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Politische Ueberflcht.
Gießen, 7. April.
Auf's Neue hat der preußische UnterrichLsminister v. Gabler daraus hingewiesen, daß für Ausstellung der Zulassungszeugnisse für den cuijährigen freiwilligen Militärdienst an den Realgymnasien und an den mit diesen gleichberechtigten Hähern Schulanstalten unbedingt und ausnahmslos der einjährige Besuch der Secunda nothwendig ist, auch wenn der Schüler in eine höhere Abtheilung von Untersecunda, bezw. in Obersecunda Aufnahme gefunden hat, falls er nicht schon auf einer andern gleichberechtigten Anstalt die Unter-, beziehentlich Obersecunda so lange besucht hat, daß mit Zurechnung dieser Zeit ein Jahr für den Besuch der Secunda überhaupt herauskommt, daß aber in dem Falle, da stch der einjährige Besuch t:r Secunda aus zwei gleichartige Lehranstalten verlheilt, derselbe nur unter der Voraussetzung als erfüllt zu betrachten ist, der Wechsel der Anstalt nicht durch Strafanlässe wie Verweisung, Vermeidung einer Schulstrase, sondern durch WohnungSveränderung der Angehörigen, Rücksicht auf des Schulers Gesundheit oder andern den Verdacht eine,' urie* rechtfertigten Willkür ausschließenden Gründen erfolgt ist. Nur Reifezeugnisse für die Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen, sowie Reifezeugnisse für die Prima der obenbezeichneten Lehranstalten machen die Beibringung eines aus Grund der bezüglichen Bestimmung der Wehrordrung auszustellenden, wenigstens den einjährigen Besuch der Secunda voraussetzenden Zeugnisse entbehrlich. — Ein kaiserlicher Erlaß vom 25. v. Mts. bestimmt in Bezug auf die Hebungen der Ersatzreservisten im laufenden Etatsjahre Folgendes: Aus der Ersatzreserve erster Klasse sind einzuberufen: zu einer ersten (zehnwöchentlichen) Hebung: bei der Infanterie 11,000 Mann, bei den Jägern 300, der Fußartillerie 1056, den Pionieren 672, dem Train 870, zusammen 13,998 Mann; zu einer zweiten (vierwöchentlichen) Hebung: bei der Infanterie 8322, den Jägern 276, der Fußartillerie 902, den Pionieren 500, zusammen 10,000 Mann, und zwar in erster Linie Mannfchasten, welche im vorigen Etatsjahre zum erstenmale geübt haben; zu einer dritten (vierzehntägigen) Hebung bei der Infanterie 7182, den Jägern 180, der Fußartillerie 704, den Pionieren 424, zusammen 8500 Mann, und zwar zunächst Mannschaften, welche 1883—84 zum erstenmale geübt haben; zu einer vierten (vierzchntägiqen) Hebung 7200 Mann, wovon 6156 bei der Infanterie, 154 den Jägern, 572 der Fußartillerie, 318 den Pionieren, und zwar zunächst Mannschaften, die 1881—82 zuerst geübt haben. Beim Garde-Corps finden derartige Hebungen nicht statt. In die vorbezeichnete Hebungsdauer ist der Tag des Eintreffens am Hebungsorte und der Entlassungstag eingerechnet. Als Hebungsorte für die Infanterie werden in der Regel Garnisonorte dieser Waffe bestimmt, die Ersatzreservisten der Jäger, Pio- mere und des Trains üben bei den betr. Bataillonen, die Hebungsorte der Fuß- artillerie bestimmt die General-Jnspection der Artillerie im Einverständniffe mit den beteiligten General-Commandos. Der Beginn der Hebungen ist bei der Fußartillerie aus den 1. September, beim Train auf den 1. Juli, bei den übrigen Waffen, soweit es angeht, auf die Herbstmonate, für die Schifffahrt treibenden Mannschaften im Winterhalbjahr 1886—87 festzusetzen. Aus den Hohenzollern'schm Landen üben die Ersatzreservisten unter Anrechnung auf die Uebungsstärke des 14. Armee-Corps mir denen des letzteren gemeinsam, die im Bereiche des 15. (elsaß-lothringischen) Armee-Corps controlirlen Ersatzreservisten üben bei preußischen Truppenlheilen dieses Armee-Corps und dem braunschweigischen Infanterie-Regiment Nr. 92.
Dem Bundesrathe ist ein Gesetzentwurf über den Ausschluß der Oeffentlichkeit bei Gerichts-Verhandlungen zngegangen. Derselbe ersetzt die §§ 174 bis 176 des GerichtsversaffungS' Gesetzes durch andere Bestimmungen. Diese setzen u. A. fest, daß der Vorfitzende den bei der Verhandlung beteiligten Personen die Geheimhaltung des Inhaltes der Verhandlung oder eines bestimmten Theiles befleißen zur Pflicht machen kann. Wer diese Pflicht verletzt, wird mit Geldstrafe bis zu 1000 «M. oder mit Haft oder mit Gefängniß bis zu 6 Monaten bestraft. In der Begründung wird hervorgehoben, daß die bestehenden Vorschriften nicht genügen, um den vom Gesetz in Fällen, bei denen es sich um Ausschluß der Oeffentlichkeit der Verhandlungen handelt, beabsichtigten Schutz gegen das Bekanntwerden des Inhaltes solcher Verhandlungen thatsächlich wirksam zu machen. Es wird hierbei besonders auf die Landesverraths- Krvcesse exemplificirt und dieser Hinweis hat allerdings seine volle Berechtigung. Es ist z. B. aus dem Landesverraths-Proceß Sarauw vor dem Reichsgerichte bekannt, daß trotz der beschlossenen strengen Geheimhaltung der betr. Verhandlungen deren Inhalt noch vor Verkündigung des Urtheils In verschiedenen Blättern veröffentlicht wurde und dem lag also eine gröbliche Jndiscretion zu Grunde; auf diesen Vorgang nimmt auch die Begründung mit Bezug. Solche Berichte und Publicationen müßten unter allen Umständen als unzulässig erachtet werden und es dürfe nicht geduldet werden, daß der Anordnung des Gerichtshofes auf Geheimhaltung durch das wirksamste von allen Mitteln öffentlicher Verbreitung, durch die Presse, direct entgegengehandelt werde. Abhülfe dieser Mißstänve sei nur auf dem Wege der Gesetzgebung zu erreichen, wie es der vorliegende Gesetzentwurf beabsichtige.
Die griechische Deputirtenkammer ist am Samstag — nicht am Freitag, wie ursprünglich gemeldet wurde — zusammengetreten und nahm zunächst die Vorlagen über den Abschluß einer Anleihe von 25 Mill. Drachmen und über die Vermehrung der Land- und See-Streitkräfte entgegen. Der Oppositionsführer, der frühere Ministerpräsident Tricupis, sprach seine Verwun
derung darüber ans, daß Ministerpräsident Delyannis keinerlei Mittheilung über die Nec-ierungSpolitik gemacht habe, es müsse dies für den Fortbestand des Cabinets entscheidend sein. Im Weiteren bezeichnete Tricupis die bisherige Politik des Ministeriums als durchaus unzureichend, den nationalen Bestrebungen der Griechen gerecht zu werden. Delyannis erwiderte in sehr gereizter Weise und klagte das Ministerium Tricupis an, die gegenwärtige kritische Finanzlage verschuldet zu haben. Diese unerquicklichen Auseinanderfehungen sind jedenfalls ein wenig erbaulicher Anfang der griechischen Parlaments-Verhandlungen.
Die Arbeiter-Bewegung in Decazeville hat zwar bis jetzt noch zu keinen neuerlichen Ausschreitungen geführt, aber nichtsdestoweniger ist die dortige Situation fortgesetzt eine ernste. Daß die Pariser Radikalen nach Kräften bemüht find, das Feuer zu schüren, erscheint sehr erklärlich, nicht minder aber auch, daß die französische Regierung Alles thut, um den Hetzern das Handwerk zu legen. So sind die Redacteure des Pariser „Jntransigeant", Ducquerrcy und Roche, am Sonntag früh in Decazeville wegen Aufreizung zur Arbeitseinstellung und Erregung von Ruhestörungen von Gensd'armen verhaftet worden.
In Spanien haben am Sonntag die Neuwahlen zu den Cortes stattgefunden und sind dieselben in größter Ruhe und Ordnung vor sich gegangen. Heber deren Ausfall lagen bis zum Montag noch keine speciellen Nachrichten vor; es ist aber sehr wahrscheinlich, daß die Regierung in der neuen Deputirtenkammer auf eine beträchtliche Mehrheit zu rechnen haben wird. In unterrichteten Madrider Kreisen nimmt man an, daß in der neuen Kammer etwa 325 ministerielle Deputirte sitzen werden, denen etwa 45 Conservative (Fraktion Canovas), 12 conservative Dissidenten (Romensten), 10 Abgeordnete von der dynastischen Linken, 20 Republikaner, 1 Carlist und 6 cubanische Autonomisten gegenüberstehen werden.
Der Eisenbahn-Arbeiter-Strike im Westen der Vereinigten Staaten nimmt einen sehr bedrohlichen Charakter an. Am Samstag griffen die Strikenden bei Fort Worth die Beamten an, welche einen Güterzug ablaflen wollten. Sieben Personen wurden getödtet und viele verwunvet. Hunderte von bewaffneten Bürgern ziehen patrouillirend durch die Straßen, die Läden sind geschlossen. Die Depesche sagt leider nicht, um welche Stadt es sich handelt, wahrscheinlich ist aber St. Louis gemeint, welches bislang den eigsntttchen Mittelpunkt des Aufstandes bildete.
Berlin, 6. April. Das Abgeordnetenhaus genehmigte das Schulver- säumnißgefetz für die Provinzen Preußen, Schlesien und die Grafschaft Glatz in zweiter Lesung nach der Regierungs-Vorlage, nahm die Secundärbahn-Vorlage in dritter Lesung unverändert an^ und begann die dritte Lesung der Ansiedelungs-Vorlage.
Fortsetzung morgen.
Karlsruhe, 6. April. Das Befinden des Erbgroßherzogs ist, abgesehen davon, daß das rechte Ellbogengelenk wieder etwas schmerzhaft geworden ist, befriedigend, das Fieber ist gering, die Pleuritis nimmt ab.
München, 6. April. Abgeordnetenhaus. Eingegangen ist der Militär- Etat für 1886/87. Der Etat der directen Steuern wird in unerheblicher Debatte genehmigt. Gras Seiboltsdorf (Centrum) berichtet über den Antrag Soden, betreffend die Errichtung einer staatlichen Mobiliar-Versicherung, und beantragt im Namen des Ausschusses, den Antrag der Regierung zur Erwägung zu überweisen. Frickhingec (lib.) legte den ablehnenden Standpunkt der Mino- ritäl des Ausschusses dar. Zott für den Antrag, Stauffenberg bekämpft die staatliche Mobiliar-Versicherung.
Die Fortsetzung wurde auf morgen vertagt.
Telegraphische Depesche«.
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Berlin, 6. April. Die Abtheilung des Staatsraths für Schul - Unterrichtswesen, welche gestern die Vorlage, betreffend die Feststellung und Aufbringung der Leistungen für die Volksschulen berieth, soll sich wesentlich für den Grundgedanken der Vorlage ausgesprochen haben. Heute wird die Berathung fortgesetzt. Der Reichskanzler wohnte der Sitzung bei. — Das Abgeordnetenhaus wird Mitte nächster Woche vertagt. . ,
— Der Commandant des Kanonenboots „Cyclop", Capitän-Lieutenant Stubenrauch, meldet telegraphisch von der westafrikanischen Station: Ich beschoß Money- Bimbia, bin gelandet und habe die Stadt zerstört. Vom „Cyelop" ist keiner verwundet, der Gouverneur ist anwesend. z . . , ,
Danzig, 6. April. Die heutigen Nachrichten aus Plehnendors lauten bisher günstig. Am neuen Fangdamm vor der Schleuse wurde die ganze Nacht gearbeitet. Die Rammarbeit ist nahezu vollendet. Die Versenkung von mit Steinen gefüllten Prähmen und Sandsäcken wird unablässig fortgesetzt. Die Schleu^enkopfe haben bisher gehalten unb sind die Unterspülungen durch eine Spuntwand und (Steinlager befestigt. Das Wasser ist im Fallen, die Gefahr ist vorauslicht ich vorüber.
Paris, 6. April. Rochefort wird morgen einem Meeting prasidiren, welches gegen die Verhaftung Duc-Quercy's und Roche's protestiren will. Meldungen aus Decazeville berichten das Wachsen der Bewegung.
London, 6. April. Die amtliche Zeitung veröffentlicht eine Cabinetsordre worin her Beitritt Italiens zur cnglifch - egWtischcn Conventwn t>on 18<7 betreifenb Unterdrückung des Sclavenhandels mit Aden, mit allen Rechten und Verpflichtungen ange$eW «mrb^ (u bem hj.sjgm Central-Criminal-Gerichlshof- der Procetz gegen die Socialisten Hyndmann, Ehampion, Burns und Williams. Die Anklage lautet auf Aufwiegelung durch aufrührerische Reden bet den umgsten Londoner Unruhen.
versichert.
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Donnerstag den 8. April
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