten dieser vielseitigen parlamentarischen Thätigkeit werden die Verhandlungen des Reichstages aus leicht erklärlichen Gründen die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen, zumal, da das preußische Abgeordnetenhaus in der bevorstehenden neuen Session, soviel bts jetzt darüber bekannt ist, keineswegs durch Gesetzes-Vorlagen ersten Ranges in Anspruch genommen wird und dies gestattet den Schluß, daß die Debatten des Abgeordnetenhauses stch vsrhältnißmäßig ruhig und glatt abwickeln werden. Die leider unvermeidliche Concurrenz zwischen Reichstag und preußischem Landtag, ganz abgesehen von den gegenwärtig versammelten Volksvertretungen der anderen Einzelstaaten, dürfte aber auf die Verhandlungen beider parlamentarischer Körperschaften in gleich unliebsamer Weise einwirken und der Vorschlag, das Abgeordnetenhaus nach Erledigung des Etats zu Gunsten des Reichstages zu vertagen, ist ein ziemlich bedenklicher Ausweg aus diesem immer wieverkehrenden Dilemma.
Die Nachricht von der Verleihung des höchsten päpstlichen Ordens, des Christus-Ordens, an den Fürsten Bismarck, wird auch von der „Hamb. Börsenhalle" mit dem Bemerken bestätigt, daß der Orden mit Diamanten verliehen worden ist.
Der Streit der Presse über das Branntwein-Monopol- Pro ject der Regierung wogt weiter und daß da mancherlei eigenthümliche Anschauungen über'dasselbe mit unterlaufen, erscheint erklärlich. Aber im eigensten Interesse der Reichsregierung müßte es liegen, gegenüber diesen in Umlauf befindlichen irrigen Nachrichten über das Monopolproject mit einer authentischen Darlegung des bezüglichen Entwurfes, der, wie man hört, bereits dem Bundes- rathe zur Begutachtung vorliegen soll, hervorzutreten; indessen ist bis jetzt von einer solchen Darstellung in den officiösen Blättern noch nichts zu finden gewesen. Interessant ist nun, zu erfahren, daß in der badischen zweiten Kammer — und voraussichtlich auch in den anderen süddeutschen Kammern — die Regierung nächster Tage über ihre Stellung zum Branntwein-Monopol inter- pellirt werden soll. Vielleicht, daß man bei dieser Gelegenheit über das letztere von competenter Seite endlich die wünschenswerthe Aufklärung erfährt.
Die österreichischen Einzel-Landtage sind zum Theil geschloffen worden, zum Theil arbeiten sie jedoch auch noch weiter. Unter letzteren befindet sich der galizische Landtag, in welchem gegenwärtig wieder einmal über die sprachliche Gleichberechtigung gestritten wirv. Von Seiten der Ruthenen, dem von den Polen in Galizien so heftig angefeindeten zweiten slavischen Volksstamme in diesem Kronlande, war durch den Abg. Romanczuk der Antrag auf Einführung der ruthenifchen Unterrichtssprache in den Schulen Ost-Ga!izienä eingebracht worden. Die Unterrichts^ Commission, welcher dieser Antrag zunächst überwiesen worden war, hatte vorgeschlagen, denselben durch drei ziemlich unbedeutende Resolutionen zu ersetzen. Ueber letztere berieth der Landtag (über die Resolutionen) in zweitägigen stürmischen Debatten und das Resultat derselben war, daß die Resolutionen an die Unterrichts-Commission zurückverwiesen wurden, zur „nochmaligen Prüfung." Es bedeutet dies einfach die Verschleppung des ruthenifchen Antrages und der Wünsche, welche derselbe enthält.
Nach schweren Wehen ist nun endlich das neue französische Ministerium ;u Stande gekommen, wenn die hierüber vorliegenden Pariser Meldungen, die noch recht lückenhaft sind, Recht haben. Demnach würden Goblet, Carnot und Sarnen in das neue Cabinet Freycinet eintreten, alle übrigen von den Pariser Blättern bezüglich des neuen Ministeriums gebrachten Nachrichten sind höchst zweifelhaft, lieber die Lebensfähigkeit desselben wird man sich aber jedenfalls keinen optimistischen Anschauungen hingeben dürfen.
Am 2t. Januar tritt, wie nunmehr seststeht, das neue englische Unterhaus zusammen und das Ministenum Salisbury wird nun bald wissen, woran es mit dem neugewählten Parlamente ist. Lord Salisbury kann vor dasselbe wenigstens mit dem Bewußtsein hintreien, in der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten Englands keinen markanten Fehler gemacht zu haben, ja, es ist ihm sogar vergönnt, auf unbestreitbare Erfolge Hinweisen zu können, wie auf die Annexion Birmas. Auch im Sudan stehen die Dinge für die englischen Waffen nicht gerade ungünstig und eine englische Depesche aus Adri meldet, daß sich die Sudanesen in Folge ihrer Niederlage bei Ginnis noch weiter zurückgezogen hätten, in Kaibar befänden sich nur noch Nachzügler. — Trotz alledem wird matt dem Ministerium Salisbury keine lange Lebensdauer mehr prophe- zeihen tonnen und die irische Frage wird höchst wahrscheinlich der Stein des Anstoßes sein, welcher das jetzige conservative Cadinet Englands zu Falle bringen dürfte.
Die spanischen Cortes sind durch ein Decret der Regentin bis auf Weiteres vertagt worden. Man erklärt diese unerwartete Suspendirung der Verhandlungen der Cortes durch das Bemühen der Regierung, den Zwistigkeiten, welche sich im Schooße der conservativen Partei erhoben haben, Einhalt
Zu thun. In der Deputirtenkammer interpellirte der conservative Heißsporn Romero Robledo hiefer Tage den jetzigen Kammer- und früheren Conseil-Präsidenten Canovas wegen dessen Haltung nach dem Tode des Königs in heftigster Weile und verlangte die Reorganisation der conservativen Partei. Man glaubt in Madrid, daß das bisherige Zusammengehen der Conservativen mit der sog. dynastischen Linken ernstlich gefährdet ist.
Die Ernennung des serbischen Gesandten in London, Mi- trovic, zum Vertreter Serbiens bei den bevorstehenden FriedenS-Verhand- lungen mit Bulgarien ist Seitens des letzteren Staates noch nicht durch einen gleichen Schritt beantwortet worden. Es heißt nun, daß Fürst Alexander zu diesen Verhandlungen überhaupt keinen speciellen Vertreter Bulgariens ernennen werde und daß vielmehr der Commissär der Pforte in Sofia, Madjid Pascha, diese Rolle übernehmen würde; letzterer solle in der Person des bulgarischen Ministers Geschow lediglich einen Assistenten erhalten. Ueber den Ort der Friedens-Verhandlungen ist noch immer keine Einigung erzielt und sind alle hierüber umlaufenden Nachrichten unbegründet.
Amrschlarrd.
][ Darmstadt, 8. Januar. Se. Großh. Hoheit der Prinz Heinrich, CommÄndeur der hessischen (25.) Division, hat sich heute Nachmittag in Begleitung seines persönlichen Adjutanten, Rittmeister Schenk zu Schweinsberg, nach Bonn begeben, um an den Regiments-Festivitäten Theil zu nehmen, welche die Königs-Husaren dort am morgenden Tage begehen. Am 9. Januar sind es nämlich 25 Jahre, daß dem ersten Rheinischen Husaren-Regiment Nr. 7 vom König Wilhelm der Charakter als Königs-Husaren-Regiment verliehen worden ist. Prinz Heinrich aber steht ä la suite des Königs - Husaren - Regiments, dessen Uniform er auch am vergangenen Sonntag gelegentlich der großen Parole-Ausgabe zur Feier des Regierungs-Jubiläums Königs Wilhelm angelegt halte.
Die Neujahrs-Hoftafel, welche alljährlich im Großh. Schloß abgehalten wird, findet am nächsten Samstag im Weißen Saale des Schlosses statt. Cs sind 81 Einladungen ergangen, darunter auch eine größere Anzahl in die Provinzen.
Am Samstag Abend hält die Darmstädter Schleppmeute-Gesellschaft in den Räumen der hiesigen Vereinigten Gesellschaft einen solennen Ball ab; wie verlautet, wird auch des Großherzogs Königl. Hoheit diese Fesii- vität mit ihrem hohen Besuch beehren.
An Stelle des als Amtmann nach Schotten versetzten Polizei-Jnspectors von Hombergk zu Vach, wird, wie wir hören, Regierungs-Assessor Weber die am hiesigen Polizeiamt vakant gewordene Stelle erhalten. Assessor Weber,, ein Sohn unseres Finanzministers, ist zugleich Secretär der Ersten Kammer der Landstände.
Darmstadt, 5. Januar. sZweite Kammer der Stände.) Nach dem vom Abgeordneten Ellenberger erstatteten Bericht des ersten (Finanz-) Ausschusses zweiter Kammer der Stände über die Anträge 1) der Abgeordneten Ohly und Wolfskehl^ die zweite Kammer wolle beschließen, die Vorschule für das Gymnasium zu Darmstadt mit dieser Anstalt zu vereinigen und die entstehenden Kosten auf den Staat zu übernehmen; 2) des Abgeordneten Metz (Gießen), die Kammer wolle die Großh. Negierung ersuchen, die in Gießen tatsächlich in Verbindung mit dem Gymnasium bestehende Vorschule dauernd mit dem Gymnasium zu vereinigen und die hierzu erforderlichen Mittel in das Budget einzustellen; 3) des Abgeordneten Reinhart, im Anschluß an die von den Abgg. Metz (Gießen), Ohly und Wolfskehl gestellten Anträge wolle hohe zweite Kammer die principielle Uebernahme der Vorschulen der Gymnasien auf Staatskosten beschließen — beantragt die Majorität des Ausschusses: die Kammer wolle 1) Großh. Regierung ermächtigen, die zu Darmstadt, Gießen, Worms und Bensheim bestehenden Vorschulen als organisch mit dem Gymnasium verbundene Staatsanstalten zu übernehmen; 2) die rubricirten Anträge damit für erledigt erklären. Die Minorität beantragt: sämmtliche Anträge abzulehnen.
Die Großh. Regierung hat sich mit den Anträgen der Abgg. Metz, Ohly und Wolfskehl einverstanden erklärt, da sich die Erfahrung bestätigt habe, daß durch die Unterhaltung dieser Vorschulen für den Staat keine Belastung erwachse und die erforderlichen Ausgaben durch die Erträgnisse der Schulgelder der Regel nach mehr wie gedeckt würden. Bezüglich des Antrags des Abg. Reinhart nimmt die Regierung aus vorerwähnte Erklärung Bezug; was insbesondere die Stadt Worms betreffe, ss komme noch in Betracht, daß mit dem dasigen Gymnasium eine Realschule verbunden sei und würden daher die für Unterhaltung dieser Anstalt geltenden besonderen Grundsätze auch bei der Vorschule in Anwendung zu kommen haben.
Die Majorität des Ausschusses adoptirte die bereits früher von der Großh. Regierung in dieser Frage geäußerten Ansichten über die Zweckmäßigkeit einer organischen Vereinigung der Vorschulen mit den Gymnasien. Dieselben gehen hauptsächlich dahin: die Vereinigung ermögliche eine einheitliche Leitung und die Durchführung übereinstimmender Erziehungsprincipien; sie erleichtere die Verwaltung und biete den Vortheil, daß dieselben Lehrkräfte und Lehrmittel für beide Theile verwendet werden könnten und erziele dadurch ein Ersparniß. Die Einrichtung von Vorschulen an den Realschulen habe sich in dem Erfolg einer langen Reihe von Jahren bewährt. Wo die Vorschulen einmal beständen, werde man gewiß nicht daran denken, dieselben aufzuheben. Auch habe der ungenügende Zustand der Prioatschulen es als ein Gebot der Rothwendigkeit erscheinen lassen, daß der Staat die Vorbildung für die höheren Schulen in die Hand nehme. An größeren Orten decke das Schulgeld der Vorschulen nicht nur die durch dieselben veranlaßten Kosten, sondern ergebe sogar einen nicht unerheblichen Reingewinn. Die gewöhnlichen und sachlichen Ausgaben für die Vorschule des Gymnasiums zu Darmstadt betrügen nur 9410 «A die Einnahmen von 210 Schülern ä 72 ^ abzüglich 5pEt., dagegen 14 364 JL, folglich sei ein Ueberschuß von 4954 vorhanden. Sollten die Vorschulen jedoch aufgehoben werden, so würden die Schüler sich wieder den teuereren Privatschulen zuwenden. Es erscheine demnach aus pädagogischen wie aus finanziellen Gründen dringend wünschenswerth, die Vorschulen mit den höheren Lehranstalten völlig zu verschmelzen.


