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Mr. 106

Samstag den 8. Mai

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Politische Neberficht.

Gieße«, 7. Mai.

Heber die Abgrenzung der deutschen und der englischen Machtsphäre im westlichen Stillen Ocean ist zwischen den beiden beteiligten Mächten bereits am 6. April ein Hebereinkommen geschloffen wor­den, welches jetzt zur öffentlichen Kenntniß gelangt. Demzufolge ist eine Demar- cations-Linie vereinbart worden, welche, von einem Punkt in der Nähe von White Nock an der Nordostküste Neuguineas und 8 Grad südlicher Breite aus­gehend, die Salomon-Inseln durchschneidet, so daß die drei größern nördlichen Inseln dieser Gruppe, Bougainville, Choiseul und Jsabell, Deutschland ver­bleiben; von den Salomons-Inseln wendet sich dann die Demarcations-Linie nordöstlich nach den Marschall-Inseln. Deutschland und England verpflichten sich gegenseitig, in demjenigen Theile des Stillen Oceans, welcher dieffeitS ober jenseits gedachter Theilungs-Linie liegt, alle früheren Gebietsverletzungen ober Schutzherrschaften aufzugeben und weder neue Gebietsverletzungen Zu machen, noch der Ausdehnung des deutschen, resp. englischen Einflusses entgegenzutreten. Auf Samoa, Tonga und Niusinsel findet diese Abmachung keine Anwendung und bleiben diese, wie bisher, neutrales Gebiet. Am 10. April ist ein weiteres deutsch-englisches Abkommen vereinbart worden, welches sich auf die gegenseitige Handelsfreiheit in den deutsch-englischen Besitzungen und den Schutzgebieten im westlichen Stillen Ocean bezieht. Hiernach sollen die Schiffe beider Staaten gegenseitig eine gleiche Behandlung sowohl, als auch eine Behandlung als meist­begünstigte Nation genießen. Die Entscheidung über streitige Landansprüche soll durch eine hierfür von beiden Regierungen zu ernennende gemischte Commission erfolgen. Eine Einrichtung von Strafniederlaffungen soll nicht stattfinden. Kolonien, welche bereits vollständig eingerichtete Regierungen mit legislativen Körperschaften haben, sind in die Vereinbarung nicht mit einbezogen. Hoffent­lich werden nunmehr die kleinen Reibungen und Zwistigkeiten zwischen Deutsch­land und England im Stillen Ocean aushören.

Die Stadt Basel hat eine beträchtliche Millionen-Erbschaft gemacht. Die Stadt ist von der daselbst kürzlich verstorbenen Wittwe Christoph Merian zu bereit Hniversal-Erbin eingesetzt worden und beträgt die Merianische Ge- sammt-Hinterlaffenschast ca. 20 Mill. Frcs.

Die Pariser Ersatzwahl zur Deputirtenkammer, bei welcher der Radikale Gaulier als Ersatzmann des revolutionären Rochesort ge­wählt wurde, wird in der Pariser Tagespreffe noch immer lebhaft disculirt. Die Wahl giebt allerdings nach verschiedenen Seiten hin Anlaß zu interessanten Betrachtungen, wobei besonders der Hmstand in's Auge springt, daß der revo­lutionäre Gegencandivat Gaulier's, der Communard Roche, doch auch gegen 100,000 St. erhielt. 100,000 communistische Wähler das wirst ein bezeich­nendes Streiflicht aus die gegenwärtige politische Strömung in derHauptstadt der Civilisation" und lstßt es auch einigermaßen erklärlich erscheinen, warum es die Opportunisten nicht einmal wagten, ihrerseits einen Candidaten auszustellen. Jedenfalls ist der Ausgang der jüngsten Pariser Ersatzwahl als ein Beweis zu betrachten, wie sehr in Frankreich der Opportunismus, der unter Gambetta allmächtig war, an Boden verloren hat und sich im republikanischen Lager der Schwerpunkt mehr und mehr zu Gunsten der Radikalen und Hltra-Radikalen verschiebt.

Inmitten der politischen Kämpfe, welche Gladstones irische Reform-Vorlagen in England hervorgerusen haben, bildet die Eröffnung der rolonialen und indischen Ausstellung in London einen wohlthuenden Licht- und Ruhepunkt. Der feierliche Act wurde am Dienstag Mittag durch die Königin Victoria in Person und im Beisein der Mitglieder der königlichen Familie, der deutschen Kronprinzessin, eines Thells der Minister und vieler anderer Notabi- liiäten vollzogen. Der Thronfolger, der Prinz von Wales, hielt alsdann eine Ansprache, in welcher auf die Betheiligung der englischen Kolonien an der Pariser Ausstellung vom Jahre 1878 und auf die hierbei vom Prinzen aus­gesprochene Hoffnung hingewiesen wurde, die Untertanen Englands möchten bcld in den Stand gesetzt werden, die erfreuliche Entwickelung des wirthschast- lichen Lebens ihrer Brüder in den Kolonien in Augenschein zu nehmen. Als­dann ergriff die Königin nochmals das Wort, um in bedeutsamer Weise der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, baß die Ausstellung das Band der Einheit, welches alle Theile des Reiches umschlinge, stärken werbe.

Deutschland.

Darmstadt, 6. Mai. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben mittest Allerhöchster Entschließung vom 5. d. Mts. die Concession zum Bau und Betrieb einer Dampfstraßen-Bahn von Darmstadt nach Griesheim, sowie einer Dampfstraßen-Bahn von Darmstadt nach Eberstadt dem Consortium: Bank für Handel und Industrie dahier und Unternehmer Hermann Bachstein in Berlin zu erteilen geruht.

Amerika.

Chicago, 5. Mai. Auch heute haben mehrfache Ruhestörungen statt- gesunden. Eine Menge von 8000 Personen griff Mittags mehrere Läden an und plünderte dieselben. Die Polizei zerstreute die Unruhstifter. 25 im Bureau derArbeiter-Zeitung" beschäftigte Buchdrucker wurden unter der Anschuldigung böswilliger Beschädigung verhaftet, ebenso zwei hervorragende Anarchisten. Auch in Milwaukee hat wiederum ein Zusammenstoß mit den Sozialisten statt­

gefunden , wobei Miliz und Polizei schoflen und Mehrere verwundeten und töbteten. Eine Menge, worunter viele Polen, griff eine Brauerei an und plün­derte dieselbe. Schließlich gelang es der Polizei, die Meuterer zu zersteuen.

Telegraphische Depeschen.

WolV» telegr. Korrespondenz - Vurea«.

Darmstadt, 6. Mai. Der Zusammentritt der zweiten Kammer ist nunmehr auf den 18. Mai festgesetzt.

Berlin, 6. Mai. Die Ausschüsse des Bundesraths beschlossen heute, int Plenum des Bundesraths die Ablehnung der Beschlüsse des Reichstags zur Zuckersteuer zu beantragen und die Annahme der neuen Zuckersteuervorlage zu empfehlen. Die Berathungen des Bundesraths über die Branntweinfteuervorlage beginnen am Sams­tag und dürsten dann so gefördert werden, daß in der nächsten Plenarsitzung des Bundesraths die Schlußberathung stattfinden könne.

Das Abgeordnetenhaus lehnte in zweiter Lesung den Antrag Bachem auf Herabsetzung des städtischen Wahlcensus auf 6 Jahre mit 147 gegen 132 Stimmen ab; die commissarische Berathung des Antrags war mit 138 gegen 137 Stimmen ab­gelebt worden. Verschiedene Petitionen wurden nach den Beschlüssen der Commission erledigt. Morgen um 4 Uhr zweite Lesung der Kirchenvorlage.

Hamburg, 6. Mai. Heute hat hier, begünstigt von prachtvollem Wetter und unter großer Betheiligung der Bevölkerung, die feierliche Grundsteinlegung des neuen Rathhauses hinter der Börse stattgefunden. Nachdem zunächst Bürgermeister Peterien und Senator Mönckeberg das Wort genommen, hielt Senior Hirsche die Weiherede. Darauf wurden die auf die Feier bezüglichen Acten in den Grundstein gelegt und dieser geschlossen; dann thaten der Bürgermeister, die Senatoren und Bauherrn dir üblichen Hammerschläge. Die Gesänge wurden, unter Begleitung eines großen Orchesters von etwa 1000 Sängern unter Leitung des Professors Bernuth ausgesührt. Die ganze Feier verlies in würdigster Weise. Die umliegenden Häuser waren festlich geschmückt.

London, 6. Mai. Der Ausschuß der liberalen Föderation hielt gestern eine Versammlung zur Erörterung der ministeriellen Vorlagen bezüglich Irlands. Es wurde eine Resolution beantragt, welche die Nothwendigkeit einer Lösung der irischen Frage betont und Gladstone ersucht, durch Beibehaltung der irischen Vertreter im englischen Parlament eine Amendirung der irischen Verwaltungsbill vorzunehmen, welche eine Vereinigung aller Liberalen ermöglichen würde. Diese Resolution wurde nach leb­hafter Debatte abgelehnt und mit überwiegender Majorität ein Gegenantrag an­genommen, welcher die Regierungsvorlage als ein Mittel zur wirksamen Lösung der irischer Frage bezeichnet und ungeschwächtes Vertrauen zur Regierung ausspricht. Wie verlautet, hat der Oberstkämmerer, Lord Kenmare, demissionirt.

Daily News" erfährt, Chamberlain habe dem Cabinet zu verstehen gegeben, er werde die zweite Lesung der Homerule-Bill unterstützen, falls die Regierung eine Vertretung Irlands im Reichsparlament int Principe zugestehe. Morgen findet behufs Erörterung dieser Frage ein Cadinetsrath statt.

DerTimes" wird aus Kairo gemeldet, daß die Aufständischen Akasheh besetzt und eine Strecke von einer Meile die Eisenbahn zwischen Akasheh und Ambigol zerstört haben.

London, 6. Mai. Im Unterhause erklärte Gladstone, er habe in Betreff Griechenlands keine ganz befriedigenden Nachrichten mitzutheilen. Früher habe er be­reits mitgetheilt, daß Die Antwort Griechenlands nach der Ansicht der Mächte un­genügend sei und nicht befriedige. Um zu befriedigen, müßten die Versicherungen Griechenlands derartige sein, daß von der Türkei die Einstellung ihrer kostspieligen Kriegsvorbereitungen erwartet werden könne. Die Mächte hätten heute Griechenland eine weitere Note überreicht, worin die gegebenen Versicherungen als unbefriedigend er­klärt würden. Gladstone glaubt, diese Note werde die Angelegenheit in kürzester Zeit zum Austrag bringen. Falls die Antwort darauf nicht befriedigend ausfiele, würden die Mächte sofort Schritte thun, die geeignet seien, den vor Augen habenden großen Zweck zu sichern. Gladstone erklärte ferner, er könne noch nicht sagen, ob Mukhtar Pascha den Plan zur Reorganisation des egyptischen Heeres Englands Einwendungen entsprechend abändern könne. Der Vorschlag Mukhtar Paschas und die Antwort Eng­lands würden dem Parlamente vorgelegt werden. Der Meinungsaustausch zwischen Mukhtar Pascha und Wolff über die anderen Egypten betreffenden Fragen dauere fort, eine Mittheilung darüber sei jedoch zur Zeit noch unthunlich.

Rom, 6. Mai. In Virenzo sind heute 12 Erkrankungen und 5 Todesfälle an Cholera vorgekommen.

Brindisi, 5. Mai. Von gestern bis heute Mittag kam hier 1 Cholera- Erkrankung und 1 Todesfall vor. In Ostuni 4 Erkrankungen, in Oria 2 Erkrankungen und 1 Todesfall.

Venedig, 6. Mai. Vom 5. auf den 6. Mittags starben hier 5 und erkrankten 3 Personen an Cholera.

Brüssel, 7. Mai. Der Neffe des Königs, Prinz Balduin, leistete heute im Beisein der königlichen Familie den Fahneneid. Auf die Ansprache des Generals Van der Smissen erwiderte hierbei der König, der Armee sei vorn Vaterlande die Ver- theidigung des Landes, der Landesinstitutionen und der Landesehre anoertraut. Die Fürsten als die ersten LandeSdiener müßten deshalb alle in den Reihen der Armee einen Platz einnehmen. Der Prinz theile seine Gefühle und werde seinem Vaterlande bis, zum Tode ergeben sein. Der König hielt hierauf eine Parade über das Grenadier­regiment ab, in welches der Prinz als Unterlieutenant eintritt.

Odessa, 6. Mai. Der Botschafter in Konstantinopel, Nelidow, ist aus Livadia hier eingetroffen und reift heute nach Wien ab, von wo er zum Kurgebrauch nach Kissingcn geht.

Athen, 6. Mai. Die Vertreter der fünf Mächte überreichten Delyannis eine Note, welche weitere Erklärungen fordert. Delyannis rief sofort einen Ministerrath zusammen.

Athen, 6. Mai. Meldung derAgence Havas".) Die Vertreter der fünf Mächte überreichten heute Vormittag eine Note, worin dieselben von der Erklärung Griechenlands, den Frieden nicht stören zu wollen, Akt nehmen, jedoch einige weitere Aufklärungen verlangen und die Beantwortung dieser Note im Lause des Tages er­warten. Mouy hatte eine längere Besprechung mit Delyannis. Letzterer wird heute Abend vom König empfangen.

Athen, 6. Mai. Meldung derAgence Havas".1 lieber den Inhalt der griechischen Antwort auf die Note der Mächte verlautet: Delyannis drückte sein Be­dauern aus, daß seine Erklärungen vorn 29. April als migenügend betrautet worden, er beziehe sich erneut auf diese in der Note vom 29. April enthaltenen Erklärungen. Der griechische Oberbefehlshaber in Thessalien, General Sapundzaki, meldet, die Türken concaitrireii ihre Truppen längs der ganzen Grenze, er hält das Einrücken der Türken.