M. 182 Ersetz Blatt. Sonntag den 8 August
1886.
iehener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Gefunden: 1 Paar Stauchen, 1 Kinderschürze, 1 Rolle Geld, 1 Taschentuch, 1 Lampenbassin mit Brenner, 1 Ackerleine, 1 Paar Glacehandschuhe, 1 Petschaft, 1 Hundeblechmarke.
Gießen, den 7. August 1886. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Kraemer. MMMjMKMMBBJMMMMKanaWMBBMWBMWMMEgHiaMMMMBMWWiMgKDaMaMBHaagMaMK ■>«■■■■■»«***■ gagaCTMMWMMMMMMMMMMMWMPMBBWMMWMBBMBMBMWMK———WP—BtaWl^W—
Deutschland.
Karlsruhe, 5. August. Die Mitglieder der Lehrlörperschasten der Universität Heidelberg und die zu deren Jubelfeier entsendeten Delegirten und Ehrengäste wurden bet ihrer Ankunft aus dem hiesigen Bahnhose von dem Oberbürgermeister Lauter begrüßt uno begaben sich daraus zu Fuß durch die ein dichtes Spalier bildende Menge nach dem grobherzoglichen Schlosse. Beim Passiren des Rathhauses ertönte von dessen Balcon der Einzugsmarsch aus Wagner's „Tannhäuser." Bei dem Eintritt in den EmpsangSsaal des Schlosses wurde jeder einzelne der Geladenen zuerst dem Grobherzog und dann der Frau Großherzogin vorgestellt, welche beide an jeden der Vorgcstellten huldreiche Worte richteten. Die vorgestellten Personen begaben sich hieraus in den Schloßgarten, wo, während die Militärmusik concertirte, Thee gereicht wurde. Nach Beendigung der Vorstellung uad nachdem sämmtliche Gäste ihre Namen in ein Gedenkbuch eingetragen hatten, wurde in den oberen Räumen des Schlosses das Souper eingenommen, bei welchem sich der Großherzog und die Frau Großherzogin ununterbrochen unter ihren Gästen bewegten. Unter den letzteren befanden sich auch die preußischen Minister v. Goßler und Dr. Lucius, sowie der preußische Gesandte v. Elsendecher und der badische Gesandte Marschall v. Bieberstein aus Berlin. Nach beendetem Souper fanden im Schloßgarten bei glänzender Beleuchtung durch Magnesiumlrcht und bengalische Flammen Gesangsvorträge der Karlsruher Gesangvereine statt. Um 1OV2 Uhr führte ein Extrazug den Großherzog gemeinsam mit seinen Gäten nach Heidelberg zurück.
Hamburg, 6. August. Am Mittwoch Abend überraschte die Polize-. im Keller eines Wirthschastslokals 8 Socialdemokraten in geheimer Versammlung, je zwei Hamburger, Altonaer, Harburger und Ottensener. Dieselben wurden bei voller Arbeit angetroffen; socialisiifche Schriften, Correspondenzen, Zahlungslisten und Mitglieder-Verzetchnisse wurden bei ihnen vorgesunden und es konnte constatirt werden, daß die Ueberraschten die locale Centralleitung bilden. Sie wurden sämmtlich verhaftet und an das Altonaer Untersuchungsgericht abgeliesert.
Irankreich.
Paris, 6. August. „Temps" dementirt formell das Börsengerücht, die Regierung gehe bannt um, für die noch nicht abgelaufenen Zahlungs-Termine für die letzte Anleihe eine frühere Versallzeit sestzusetzen.
England.
London, 5. August. Heute fand eine Versammlung der dissentirenden Liberalen bei Hartington statt, welcher seine Befriedigung über die Erfolge bei den Parlamentswahlen aussprach, indeß anrieth, im neuen Parlamente von jeder feindseligen Haltung gegenüber den Gladstonianern abzusehen. Die Wieder- Consolidirung der liberalen Partei sei nur eine Frage der Zeit. Die diffen- tirenden Liberalen müßten deshalb ihre Sitze an der Seite der übrigen Liberalen einnehmen und dadurch darlegen, daß die liberale Partei, ausgenommen einen einzigen Punkt, einig sei. Chamberlain stimmte durchwegs den Ansichten Har- tington's zu, die hieraus auch von der Versammlung gebilligt wurden.
Serbien.
Nisch, 6. August. Die Skupschtina wurde nach Votlrung der Lissaboner Post-Convention, Aushebung des Exportzolles aus Mais und Ankaufes von 5000 Actien der Tabak Monopol-Gesellschaft bis zum 17. October vertagt.
Amerika.
New Uork, 6. August. Telegraphischer Meldung zufolge fand gestern in El-Paso der Proceß gegen Redacteur Cutting statt. Medina, als Zeuge vernommen behauptete, er sei durch die verläumderischen Veröffentlichungen Cutting's in seinem Geschäfte und seiner Ehre geschädigt und beanspruchte deshalb Schadenersatz. Cutting bestritt die Zuständigkeit des Gerichtshofes und erklärte, an seine Regierung sich wenden zu wollen." Der Richter sprach Cutting fchuldig. setzte aber die Vollziehung des Urtheils aus 12 Tage aus.
Washington, 6. August. Der Congreß vertagte sich, ohne eine Maßregel bezüglich der Freilassung des verhafteten Redacteurs Cutting zu beschließen.
Telegraphische Depesche«.
BolA'l tsSsg*. «snrespONdeir» • Dtnran»
Berlin, 6. August. Der „Reichsauzeiger" veröffentlicht das Gesetz, betreffend die Gewährung von 50,000,000 JL für den Bau des Nordostseekanals.
Salzburg, 6. August. Prinz Wilhelm von Preußen ist heute früh zu Wagen von Neichenhall hier etngetroffen und um 91/* Uhr mit dem Postzuge nach Gastein gereist.
Rom, 6. August. In Mailand ist ein großer Bäckerstrike ausgebrochen. Unter 1300 Arbeiter sinken 1000.
Pelplin, 6. August. Heute ging die Mittheilung ein, daß der Papst den Domkaprtularvicar Dr. Leo Redner zum Bischof von Culm designirt habe.
Wien, 6. August. Tisza ist heute Nachmittag nach Budapest abgereist.
London, 6. August. Oberhaus. Der Lordkanzler, Lord Salisbury, zeigt an, daß die Wiederwahl Peel's zum Sprecher des Unterhauses die königliche Genehmigung erhalten habe.
. — In beiden Häusern fand die Vereidigung neu eingetretener Mitglieder statt. Vom Unterhause wurde die Vornahme von Ersatzwahlen in denjenigen Wahlbezirken angeordnet, in welchen durch die Ernennung der neuen Minister Vacanzen entstanden sind.
Triest, 6. August. Cholerabericht. Es erkrankten seit gestern bis heute 5 und starben 8 Personen.
Konstantinopel, 6. August. Für die Passagierboote aus Varna ist eine fünftägige Quarantäne angeordnet worden.
Heidelberger Iubiläumsbrieft.
VI.
Heidelberg, 6. August.
Z. Schon seit 6 Uhr heute Morgen entwickelt sich unter meinen Fenstern in der „Anlage" ein bienenstockähnliches Menschengeivühle. Die Allee ist'gleich den übrigen Straßen der Stadt seit gestern Vormittag durch dicke Taue, die nur den sogenannten Bürgersteig frei lassen, abgespcrrt und die Uebergänge werden von Schutzleuten zu Fuß und zu Roß, von Feuerwehrleuten und Kriegervereinsmitgliedern in glqnzender Uniform sorgsam bewacht. Hinter den langges^onnenen Seil-Grenzen stehen und sitzen in den abenteuerlichsten Stellungen Männlein und Weiblein, Jung und Alt, Greise und Kinder; auf den zahllosen Tribünen, die sich in den Straßen erheben, breitet sich der Damen lieblicher Flor und die Angehörigen der „zahlungsfähigen" Zuschauer aus; einzelne Gruppen behaglich frühstückend, andere scherzend und in lebhafter Unterhaltung begriffen, alle in gespanntester Erwartung auf die Dinge, die da kommen werden. Der große Festzug geht heute Vormittag durch die Stadt und Jedermann beeilt sich, einen möglichst oortherlhaften Observationspunkt zu erobern. Auf der Terrasse vor meinem Hotel und in dem Vorgarten haben eine Anzahl fremder Herrschaften auf Stühlen und improvisirten Bänken Platz genommen und betrachten sich neugierig die vom Balkon wehende japanesische Nationalflagge, eine große rothe Kugel auf weißem Grunde, welche die hier weilenden Japanesen zur Befriedigung ihres Nationalstolzes, eine auch bei den Japanesen heimische Tugend, mit Erlaubniß der freundlichen Besitzerinnen ausgesteckt haben. Gegen 9V, Uhr sprengt ein rother Vorreiter durch die Fahrallee, gefolgt von einigen zweispännigen Equipagen, in denen der Großherzog nebst seiner Gemahlin, Prinz Karl und ein kleines Gefolge Platz genommen hat. Die Herrschaften fahren zu der in der Nähe der Bergheimerstraße am Bahnhofe gelegenen Fürstentribüne, vor welcher der Festzug der Hauptstraße entlang zuerst vor- beidefiliren wird. Von dort zieht derselbe über den Ludwigsplatz am Museum vorbei durch die Leopoldstraße, meine vielgenannte „Anlage", dann durch die Plockstraße bis an's Neckarufer zur Festhalle, wo er sich auflöst. Bis 11 Uhr, also volle 5 Stunden, harrt das Publikum in der Anlage mit der Geduld eines Hiob auf die Ankunft des Glanzzuges. Wenn die guten Leute, die da umherstehen, in allen Lagen des Lebens eine solche standhafte Ausdauer, eine so murrenslose Abwartepolitik und Ergebensfähigkeit beweisen, müssen sie vortreffliche, glückliche Menschen sein.
Punkt 11 Uhr verkündet eine aus langen Trompeten geblasene monotone Fanfare das Eintreffen der Töte. Als Erster erscheint hoch zu Roß ein schmucker Herold mir der Standarte des Deutschen Reichs, den schwarzen Reichsadler auf dunkelrothem Grunde, gefolgt von zwei reizenden Pagen und vier Trompetern, hinter ihm der kur- pfälzische Herold mit 6 speertragenden Rittern in voller Eisenrüstung, den Vertretern der uralten pfälzischen Adelsgeschlechter, derer von Handschucksheim, v. Berlichingen, v. Hirschhorn, v. Seldcneck, v. Gemmingen, v. Steinach. Ihnen nach marschiren unter Leitung zweier Anführer ein Dutzend Reisige mit Schild, Lanzen und Schlachtschwert, mächtige, riesige Hünengestalten, denen zwei Helmträger als Schlußgruppe dienern
Singende Mädchen- und Knabenschaaren, grüne Kränze in den Locken, sowie ein Zug Augustiner- und Dominikaner-Mönche und frommer Nonnen leiten die Ankunft des päpstlichen Legatars ein, der bei der Gründung der Ruperto-Carola gegenwärtig gewesen. Auf frommem Zelter naht der stolze Kirchenfürst in leuchtendem, purpurnem Cardinalsgewande, vor ihm 8 minnigliche Jungfrauen und der Abt, welche eine Statue der Madonna tragen, die Symbolisirung des ursprünglich rem geistlichen Charakters der Heidelberger Hochschule. Weihrauchfaß schwingende Chorknaben, zwei würdige Bischöfe Lehrer und Lehrerinnen, einige Pagen mit Schild und Strauß und der gelahrte Kanzler schließen sich ihnen an. . f. ,
Und nun zieht der weise, ritterliche Gründer der Hochschule, von dem sie noch heute ihren Namen trägt, der edle Kurfürst Ruprecht, heran. Unter golveirem Baldachin reitet er mit seiner schönen Gemahlin in reichem Herrscherornat dre Straße, in seinem Gefolge die Edelsten und Schönsten seines Landes, die Dürkheim. Rosenberg, v. Erbach, Katzenellenbogen, Rodenstein, Erbach, Stein und wie die altadeligen edlen Geschlechter alle heißen mögen. Hei, wie die Helme blitzen, die ^cderbufche wallen, wie die Prunkhauben der schönen Damen unter dem Tänzeln der Zelter hui und her wackeln und die kostbaren Ohren-Zeltlein und lichten Aeuglem um Die Wette hm und wieder strahlen! Auch der Narr fehlt nicht in der lustigen Gesellschaft und es liegt ein gewisser Humor darin, daß er den ehrwürdigen großen: der Wisienschast, den ersten Geistespfeilern der neuen Hochschule, den Hochwelsen Marsilius von ^nghen, Dittmar von Schwerthe, Johannes von Nolt und wie die Leuchten alle heißen, kühn voranschreitet. Hinter den Magistern bildet em sechsspanmger Galawagen mit den Pcrsouificationcn der Ruverto-Earola und ihrer Attribute: Pietas, Justitia, Sapientia und Veritas, sämmtlich durch reizende Jungfrauen dar gestellt, den Schluß des ersten Abschnittes/ Die im 14. Jahrhundert erfolgte Gründung der Umversttat ist voriibci, gezogen und ein neuer Herold, begleitet von einem Zug Reisiger Mit langen bewim. pelten Lanzen leitet den zweiten Abschnitt des Zuges: den Einzug Friedrich des Sieg-


