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Freitag be;i 7. Mai

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ießmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Politische Ueberfkcht.

Gieße«, 6. Mai.

Unter den günstigsten Auspicien für das endliche Zustandekommen des Kriedenswerkes zwischen Berlin und Rom ist das preußische Abgeordneten­haus am Dienstag, dem Tage der Fortsetzung seiner gesetzgeberischen Thätigkeit, in die erstmalige Berathung des neuen Kirchengesetzes eingetreten. Noch vor deren Beginn hat der Papst einen Schritt gethan, welcher geeignet ist, die Ver­söhnlichkeit des heiligen Stuhles besser zu documentiren, als es alle bloßen Ver- sicherungen der Kurie zu thun vermöchten, indem das Oberhaupt der römischen Kirche die Anzeiqepflicht für die gegenwärtig vacanten Pfarreien in Preußen bereits jetzt zugesteht. Der päpstlichen Note, welche dieses Zugeständniß enthält, ist unmittelbar die entsprechende Anweisung an die preußischen Kirchenfürsten nachgefolgt und haben schon die Bischöfe von Hildesheim, Limburg und Osna­brück den betr. Oberprästdenten die Absicht angezeigt, gewisse Pfarreien zu be­setzen und die Namen der hierfür in Aussicht genommenen Candidaten mitgethellt. Dieses Entgegenkommen, welches der päpstliche Stuhl nun auch seinerseits be­weist, kann nicht verfehlen, die begonnenen kirchenpolitischen Verhandlungen des Abgeordnetenhauses im Sinne der unveränderten Annahme der Kirchen-Vorlage zu beeinflussen.

Ueber das Befinden des an der Lungenentzündung erkrank­ten Unter-Staatssecretärs Grafen Herbert Bismarck verlautet, daß das Fieber verschwunden ist und Husten'und Auswurf in stetiger Abnahme begriffen find. Sobald der Zustand des Patienten es nur irgendwie gestattet, soll die lieber* fiedelung desselben auf das Land erfolgen.

In mehreren Kantonen der Schweiz haben am Sonntag Volks­abstimmungen über die Kantonal-Behörden und über die Vertretung der betr.- Kantone im Stände- und im Nationalrath stattgefunden. Sowohl im Kanton Solothurn, wie im Kanton Neuenburg ergab die Abstimmung die Bestätigung der bisherigen liberalen Kantons-Regierung und der liberalen Vertretung im Stände- und Nationalrath; ein Gleiches war auch im Kanton Bern der Fall. In letzterem wurde am Sonntag außerdem auch eine allgemeine Abstimmung über das neue Jmpfgesetz, welches den Impfzwang anordnet, vsrgenommen; die Abstimmung ergab die Ablehnung des Gesetzes mit etwa 2400 Stimmen Majorität.

Das englische Unterhaus wird nächsten Montag in die Special- berathung der irischen Verwaltungsbill eintreten und in Hinblick hieraus hat der Premier Gladstone seine irische Politik nochmals in einer öffentlichen Kund­gebung vertheidigt. Dieselbe trägt die Gestalt eines Manifestes, welches Herr Gladstone an seine schottischen Wähler in Midlothian gerichtet hat und in welchem namentlich ausgeführt wird, daß die Herstellung eines irischen Parla­mentes die Wirksamkeit des Reichs-Parlamentes in London nur erhöhen llib das Reich stärken werde. Mit dieser eigenthümlichen Auffassung befindet sich Mr. Gladstone mit der öffentlichen Meinung Englands nach wie vor in ent­schiedenem Widerspruche über die Opportunität einer eigenen Gesetzgebung für Irland und wenn der englische Premier im Parlamente seine Sache nicht noch durch andere Argumente zu stützen vermag, so steht sie nicht besonders.

Die Mächte haben den Erlaß einesletzten Ultimatums" an Grie­chenland beschlossen und conserirten die Vertreter derselben in Athen Ende voriger Woche miteinander hierüber. Griechenland soll ausreichende Garantien für die Erfüllung seines Abrüstungs-Versprechens geben, während man in Athen sich in dieser Hinsicht nicht binden will. Ein bestimmter Beschluß der Mächte liegt jedoch noch nicht vor.

Die Fluthwelle des socialen Problems schwillt in Nordamerika neuerdings wieder stärker an. Arbeiter-Demonstrationen in New-Dork, Chicago und anderen Jndustrie-Centren der Vereinigten Staaten haben den achtstündigen Arbeitstag als neueste Forderung der Arbeiter proclamirt. Besondere Aus­schreitungen sind zwar noch nicht vorgekommen, doch ist die Stimmung, nmnent* lich unter den Arbeitern Chicagos, eine ziemlich drohende.

Deutschland.

Darmstadt, 5. Mai. Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde ertheilt durch Entschließung Großh. Ministeriums des In­nern und der Justiz vom 1. Mai l. Js. dem Mitgliede der freiwilligen Feuer­wehr zu Gießen, Louis Petri II., ersten Hauptmann.

Darmstadt, 4. Mai. Die diesjährigen Manöver der Grobherzoglich Hessischen (25.) Division werden in Oberhessen, und zwar in den Kreisen Friedberg und Büdingen, abgehalten werden.

Mainz, 4. Mai. Die feierliche Consecration und Inthronisation des mu gewählten Bischofs von Mainz, Dr. P. Haffner, seither Domcapitular, wird voraussichtlich, wenn sich sonst keine weiteren Hindernisse ergeben, am 29. Juni, am Tage her heiligen Apostel Peter und Paul, stattfinden. Die Einweihung eines Bischofs kann nur an dem Gedächtnißtage eines Apostels oder an einem Sonntage ftattfinden. Daß dieser Tag nicht allein in Mainz, sondern in der ganzen Diöcese in festlicher und großartiger Weise begangen werden wird, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung.

Nach Mittheilungen aus Rom hat der Papst selbst aus mehreren ihm von der Staatsregierung als ihr genehm bezeichneten Candidaten den Herrn Domcapitular Dr. Haffner zum Bischof von Mainz ausgewählt. Wir be* werken bei dieser Gelegenheit noch, daß der künftige Bischof von Mainz der

sechste nach Neuerrichtung des Bisthums sein wird. Der erste in der Reihe der Bischöfe des neuen Bisthums war Joseph Ludwig Colmar von 180210; aus ihn folgte Joseph Vitus Burg von 183033; dann Johann Jacob Hu- mann, der schon 1834 starb; hierauf Peter Leopold Kaiser von 183449; zuletzt von 185077 Wilhelm Emanuel Freiherr v. Ketteler.

Italien.

Rom, 5. Mai. DemMoniteur de Rome" zufolge wird der Papst im nächsten Consistorium in der ersten Hälfte der Juni einen römischen Präla­ten und fünf Erzbischöfe anderer Länder zu Kardinälen ernennen.

Telegraphische Depeschen.

Meer* Correspondem - vrrrearr.

Berlin, 5. Mai. Das Abgeordnetenhaus lehnte die Commissionsberathung der Kirchenvorlage geyen die Stimmen der Nationalliberalen und eines Theiles der Frei­sinnigen ab und findet die zweite Lesung demnach im Plenum statt. Die Abgeordneten Rickert und Eynern hatten gegen, Stöcker und Hammerstein für die Vorlage gesprochen. Der Cultusminister hob hervor, die Regierung habe eine directe Verständigung mit dem Papste gesucht, weil ihr stets die Meinung geäußert wurde, daß das Centrum einer positiven Willensäußerung des Papstes gegenüberstehen möge, da es feinen Widerspruch entgegensetzen könne. Eine Vorlage zu machen, die das ganze Friebens- werk umfasse, sei nicht möglich; die gegenwärtige Vorlage biete jedenfalls das Wich- ttgste. Die Regierung trete in die Revision nur in der Voraussetzung der Herbei­führung des Friedens ein, die sich in der Gewährung der Anzeigepflicht als ein der Oeffentlichkelt am leichtesten verständlicher Moment darftelle. Ein Concordat wolle die Regierung nicht.

Wien, 5. Mai. Die Negierung brachte heute im Abgeordnetenhause einen Nachtragscredit von 10,000 fl. ein für die corporative Betheiligung der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens an der akademischen Jubiläums-Ausstellung in Berlin mit der Motivirung, es müsse großes Gewicht darauf gelegt werden, daß die vater­ländische Kunst, besonders zum ersten Male, in Berlin corporativ und würdig ver­treten werde.

Haag, 5. Mai. In der Abendsitzung der ersten Kammer erklärte Minister Heemskerk, das Cabinct habe die Demission zurückgezogen, nachdem die Bildung eines iteui'n Cabluets von einem Mitgliede der Rechten abgelehnt fei. Das Ministerium werde versuchen, die Verfassungs-Revision zu beendigen.

Paris, 5. Mai. fHavas-Mcldung.j Auf Initiative Englands sollen die Ver­treter der Mächte übereingekommen fein, von Delyannis bestimmtere Zusicherungen über die Fristen für die Abrüstung zu fordern.

London, 5. Mai. Das Unterhaus nahm ohne Abstimmung in zweiter Lesung die Bill an, wodurch die irischen Municipalwahlen ähnlich den englischen eingcrichlet werden. Im Laufe der Debatte sprach Morley sich billigend über die Bill aus und wies den von Lewis gemachten Vorwurf zurück, daß er in Vorurtheilen gegen die irischen Lovalisten befangen sei.

Brindisi, 5. Mai. Von gestern bis heute Mittag kam hier 1 Cholera- Todesfall vor. In Ostuni 3 Erkrankungen und 1 Todesfall, in Latiano drei Erkrankungen.

Kairo, 5, Mai. sReuter-Meldung.j Der Khedive empfing aus Korosko ein Telegramm, wonach der Stellvertreter des Mahdi die Berber und sämmtliche von Khartum kommenden Mannschaften eiligst nach Dongola dirigire und selbst mit den letzten Truppen dorthin abgehen werde.

Athen, 5. Mai. sTelegramm des Reuter'schen Bureaus.j Die Mitglieder des diplomatischen Corps sind eingeladen, morgen in der Kathedrale dem anläßlich des Georgsfestes stattfindenden Tedeum beizuwohnen.

Chicago, 5. Mai. Die Strikenden griffen gestern Nachmittag die Polizei mit Steinwürfen und Gewehrschüssen an. Ein Polizeibeamter wurde gctödtet und ein anderer tödtlich verwundet. Mehrere Ruhestörer wurden niedergeschossen, mehrere andere verhaftet. Das Arsenal wird von der Miliz bewacht, um einem Angriff der Ruhestörer zu begegnen. Nach Milwaukee find Verstärkungen abgegangen.

Von dem gesttigen Kampf, werden nachstehende Einzelheiten gemeldet: Als die Polizei den versammelten Socialisten befahl, sich zu zerstreuen, rief ein Redner: Zu den Waffen!" und alsbald wurden drei Bomben mitten unter die Polizeibeamten geschleudert, wodurch 21 derselben verwundet wurden. Gleichzeitig schossen mehrere Individuen mit Revolvern auf die Polizisten. Diese antworteten mit einem etwa 2 Minuten anhaltenden Gewehrfeuer. Die Menge floh nach allen Richtungen. Von den Polizeibeamten sind 3 todt und 39 verwundet, darunter 4 tödtlich. Ein Anarchist ist gctödtet, einer tödtlich verwundet. Man kennt außerdem 25 Verwundete, viele andere wurden von ihren Genossen mit fortgeführt. Die Mehrzahl der Theilnehmer an der Versammlung waren professionelle Anarchisten.

Lokale-.

Gießen, 6. Mai. Kommenden Samstag Abend feiert unsere Gießener freu willige Feuerwehr ihr Stiftungsfest im kleinen Saale des Stcin'schen Etablissements» Bei dieser Gelegenheit wird dem I. Hauptmann des Corps, Herrn Louis Petri II., welcher 25 Jahre lang dem Dienst als Feuerwehrmann opferwillig und freudig ob­gelegen, das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren überreicht werden.

Verwischtes.

Großen-Bus eck, 5. Mai. Gestern entfernte sich von hier ein junger Mann unter dem Vorgeben, in Gießen eine ihm zuerkannte Strafe verbüßen zu wollen. Als seine Eltern vom Felde heimkehrten, fanden sie den Kleiderschrank erbrochen und daraus oic Summe von 270 JL entwendet. Der Verdacht der Thäterschaft lenkte sich sofort auf den Sohn, welchen der Vater nun gerichtlich verfolgen läßt, bn er in Gießen sich, nicht zur Strafverbüßung gemeldet hat und auch sonst nicht aufzufinden gewesen ist.

Beltershain, 4. Mai. Aus bis jetzt noch unaufgeklärter Ursache brach tn dem Wohnhause des Johannes Hartmann III. dahier heute Vormittag Feuer aus und legte dasselbe in kurzer Zeit in Asche.

Bad-Nauheim, 3. Mai. Gestern gegen Abend steckten mehrere Kinder eine Hecke aus der Nordostleite des Lichtebergs an; bei dem herrschenden Winde lief das Feuer rasch den Rain hinauf und erreichte den Wald. Ein ziemliches Stück desselben brannte schon und man fing an, in der Stadt zu stürmen, als es noch rechtzeitig gelang, dem Feuer Einhalt zu thun. Wären gestern bei dem schönen Wetter nicht zufällig viele Leute auf und um den Johannisberg gewesen, so hätte ein bedeutender Waldbrand entstehen können,