M. SG ZweiLss Blatt Sonntag den T März 1860
(f)i,d)ciicr Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Wochen - Uebersicht.
Gieße«, 6. März.
Unter dem Eindrücke der Polen-Verhandlungen des preußi- 'i6en Abgeordnetenhauses und zuletzt auch des Herrenhauses vollzog sich der Uebsrgang aus der vorigen in die jetzige Woche. Namentlich die Rede d-S neuen HerrenhauS'MitgliedeS, des Bischoss Dr. Kopp, hat wegen ihrer unge- mein sriedlichen Tendenzen, die einen offenbaren Gegensatz zu der fielen Kamps- bereitschaft des CentrumS bekunden, weithin Aussehen gemacht und in allen Kreisen, in denen man ausrichtig eine Verständigung zwischen der preußischen Regierung und der römischen Kurie wünscht, große Befriedigung hervorgerusen. Dagegen wird die Rede des Fuldaer Bischofs von den leitenden klerikalen Preß- organcn mehr oder weniger heftig angeseindet und leiilete namentlich die Bonner „Deutfche ReichS-Ztg." hierin Uebcrraschendes. Das Bialt schreibt u. A.: „Die Ueberzeugung des Herrn Bischofs scheint uns im diametralen Gegensätze zu der großen Majorität feiner Glaubensgenossen zu stehen", und «eiter: „Diebischöfliche Herrenhaus-Rede war fein erdacht, gewandt und sehr diplomatisch, aber ihr Eindruck war nicht für uns, sondern gegen uns. Sollte es aber wahr fein, daß Bifchoi Kopp, wie er selbst andeutet, als Unterhändler in der kirchen- politischen Gesetzvorlage ausersehen sei, so fürchten wir sehr, daß er durch feine Polenrede beim katholischen Volke ein großes Stück Vertrauen eingebüßt haben wird." Das spiegelt die eigentliche Stimmung in einem gewißen Theite der klerikalen Presse wider, trotzdem steht zu hoffen, daß Bischof Dr. Kopp, welcher als Vertrauensmann des Papste« gilt, mit seinem versöhnlichen Auftreten unge- achtet solcher Angriffe, den erwünscht, n Erfolg haben wird. Von den letzteren mar auch «uf dem am Dienstag beim Reichskanzler stattgefundenen parlamen- iarisch-n Diner die Rede und bemerkte hierbei Fürst Bismarck, man dürfe sich von den Anfeindungen der bezeichneten Art nicht beirren laßen, müße dieselben vielmehr mit Nichtachtung strafen. Vorläufig werden indeßen dar Jntereße an dem parlamentarischen Hervortreten der Fuldaer Bischof« wie auch an dem ferneren Verlaufe der Polenfrage im preußischen Landtage vor der General- discusfion über die finanziell wie politisch wichtigste Vorlage, welche dem Reichstage wohl feit Jahren ^gegangen ist, über den Branntwein-Monopol-Entwurf, wieder zutrücktreten müßen. Die am Donnerstag begonnene erste Lesung desselben dürfte jedenfalls auch noch die b.iden folgenden Sitzungen voll in Anspruch genommen haben und da bestimmt verlautete, daß auch Fürst Bismarck in den Gang der Verhandlungen eingreifen würde, so dürfte deren Verlauf wohl der großen Spannung entsprochen haben, mit welcher man allseitig den bezüglichen Debatten entgegenfaij und welche Spannung ja auch schon durch die vorliegende Materie an und für sich gerechtfertigt erschien.
Da« preußische Abgeordnetenhaus ließ in seinen Sitzungen trotz der Debatte über das Branntwein-Monopol im Reichstage keine Unterbrechung eintreten. Allerdings stieß am Mittwoch nach Erledigung ,ber Tagesordnung ier Vorschlag des Präsidenten, am Donnerstag in die zweite Berathung der Kreis- und Propinzial-Ordnung für Westfalen einzutreten, auf energischen Widerspruch von Seiten der Freisinnigen, indem von dieser Seite auf die Wichtigkeit der gleichzeitigen Berathungen im Reichstage aufmerksam gemacht wurde, dennoch blieb es schließlich bei dem Vorschläge des Präsidenten.
Das wichtigste Wochen-Ereigniß auf dem Gebiete der auswärtigen Politik wird unstreitig durch den am Mittwoch in Bukarest erfolgten Friedmifchluß zwischen Serbien und Bulgarien repräfentirt. Der Vertrag enthält bekanntlich nur einen einzigen Artikel, welcher die Wiederherstellung der Beziehungen, wie sie zwischen beiden Staaten bis vor Ausbruch des Krieges bestanden haben, ausfpricht. Von einer Kriegsentschädigung ober einer Gebiets- Arrondirung ist keine Rede, auch de» von Serbien geforderten Handels-Ver- trage« mit Bulgarien wird mit keiner Sylde Erwähnung gethan; hierüber sollen besondere Verhandlungen eingeleitet werden. Der Abschluß des Friedens wurde in Sofia durch ein feierliches Tedeum in der Kathedrale gefeiert; außerdem ist eine Proklamation des Fürsten Alexander erschienen, welche den Bul- garen und den Rumelioten für ihre bewiesene Vaterlandsliebe und bte von ihnen in schwerer Zeit gebrachten großen Opfer dankt. Weiter erinnert die Kundgebung an die Wohlthaten des Sultans, welcher das der Regierung des Fürsten anvertraute Gebiet vergrößerte und spricht schließlich die Hoffnung aus, das Volk werde stets seiner Vergangenheit würdig bleiben. Gleichzeitig fand in Sofia eine religiöse Feier statt, zur Erinnerung an den gerade vor 8 Jahren zu Stande gekommenen Abschluß des Vertrages von Stan Stefano. — Mit der Unterzeichnung des serbisch'bulgarischen Friedens-Vertrages ist wenigstens die eine der Fragen gelöst, welche zusammen das verwickelte Orient-Problem bilden. Die anderen Setten deffelben, das türkisch-bulgarische Abkommen und die griechisch-türkische Frage, werden nunmehr noch allein im Vordergrund stehen. Doch gilt es hinsichtlich des türkisch - bulgarischen Abkommens als höchst wahr- scheinlich, daß sich die Großmächte über eine vorläufige provisorische Annahme deffelben einigen werden. Nur der griechische Zwischenfall wird wahrscheinlich noch etwas länger von sich reden machen, da die Haltung Griechenlands noch keine Spur von Nachgiebigkeit gegenüber den Wünschen der Mächte, aufzuweisen hat. _ , .. . .
Aus Oesterreich ist als em Erergmß, an welchem dre gesammte Bevölkerung des Kaiserstaates den freudigsten Antheil nahm, die am Sonntag in der Wiener Hofburg mit großer Pracht gefeierte Vermählung des Erzherzogs Karl Stephan mit der Erzherzogin Maria Theresia hervorznheben.
— In den Sitzungen des österreichischen Abgeordnetenhauses ist am Freitag eine vierwöchentliche Pause eingetreten.
In Frankreich bilden einerseits die Kammerverhandlungen über die Prinzenausweisungsfrage, anderseits die Arbeiterbewegung in Decazeville die augenblicklich am meisten besprochenen Tagesthemata. Jene haben am Donnerstag ihren Anfang genommen und liegen ihnen der radicale Antrag Duch6 auf unbedingte und der von den gemäßigt republikanischen Kammerelementen eingebrachte Antrag Rivet aus bedingte Ausweisung der französischen Thronprätendenten zu Grunde. Es wird hierbei ohne Zweifel scharf hergegangen sein, doch gilt die Annahme des Rivet'schen Antrags, mit dem sich auch das Ministerium Ferry einverstanden erklärt hat, als unbedingt sicher. Was die Arbeiterbewegung in Decazeville anbelangt, io werden die Minenarbeiter in diesem Orte nur durch die Anwesenheit der Truppen von ernsten Ausschreitungen abgehalten, da die Gesellschaft, welche die dortigen Kohlenfchächte besitzt, erklärt hat, die Forderungen der Arbeiter nicht bewilligen zu können. Die Situation ist daher nach wie vor kritisch, um so mehr, als Emissäre des socialdemokratischen Pariser Revolutionsclubs unter der Arbeiterschaft wühlen. , r , c. .
Die politische Lage Spaniens bietet zur Zett em befriedigendes Bild. Sagasta dürste trotz seines amtlichen Schreibens an die Gouverneure, die Entschließungen der Wähler in keiner Weise beeinflussen zu wollen, eine durchschlagende Cortesmehrheit erhalten und dementsprechend würden also die Zorrillisten und sonstigen republikanischen Parteien bei den Corteswahlen eine entschiedene Niederlage erleiden.
Die Chinesenfrage, welche die Vereinigten Staaten Nordamerikas schon seit geraumer Zeit bewegt, hat den Präsidenten Cleveland zu einer Botschaft an den Congreß veranlaßt. Dieselbe bezieht sich aus die Entschädigungsansprüche, welche von der chinesischen Negierung wegen der, in Nordamerika gegen die Chinesen verübten Gewaltthätigkeiten bei der Washingtoner Negierung erhoben worden sind. Präsident Cleveland schlägt nun vor, die Verantwortlichkeit der amerikanischen Negierung für diese Gemaltthätigketten abzulehnen und damit auch die Zahlung der chinesischerseits geforderten Entschädigungssumme zu verweigern. Mit diesem Bescheide wird man sich in Peking schwerlich zufrieden geben.
— dem ganzen Ostseegebiet herrscht strenge Kälte. Die Rhede von Rigaist stundenwett mit starkem Eise bedeckt und aus Gothenburg wird J)cm „Hamb, ft. nom 27 D Maemeldet daß die Schifffahrt in den Echteren und Buchten längs der Westküste Schwedens geschlossen. Das Hafengebiet von Gothenburg wird mittelst Sis- brecher^offen geöltem atn L b. M. in fast ganz Großbritannien und
Irland witthete, liegen Zahlreiche Berichte vor In vielen Districten war der Schneefall ?o stark daß alle Arbeiten im Freien eingestellt werden mußten Auf den wallrsttcken Eisenbahnen wurden Züge cingeschneit, deren Passagiere lstoßeo Ungemach zu eUeiden hatten. Selbst auf den großen Hauptbahnen wurden durch das Unwetter ernste Der-
Das hässliche Glück.
Mit aufrichtiger Freude begrüßt jeder rechte Volksfreund solche Unternehmungen, kleine oder große, die darauf berechnet sind, Schäden und Uebelstände tm Familienleben ru beseitigen. Das Familienleben und das Haus ist ja das Fundament des weiteren Gemeinde- und Volkslebens; ein gesundes Familienleben tragt wesentlich zur Wohlfahrt des Gemeinde- und ganzen Volkslebens bei. Heute mochten wir die Aufmerksamkeit unserer Leser auf ein scheinbar geringes, in Wahrheit aber bedeutungs- volles Unternehmen des in München-Gladbach bestehenden Verbandes „Arbelterwohl 'enken. In dieser Stadt besteht ein Arbeiterinnen-Hospiz, in dem die Zoglmge Obdach und Pflege erhalten. Die Leiter der Anstalt haben fett Jahren den Uebelstand schwer empfunden, daß die jungen Arbeiterinnen, weil sie Tag für Tag in den Fabriken arbeiten inüssen, nichts von der Verwaltung eines Hauswesens lernen und somit sich nicht die Fähigkeit erwerben, in der Ehe als Frau und Mutter ihre häuslichen Pslichten zu erfüllen. Bald waren sie entschlossen, für die Einwohner des Hospizes und die Hunderte von Mitgliedern des dasigen Arbeiterinnen-Verems emen vollständigen Haushaltungs-Unterricht einzurichten. r . , _ < . ..
Seit einer Reihe von Jahren nun wird in einer besonders dazu eingerichteten Lehrküche an 6 Mädchen Unterricht in der Zubereitung von Speisen ertheilt, wahrend andere Fabrikarbeiterinnen tut Bügeiiimmer die Behandlung der Wasche lernem nachdem sic vorher einen Kursus im Stricken und Nahen dnrchaemacht Habern, Diese Einrichtung hat sich iresflich bewährt; doch stellte sich bald das Bedürfnis nach entern Leitsätzen heraus, in dem das jum häuslichen Gluck einer Arbeiterfamilie Notlüge klar und Jedermann verständlich zusammengefaßt wäre. Dies Buch sollte den Arbeiterinnen in den freien Stunden jur Belehrung und Unterhaltung dienen und wenn sie heirathen, sollten sie daran einen Halt und Rathgeber für die Ersullung ihrer häuslichen Pflichten haben. Ein solches Buch ist nunmehr unter dem Titel „Das häusliche Gluck erschienen und hat in kurzer Zeit bereits zwölf Auflagen erlebt. Die Vorsteherin des Hospizes ein Arzt und andere Sachverständige haben das Buch zusammengestellt und der Verband „Arbeiterwohl" hat es nach geschehener Prüfung von Seiten emer fach- verständigen Eommission herausgegeben. Das Buch ist trefflich gelungen und verdient die weiteste Verbreitung. Jeder Fabrikant, der jugendliche Arbeiterinnen beschäftigt, jede ^Herrschaft ^sollte ihrem^ in Re Ehe, tötenden Mädchen dies Buch ium Wen machen Auf 211 Seiten ist für den geringen Preis von einer Mark alles für ote Verwaltung einer Arbeiter-Häuslichkeit Nöthige zufammengestellt. Nach emeni treff teben Worte eines Seelsorgers über die Vorbedingungen des häuslichen Glückes handelt die erste Abtheilung von der Wohnung, die zweite von der Nahrung, die dritte von der Kleidung und Wäsche. Schließlich wird eine specielle Anleitung zum Kochen gegeben und werden 118 Recepte für eine Arbeiterküche mitgetheilt. . ß .
Wir schließen mit dem Wunsche: Wie die kleinen Ksrallenthierchen mr der Ent stehuna neuer Inseln bauen, so möge diese unscheinbare Schrift an ihrem Tberle Mitarbeiten an der Neubildung der Familie und Gesellschaft, am Wohle des Ar beiter standes, an der Wiedergeburt der Nation.____


