Ausgabe 
8.8.1886 Erstes Blatt
 
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L o - a I e S.

Gießen, 7. August. Gestern Nachmittag machte die Klcinkinderschule unter Führung einiger Damen und Herren des Frauenvereins und der Lehrerinnen einen Ausflug zurLiebigshöhe". Hier wurden die Kleinen nach dem anstrengenden Marsche mit Kaffee und Bretzeln erquickt. Leider wurde die Festesfreude durch den anhaltenden Regen sehr herabgedrückt.

Die Zeit für Schwämmesucher scheint gekommen zu sein, denn man sieht mancherlei Gestalten suchenden Blickes denTrieb" durchstreifen. Bei dem anhaltenden feuchten Wetter wird diese Ernte gut ausfallen.

Wie aus dem Jnseratentheile ersichtlich, hat die Ruder-Gesellschaft das für morgen projectirte Sommerfest in Anbetracht der unbestimmten Witterung bis auf Weiteres verschoben.

Vermischte-.

Heuchelheim, 7. August. Ein junger Mensch, der ein Liebhaber von Stall­hasen zu sein scheint, sich solche aber durch Einbruchsdiebstahl verschaffte, wurde eingesteckt.

Mannheim, 6. August. Ein sehr bedauerlicher Unglücksfall hat sich soeben, früh 6 Uhr, auf dem Perron des Personenbahnhofs dahier ereignet. In Folge des enormen Andranges zu den diesen Morgen nach Heidelberg abgegangenen Extra­zügen wurde die Frau des hiesigen Kohlenhändlers Lehmann unter die Räder eines abfahrenden Zuges gedrängt und ihr der linke Fuß oberhalb des Knöchels ab- gefahren.(F. Z.)

Auszug aus dm Staudesamtsregistern des Standesamts Gießen!

Aufgebote.

Juli: 31. Ludwig Wilhelm Müller, Feldwebel und Zahlmeister-Aspirant dahier mit Anna Frank von Gießen. August: 5. Dr. Georg Philipp Adam Eberhard Ihm, Gymnasiallehrer zu Bensheim, mit Helene Marie Mathilde Becker von Gießen 5. Anton Schmidt von München, Schriftsetzer dahier, mit Wilhelmine Adolfine'Caroline Friederike Kreuter von Gießen.

Handel und Verkehr.

Gießen, 7. August. Auf dem heutigen Markt kostete i Butter per Pfund X 0.95-1.00, Hühnereier pr. St. 56 H, Enteneier St. 60 H, Käse pr. St. 48 A, KSsematte 30 Erbsen pr. Liter 20 X Linsen 32 Tauben per Paar 0,50 btS 0,65 H, Hühner per Stück X 0.851.20, Hahnen pr. Stück X 0.501.00, Enten per Stück X 1.201.80, Ochsenfleisch per Pfund 6264 Kuh- und Rindfleisch 5256 H, Schweinefleisch 5460 Hammelfleisch 5066 X Kalbfleisch 4650 X Kartoffeln per 100 Kilo X 4.500.00, Milch per Liter 1218 H, Zwiebeln per Centner X 5.00-5.50._______________

-reichen nach der Schlachi bei Oeckenheim (1462), ein. Ein schöner, rechter und mann- haster Herr, dieser starkgerüstete Fürst, der da mit entblößtem ftegrerchem Scdwertt auf seinem gutgeharnischten Streitroß heranreitet! Fromm und beicheiden imd dennoch selbstbewußt blickt er vor sich nieder, während die getreuen Edlen bewundernd nach ihm Hinschauen und Bürger und Kinder ihn jubelnd begruben. Hinter ihm ziehen Trommler und Pfeifer und seine Kriegsknechte, seine [djone Liebste, die roonnejiune Clara Dettin mir einer Kammerfrau, Bürgerfrauen und Burger, Studenten, Schutzen und Stadtknechte. Dann wieder ein Herold, der Herold der Aluthezett der Pfalz im folgenden Jahrhundert. Wer, der je in den Hofen einer deutschen Hochschule verkehrt hat, erinnerte sich nicht seiner, dieses populärsten Herrschers der frohliä)en Pfalz,, wer kennte es nicht, das lustige Studentenlied:Ott Heinrich, Pfalzgraf bei Rheine, der sprach eines MorgensRemblem". Ich pfeif' aus die sauren Weine, Ich zieh nach Jerusalem!" Pflege der Kunst und Wissenschaft durch Kurfürst Otto Heinrich 1o56 bis 1559. So hat Professor Hoff, der geniale Erfinder des Zuges, diesen Abschnitt betitelt und wahrlich, er hat damit ein Bild geliefert, wie es des edlen Fürsten würdig ist. Berühmte, populäre Namen sind es, welche die Mitglieder dieses Zuges tragen.

An der Spitze Ott Heinrich selbst, vor ihm Trompeter zu Pferde, die em lustig pfälzisch Polksliedlein blasen, im Gefolge Graf Adolf von Nassau und die Gemahlin Ottos die Pfalzgräfin Susanna, dann die ©reifen von Gemmingen und Venningen, v Solms und Helmstädt, die Gelehrten Kaspar von Mosbach, Melanchton, Jacob Mlcyllus, Studenten, Bürger, Knappen, Patrizierinnen und Bürgerinnen, der Universltatswagen mit dem weisen Rector, der in das Studium eines aufgeschlagenen Folianten ver­tieft ist und in dankbarer Erinnerung an den Erbauer des schönsten Schloßtheiles dort oben auf der Höhe, den berühmten Ott-Heinrichsbau, der Wagen des Baugewerks put seinen Werk- und Baumeistern, Fuhr- und Zimmermännern und Lehrlingen, begleitet von Mädchen, Knaben, Fahnenschwenkern, Lands- und Stadtknechten.

Die Pracht der Costüme ist eines so prunk- und glanzliebenden Fürsten, wie Ott' Heinrich es war, vollkommen ebenbürtig, wird ober noch übertroffen von den glänzenden Bildern, welche uns die nächsten Abtheilungen des herrlichen Aufzugs vor Augen ^re^oIfgIeben ber schlichen Pfalz zu Ende des 16. Jahrhunderts mit seiner prächtigen Adels-Laube mit dem ganz in Rosa gehaltenen Wagen der Palatia, worin die sinnberückende Neckarnymphe, ein Fräulein Hörning, und der Vater Rhein sitzen, der Wagen des Bachus und der Ceres, die schönen Winzerinnen, der Palatin der Venus, das Höllengepösel, alle die lustige Narretheidung der damaligen Zeit versinn­lichend, Solen und seine Begleiter, die Nachbildung des großen Heidelberger Fasses _ das alles ist reizend, farbenreich, lebendig und anmuthend, so schön und glänzend. Aber wie der folgende Theil: Einzug des Kurfürsten Friedrich V. mit seiner Gemahlin Elisabeth von England, ist das Vorangegangene sämmtlich nicht. Das stolze Albion hat seine auserlesensten Vertreter, seine stolzesten Schönheiten zu dem Hochzeits­feste geschickt und der kurfürstliche Hof wetteifert offenbar mit ihm, seine Gesandten , und Gesandtinnen durch das Aufgebot der Blüthe seiner Edlen und Edeldamen zu übertreffen. Den Cennor, Dudley, Arendill und Harrington stellt er die Anhalt, v. Wied, die Markgräfinnen von Baden und bei Rhein, die Herzöge von Branden­burg und Württemberg gegenüber. Ein wahrer Minnehof und Fürstencongreß ist es, der hier in den grünen und rothcn Staatskarossen und auf den purpurgezäumten, feder­buschtragenden Rossen vorübereilt. Die Kurfürstin Elisabeth, durch eine geborene Engländerin, eint/ hier in Heidelberg lebende Miß Brown dargestellt, ritt unter einem blauen Baldachin und erregte durch die Schönheit ihres Costüms, noch mehr aber durch ihre Characterähnlichkeit allgemeines Aufsehen.

Eine traurige Periode folgt diesem glänzenden Bilde: Die böhmische Gesandt­schaft, welche dem unglücklichen Friedrich V. die böhmische Dornenkrone antrug, die Zeit des 30 jährigen Krieges, versinnlicht durch einen Ritter in schwarzer Rüstung mit geschlossenem Visir und der Orleans'sche Erbfolgekrieg, dargestellt durch ein reiterloses, mit dunkler Purpurdecke bekleidetes schwarzes Roß. Dann nahen wieder fröhlichere Tage, Kurfürst Carl Ludwig 16321680 mit der holden Louise von Degenfeld und der jagdlustige Kurfürst Carl Philipp 17161742 mit der ganzen edlen Jägerei, mit Piqueuren, Meuten, Förstern, Sauhetzer, Falkenjungen, pirschenden Cavalieren und Damen, Pirschwagen mit Hirsch und Sau, Falkenbahren und Netzträger hinter sich, ein Gemälde des edlen Waidwerks, bei dessen Anblick man ordentlich Wald- und Wild- pretduft einathmete. Auch Zwerg Perkeo, der unsterblich gewordene Weinsäufer und Witzbold fehlte nicht. Die Regierungsperiode des folgenden Kurfürsten war nur durch eine kurze Gruppe, den Kurfürsten selbst in einem offenen Staatswagen, einige Läufer und Vorreiter, einige Dragoner, Professoren und Studenten vertreten. Desto reich­haltiger gestaltete sich dagegen die Schlußgrr ppe, die Wiederherstellung der Universität durch Karl Friedrich von Baden (1803) darstellend. Musik zu Fuß, Vorreiter, Fest- marschall und Stadtknechte begleiteten den Karl-Friedrich-Festwagen, einen einfachen Obelisken, zu dessen beiden Seiten unter mächtigen Palmenzweigen zwei Genien placirt waren. Soldaten aus den Freiheitskriegen, alte und neue Burschenschafter, Stadt­knechte, Angehörige der Corps und der von zahlreichen Pagen begleitete Standarten­träger des neuen deutschen Reichs hoch zu Roß gaben dem Ganzen dann einen wür­digen Abschluß. Im Ganzen waren etwa 1000 Personen bei dem Zuge betheiligt, den ich, was historische Treue, Reichthum und Geschmack der Costüme, Farbenabwechselung und Farbenharmonie sowie künstlerische Wirkung betrifft, unstreitig als den glän­zendsten Costümzug bezeichnen muß, den ich je gesehen. Selbst bei dem Vortrag der Musikstücke hatte man bei allen Abtheilungen nur die den betreffenden Epochen charac- teristischen Stücke gewählt. Der Vorbeimarsch dauerte etwa eine halbe Stunde. Gegen 121/r Uhr auf dem Platze vor der Festhalle angelangt, zertheilten sich die Theilnehmer, von denen eine große Anzahl in der Festhalle von der Anstrengung des Rundzugs sich durch eine kräftige Collation erholte.

Einzelne von ihnen sitzen noch jetzt, am kühlen Abend da und schützen sich vor­der Unbill des Regens, der jetzt, nachdem der Vormittag uns gleich den beiden vorher­gehenden Tagen recht hübsches Wetter gebracht, mit einmal wieder eingetreten ist. Der Großherzog nebst Gemahlin halten tapfer mit aus. Sie besuchten heute Mittag die Schloßruine wieder, wo vor dem Heidelberger Faß siä) eine fortwährende, rauschende Zecher-Orgie abspielt. Der Erbauer des Faßoriginals ist übrigens glücklicher gewesen, als seine zeitgenössischen Nachahmer. Ein eigenthümlicher Zufall wollte es, daß diejenigen Männer, welche die Idee zur Nachahmung und Aufführung des' Niesenfasscs im Fest­zuge gaben, zwei hiesige Wirthe, sowie der Küfermeister Sulzer, der Erbauer der schönen Copie, vor kurzer Zeit hintereinander starben. Sie haben alle drei die Verwirklichung ihres Weites nicht erlebt.

Heute Abend um 9 Uhr beginnt der große allgemeine Studentencommers in der Festhalle und der morgige Tag bringt ebenfalls noch verschiedene Festlichkeiten.

ein Unterfangen, welches unmittelbar vorher noch als die abenteuerlichste Unmöglichkeit hätte erscheinen müssen? Er glaube das Gegentyeil. Etwas vom Schauen des Dichters müsse auch der Forscher in sich tragen. Freilich ist letzterem mühsame und geduldige Arbeit nölhig, um das Material zu sichten und bereit zu machen. Aber Arbeit allem kann die Licht gebenden Ideen nicht herbeizwingen. Diese springen wie die MinervL aus dem Kopfe des Jupiter unvermuthet, ungeahnt; wir wissen nicht, von wannen sie kommen. Nur das ist sicher: dem, der das Leben nur zwischen Büchern und Papier kennen gelernt hat und dem, der durch einförmige Arbeit ermüdet und verdrossen ist, dem kommen sie nicht. Die Empfindung von Lebensfülle und Kraft muß da sein, wie sie vor Allem das Wandern in der reinen Luft der Höhen giebt. Und wenn der stille Frieden des Waldes den Wanderer von der Unruhe der Welt scheidet, wenn er zu feinen Füßen die reiche üppige Ebene mit ihren Feldern und Dörfern in einem Blicke umfaßt und die sinkende Sonne goldene Fäden über die fernen Berge spinnt, dann regen sich wohl auch sympathisch im dünken Hintergründe seiner Seele die Keime neuer Ideen, die geeignet sind, Licht und Ordnung in der inneren Welt der Vorstellungen aufleuchten zu machen, wo vorher Chaos und Dunkel war. .

Heidelberg, die Zuflucht müder und beladener Seelen, die Erquickungsstatte der Leidenden, die Stadt strenger Arbeit und jugendlicher Begeisterung, die wir alle lieben und zu der wir gekommen sind, weil wir sie lieben,

Alt Heidelberg, die feine,

Die Stadt an Ehren reich, sie wachse, sie blühe, sie lebe!

Heidelberg, 6. August. Der von dem Maler Karl Hoff, Professor an der Kunstschule zu Karlsruhe, entworfene und unter seiner persönlichen Leitung zur Aus­führung gebrachte historische Festzug, welcher die seit der Gründung der Universität verflossenen 5 Jahrhunderte zur Darstellung brachte, ist programmmäßig verlaufen. An demselben nahmen über 900 Personen mit 300 Pferden und 14 Prachtwagen Theil. Durch seine bis in die geringsten Einzelheiten durchgeführte historische Treue in den Trachten, Geräthschaften und allen übrigen Beziehungen, sowie auch durch die Farben­pracht und den Reichthum der verwendeten Stoffe machte der Zug auf sämmtliche Ziffchaucr einen unvergeßlichen Eindruck. Die volle Entwickelung des Zuges dauerte 3/4 Stunden. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog hatte nebst Familie und Gefolge, dem Prorector und den Decanen der vier Facultäten auf einem nahe am Ausgangspunkte des Zuges errichteten Pavillon Platz genommen, so daß der Zug den Pavillon zweimal vassirte. Die Delegirten und die Ehrengäste der Universität sahen von einer neben dem Pavillon aufgeschlagenen Tribüne zu. Der Großherzog von Hessen hatte incognito an einem Fenster des HotelDarmstädter Hof" Platz genommen. Die Straßen der Stadt, durä) welche sich der Zug bewegte, waren von einer Kopf an Kopf gedrängten Menschenmenge angefüllt. Die Ordnung wurde nirgends gestört.

Heidelberg, 6. August. Heute Abend um 9 Uhr begann in der Festhalle ein allgemeiner Studenten Commers, woran 8000 Personen theilnahmen. In der Mitte der Ehrentafel saß der Großherzog, rechts neben ihm Prinz Karl, die Professoren Schulze, Gneist und Franklin, links Prorector Bckker, gegenüber Minister Nokk mit mehreren Hofwürdenträgern. Um ValO Uhr erhob sich der Großherzog und brachte einen Toast auf Se. Maj. den Kaiser aus, der mit stürmischem Hoch ausgenommen wurde. Der­selbe lautet:

Ich sage den Unternehmern dieses Festes meinen Dank für deren freundliche Einladung und dafür, daß mir der Ehren Vorsitz dabei übertragen wurde. Ich schreite zur Ausübung meiner Rechte, indem ich die werthe Verpflichtung übernehme. Seine Majestät dem Kaiser, unsere erste Huldigung darzubringen. Wir erheben uns in Ehr­furcht, Liebe und Begeisterung zum freudigen Ausdruck unserer Gesinnungen. Wohl der Nation, die zu einem Oberhaupte aufblicken kann, das die Krone als das Symbol der Macht und Größe des Reiches so ehrwürdig und selbstlos trägt, dessen milde Hand das Sccpter mit Stärke und Gerechtigkeit führt. Wohl der Nation, deren Grund­rechte nicht von dem Wechsel menschlicher Anschauungen abhängig sind, sondern auf dauerhaften Grundfesten ruhen. Dankbar erkennen wir an, daß uns Deutschen ein solcher Vorzug beschieden ist. Der Besitz dieser Güter muß uns aber stets an die Geber derselben erinnern, an die Vorkämpfer für Unabhängigkeit, an die todesmuthigew Kämpfer für Freiheit des Vaterlandes. Das Bewußtsein der Macht und des Ansehens unseres Deutschen Reiches muß uns eine stete Mahnung bleiben, für die Erhaltung dieses kostbaren Besitzes nach Kräften zu wirken. Da wende ich mich denn an Sie Alle, meine jugendlichen Akademiker, und ermahne Sie, zur Stärkung dieser großen Aufgabe mitzuwirken dadurch, daß Sie Ihre reichen Kräfte zur Förderung gediegener Kenntnisse autbieten, die Sie befähigen, dem Kaiser und dem Vaterlande mit Hingebung nutzbringend zu dienen. Sehen Sie Ihren Stolz darein, für alle Ausgaben des Lebens so gut ausgerüstet zu sein, daß Sie überall helfend cinzutreten vermögen. Bewahren Sie sich dabei die ideale Auffassung, in der die Kraft liegt, das Schwere zu über­winden und in dem Streben nach den höchsten Zielen muthig auszuharren. Wohl dem Reiche, dessen Söhne ihre Ehre darin finden, das Ansehen desselben durch ihre Bildung und Kenntnisse zu erhöhen. In solchem Streben werden dem Kaiser und Reiche Stützen geschaffen, deren Werth zwar jetzt schon zur Geltung kommt, in später Zukunft aber noch höhere Bedeutung gewinnt. Daß unser Kaiser sich noch lange an solchem Streben erfreuen möge und dadurch die mühevolle Arbeit seines Lebens auf gute Bahnen geleitet wisse, das ist der Wunsch, mit dem ich in Ihrer Aller Namen rufe: Gott erhalte unseren Kaiser Wilhelm, er lebe hoch!"

Heidelberg, 5. August, Abends. Der Großherzog hat den päpstlichen Ab­gesandten, Bibliothekar Stevenson, mit der Ueberbringung eines eigenhändigen Schreibens an den Papst und mit der Ueberbringung der goldenen Jubiläumsmedaille beauftragt.

Heidelberg, 6. August. Professor v. Helmholtz sagte in der bei dem Festmahle am 4. d. zu Ehren Heidelbergs gehaltenen Rede, er habe den Auftrag erhalten, auf die Stadt Heidelberg einen Trinkspruch zu bringen; es sei ihm eine Freude, dem nach­zukommen. Er habe Heidelberg zuerst als Tourist kennen gelernt und habe den Zauber seiner Schönheit gleich tief gefühlt. Da gebe es echte Schönheit und falsche Schönheit. Der Eindruck der letzteren schwäche sich ab, wenn man sie zum zweiten Male, sie lang­weile, wenn man sie zum dritten Male sehe. Er habe ausgedehnte Gelegenheit gehabt, Heidelbergs Schönheit als echt zu erproben, da ihm ein günstiges Geschick gestattet, zwölf Jahre hier zu leben. Die Individualität des Menschen ist ein Product seiner Geschichte und so sei die Liebe zu Heidelbergs Landschaft ein Stück seiner Seele geworden.

Aber er wolle sich nicht in einer poetischen Beschreibung von Heidelbergs Schönheit ergehen, das hätten Tausende schon vor ihm gcthan, darunter die ersten Dichter deutscher Zunge von Goethe bis auf den uns erst jüngst entrissenen, dessen Lieblingsthema diese Stadt gewesen. Ihnen könne er nicht nacheifern. Ihm scheine, Jeder spreche am besten von dem, was er selbst am besten kenne, und Heidelbergs Ehrenkranz werde am schönsten, wenn mannigfaltige Blumen hineingeflochten würden, auch einmal eine etwas absonderliche. Darum wolle er die Schönheit der Stadt als Naturforscher betrachten. Set es ein Zufall, daß von diesen grünen Hügeln aus der deistige Blick des Menschen zum ersten Male in die unermeßlichen Welträume ge­rungen sei mit der Einsicht, wie die chemische Natur der Weltkörper zu entziffern sei,